• Körperpflege - Prophylaxen
Körperpflege

Prophylaxen in der Pflege: Kommentar zur Evidenz

Prophylaxen in der Pflege: Sind nicht evidenzbasierte Maßnahmen sinnvoll? Eine Einordnung für die Praxis der ehemaligen DBfK-Präsidentin Christel Bienstein.

Die Körperpflege bietet viele Ansätze für pflegerische Prophylaxen. Doch einige, beispielsweise die Pneumonieprophylaxe, sind nicht evidenzbasiert. Welchen Stellenwert haben Pflegehandlungen, die wissenschaftlich nicht bewiesen sind?  
 

Eisen und Föhnen, damit kein Dekubitus entsteht. Bis weit in die 1980er-Jahre hinein zählte dies zu den wichtigsten Pflegemaßnahmen überhaupt. Bis sich eines Tages aufgrund einer wissenschaftlichen Untersuchung herausstellte, dass diese Maßnahme eher schadet, als nützt. Heute können Pflegende auf den Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe zurückgreifen, der 1999 erstmals erschienen ist und regelmäßig aktualisiert wird. Zumindest für diesen wichtigen Bereich steht evidenzbasiertes – also wissenschaftlich abgesichertes – Wissen zur Verfügung, mit dem Pflegende sozusagen immer "auf der richtigen Seite" sind.  

Viele Handlungen in der Pflege beruhen auf Erfahrungen, auch einige Prophylaxen 

Für die meisten pflegerischen Handlungen – darunter auch wichtige Maßnahmen wie die Pneumonieprophylaxe – gilt dies nicht. Weil Evidenz fehlt, muss der Pflegeberuf bis heute bei vielen Maßnahmen auf der Grundlage von Erfahrungswissen ausgeübt werden. Vieles an unserer tagtäglichen Arbeit ist nicht wissenschaftlich überprüft und erfolgt trotzdem. Es handelt sich oftmals um langjährig vorgenommene Maßnahmen, an die sich alle gewöhnt haben, aber für die es sozusagen lediglich eine "interne Evidenz" gibt, die aber nicht missachtet werden darf. Sie meint, dass unser Handeln zwar noch nicht im Sinne von randomisierten Studien (sogenannten Randomized Controlled Trials, RCT) belegt ist, aber von jedem von uns erfahrbar wird. 

Circa fünf Prozent der pflegerischen Maßnahmen sind evidenzbasiert, die der Medizin stützen sich auf 15 Prozent gesichertes Wissen. Zu spät sind wir in der Pflege in die wissenschaftliche Arbeit eingestiegen. Das lag nicht an uns, sondern an vielen Widerständen, die dem Pflegeberuf entgegengebracht wurden. Diese führten dazu, dass bis heute nur wenige Kolleg:innen unsere tagtäglichen Handlungen und Herausforderungen wissenschaftlich überprüfen. Trotzdem haben wir inzwischen erste Ergebnisse zu pflegerischen Maßnahmen, die belegen, was sinnvoll und was unsinnig oder sogar schädlich ist. Dies haben wir nicht zuletzt Doris Schiemann, emeritierte Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück, zu verdanken. Sie baute Mitte der 1990er-Jahre das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) auf und ebnete damit den Weg für Expertenstandards. Der erste Expertenstandard erschien, wie eingangs erwähnt, im Jahr 1999. Das war noch eine Zeit, wo „selbstgebastelte“ Standards in den Kliniken und Pflegeheimen erarbeitet wurden, zumeist zu Themen wie der Ganzkörperwäsche oder der Katheterisierung der Harnblase.  

Wissenschaftlich basierte Handlungsvorgaben unerlässlich 

Zuerst war ich damals irritiert. Was sollten diese Expertenstandards? Aber schnell offenbarte sich, dass es sich dabei um wissenschaftlich gestützte Handlungsvorgaben handelte, die mit vielen alten Ideen und Maßnahmen aufräumten. Es wurde mir klar, ein professioneller Beruf, wie unserer, bedarf eindeutiger Belege, für das, was wir tagtäglich tun. Inzwischen liegen zehn Expertenstandards zu Themen wie Schmerz, Dekubitus, Chronische Wunden, Kontinenz oder Ernährung vor. Sie zeigen die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse auf, die für unserer Alltagshandeln von Bedeutung sind. Die Expertenstandards setzen sich hoch qualifiziert mit internationalen Studienergebnissen und Erkenntnissen von Wissenschaft und Praxis auseinander. Sie sind daher überaus wertvoll und für alle Pflegefachpersonen verpflichtend einzuhalten. Denn Patient:innen und  Bewohner:innen müssen sich darauf verlassen können, dass sie eine qualitativ hochwertige Versorgung erhalten. 

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass viele Pflegehandlungen Rituale sind, die die wir auf Basis von Erfahrungen ausüben. Sie haben ihre Berechtigung, weil ihre Wirkung für uns wahrnehmbar wird. Gleichzeitig sind wissenschaftlich gestützte Handlungsvorgaben unerlässlich für eine hohe Pflegequalität. Bleiben auch Sie deswegen stets wissbegierig und trauen Sie sich, Fragen zu stellen. So sind wir auf einem guten Weg, unser Wissen und damit unser Handeln qualitativ wertvoll für die uns anvertrauten Menschen zu gestalten. Zwar ist das nicht immer einfach, aber wir schaffen das gemeinsam!

Kostenloser Newsletter

  • 2x Wöchentlich News erhalten
  • garantiert kostenlos, informativ und kompakt
* Ich stimme den Bedingungen für den Newsletterversand zu. 

Bedingungen für Newsletterversand:

Durch Angabe meiner E-Mail-Adresse und Anklicken des Buttons „Anmelden“ erkläre ich mich damit einverstanden, dass der Bibliomed-Verlag mir regelmäßig pflegerelevante News aus Politik, Wissenschaft und Praxis zusendet. Dieser Newsletter kann werbliche Informationen beinhalten. Die E-Mail-Adressen werden nicht an Dritte weitergegeben. Meine Einwilligung kann ich jederzeit per Mail an info@bibliomed.de gegenüber dem Bibliomed-Verlag widerrufen.