Bis 2030 dürften rund 70 Prozent der Kliniken Jahresverluste verzeichnen, schätzen die Autoren des am Donnerstag vorgestellten Krankenhausrating Rating Reports 2026. "Wenn die Betriebskosten nicht ausreichend sinken, sind Standortschließungen in großem Ausmaß unausweichlich", sagte Boris Augurzky, der Initiator des mittlerweile seit 20 Jahren jährlich erscheinenden Reports. Das Standardwerk für den Klinikmarkt wird vom RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institute for Healthcare Business (hcb) jährlich veröffentlicht.
Die Basis des aktuellen Reports bezieht sich auf die Zahlen des Geschäftsjahres 2024, aber die Wissenschaftler geben auch Ausblicke und Analysen zur aktuellen und künftigen Situation der Kliniken.
Kliniken müssen Kosten bis 2030 um 8 bis 9 Prozent senken, um eine positive Umsatzrendite zu behalten. Sollte dies nicht gelingen, steht für viele Standorte die Schließung bevor. Der Report identifiziert circa 400 mittelfristig "gefährdete" Standorte. Eine Schließung der gefährdeten Häuser würde für weitere 5,2 Prozent der Bevölkerung den Anfahrtsweg auf über 30 Minuten erhöhen.
"Die Politik muss Leitplanken setzen, um Versorgungsengpässe für die Bevölkerung zu vermeiden", sagte Mitautor Adam Pilny, Gesundheitsökonom der hcb.
Politik soll Rechnungszuschlag als neuen Anreiz weiterführen
Eine Reduktion der Betriebskosten ließe sich unter anderem durch Leistungsverschiebung erreichen. "Wir stehen vor der Aufgabe, rund 30 Prozent der Leistung von Hochkostenhäusern in Niedrigkostenhäuser vorzunehmen, wenn wir ein nachhaltiges Gesundheitssystem haben wollen", sagte Augurzky. Dies beträfe ungefähr 500 Standorte. Dann käme der Gesamtmarkt wieder auf eine positive Umsatzrendite von einem Prozent im Jahr 2030.
Um die Transformation der Krankenhausstrukturen zusätzlich zum KHVVG anzuregen, schlägt das Autorenteam vor, den bis Oktober 2026 befristeten Rechnungsaufschlag in einen Strukturzuschlag umzuwandeln, der abhängig von der in einem Bundesland erzielten Bettendichte ausgezahlt wird. "Er würde einen Anreiz für Bundesländer schaffen, eine günstigere Krankenhausstruktur anzustreben", so Augurzky.
Gleichzeitig fordern die Autoren einen Rückbau der "regulatorischen Vorgaben" und mehr Gestaltungsfreiheit für Krankenhäuser, damit sie aus eigener Kraft Betriebskosten senken können. Die Autoren fordern sowohl die Abschaffung von Pflegebudget und Personaluntergrenzen als auch des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes und des Anerkennungsverfahrens für internationale Talente aus Drittstaaten.
Gleichzeitig befürwortete Augurzky die geplanten Sparmaßnahmen und begrüßte die Forderung nach einer einnahmenorientierten Ausgabenpolitik. "Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Standards der 2010er-Jahre. Da haben wir auch gut gelebt", so Ökonom Augurzky in Anspielung auf die vielen Leistungserweiterungen der vergangenen Jahre im Gesundheitssystem.
Osten sinkt auf Westniveau ab
Die Zahlen für 2024 zeigen derweil noch einen Anstieg des deutschen Gesundheitsmarkts auf ein Volumen von 538 Milliarden Euro, was einem Anteil von 12,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht. Für 2025 erwarten die Verfasser sogar einen Anstieg auf rund 580 Milliarden Euro (13 Prozent des BIP).
Gleichzeitig war die wirtschaftliche Lage der Kliniken auch 2024 sehr angespannt: Die Hälfte der Krankenhäuser schrieben einen Jahresverlust (2020: 28 Prozent). Das durchschnittliche Jahresergebnis lag bei minus 0,6 Prozent der Erlöse und es gab deutlich mehr Insolvenzen. Die Insolvenzwahrscheinlichkeit der Krankenhäuser stieg 2024 auf hohe 2,2 Prozent. Für die Jahre 2025 und 2026 sei jedoch mit einer Verbesserung zu rechnen.
Bereits geprüfte Jahresabschlüsse des Jahres 2025 zeigen eine Erholung. Dennoch reicht bei der Hälfte der Kliniken die Liquidität für weniger als anderthalb Wochen, erforderlich wären mindestens vier. Die Zahl der stationären Fälle ist im Jahr 2024 mit zwei Prozent erneut stark gestiegen. 2025 war hingegen fast nur noch im Bereich der Hybrid-DRG ein Zuwachs zu verzeichnen, während die stationäre Fallzahl nahezu unverändert blieb.
Länder zahlen wieder mehr
Die Investitionsfördermittel der Länder stiegen 2024 um über neun Prozent auf 4,24 Milliarden Euro. Erforderlich für den Erhalt der Unternehmenssubstanz seien jedoch 7 bis 8 Prozent, erklärten die Autoren des Rating Reports. Die Folge sei ein Substanzverlust, insbesondere in Ostdeutschland. Dortige Häuser hätten das niedrige Substanzniveau der westdeutschen Krankenhäuser inzwischen fast erreicht.
Hohe Schuldenlast bei 22 Prozent der kommunalen Träger
Kliniken in privater und freigemeinnütziger Trägerschaft schneiden im Rating deutlich besser ab als öffentlich-rechtliche Häuser. Letztere konnten bisher zwar auf Unterstützung ihrer kommunalen Träger hoffen, doch deren Spielraum wird aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Stagnation immer enger. "Wir gehen davon aus, dass 22 Prozent der kommunalen Kliniken einen Träger mit einer so hohen Schuldenlast haben, dass sie bald Schwierigkeiten bekommen werden, ihren Betrieb auf Dauer fortführen zu können", heißt es im Report.
Personal- und Fallzahlentwicklung
Viel diskutiert wird derzeit die Personalsteuerung im Krankenhausmarkt. Derzeit stehen vor allem Maßnahmen für die Pflege zur Disposition. Der Krankenhausmarkt hat 2024 die Grenze von einer Million Vollzeitkräften in Krankenhäusern erstmals überschritten, wie der Rating Report dokumentiert. Die Zahl war damit um 9,3 Prozent höher als 2019, während die stationäre Fallzahl um 9,6 Prozent unter dem Niveau von 2019 lag. Damit sank gegenüber 2019 die Zahl der Fälle je Vollkraft um rund 20 Prozent.
Demografisch bedingt werde die Nachfrage nach Krankenhausleistungen zwar steigen, allerdings werde ein zunehmender Teil der Leistungen ambulant erbracht, sodass die stationären Fallzahlen tendenziell sinken werden, prognostizierten die Wissenschaftler des Rating Reports.
Die Datengrundlage des Reports ist eine Stichprobe von 430 Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2024 sowie eine Sonderauswertung von 125 geprüften Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2025. Sie umfassen zusammen 864 Krankenhäuser.