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Pflegeforschung

"Berufsstolz ist mehr als Arbeitszufriedenheit"

Studie: Berufsstolz in der Pflege ist mehr als Zufriedenheit

Pflegefachpersonen können stolz auf ihren Beruf sein, obwohl sie mit ihren Arbeitsbedingungen hadern. Eine neue Studie von Johanna Ristau und weiteren Forschenden zeigt, wie Berufsstolz in der Pflege entsteht, welche Faktoren den Berufsstolz von Pflegefachpersonen stärken oder gefährden und warum er für den Verbleib in der Pflege wichtig sein könnte.

Die Studie "How nurses in acute care experience professional pride: a qualitative study" wurde unter Leitung von Pflegewissenschaftlerin Katrin Balzer an der Sektion für Forschung und Lehre in der Pflege am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck durchgeführt. Erstautorin ist Johanna Ristau, die heute als Lehrkraft für besondere Aufgaben in den Pflegestudiengängen an der Technischen Hochschule Deggendorf tätig ist. Für BibliomedPflege hat sie die wichtigsten Ergebnisse im Interview eingeordnet.

Frau Ristau, sie haben Pflegefachpersonen gefragt, wie sie Berufsstolz erleben. Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?

Mich hat überrascht, dass alle Pflegefachpersonen angegeben haben, stolz darauf zu sein, in ihrem Beruf zu arbeiten – und das, obwohl einige gleichzeitig berichtet haben, derzeit mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden zu sein. Ebenso hat mich überrascht, wie viele von ihnen auf dem Nachhauseweg noch einmal über den Dienst reflektieren und ihr Erlebtes mit dem abgleichen, was sie persönlich als gute Pflege empfinden. Besonders gefreut hat mich, dass sie die direkte Pflege auch nach vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten "am Bett" als sinnstiftend und erfüllend erleben.

Ihre Studie zeigt, dass Berufsstolz deutlich mehr ist als bloße Arbeitszufriedenheit. Wie würden Sie den Unterschied beschreiben?

Arbeitszufriedenheit wird als positiver emotionaler Zustand definiert, der aus der Bewertung des Arbeitsplatzes oder des Erlebens der eigenen Arbeit resultiert. Im Berufsstolz steckt hingegen zusätzlich die Bewertung des Pflegeberufs durch die Pflegefachpersonen und die Bedeutung, die dieser Beruf für sie hat. Die von uns befragten Pflegefachpersonen beschrieben Berufsstolz als das Gefühl, glücklich und im Einklang mit ihrem Beruf zu sein und es toll zu finden, Pflegefachperson zu sein. Viele schilderten den Beruf als Teil ihrer Persönlichkeit, in dem sie ihren Charakter und ihre Werte verwirklichen können und dabei bedeutsame Dinge erreichen.

"Für die Befragten geht Berufsstolz deutlich über eine bloße Arbeitszufriedenheit hinaus."

In den Interviews wurde Berufsstolz als ein "Rundum-Paket" beschrieben, dem man die Schulnote 1 geben würde. Arbeitszufriedenheit wurde dagegen eher mit "es ist okay" und einer Schulnote 3 verglichen. Für die Befragten geht Berufsstolz deutlich über eine bloße Arbeitszufriedenheit hinaus. Gleichzeitig zeigen Literatur und unsere Ergebnisse, dass es zwischen beiden Phänomenen gewisse Überschneidungen und Wechselwirkungen gibt.

Wann Pflegefachpersonen Stolz erleben

Wann erleben Pflegefachpersonen besonders häufig Stolzmomente in ihrem Berufsalltag?

Viele Pflegefachpersonen berichten, Stolz zu erleben, wenn ihnen etwas gelingt. Das können ganz unterschiedliche Erfolge sein: eine erfolgreich angewendete Fertigkeit, ein gut gelungener Verband oder ein sicheres Handeln in einer Notfallsituation. Stolz entsteht aber auch, wenn sie beobachten, dass sich durch ihre Pflege der Gesundheitszustand von Patientinnen und Patienten verbessert. Ebenso wichtig sind für viele beziehungsorientierte Pflegehandlungen. Sie erleben Stolz, wenn Patientinnen und Patienten zufrieden sind, Zuversicht gewinnen oder wenn sie Lob und Anerkennung erhalten.

Sie unterscheiden zwischen situativem und dauerhaftem Berufsstolz. Was bedeutet das konkret für die Praxis?

Als situativen Berufsstolz konnten wir Momente herausarbeiten, in denen Pflegefachpersonen Stolz bewusst erleben und spüren. Das sind Situationen, in denen etwas gelingt, eine bedeutsame Interaktion stattfindet oder sie ihren Dienst reflektieren und zu dem Schluss kommen, dass sie gute Arbeit geleistet haben. Dieser Stolz hat einen konkreten Auslöser und ist vergänglich. Der stabile Stolz wurde dagegen eher als eine Art "Grundrauschen" beschrieben, also als etwas, das immer vorhanden ist. Er speist sich beispielsweise aus dem eigenen Fachwissen oder aus einer grundsätzlich positiven Bewertung des Pflegeberufs. Dieser Stolz wird eher subtil wahrgenommen, scheint aber deutlich beständiger zu sein.

Wie Berufsstolz bei Pflegefachpersonen entsteht

Im Mittelpunkt Ihrer Arbeit steht ein neues Modell zum Berufsstolz in der Pflege. Wie entsteht Berufsstolz nach Ihren Forschungsergebnissen und welche Faktoren spielen dabei die wichtigste Rolle?

Wir konnten drei Quellen von Berufsstolz identifizieren: erstens den Pflegeberuf selbst beziehungsweise die Einstellungen der Pflegefachpersonen zu ihrem Beruf, zweitens ihr Fachwissen und ihre Kompetenzen und drittens ihr pflegerisches Handeln und ihre pflegerischen Erfolge. Die Quellen liegen also zunächst in der jeweiligen Pflegefachperson selbst. Ob diese Quellen tatsächlich dazu führen, dass Berufsstolz erlebt wird, hängt jedoch stark von äußeren Faktoren ab. Besonders wichtig scheinen die organisatorischen Rahmenbedingungen zu sein. Zentral ist dabei die Bewertung der Versorgung von Patientinnen und Patienten. Wenn Pflegefachpersonen diese als erfolgreich und zufriedenstellend erleben, kann daraus Stolz entstehen. Ist das nicht der Fall, findet häufig ein Abgleich mit den eigenen Idealen statt. Werden persönliche Werte oder pflegerische Überzeugungen verletzt, bleibt nicht nur Stolz aus. Mitunter zweifeln Pflegefachpersonen dann sogar daran, ob sie weiterhin in diesem Beruf arbeiten möchten.

Welche Bedeutung haben fachliche Kompetenz, Erfahrung und gelungene Pflege für das Gefühl, stolz auf den eigenen Beruf zu sein?

Eine große. Pflegefachpersonen sind stolz auf das, was sie wissen und können. Die überwiegend erfahrenen Teilnehmenden unserer Studie berichteten, dass sie stolz darauf sind, auch in schwierigen Situationen sicher handeln zu können. Jüngere Kolleginnen und Kollegen beschrieben Stolzmomente vor allem dann, wenn sie neue Fertigkeiten erworben hatten. Besonders häufig wurden Situationen genannt, in denen das eigene Handeln unmittelbar zu Verbesserungen für Patientinnen und Patienten führte. Intensivpflegefachpersonen berichteten beispielsweise, dass sie durch fachlich begründete Entscheidungen eine Reintubation oder Tracheotomie verhindern konnten. Auch Fortschritte bei der Mobilisation, der Selbstversorgung oder der Wundheilung wurden häufig als Quellen von Stolz beschrieben.

Was Berufsstolz in der Pflege gefährdet

Viele Befragte berichten zugleich von Belastungen im Arbeitsalltag. Was gefährdet Berufsstolz aus Sicht der Pflegefachpersonen am stärksten?

Ohnmacht. Wir haben gesehen, dass Pflegefachpersonen mit ihrem Beruf bestimmte Ideale und Werte verbinden. Sie möchten Menschen helfen, deren gesundheitliche Situation verbessern, zuhören, Fürsorge leisten und emotionalen Beistand geben. Wenn sie das im Berufsalltag dauerhaft nicht umsetzen können und erleben, dass Patientinnen und Patienten nicht die Versorgung erhalten, die sie für richtig halten, wird das als belastend empfunden. Dann können sie eine wichtige Quelle des Berufsstolzes – ihr eigenes pflegerisches Handeln und ihre Erfolge – nur eingeschränkt aktivieren. Gleichzeitig nimmt das Gefühl von Selbstwirksamkeit ab.

"Wenn Pflegefachpersonen das Gefühl haben, ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können, nimmt auch ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit ab."

Warum Berufsstolz für den Berufsverbleib wichtig ist

Inwiefern hängen Berufsstolz, Pflegequalität und die Entscheidung, im Beruf zu bleiben, zusammen?

Pflegefachpersonen sind stolz auf ihren Beruf, auf ihr Wissen und ihre Fähigkeiten sowie auf die Erfolge, die sie damit in der Patientenversorgung erzielen. Wenn sie qualitativ hochwertige Pflege leisten können, erleben sie häufig Stolzmomente und ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Einige haben berichtet, dass sie ihren Beruf genießen und sich keinen anderen vorstellen können. Gleichzeitig schilderten andere Teilnehmende, dass die Pflegequalität in ihren Augen in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren deutlich abgenommen habe. Sie beschrieben, dass der Beruf heute teilweise nicht mehr dem entspricht, was sie ursprünglich gelernt haben. Wenn Pflegefachpersonen dauerhaft das Gefühl haben, ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können und zu einer Versorgung beitragen zu müssen, die sie selbst ablehnen, kann das zu erheblichen Belastungen führen. In einigen Interviews deutete sich an, dass dies sogar Gedanken an einen Berufsausstieg fördern kann.

Wenn Einrichtungen, Bildungseinrichtungen oder die Politik den Berufsstolz von Pflegefachpersonen stärken wollen: Wo sollten sie aus Ihrer Sicht zuerst ansetzen?

Hilfreich sind Bildungs- und Weiterbildungsangebote, mit denen Pflegefachpersonen ihr Wissen und ihre Kompetenzen erweitern können. Auch eine stärker evidenzbasierte Praxis, die insbesondere durch akademische Bildungswege in der Primärqualifikation – aber auch in der Weiterbildung – gefördert werden kann, kann die Pflegequalität verbessern und damit potenziell sowohl Patientinnen und Patienten zugutekommen als auch den Berufsstolz der Pflegefachpersonen fördern. Einrichtungen können Berufsstolz stärken, indem sie eine qualitativ hochwertige personenzentrierte Versorgung zum Ziel machen und organisatorische Barrieren identifizieren, die gute Pflege erschweren. Auf politischer Ebene wären verbindliche Personalbemessungsinstrumente aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt. Diese sollten die tatsächliche Komplexität von Pflege abbilden und neben körperbezogener Unterstützung auch Information, Beratung, Anleitung und Beziehungsarbeit berücksichtigen. Darüber hinaus sollten berufliche Werte, Haltungen und Berufsstolz bereits in der Pflegebildung kontinuierlich reflektiert werden. Ziel muss sein, Pflegefachpersonen Wege aufzuzeigen, wie sie ihre Werte und Ideale auch unter schwierigen strukturellen Bedingungen bestmöglich leben können.

 

Die Studie

Warum die Studie relevant ist: Erstmals beschreibt ein deutsches Forschungsteam systematisch, wie Berufsstolz in der Pflege entsteht, welche Bedeutung Pflegequalität und Arbeitsbedingungen haben und warum Berufsstolz für die Bindung von Pflegefachpersonen an den Beruf relevant sein könnte.

Titel: How nurses in acute care experience professional pride: a qualitative study
Journal: International Journal of Nursing Studies Advances
Stichprobe: 17 Pflegefachpersonen eines deutschen Universitätsklinikums
Methode: Qualitative Interviews und Fokusgruppen

Zentrales Ergebnis: Berufsstolz entsteht aus der Haltung zum Beruf, aus Fachwissen und Kompetenzen sowie aus pflegerischen Erfolgen. Entscheidend ist, ob Pflegefachpersonen ihre Versorgung als gelungen und mit ihren Werten vereinbar erleben.

Die wichtigsten Studienergebnisse

  • Alle befragten Pflegefachpersonen berichteten von Berufsstolz.
  • Berufsstolz unterscheidet sich von Arbeitszufriedenheit.
  • Gute Pflege und Selbstwirksamkeit fördern Berufsstolz.
  • "Ohnmacht" und schlechte Rahmenbedingungen gefährden ihn.
  • Berufsstolz könnte die Bindung an den Pflegeberuf stärken.

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