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Pflegegewerkschaft BochumerBund

"Senkung der wöchentlichen Arbeitszeit unabdingbar"

Ingo Schaffenberg vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und Nina Praceus vom Universitätsklinikum Aachen, beide in der stationären Akutpflege tätig, bilden die neue Vorstandsspitze des BochumerBunds.

Seit Anfang November bilden Nina Praceus vom Universitätsklinikum Aachen und Ingo Schaffenberg vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein die neue Vorstandsspitze des BochumerBunds. Wir haben mit beiden über ihre neue Position und ihre Pläne gesprochen.

Frau Praceus, Herr Schaffenberg, seit Anfang November bilden Sie die neue Führungsspitze des BochumerBunds. Der Wechsel kam überraschend. Können Sie etwas zu den Hintergründen sagen?

Zunächst dürfen wir festhalten, dass der BochumerBund lebt und viele Mitglieder sich aktiv einbringen wollen. Das konnten wir auch zur Vollversammlung feststellen. Unsere Mitglieder hatten nach dem Beschluss der neuen Satzungen, welche eine paritätische Besetzung unseres Vorstands vorsieht, die Wahl zwischen verschiedenen Kandidatinnen und Kandidaten. Darüber bestand die Möglichkeit, das Handeln der Vorstände in Augenschein zu nehmen und individuell zu bewerten. Das Ganze mündete in einem basisdemokratischen Prozess, an dessen Ende wir als neue Bundesvorsitzende stehen. Wir bedanken uns noch einmal bei allen Mitgliedern, die uns ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Alle anderen wollen wir mit unserer täglichen Arbeit von uns überzeugen.

Was sind die wichtigsten Punkte auf Ihrer Agenda für die Amtszeit?

Nach der notwendigen Konsolidierungsphase wird der Fokus weiterhin auf die Mitgliedergewinnung gesetzt. Gegenwärtig arbeiten wir an Konzepten, wie wir dieses Thema noch effektiver gestalten können. Des Weiteren sind uns die schon vorhandenen Mitglieder besonders wichtig. Die Mitgliedschaft im BochumerBund soll für jedes Mitglied spürbarer werden. Auch hier sind wir in der Erarbeitung neuer Konzepte.

Mitte 2020 hat sich der BochumerBund als Gewerkschaft für Pflegeberufe gegründet. Im September dieses Jahres hatte das Bundesarbeitsgericht entschieden: Die Gewerkschaft Verdi ist in allen Bereichen der Pflege tariffähig. Nimmt Ihnen das jetzt den Wind aus den Segeln?

Keinesfalls, wir lassen uns dadurch nicht von unserem Kurs abbringen. Wir nehmen solche Meldungen zur Kenntnis, aber lassen uns dadurch nicht irritieren. Wir sind fest davon überzeugt, dass es eine eigene Gewerkschaft für die professionelle Pflege braucht. Die stetig steigenden Mitgliederzahlen geben uns Recht und wenn wir unsere Hausaufgaben machen, geht in künftigen Tarifverhandlungen kein Weg an uns vorbei.

Sie positionieren sich als Spartengewerkschaft. Was ist der Vorteil gegenüber einer breit aufgestellten Gewerkschaft wie Verdi?

Die schiere Größe und die unterschiedlichsten Facetten unserer Berufsgruppe sind aus unserer Sicht nur unzureichend über eine Branchengewerkschaft abzubilden. Spartengewerkschaften können sehr viel genauer ihre Forderungen entwickeln und geben allen Fachbereichen die Möglichkeit, sich einzubringen.

Auf dem Deutschen Pflegetag im Oktober hat der damalige Vorsitzende Benjamin Jäger gesagt, dass der BochumerBund 20.000 bis 25.000 Mitglieder bräuchte, um bundesweit tariffähig zu sein. Aktuell haben Sie 2.500 Mitglieder. Sehen Sie das auch so? Wie und vor allem bis wann wollen Sie Ihr Ziel der Tariffähigkeit erreichen? Und wie lang ist dann noch der Weg, um als wirklich starker Tarifpartner agieren zu können?

Der Organisationsgrad der professionellen Pflege ist in der Tat noch nicht dort, wo er sein sollte. Wir werben jeden Tag dafür, dass sich dieser Grad erhöht. Im Gegensatz zu anderen, beispielsweise dem Marburger Bund, blicken wir nicht auf eine jahrelange Verbandshistorie zurück oder sind eine Nachfolgeorganisation mit bereits bestehendem Mitgliederstamm. Wir sehen dies aber als Chance. Wir wollen so schnell wie möglich ins Tarifgeschehen eingreifen, in der Zwischenzeit artikulieren wir unsere Forderungen lautstark und setzen damit Impulse.

Die Profession Pflege ächzt unter den aktuellen Arbeitsbedingungen mehr denn je. Was können Sie konkret schon jetzt für das Pflegepersonal tun?

Wie Sie wissen, ist der Arbeitskampf ein wichtiger, aber nicht der einzige Teil der Gewerkschaftsarbeit. Wir bieten alle gewohnten Leistungen einer Gewerkschaft an, darunter zählen eine Arbeitsrechtsschutzversicherung, Beratungsleistungen und Vorteilsprogramme. Davon abgesehen wollen wir unsere Kolleginnen und Kollegen über aktuelle berufspolitische Themen informieren, Halbwahrheiten und falsche Behauptungen aus der Welt schaffen. Wir glauben fest daran, dass informierte Kolleginnen und Kollegen nicht nur weniger Frustration in ihrem Arbeitsalltag erleben, sondern auch Möglichkeiten der Partizipation erkennen und wahrnehmen.

Sie machen sich für ein Einstiegsgehalt in der Pflege von mindestens 4.000 Euro und gleiche Gehälter in der ambulanten Pflege, Langzeitpflege und stationären Krankenhauspflege stark. Wie begründen Sie das und ist das überhaupt finanzierbar?

2018 wurde an der Universität Duisburg-Essen eine Arbeit zum Comparable-Worth-Index veröffentlicht, der es ermöglicht, Leistungen einzelner Berufe und die dazugehörige Entlohnung zu vergleichen. Im Rahmen dieser Studie zeigte sich, dass der Pflegeberuf mit den Ingenieursberufen vergleichbar ist. Wie Sie wissen, werden unsere Forderungen in unserer Tarifkommission entwickelt. Ohne den dortigen Kolleginnen und Kollegen etwas vorwegzunehmen, können wir uns aber vorstellen, dass unter dem Eindruck der Inflation und dem Alter der Studie, der genannte Betrag angehoben wird. Persönlich erachten wir 4.400 Euro Einstiegsgehalt als legitim. Neben der monetären Wertschätzung halten wir aber auch eine Senkung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche für unabdingbar. Eine Antwort auf die Frage der Finanzierbarkeit solcher Forderungen müssen wir nicht leisten, da wir zunächst einmal unseren Mitgliedern verpflichtet sind. Generell benötigt es aus unserer Sicht aber einen gesamtgesellschaftlichen Dialog, der die Finanzierung der Pflege zum Inhalt hat. Hier würde dann unsere Aufgabe darin bestehen, die Notwendigkeit einer auskömmlichen Finanzierung unserer Berufsgruppe darzustellen und neben der Gesellschaft auch die politischen Entscheidungsträger davon zu überzeugen.

Noch unter Ihren Vorgängern wurde die Aktion "Rote Karte für die Politik" ins Leben gerufen. Was will der BochumerBund damit erreichen? Politikerinnen und Politiker haben bekanntlich ein dickes Fell und dürften sich wenig beeindruckt zeigen von einer roten Karte …

Grundsätzlich sind Aktionen, die das Thema Pflege in die Öffentlichkeit tragen, immer zu begrüßen. Wie Sie aber schon richtig erkannt haben, wurde die Aktion von unseren Vorgängern initiiert. Wir hatten auf die Konzeption keinen Einfluss, sodass wir nicht näher auf diese konkrete Aktion eingehen möchten.

Trotzdem die Frage: Wie ist Stand der Dinge bei der Aktion und wie soll es damit jetzt weitergehen?

Im Zuge der Konsolidierung prüfen und bewerten wir alle Prozesse, die durch den vorherigen Vorstand angestoßen wurden. Wie schon erwähnt, begrüßen wir Aktionen, die das Thema Pflege öffentlich machen. Wir wissen aber auch, dass das Thema nicht nur auf Bundes-, sondern auch auf Landes- und kommunaler Ebene entschieden wird, sodass wir Aktionen auch entsprechend ausrichten sollten. Des Weiteren sollten Aktionen auch vorwärtsgewandt und positiv konnotiert sein. Am Ende wollen wir ja auch für unseren Beruf werben, um die Missstände zu beseitigen. Das schaffen wir nicht, wenn wir immer nur die negativen Seiten in den Fokus nehmen, sondern bei aller berechtigter Kritik auch die positiven Seiten dieses wunderbaren Berufs benennen und zu einer Mitarbeit aufrufen.

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