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Teilzeit-Debatte

Warum Vollzeit keine Lösung ist

Flexible Arbeitszeitmodelle sind entscheidend für gesunde Pflegekräfte und stabile Teams. Warum Teilzeit kein Luxus, sondern Voraussetzung für nachhaltige Versorgung ist.

Flexible Arbeitszeitmodelle sind in der Pflege längst kein Luxus, sondern eine zentrale Voraussetzung, um Gesundheit, Versorgungssicherheit und langfristige Arbeitsfähigkeit zu gewährleisten, meint Pflegedirektor Michael Löhr. Er hält Teilzeit und variable Arbeitszeitmodelle deshalb für entscheidende Faktoren für Stabilität, Teamstärke und Mitarbeiterbindung.
 

Es gibt politische Ideen, die klingen nach Ordnung und Entschlossenheit. Die weitgehende Abschaffung von Teilzeit gehört dazu. „Lifestyle-Teilzeit“ nennt man das dann im CDU-Sprech. Ein Wort, das mehr bewertet als erklärt.

In einem (psychiatrischen) Krankenhaus wirkt diese Debatte seltsam entrückt. Pflegende arbeiten im 24/7-System: Frühdienst, Spätdienst, an Wochenenden, Feiertagen – und Nachtdienst. Wer Vollzeit zur gesellschaftlichen Norm erklärt, sollte erläutern, wie sich das mit zirkadianer Biologie vereinbaren lässt. Drei Nachtdienste in Folge, Entscheidungen in suizidalen Krisen um 3:17 Uhr, Verantwortung für mehrere akut erkrankte Menschen, während der eigene Körper auf Tiefschlaf programmiert ist. Zwei Tage später wieder Frühdienst. Nachtdienst ist keine Randerscheinung. Er ist gesundheitlich belastend, erhöht das Risiko für Erschöpfung und langfristige Erkrankungen. Wer in diesem System dauerhaft 100 Prozent fordert, ohne individuelle Dosierung zu ermöglichen, ignoriert arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse. Flexible Arbeitszeit ist deshalb kein Komfortmodell. Sie ist eine Schutzmaßnahme und Möglichkeit für Mitarbeitende und für die Versorgung.

Wer seine Arbeitszeit gestalten kann, bleibt stabiler

Das Klinikum Gütersloh hat in den vergangenen Jahren Arbeitszeitmodelle etabliert, die Anpassungen erlauben; situativ und auch mehrfach im Jahr, kann die persönliche Arbeitszeit nach unten oder oben angepasst werden. Das ist organisatorisch anspruchsvoll. Aber es zahlt sich aus. Wer seine Arbeitszeit gestalten kann, bleibt stabiler. Psychisch wie physisch – und damit auch der Volkswirtschaft erhalten. Teilzeit ist kein Einbahnstraßenmodell in Richtung Rückzug. Viele erhöhen ihre Stunden wieder, wenn Belastungen sinken oder Lebensphasen sich verändern. Flexibilität erzeugt Bindung. Starre Normen erzeugen Abwanderung.

Peter F. Drucker hat es treffend formuliert: "Akzeptieren Sie die Tatsache, dass wir fast jeden wie einen Freiwilligen behandeln müssen."

Pflegefachpersonen sind hoch qualifizierte Professionelle. Sie entscheiden sich bewusst für oder gegen einen Arbeitgeber und im schlimmsten Fall auch gegen ihren Beruf, wenn die Bedingungen zu schlecht werden. Die eigentliche Irritation liegt tiefer. Teilzeit verschiebt Macht. Nicht weg von der Organisation, sondern weg von der Selbstverständlichkeit, dass sich das Leben dem Dienstplan und anderen volkswitschaftlichen Ideen unterordnet. Führung heißt heute, diese Verschiebung zu gestalten, nicht sie rückgängig machen zu wollen.

Entscheidend ist, ob Menschen langfristig arbeitsfähig bleiben

Die Vollzeit-Fantasie suggeriert, man könne komplexe Versorgungsrealitäten durch normative Setzungen ordnen und wirtschaftlich verbessern. Doch psychiatrische Pflege funktioniert nicht ideologisch, sondern praktisch. Sie braucht belastbare Teams. Und belastbar bleibt nur, wer gesund bleibt. Nicht die Teilzeit ist erklärungsbedürftig. Erklärungsbedürftig ist die Annahme, mehr Stunden bedeuteten automatisch mehr Stabilität und Bruttoszialprodukt. Entscheidend ist nicht die Zahl im Vertrag. Entscheidend ist, ob Menschen langfristig arbeitsfähig bleiben – und bleiben wollen.

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