• Pflegeimpuls
Gesund trotz Schichtarbeit

Vier Strategien für Pflegekräfte im Schichtdienst

Gesund trotz Schichtarbeit: 4 Tipps für Pflegekräfte

Schichtarbeit belastet Schlaf, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System. Doch Pflegekräfte sind den Folgen von Nacht- und Wechselschichten nicht hilflos ausgeliefert. Vier wissenschaftlich fundierte Strategien helfen, auch langfristig gesund im Schichtdienst zu bleiben.

 

Schichtarbeit gehört für viele Pflegekräfte zum Berufsalltag. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien: Nacht- und Wechselschichten können die Gesundheit beeinträchtigen. Schlafstörungen, chronische Erschöpfung sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten bei Schichtarbeitenden häufiger auf als bei Menschen mit regulären Arbeitszeiten.

Der Grund: Nachtarbeit bringt die innere Uhr aus dem Takt. Der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus gerät durcheinander, Erholung wird schwieriger. Langfristig kann das körperliche und psychische Folgen haben, erklärt Volker Harth, Arbeitsmediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und Koordinator der Leitlinie "Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit" der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.

Wie relevant das Thema ist, zeigt eine Analyse mit mehr als 238.000 Beschäftigten aus Großbritannien: Schichtarbeitende hatten ein um elf Prozent höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein um 25 Prozent erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu Personen mit reiner Tagesarbeit (Ho et al., 2022).

Die gute Nachricht: Wie stark Schichtarbeit die Gesundheit belastet, hängt nicht nur von den Arbeitszeiten selbst ab. Auch das persönliche Verhalten und die Gestaltung der Erholungsphasen spielen eine wichtige Rolle, wie ein Report der Hans-Böckler-Stiftung zeigt (Arlinghaus/Lott 2018). Diese vier Hebel können Pflegekräfte gezielt nutzen.

1. Ermüdung im Schichtdienst aktiv managen

Kurze Pausen während der Schicht helfen, Konzentration und Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Moderne Konzepte gehen jedoch weiter. Unter dem Begriff Fatigue Risk Management (FRM) werden Strategien zusammengefasst, die Ermüdungsrisiken systematisch reduzieren sollen. In sicherheitsrelevanten Branchen wie der Luftfahrt ist der Ansatz längst Standard, im Gesundheitssystem jedoch bislang kaum angekommen, zeigt eine aktuelle Übersichtsarbeit (Fox et al., 2025).

Doch Pflegekräfte können selbst aktiv werden:

Während des Dienstes

  • Mikropausen bewusst nutzen.
  • Wenn möglich, einen Kurzschlaf einplanen.
  • Powernaps möglichst auf maximal 20 bis 30 Minuten begrenzen, um Schlaftrunkenheit nach dem Aufwachen zu vermeiden.

Nach der Nachtschicht

Viele Mitarbeitende fahren unmittelbar nach Dienstende nach Hause. Eine halbe Stunde Reset zwischen Dienstende und Heimfahrt steigert jedoch nachweislich den Erholungseffekt. Eine Studie an 62 Pflegenden im 16-Stunden-Nachtdienst zeigte: Wer diese Pause einlegte, war direkt danach spürbar weniger erschöpft als derjenige, der sofort nach Hause fuhr (Konya et al. 2025).

  • Nach Schichtende etwa 30 Minuten bewusst herunterfahren.
  • Ein kurzer Spaziergang oder etwas Entspannung können helfen.

Zwischen mehreren Diensten

Wer bereits mit Schlafdefizit aus mehreren Frühdiensten in eine Nachtschicht startet, benötigt anschließend deutlich länger zur Regeneration (Fischer et al. 2021). Deshalb: 

  • Nachtschichten möglichst nach freien Tagen einplanen.
  • Mehrere belastende Dienste hintereinander nach Möglichkeit vermeiden.
  • Bei Wunschdienstplänen auf ausreichende Erholungszeiten achten.

2. Stoffwechsel schützen: Auf das richtige Timing achten

Bei der Ernährung im Schichtdienst kommt es nicht nur darauf an, was gegessen wird, sondern auch wann.

Schwere und fettreiche Mahlzeiten belasten den Körper während der Nacht zusätzlich – sie belasten die Verdauung unnötig und machen müde. Forschungen zur sogenannten Chrononutrition, also dem Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme, Biorhythmus und Stoffwechsel, zeigte sich: Wer in der Nacht komplett auf Essen verzichtet, hat bessere Glukosewerte als jemand, der einen Snack isst. Bei Pflegekräften ging nächtliches Essen einer Studie zufolge zudem mit höheren Insulin- und Leptinwerten einher (Studien: Chellappa et al. 2021; Diabetologia-RCT 2024, Molzof et al., 2022).

Für Pflegekräfte bedeutet das:

  • Die Hauptmahlzeit möglichst vor oder nach der Nachtschicht essen.
  • Während der Nacht eher leichte Speisen wählen.
  • Kleine Portionen statt großer Mahlzeiten bevorzugen.
  • Auf ausreichend Flüssigkeit achten.

Geeignet sind beispielsweise Joghurt, Gemüsesticks, Vollkornprodukte oder leichte proteinreiche Snacks.

3. Bewegung bleibt trotz Schichtarbeit unverzichtbar

Es ist eine leicht bittere Ironie: Wer regelmäßig im Schichtdienst arbeitet, hat ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, welches sich wiederum vor allem mit regelmäßiger Bewegung reduzieren ließe. Doch ausgerechnet Nacht- und Wechselschichten machen es Pflegenden offenbar schwerer, auch in der Freizeit körperlich aktiv zu bleiben, wie unter anderem eine Studie aus Polen zeigt. Pflegekräfte legen während einer Schicht oft viele Kilometer zurück. Die körperliche Belastung auf Station, also das häufige Laufen und Stehen, das Schieben von Betten oder die Patientenmobilisation, ersetzt trotzdem kein gezieltes Training.

Die Bewegungsforschung spricht hier vom Physical Activity Paradox: Berufliche körperliche Aktivität bietet nicht dieselben gesundheitlichen Vorteile wie regelmäßiger Ausdauer- oder Kraftsport.

Deshalb gilt auch im Schichtdienst:

  • Sporttermine fest einplanen.
  • Bewegung als festen Bestandteil der Woche behandeln.
  • Realistische Ziele setzen statt Perfektion anzustreben.

Wenn längere Trainingseinheiten schwer unterzubringen sind, können sogenannte Exercise Snacks helfen:

  • Treppensteigen
  • Kurze Kraftübungen
  • Kniebeugen oder Ausfallschritte
  • Aktivierungsübungen für Waden und Beine

Schon wenige Minuten mehrmals täglich können Ausdauer und Muskelkraft verbessern, wie eine Metaanalyse (British Journal of Sports Medicine, 2025) zeigt. 

4. Soziale Kontakte bewusst pflegen

Schichtarbeit betrifft nicht nur den Körper. Auch Freundschaften, Familie und Freizeitaktivitäten leiden häufig unter wechselnden Arbeitszeiten.

Geburtstage, Vereinsaktivitäten oder Treffen mit Freunden lassen sich oft schwer mit Früh-, Spät- oder Nachtschichten vereinbaren. Langfristig kann dies das Gefühl sozialer Isolation verstärken.

Umso wichtiger ist es, soziale Kontakte aktiv zu planen:

  • Gemeinsame Termine frühzeitig festlegen.
  • Verabredungen wie wichtige Termine behandeln.
  • Freie Tage bewusst für Familie und Freundeskreis nutzen.

Davon profitiert nicht nur das Wohlbefinden. Soziale Unterstützung gilt als wichtiger Schutzfaktor für die psychische und körperliche Gesundheit.

Fazit: Gesund bleiben im Schichtdienst ist möglich

Schichtarbeit bleibt eine gesundheitliche Belastung. Pflegekräfte können jedoch viel dafür tun, die Folgen abzumildern. Wer auf ausreichende Erholung, eine schichtgerechte Ernährung, regelmäßige Bewegung und stabile soziale Kontakte achtet, verbessert seine Chancen, auch nach vielen Jahren im Schichtdienst gesund und leistungsfähig zu bleiben.

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