Die Pflege ist die größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem, tritt berufspolitisch aber häufig zu leise auf. Kevin Heinrich plädiert dafür, Berufsstolz, Engagement und Interessenvertretung stärker miteinander zu verbinden. Warum Sichtbarkeit und politisches Handeln für die Profession entscheidend sind, erläutert der Pflegedirektor des katholischen Marienkrankenhauses Hamburg in seinem Gastbeitrag.
Am 7. Juli 2026 sind wir losgegangen. Kein Symbolbild, kein reiner Pressetermin mit vorbereiteten Statements – ein echter Protestzug, gemeinsam mit dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), vom Marienkrankenhaus bis zur Sozialbehörde in Hamburg. Pflegefachpersonen, Auszubildende, Studierende, Pflegende aus dem Funktionsdienst, fast alle in Dienstkleidung, alle mit einer klaren Botschaft: Wir sind sichtbar, wir sind organisiert, und wir haben etwas zu sagen.
Ich will ehrlich sein: Für viele Kolleginnen und Kollegen war es der erste politische Protest ihres Berufslebens (so auch für mich). Und genau das ist das eigentliche Thema dieses Beitrags – nicht der eine Tag, sondern die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis wir ihn gegangen sind.
Die große Berufsgruppe mit der leisen Stimme
Die Pflege in Deutschland ist die größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem – und gleichzeitig eine der berufspolitisch leisesten. Während ärztliche Standesvertretungen seit Jahrzehnten routiniert Verhandlungsmacht organisieren, bleibt kollektives Engagement in der professionellen Pflege oft die Ausnahme, getragen von wenigen Engagierten, während die Mehrheit zusieht oder resigniert. Das ist kein Vorwurf an den Einzelnen. Es ist eine Beschreibung eines Systems, das Fürsorgearbeit historisch nie als etwas verstanden hat, das man einfordert, sondern als etwas, das man leistet – möglichst geräuschlos.
Man kann dieses Muster "desaströs" nennen, ohne unfair zu sein. Wenn ein Gesetz wie das gerade beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz Versorgungsrealität verändert, ohne dass die größte betroffene Berufsgruppe im politischen Diskurs mit einer erkennbaren, einheitlichen Stimme auftritt, dann verlieren wir nicht nur Verhandlungsmasse – wir verlieren Deutungshoheit über unseren eigenen Beruf.
Warum sich Pflege so selten organisiert
Es gehört zur Ehrlichkeit dieses Beitrags, eine unbequeme Wahrheit zu benennen: Die Pflege ist historisch ein Frauenberuf, und diese Geschichte wirkt bis heute nach. Fürsorge wurde lange als Berufung imaginiert, nicht als Beruf mit Verhandlungsanspruch. Kollektive Interessenvertretung, lautes Auftreten, Konfliktbereitschaft gegenüber Kostenträgern und Politik – all das musste in einem Berufsfeld, das über Generationen auf Anpassung statt Anspruch trainiert wurde, erst mühsam gelernt werden.
Das ist eine Erklärung, keine Ausrede. Wer versteht, warum berufspolitisches Engagement in der Pflege bislang so zerbrechlich war, kann gezielter daran arbeiten, es stabil zu machen. Der Protestzug am 7. Juli war für mich genau das: ein bewusster Bruch mit der Erwartung, dass wir leise bleiben, wenn es unbequem wird.
Berufsstolz allein reicht nicht
Die Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin hat gemeinsam mit German Quernheim mit ihrem Buch "Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch" einen Begriff geprägt, der für die hier beschriebene Kulturarbeit zentral ist. Berufsstolz versteht das Autorenteam nicht als Selbstzweck oder bloßes Gefühl, sondern als Zusammenspiel mehrerer Facetten: Identität, Individualität, Leidenschaft, Mut, Selbstwert, Sinnhaftigkeit sowie Wissen und Bildung. Ihre zentrale These lautet, dass sich Berufsstolz unmittelbar auf Selbstwirksamkeit und Gesundheit von Pflegenden auswirkt – wer stolz auf die eigene fachliche Leistung sein kann, geht robuster und selbstbewusster durch den Arbeitsalltag.
Entscheidend für den hier verhandelten Zusammenhang ist ein weiterer Gedanke Zegelins: Berufsstolz bleibt folgenlos, wenn er nicht organisiert wird. Politischer Einfluss entsteht nach ihrer Beobachtung nur dort, wo Pflegende sich in Berufsverbänden, Kammern, Gewerkschaften oder Fachgesellschaften zusammenschließen; individuelles Selbstbewusstsein und kollektive Interessenvertretung sind für sie zwei Seiten derselben Medaille.
Von Engagement zu Einfluss
Berufsstolz, alltägliches Engagement und berufspolitisches Engagement werden in Diskussionen oft wie Synonyme behandelt. Das greift zu kurz.
Die erste Stufe ist der Berufsstolz: das innere Wissen um den eigenen fachlichen Wert und die Überzeugung, etwas Bedeutsames zu leisten.
Die zweite Stufe ist das Engagement im eigenen Arbeitsumfeld: Qualitätszirkel mitgestalten, Verbesserungsvorschläge einbringen, Fortbildungen organisieren oder Kolleg:innen begleiten.
Die dritte Stufe ist berufspolitisches Engagement: der Schritt nach außen, in Verbände, Gremien und die öffentliche Debatte. Genau hier entscheidet sich, ob die Pflege ihre Interessen selbst vertritt oder von anderen vertreten wird.
Eine Führungsaufgabe
Genau hier liegt aus meiner Sicht die zentrale Aufgabe pflegerischer Führung: den Übergang von einer Stufe zur nächsten aktiv zu ermöglichen, statt ihn dem Zufall oder der Einzelinitiative besonders mutiger Mitarbeitender zu überlassen.
Berufsstolz entsteht, wo Führung fachliche Leistung sichtbar macht und anerkennt. Binnenbetriebliches Engagement entsteht, wo Führung echte Mitgestaltungsmöglichkeiten und Vertrauen schafft. Und berufspolitisches Engagement entsteht dort, wo Führung explizit dazu einlädt und den Rahmen dafür schafft – durch Unterstützung für Verbandsarbeit, durch aktive Vermittlung berufspolitischer Kontakte und durch die klare Erwartung, dass sich Pflege auch außerhalb der Klinikmauern zu Wort meldet.
Sichtbarkeit verpflichtet
Pflegedirektor:innen sind in aller Regel diejenigen, die mit Öffentlichkeitsarbeit für die Pflege eines Hauses in Verbindung gebracht werden: Sie geben Interviews, sie repräsentieren die Pflege in Gremien und werden von Politik und Medien angefragt, wenn es um Versorgungsfragen geht.
Diese Sichtbarkeit ist eine Form von Macht – und Macht, die nicht bewusst gestaltet wird, verschwindet nicht, sie wird lediglich der institutionellen Selbstdarstellung überlassen statt der berufspolitischen Sache. Wer als Pflegedirektor:in öffentlich sichtbar ist, trägt deshalb aus meiner Sicht eine doppelte Verantwortung: gegenüber der eigenen Institution, aber eben auch gegenüber der Profession als Kollektiv und gegenüber der Gesellschaft, die auf eine funktionierende pflegerische Versorgung angewiesen ist.
Wenn berufspolitisches Engagement in der Pflege dauerhaft schwach bleibt, ist das nicht allein ein binnenberufliches Problem. Es wirkt sich unmittelbar auf die Versorgungsqualität aus – von der Wartezeit auf einen Pflegeplatz bis zur Frage, wie belastbar unser Gesundheitssystem in der nächsten Krise ist.
Akademisierung als Chance
Hier kommt ein Aspekt ins Spiel, den wir am Marienkrankenhaus gezielt nutzen wollen: unser Status als akademische Lehreinrichtung der HAW Hamburg.
Studierende und Lehrende bringen etwas mit, das klassische Betriebszugehörigkeit allein nicht liefert: die Gewohnheit, Positionen zu begründen, Studienlagen zu kennen und Argumente strukturiert vorzutragen. Die Kooperation erlaubt uns, praktische Versorgungserfahrung mit wissenschaftlicher Argumentationsfähigkeit zusammenzubringen und daraus eine Generation von Pflegefachpersonen zu entwickeln, für die berufspolitisches Engagement kein Fremdkörper, sondern integraler Teil ihres professionellen Selbstverständnisses ist.
Fazit
Der 7. Juli war kein Ausnahmezustand. Er war ein Anfang. Berufspolitisches Engagement in der Pflege wird nicht dadurch stark, dass Einzelne besonders mutig sind, sondern dadurch, dass eine ganze Berufsgruppe versteht: Sichtbarkeit ist keine Nebensache, sondern Voraussetzung dafür, dass Versorgungsrealität überhaupt gehört wird.
Wir haben angefangen, diesen Weg zu gehen – vom Marienkrankenhaus zur Sozialbehörde, und hoffentlich von dort in eine berufspolitische Kultur, die bleibt.
Olbrich, Christa (2026): Vom Tätigkeitsberuf zur Profession – Eine Zeitreise durch die Pflegegeschichte. Gastbeitrag auf uebergabe.de, 18. Juli 2026.
Quernheim, G. & Zegelin, A. (2021): Berufsstolz in der Pflege. Das Mutmachbuch. Hogrefe: Bern.