Wenn Pflegepersonal fehlt, greifen Kliniken oft zu Leiharbeit – teuer, kurzfristig, umstritten und im Zuge des GKV‑Beitragssatzstabilisierungsgesetzes zunehmend eingeschränkt, da höhere Vergütungen und Vermittlungsgebühren künftig nicht mehr über das Pflegebudget refinanziert werden sollen. Der Klinikkonzern Asklepios setzt stattdessen auf ein eigenes Modell: Pflegekräfte wechseln zeitweise den Einsatzort, bleiben aber im selben Konzern.
Personalengpässe saisonal ausgleichen
Das sogenannte Travel‑Nurse‑Projekt wird derzeit an der Asklepios-Nordseeklinik Sylt erprobt. Im Kern geht es um die Frage, ob sich Personalengpässe nicht nur durch Neueinstellungen, sondern auch durch gezielte Verschiebung innerhalb eines Klinikverbunds lösen lassen.
Am Beispiel Sylt zeigt sich der Hintergrund besonders deutlich: In der Hauptsaison steigt die Zahl der Patientinnen und Patienten nach Unternehmensangaben stark an, während gleichzeitig ein Teil des Stammpersonals Urlaub nimmt. Asklepios beschreibt die Lage so: "Mit Beginn der Saison vervielfacht sich die Zahl der Menschen auf der Insel – und damit auch die Zahl der Menschen, die die Nordseeklinik aufsuchen."
Personalverschiebung statt Personalgewinnung
Die zentrale Idee des Projekts ist nicht die Rekrutierung zusätzlicher Pflegekräfte, sondern deren gezielte Umverteilung innerhalb des Unternehmens. Pflegefachpersonen aus Hamburger Einrichtungen wechseln für einen befristeten Zeitraum nach Sylt.
Damit reagiert der Konzern auf ein strukturelles Problem im Pflegesystem: Personalengpässe entstehen nicht nur durch generellen Fachkräftemangel, sondern auch durch regionale und saisonale Unterschiede im Versorgungsbedarf. Das Travel‑Nurse‑Modell versucht, diese Unterschiede intern aufzufangen.
Ein entscheidender Punkt ist dabei die Kompensation an den Herkunftsstandorten. Asklepios setzt hierfür ein eigenes Ausfallmanagement ein: das SAT 2.0-Programm "Selbstbestimmtes Arbeiten im Team". Das Programm soll personelle Lücken ausgleichen. Dieses System arbeite modular und werde digital gesteuert, um sowohl kurzfristige als auch langfristige Ausfälle abzudecken, erläutert Asklepios-Pressesprecher Mathias Eberenz auf Anfrage. Das Baukastenprinzip des Programms ermögliche dabei eine bedarfsgerechte Steuerung, indem passgenau bestimmt werden könne, welches Personal mit welcher Qualifikation zu welchem Zeitpunkt kompesiert werden müsse.
Die Idee dahinter: Personal wird nicht nur verschoben, sondern parallel im System ersetzt. Damit soll verhindert werden, dass die Belastung lediglich von einem Standort zum nächsten verlagert wird.
Einarbeitung als kritischer Faktor
Ein häufiger Kritikpunkt an temporären Personaleinsätzen ist der zusätzliche Aufwand für die Einarbeitung. Asklepios will diesem Problem mit zwei Ansätzen begegnen:
Erstens stammen die eingesetzten Pflegekräfte aus dem eigenen Konzern und sind daher mit grundlegenden Abläufen, Qualitätsstandards und organisatorischen Strukturen vertraut. Zweitens setzt das Unternehmen auf ein strukturiertes Einarbeitungskonzept mit festen Ansprechpartnern vor Ort.
Die Teilnehmenden bringen zudem mindestens ein Jahr Berufserfahrung mit. "Die Kolleginnen und Kollegen (…) kennen also die klinischen Betriebsabläufe" und selbstständiges Arbeiten im Team sei somit gegeben, so Eberenz.
Gleichzeitig sei die Integration zusätzlicher Kräfte für die Nordseeklinik Sylt keine neue Situation. Aufgrund der regelmäßig hohen Auslastung in der Hauptsaison gehöre die Aufnahme von temporärem Personal dort bereits zum Alltag.
Dienstplanung zwischen Flexibilität und Bedarf
Ein weiterer Ansatzpunkt des Projekts ist die Dienstplanung. Diese erfolgt laut Asklepios "in enger Absprache mit den Pflegekräften". Persönliche Lebensumstände und Präferenzen sollen dabei berücksichtigt werden.
Allerdings bleibt die Planung an den betrieblichen Bedarf gekoppelt: Die Einsätze werden gezielt dort angesetzt, wo Personalengpässe bestehen. Zudem orientiert sich die Zuordnung an der Qualifikation der Pflegekräfte, um zusätzliche Belastungen für bestehende Teams möglichst gering zu halten.
Damit bewegt sich das Modell im Spannungsfeld zwischen individueller Flexibilität und organisationellen Anforderungen – ein zentrales Thema vieler neuer Arbeitskonzepte in der Pflege.
Pilotprojekt mit offenem Ausgang
Das Travel‑Nurse‑Projekt ist zunächst bis Dezember 2026 als Pilot angelegt. In dieser Phase sollen Erfahrungen gesammelt und die Teilnehmenden befragt werden.
Ob das Modell langfristig tragfähig ist, hänge von mehreren Faktoren ab: der tatsächlichen Entlastung der Teams, der Akzeptanz bei den Beschäftigten und nicht zuletzt den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zu den Gesamtkosten – die Kosten für Anreise und Unterkunft für am Projekt teilnehmendes Pflegepersonal zahlt Asklepios, ebenso wie eine Gehaltszulage – macht das Unternehmen keine Angaben.
Perspektivisch sei eine Ausweitung auf weitere Standorte denkbar. Ziel sei, befristete Einsätze innerhalb des gesamten Klinikverbunds zu ermöglichen und damit flexibler auf unterschiedliche regionale Bedarfe reagieren zu können.
Mehr als ein Einzelprojekt
Das Travel‑Nurse‑Programm ist Teil einer größeren Strategie, mit der Asklepios Arbeitsbedingungen in der Pflege verändern will. Dazu gehören unter anderem neue Modelle der Personalplanung, Weiterbildungsangebote und Ansätze für lebensphasenorientiertes Arbeiten.
Im Kern geht es um eine strukturelle Frage: Wie kann Pflegearbeit so organisiert werden, dass sie sowohl den Anforderungen der Versorgung als auch den Bedürfnissen der Beschäftigten gerecht wird?
Das Sylt‑Projekt liefert darauf einen möglichen Ansatz – allerdings noch ohne belastbare Aussagen zur langfristigen Wirkung.