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Arbeitsbedingungen in der Pflege

Charité kündigt Tarifvertrag Entlastung

Die Charité kündigt ihren Tarifvertrag Entlastung. Grund sind neue politische Rahmenbedingungen und Finanzierungsregeln. Verdi warnt vor Folgen für Pflegekräfte, Vivantes erwartet Millionenverluste.

Steht das Erfolgsmodell für das Pflegepersonal an der Charité vor dem Aus? Mit der Kündigung des Tarifvertrags Entlastung gerät ein bundesweit beachteter Ansatz für bessere Arbeitsbedingungen ins Wanken. Während die Uniklinik von wirtschaftlichem Druck spricht, warnt die Gewerkschaft vor einem Rückschritt – und einem Konflikt mit weitreichenden Folgen.
 

Ein Tarifvertrag als Vorbild für ganz Deutschland – und nun vor dem Aus: Die Charité – Universitätsmedizin Berlin kündigt ihren Entlastungstarifvertrag. Was in Berlin einst als Durchbruch für bessere Arbeitsbedingungen gefeiert wurde, gerät durch neue Finanzierungsregeln unter Druck. Die Uniklinik spricht auf Anfrage von BibliomedPflege von wirtschaftlicher Notwendigkeit, die Gewerkschaft Verdi von einem Angriff auf das Pflegepersonal.

Aus Sicht des Klinikums sind die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen ausschlaggebend. Durch das Krankenhausanpassungsgesetz (KHAG) würden pflegeferne Tätigkeiten – wie hauswirtschaftliche, logistische oder administrative Aufgaben – künftig nicht mehr über das Pflegebudget refinanziert.

"Dadurch entfällt die finanzielle Grundlage des Tarifvertrags, da die Kosten nicht mehr wie vereinbart gedeckt werden können", erklärt Charité-Pressesprecher Markus Heggen. Eine Weiterführung hätte laut Klinikum bedeutet, Kosten auf andere Berufsgruppen zu verlagern.

Der Vertrag läuft jetzt noch bis 30. Juni 2026. Bis dahin sollen neue Verhandlungen stattfinden.

Verdi spricht von Angriff auf Arbeitsbedingungen

Für die Gewerkschaft Verdi ist die Kündigung mehr als ein tarifpolitischer Schritt – sie ist ein Einschnitt mit grundsätzlicher Bedeutung für die Pflege.

"Die Kündigung durch die Charité beinhaltet die Drohung, die Arbeitsbedingungen dieser für unser Gesundheitssystem enorm wichtigen Berufsgruppen relevant zu verschlechtern. Das ist nicht akzeptabel", argumentiert die stellvertretende Landesfachbereichsleitung Gesundheit und Soziales von Verdi Berlin-Brandenburg, Gisela Neunhöffer, gegenüber BibliomedPflege. Der Tarifvertrag sei für die Beschäftigten ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeitsbedingungen geworden und habe zentrale Verbesserungen festgeschrieben: verbindliche Personalschlüssel, Ausgleichssysteme bei Unterbesetzung und konkrete Regelungen für den Arbeitsalltag. Regelungen, die es laut Verdi bundesweit bislang nicht flächendeckend gibt, da die Pflegepersonalregelung PPR 2.0 noch nicht verpflichtend umgesetzt sei.

Aus gewerkschaftlicher Sicht steht damit ein ganzes System zur Disposition. "Wenn Tariferhöhungen nicht mehr vollständig finanziert werden und es keinen Anreiz für einen guten Personalschlüssel mehr gibt, werden die Beschäftigten ihre Lohnerhöhungen zukünftig mit höherer Belastung erkaufen."

Die Folge könnte ein Rückschritt sein, den viele in der Pflege bereits überwunden glaubten: "Sollte der Tarifvertrag wegfallen, droht bei Arbeitsbedingungen und Versorgung wieder ein Rückfall in alte schlechte Zeiten."

Konflikt um Personal und Versorgung

Im Kern geht es um eine zentrale Frage des Systems: Wie viel Personal steht auf den Stationen zur Verfügung – und wer bezahlt es?

Der Entlastungstarifvertrag hatte hier konkrete Antworten gegeben. Er regelte, wie viele Pflegekräfte pro Schicht eingeplant sein müssen, und schuf mit Belastungspunkten einen Ausgleich für Unterbesetzung. Gleichzeitig wurden zusätzliche Aufgaben, etwa durch Servicekräfte, gezielt von der Pflege ferngehalten.

Aus Sicht von Verdi haben genau diese Regelungen spürbare Verbesserungen gebracht. Sie hätten unter anderem zu einem Personalaufbau von über 1.000 Pflegekräften geführt und die Versorgungsqualität stabilisiert.

Doch die aktuelle Finanzierungspolitik stelle dieses Modell infrage. "Beschäftigte, die für gute Versorgungsqualität gebraucht werden, sollten immer und vorrangig finanziert werden", so Neunhöffer. Stattdessen werde die Finanzierung weiter verkompliziert und gleichzeitig bei Personal- und Tarifkosten angesetzt.

Klinik verweist auf wirtschaftlichen Druck

Die Charité betont, dass kurzfristig keine Auswirkungen auf den Stationsalltag zu erwarten seien. Ziel sei, weiterhin gute Arbeitsbedingungen zu sichern und Pflegepersonal zu entlasten.

Gleichzeitig macht das Uniklinikum deutlich, dass strukturelle Veränderungen unvermeidbar seien. Pflegeferne Tätigkeiten seien neu zu organisieren, da sie nicht mehr refinanziert würden.

Das betrifft auch Servicekräfte, die bislang zur Entlastung der Pflege eingesetzt wurden. Für sie seien nun Unterstützungs- und Qualifizierungsangebote geplant.

Wie künftige Entlastungsmodelle konkret aussehen, sei offen – und werde Gegenstand der anstehenden Tarifverhandlungen, so Charité-Pressesprecher Heggen.

Was leisten Entlastungstarifverträge in der Pflege?

Entlastungstarifverträge sind spezielle tarifliche Vereinbarungen zwischen Kliniken und Gewerkschaften, die gezielt die Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal verbessern sollen. Sie gelten als eine der wichtigsten arbeitsmarktpolitischen Innovationen der vergangenen Jahre in der Pflege.
 

Entstanden aus Arbeitskämpfen

Die ersten Tarifverträge für Entlastung wurden nach teils langwierigen und intensiven Arbeitskämpfen erstritten – allen voran 2021 an der Charité und bei Vivantes in Berlin. Wochenlange Streiks und politische Debatten waren nötig, um erstmals verbindliche Regelungen zur Personalbesetzung durchzusetzen. Das Modell wurde anschließend zum Vorbild für weitere Kliniken in Deutschland.

 

Ähnliche Vereinbarungen existieren heute unter anderem an Universitätskliniken in Nordrhein‑Westfalen (zum Beispiel Düsseldorf, Essen, Köln) oder Kliniken in Bayern und Hamburg.

 

Kerninstrumente für bessere Arbeitsbedingungen

Tarifverträge für Entlastung greifen dort ein, wo gesetzliche Regelungen bislang fehlen oder unzureichend sind. Typische Elemente sind:

  • verbindliche Mindestbesetzungen auf Stationen und in Funktionsbereichen
  • Belastungsausgleichssysteme (zum Beispiel Punkte wie die "CHEPs" an der Charité, die in Freizeit oder Geld umgewandelt werden können)
  • Kompensation für das Einspringen außerhalb des Dienstplans
  • Verbesserungen in der Ausbildung, etwa mehr Zeit für Praxisanleitung
  • Regelungen zur Dienstplangestaltung und Planbarkeit

Ziel ist, Überlastung messbar zu machen und verbindlich zu begrenzen.

 

Warum die Zukunft offen ist

Mit den aktuellen Reformen der Krankenhausfinanzierung geraten diese Tarifmodelle unter Druck. Ein zentrales Problem: Maßnahmen zur Entlastung – etwa Servicepersonal oder zusätzliche Ressourcen – sind häufig nicht vollständig refinanziert.

 

Die Folge: Kliniken sehen sich gezwungen, bestehende Modelle anzupassen oder neu zu verhandeln. Genau das zeigt sich aktuell am Beispiel der Charité.

Vivantes sieht Millionenrisiken wachsen

Der Konflikt reicht über die Charité hinaus. Auch der landeseigene Klinikverbund Vivantes rechnet mit erheblichen finanziellen Einbußen durch die geplanten Reformen.

Nach Angaben des Unternehmens könnten Einnahmeverluste von rund 70 Millionen Euro pro Jahr entstehen. Bereits jetzt schreibt Vivantes rote Zahlen. Das Defizit von rund 121 Millionen Euro könnte sich in den kommenden Jahren weiter verschlechtern.

Der laufende Sanierungsprozess sei dadurch gefährdet, teilte der Leiter der Kommunikation | Politik & Medien, Christoph Lang, auf Anfrage von BibliomedPflege mit. Wie Vivantes reagiert, hänge vom endgültigen Gesetz zur Beitragsstabilisierung in der GKV ab, das noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden soll. "Wenn das Gesetz in Kraft ist, werden wir mit unseren Gremien und unserem Gesellschafter beraten und entscheiden müssen, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind", so Lang.

Richtungsfrage für die Pflege

Für Verdi geht es bei der Auseinandersetzung um mehr als einen Tarifvertrag. Es gehe um die Richtung der Gesundheitspolitik insgesamt. Solange Instrumente wie die PPR 2.0 nicht verbindlich umgesetzt seien, müssten tarifliche Regelungen die Personalbemessung absichern. Die Entlastungstarifverträge seien gerade deshalb entstanden, weil der Gesetzgeber bislang nicht verbindlich festlege, wie viel Personal für eine bedarfsgerechte Versorgung erforderlich sei.

Die aktuelle Entwicklung sende aus Sicht der Gewerkschaft ein klares Signal: Verbesserungen der vergangenen Jahre könnten unter Kostendruck wieder infrage gestellt werden. Die Gewerkschaft sieht darin ein Symptom grundlegender Fehlentwicklungen in der Krankenhausfinanzierung. Die aktuellen Reformen seien nicht darauf ausgelegt, eine bedarfsgerechte Patientenversorgung zu sichern, sondern setzten ausgerechnet bei der Finanzierung von Personal und Tariflöhnen an.

Zugleich warnt Verdi, dass solche Eingriffe bundesweit Signalwirkung entfalten könnten. Die Kündigung habe bereits Befürchtungen geweckt, dass andere Kliniken ähnlich vorgehen könnten.

Entsprechend angespannt dürfte die nächste Phase werden. Verhandlungen sind bereits angesetzt, ein zäher und langwieriger Konflikt nicht ausgeschlossen.

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