Steigende Defizite, Reformdruck und Diskussionen über die Neuordnung der Pflegefinanzierung: Der Krankenhaus Rating Report zeichnet ein schwieriges Bild für die wirtschaftliche Zukunft vieler Kliniken. Michele Tarquinio, Pflegerischer Geschäftsführer der Klinikum Darmstadt GmbH und der Südhessen Kliniken gGmbH, erläutert im Interview, warum Einsparungen in der Pflege aus seiner Sicht zu kurz greifen und wie eine zukunftsfähige Krankenhausfinanzierung aussehen könnte.
Herr Tarquinio, der Krankenhaus Rating Report prognostiziert, dass bis 2030 rund 70 Prozent der Kliniken Verluste schreiben könnten und viele Standorte unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen. Was bedeuten diese Entwicklungen aus Ihrer Sicht konkret für die Pflege und die Patientenversorgung?
Aus Sicht der Pflege ist die zentrale Gefahr wie Kliniken unter Druck reagieren. Wenn Erlöse fehlen, entstehen reflexartig Sparprogramme – und historisch war die Pflege oft die stille Reserve, über die dieser Druck abgefedert wurde. Für die Versorgung bedeutet das konkret: Jede nicht besetzte Stelle, jede Schicht, die nicht ausreichend mit qualifiziertem Pflegefachpersonal besetzt ist, erhöht das Risiko nachweisbar für vermeidbare Komplikationen, verlängerte Verweildauern, Sterblichkeit und verstärkt Berufsausstiege aus der Pflege.
Sie sehen also die größte Gefahr nicht in den wirtschaftlichen Kennzahlen selbst, sondern in den Reaktionen darauf.
Hinzukommt: Wir sprechen heute über eine Versorgung, in der Pflegebedürftigkeit und Multimorbidität deutlich zugenommen haben. Das heißt: Selbst wenn Fallzahlen sinken oder sich verlagern, bleibt der pflegerische Aufwand pro Fall hoch – teilweise steigt er. Rund 30 Prozent aller Krankenhausfälle betreffen pflegebedürftige Menschen. Diese 30 Prozent machen aber 45 Prozent aller Krankenhaustage in Deutschland aus. Pflegebedürftigkeit ist kein Randthema, sie prägt einen erheblichen Teil des Alltags, bindet Versorgungszeit und ist die Belastung, die Pflegende heute spüren. Deshalb ist die Vorstellung so gefährlich, man könne Pflege einfach über Fallzahlen denken.
"Pflege bewältigt Aufwand – nicht Fallzahlen"
Ein Plädoyer dafür, den tatsächlichen Versorgungsaufwand stärker in den Blick zu nehmen?
Pflege produziert keine Fallzahlen – Pflege bewältigt Aufwand. Pflege stabilisiert Verläufe. Pflege reduziert Risiken. Pflege verhindert Folgekosten. Ein Krankenhaus, das unter wirtschaftlichem Druck primär an Pflegestellen spart, löst seine Probleme vielleicht bilanziell, verschiebt jedoch die Kosten zeitlich und sektorübergreifend: in mehr Komplikationen, höhere Wiederaufnahmeraten, längere Verweildauern und zusätzliche Belastungen in der Langzeitpflege und im häuslichen Bereich. Für die Patientenversorgung ist aus meiner Sicht entscheidend, dass wir wirtschaftliche Stabilität und pflegerische Qualität nicht gegeneinander ausspielen. Kliniken brauchen verlässliche Rahmebedingungen damit sie Pflege nicht als variable Restgröße behandeln müssen, sondern als zentralen Qualitätsfaktor. Ein Reformpfad muss deshalb immer beides im Blick haben: Wirtschaftlichkeit und eine pflegerische Versorgung, die nicht zur Verhandlungsmasse wird.
"Mehr Freiheit braucht bessere Lösungen"
Die Autoren des Krankenhaus Rating Reports fordern mehr Spielräume für Kliniken und stellen unter anderem das Pflegebudget sowie die Personaluntergrenzen infrage. Wie bewerten Sie diese Vorschläge aus Sicht eines pflegerischen Geschäftsführers?
Mehr Spielräume für Krankenhäuser sind grundsätzlich sinnvoll – die entscheidende Frage ist, worauf sie sich beziehen?
Wo verläuft aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen sinnvoller Flexibilität und einem Risiko für die Versorgung?
Wenn "Spielräume" vor allem heißen, Schutzmechanismen für die Pflege zu lockern, dann schafft man kurzfristig Luft in der Bilanz und mittelfristig Engpässe am Bett. Als pflegerischer Geschäftsführer sehe ich sowohl die Schwächen des Pflegebudgets als auch die Grenzen starrer Untergrenzen sehr klar: Das Pflegebudget vergütet einen Kostenblock ohne Qualitätsbezug und bildet die tatsächliche Pflegeleistung am Patienten nur unzureichend ab, Personaluntergrenzen sind manchmal grob, vor allem jedoch starr und bilden Versorgungsrealität nicht aufwandsgerecht ab. Wenn man sie infrage stellt, braucht man zwingend bessere, nicht nur freiere Lösungen. Aus meiner Sicht heißt das: Wir sollten die Debatte weg von der Frage lenken, ob Pflegebudget und Personaluntergrenzen abgeschafft werden sollten, und stattdessen darüber sprechen, wie Pflege innerhalb einer modernen Vergütungssystematik bedarfsgerechter finanziert und die Verantwortung für einen aufwandsorientierten Personaleinsatz wieder stärker in die Hände der Krankenhäuser gelegt werden können – ohne Abstriche bei der Versorgungsqualität.
Wie könnte ein solches System konkret aussehen?
Ein zukunftsfähiger Ansatz wäre, das Pflegebudget schrittweise in eine leistungs- und zeitbezogene Pflegevergütung zu überführen – also Pflegezeit, Qualitätsniveau und Aufwand stärker zum Ausgangspunkt der Krankenhausfinanzierung zu machen – und diese Vergütung konsequent mit Personalbemessung und Qualitätsindikatoren zu verknüpfen. Spielräume für Kliniken würden dann dort entstehen, wo sie nachweislich gute Ergebnisse erzielen und Pflege sinnvoll organisieren. Aus meiner Sicht ist das der entscheidende Unterschied: Mehr Flexibilität ermöglichen – aber nicht zulasten einer Profession in dem man blind zu einer alten Systematik zurückkehrt.
"Diesen Fehler sollten wir nicht wiederholen"
Sie warnen zugleich davor, frühere Entwicklungen zu wiederholen.
Ja, bis 2018 sank aufgrund des Kellertreppeneffekts der Kostenblock für die Pflegepersonalkosten in der Matrix des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus von anfänglich 39 Prozent auf 32 Prozent – trotz mehrerer Pflegestellenförderprogramme. Dieser Fehler sollte nicht wiederholt werden. Heute werden Szenarien erarbeitet, bei denen es unter anderem auch um die Resilienz der Krankenhausversorgung geht. Während der Covid-Pandemie war es nicht die Ressource "Bett", an der es mangelte, es fehlten schlichtweg qualifizierte Pflegefachpersonen, um Patienten auf den Stationen und Intensivbereichen zu versorgen. Ein unkritischer Abbau von Pflegepersonal im Krankenhaus wird künftig auch über die Resilienzfähigkeit der Krankenhausversorgung entscheiden.