• 27.07.2020
  • Praxis
Weiterentwicklung der Pflegeberufe

Warum Berufsstolz so wichtig ist

Die Autorin plädiert für deutlich mehr Selbstbewusstsein unter Pflegenden, um die Profession aus eigener Kraft zukunftsorientiert weiterentwickeln zu können.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2020

Seite 4

Pflege ist ein anspruchsvoller, vielfältiger, interessanter und herausfordernder Beruf. Die Corona-Krise hat einmal mehr gezeigt, dass ohne  professionelle Pflege nichts geht. Dennoch ist Berufsstolz in der Pflege kaum ausgebildet, manche schämen sich sogar für ihre Tätigkeit. Die Autorin plädiert für deutlich mehr Selbstbewusstsein unter Pflegenden, um die Profession aus eigener Kraft zukunftsorientiert weiterentwickeln zu können.

Pflege ist ein anspruchsvoller, interessanter und komplexer Beruf.  Pflegefachpersonen gehen unmittelbar auf menschliche Bedürfnisse ein und nehmen Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) als individuelle Persönlichkeiten in den Blick. Pflege rettet Leben, schenkt Lebensqualität, spendet Trost. Pflegefachpersonen haben allen Grund, stolz zu sein – ohne sie geht nichts! Dennoch ist Berufsstolz in der Pflege kaum ausgebildet. Im Gegenteil: Manche schämen sich sogar für ihren Beruf. „Ich bin nur Pflegerin“, heißt es oft.

Pflege – ein anspruchsvoller, interessanter und komplexer Beruf

 Die wahre Größe des Pflegeberufs liegt im „stellvertretenden Handeln“ für den hilfebedürftigen Menschen. Pflegefachpersonen übernehmen so gesehen eine enorme Verantwortung. Es ist Fachwissen aus verschiedenen Disziplinen erforderlich, um pflegebedürftige Menschen bedarfsgerecht zu versorgen. Sie benötigen nicht nur differenzierte Kenntnisse über die Ursachen von Pflegebedürftigkeit, sondern auch ein umfangreiches Wissen über Krankheiten, Pathophysiologie, Therapie, Pharmakologie, Psychologie und Soziales. Eine gute  Beobachtungsfähigkeit und schnelle Auffassungsgabe ist für Pflegefachpersonen zudem essenziell.  


All das ist Pflegefachpersonen nicht bewusst, sie verkaufen sich häufig unter Wert. Zu pflegen erscheint vielen Menschen als banal, auch vielen Pflegefachpersonen selbst. Damit spiegeln sie fatalerweise die Meinung der Gesellschaft wider: „Pflegen – Essen reichen und Hintern abputzen – das kann jeder.“


International sieht das ganz anders aus. In zahlreichen Ländern, besonders im skandinavischen und angloamerikanischen Raum, sind Pflegende stolz auf ihren Beruf: Sie stellen sich mit ihrem vollen Namen vor, überreichen selbstbewusst ihre Visitenkarten, sind zielstrebig und bilden sich gerne weiter. Traurig, aber wahr: Die Pflege in Deutschland ist in Sachen Berufsstolz eines der Schlusslichter Europas.
Noch immer erscheint die Pflege in Deutschland in Routinen erstarrt, der Beruf ist weitgehend fremdbestimmt. Die Handlungskorridore und Zuständigkeiten für Pflegefachpersonen sind dringend zu erweitern. Erst dann wird der Beruf attraktiver und es kann sich Stolz herausbilden. 

Corona: Die Steilvorlage nutzen

In der Corona-Pandemie wurden Pflegefachpersonen als systemrelevant erkannt, den Berufskolleginnen und -kollegen wurde applaudiert. Die Gesellschaft hat endlich verstanden, dass alle systemrelevanten Berufe schlecht bezahlt werden, besonders wenn es sich um die Versorgung von Menschen handelt. 


Doch wenn Pflegefachpersonen diese Steilvorlage nicht nutzen und nachdrücklich Forderungen erheben, wird alles verpuffen. 
Die Diskussion um eine Einmalzahlung ist unwürdig. Alle Pflegefachpersonen müssen deutlich besser bezahlt werden. 

Gleichzeitig lässt sich an der Corona-Krise die gesellschaftliche Einordung des Pflegeberufs ablesen – auf einer Stufe mit Kassiererinnen, Reinigungskräften, Lkw-Fahrern und Erntehelfern. Auch wenn die gesellschaftliche Bedeutung der Pflege erkannt wurde, gibt es weiterhin sehr viel Unwissen über die Relevanz und Qualifikation des Berufs. 

Dies ist auch der Grund, warum Eltern ihren Heranwachsenden abraten, einen Pflegeberuf zu wählen. Insofern ist zu erwarten, dass es noch viel schlimmer kommen wird mit der mangelhaften Personalsituation in der Pflege. Da die berufliche Pflege den tatsächlichen Pflegebedarf bereits jetzt schon nicht mehr decken kann, ist künftig eine Vorbereitung der Menschen zur pflegerischen Versorgung in den Familien nötig. 
Immerhin ist jetzt wieder einmal klar geworden, dass Pflege weltweit ein Mangelberuf ist – auch dies könnte die Berufsangehörigen stolz machen. Pflegefachpersonen können überall arbeiten und nicht durch Roboter ersetzt werden.

Das Abwerben von Pflegefachpersonen ist ebenfalls ein Schlag ins Gesicht. Statt die Situation hierzulande deutlich zu verbessern, werden Mitarbeitende aus ärmeren Ländern importiert. 

Verkannt wird dabei, dass Pflege auch ein kulturelles Geschehen ist, die Ausbildungen richten sich jeweils nach dem Bedarf der Nationen. In vielen ärmeren Ländern agieren Berufspflegende eher als Hilfsärzte, wenn sie hier Alte oder Kranke mobilisieren oder erfrischen sollen, sind sie entsetzt. Es nimmt häufig viele Jahre in Anspruch, bis ausländische Pflegefachpersonen ein Gespür dafür bekommen, welche Menschen hierzulande zu versorgen sind, welche Biografie sie aufweisen – ganz abgesehen von den sprachlichen Fähigkeiten.

Fachbuch „Berufsstolz in der Pflege“

Im Oktober erscheint das Fachbuch „Berufsstolz in der Pflege“, herausgegeben von Dr. Angelika Zegelin und Dr. German Quernheim. Mit der Veröffentlichung wollen die Autorin und der Autor Mut machen – mit konkreten Beispielen, wie Pflegende mehr Berufsstolz entwickeln, füreinander einstehen und Freude am Beruf erhalten und wiederbeleben können.

Den Wert der Pflege artikulieren

Pflegefachpersonen erkennen den Wert ihrer Arbeit meist nicht. Sie können ihre Tätigkeit nicht beschreiben, vor allem nicht nach außen. Vor 25 Jahren zeigten zwei US-Journalistinnen in dem Buch „Der Pflege eine Stimme geben“ auf, dass Pflegende nicht in der Lage sind, ihre Kompetenzen und die Vielfalt ihres Berufs darzustellen [1]. 

Das ist bis heute so. Pflegefachpersonen neigen dazu, zu klagen und zu jammern – untereinander, aber auch öffentlich [2]. 

Unklar bleibt jedoch, warum genau die Pflegefachpersonen unzufrieden sind. Zu viel Arbeit, zu wenig Mitarbeitende, das ist bekannt – aber was den Pflegefachpersonen darüber hinaus fehlt, bleibt unklar. 

Ein großes Problem ist die fehlende Fachlichkeit in der Darstellung. In den Medien wird alles zum Thema Pflege durcheinandergeworfen – mal geht es um osteuropäische Haushaltshilfen, mal um Ökonomen, die Heime leiten, mal um pflegende Angehörige. Dass Fachpflegende aufwendige Weiterbildungen und Studiengänge absolviert haben, ist der Allgemeinheit nicht bekannt. 

Es ist bedauerlich, dass Pflegefachpersonen sich kaum zu Wort melden, wenn ihr Beruf schief dargestellt wird. Sie bleiben stumm und fügen sich in die Darstellung eines minderqualifizierten Berufs.

Kongress „Berufsstolz in der Pflege“

Der sich in Gründung befindende Verein „Berufsstolz Pflege“ veranstaltet am 30. November 2020 in Berlin eine Tagung. Was macht den Pflegeberuf aus? Worauf können die Berufsangehörigen stolz sein? Wie können Pflegende ihre Professionalität öffentlich zum Ausdruck bringen? Warum ist Berufsstolz wichtig, um die Pflege weiterzuentwickeln? Die Referentinnen und Referenten suchen gemeinsam mit den Teilnehmenden nach Antworten.

Mehr Macht für Pflegende 

Einer der Hauptgründe für den geringen Stellenwert der Pflege und das mangelhafte Selbstbewusstsein der Berufsangehörigen ist der unzureichende Organisationsgrad: eine Dachorganisation mit Hunderttausenden Mitgliedern, ein Berufsverband, der auch Gewerkschaftsfunktion hat, der „Marburger Bund“ kann da ein Beispiel sein. 

Daneben sind Kammern und Fachgesellschaften erforderlich. Denn die Politik reagiert nur auf organisierte Interessen und Lobbyismus, da können Pflegefachpersonen noch so viel jammern. Auch alle Aktionspläne bleiben nur Absichtserklärungen, wenn die Berufsvertreterinnen und -vertreter nicht durch stolze, Zigtausende Mitglieder gestützt werden.

Pflegefachpersonen aus dem Ausland ist kaum zu erklären, warum die Profession in Deutschland so schwach aufgestellt ist. Liegt es am Föderalismus? An der christlichen Tradition? An der beliebigen Ausbildung? 

Sicher gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Wichtig ist, angehenden Pflegefachpersonen sowie jungen Berufskolleginnen und -kollegen die gesundheitspolitischen Zusammenhänge zu verdeutlichen. 

Pflegefachpersonen müssen begreifen, dass sie als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen viel Macht haben könnten. Bislang verhält sich die Berufsgruppe stattdessen wie ein schlafender Tiger, wertvolle Chancen bleiben ungenutzt.

Die Politik hat während der Pandemie bewiesen, dass sie auch kurzfristig reagieren kann. Pflegefachpersonen haben bislang jedoch kaum davon profitiert. Direkt nach der Verabschiedung des Konjunkturpakts wurde die Bundeskanzlerin Angela Merkel gefragt, wie es denn nun mit der Pflege weiterginge. Darauf antwortete sie, dass es Erleichterungen auch im Bereich der Pflegeversicherung gegeben hätte. Typisch: Wenn Politiker das Wort Pflege hören, denken sie zuerst an das Elfte Sozialgesetzbuch – den SGB XI –, nicht an die Pflegeberufe. 

Es liegt an uns selbst, uns zu Gehör zu bringen. Die Trennung der Sektoren durch die Sozialgesetzbücher spaltet die Pflege, auch die generalistische Pflegeausbildung ist nur halbherzig umgesetzt. Die Lobby der Altenpflegeanbieter hat sich hier durchgesetzt. Das Diktat der Fallpauschalen in den Kliniken drückt unseren Beruf – wir könnten all diese Hindernisse überwinden mit Stolz, Öffentlichkeitsarbeit und einer starken Organisation.

[1] Buresh J, Gordon S. Der Pflege eine Stimme geben. Bern: Huber; 2007
[2] Zegelin A. Raus aus dem Jammertal. Die Schwester | Der Pfleger 2017; 56 (4)

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