Mehr als jede zweite Pflegefachperson auf Intensivstationen erwägt, den Bereich in den kommenden drei Jahren zu verlassen oder ist unentschlossen. Das zeigt eine bundesweite Umfrage der Jungen DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) unter rund 1.200 Beschäftigten. Das hat die DIVI am Donnerstag mitgeteilt. Die Studie ist im "Journal of Critical Care" veröffentlicht worden.
Nur 45,4 Prozent der Befragten gaben an, sicher in der Intensivmedizin bleiben zu wollen. 23,2 Prozent planen den Ausstieg, weitere 31,2 Prozent sind unentschlossen. Damit gilt mehr als die Hälfte des Personals als potenziell abwanderungsgefährdet.
"Wir sehen dies als klares Warnsignal: Ohne gezielte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen riskieren wir, einen erheblichen Teil unseres intensivmedizinischen Personals zu verlieren", sagte der federführende Studienautor Matthias Deininger.
Hohe Unzufriedenheit und strukturelle Belastungen
Die Ergebnisse verweisen auf bekannte Probleme im Arbeitsalltag: In Freitextangaben nannten die Teilnehmenden vor allem schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Belastung, Personalmangel und begrenzte Entwicklungsperspektiven als Gründe für Wechselgedanken.
Auch die Arbeitsorganisation spielt eine Rolle. Rotierende Tag-Nacht-Dienste sind mit einer höheren Wechselabsicht verbunden, während Beschäftigte ohne solche Schichtsysteme häufiger bleiben wollen.
Zugleich zeigt die Studie: Mehr als die Hälfte der Befragten würde ihre Arbeitszeit reduzieren, wenn dies keine negativen Auswirkungen auf die Karriere hätte.
Arbeitszufriedenheit und Familie entscheidend
Als zentrale Einflussfaktoren für den Verbleib identifizierten die Forschenden die Arbeitszufriedenheit und die wahrgenommene Familienfreundlichkeit. Beide Faktoren stehen statistisch signifikant mit der Bleibeabsicht in Zusammenhang.
"Geld spielt nicht unbedingt eine Rolle – aber die Stimmung im Team, das Zwischenmenschliche", sagte der Sprecher der Jungen DIVI und Mitautor der Umfrage, David Josuttis.
Auch konkrete Unterstützungsangebote zeigten Wirkung: Flexible Arbeitszeiten und Unterstützung bei der Kinderbetreuung gehen mit einer höheren Bleibewahrscheinlichkeit einher.
Große Gruppe Unentschlossener als Stellschraube
Besonders relevant für Einrichtungen dürfte die Gruppe der Unentschlossenen sein: Rund ein Drittel der Befragten hat sich noch nicht festgelegt.
"31,2 Prozent der Mitarbeitenden könnten gehen, sind aber prinzipiell offen zu bleiben", so Josuttis.
Laut Studie könnten bereits einfache Maßnahmen Einfluss haben – etwa regelmäßige Mitarbeitergespräche, planbare Arbeitszeiten oder verlässliche Karriereperspektiven. Diese Faktoren wirkten oft indirekt, indem sie die Arbeitszufriedenheit erhöhten.