Passwort vergessen
  • 12.12.2017

Ausbildung

Chinas Pflege soll besser werden

Die Pflegeausbildung im Reich der Mitte hat Nachholbedarf, um die wachsenden Ansprüche der Bevölkerung in der Gesundheitsversorgung zu erfüllen. Deutschland mit dem dualen Bildungssystem kann dabei ein guter Partner sein. 

Seit einigen Jahren forcieren China und der Westen die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Einerseits öffnet sich das Reich der Mitte zunehmend politisch, andererseits steigt der Bedarf an Gesundheitspersonal, und das nicht nur in Europa.

Angesichts des prognostizierten globalen Versorgungsengpasses an Fachpersonal ist eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung ein dringendes Anliegen der chinesischen Regierung. Der Anspruch ist es, das Pflegepersonal so vorzubereiten, dass es die gesundheitlichen Anforderungen der wachsenden Bevölkerung qualitativ und quantitativ erfüllen kann. Deutschland mit seinem dualen Bildungssystem kann dabei ein guter Partner sein. Um für alle Beteiligten eine Win-win-Situation zu erreichen, ist es allerdings sinnvoll, einige Unterschiede in den Rahmenbedingungen genauer zu beleuchten, um Grenzen und Möglichkeiten der Übertragung auszuloten.

Die Bevölkerungszahl von China ist mit rund 1,3 Milliarden Menschen etwa 17-mal größer als die von Deutschland. Pro 1.000 Einwohner standen im Jahr 2014 etwa 2,2 Krankenpflegekräfte in China zur Verfügung (Durchschnitt Asien: 3,3, EU: 8,4). Die 1979 eingeführte Ein-Kind-Politik führte zwar zu einer gewollten Eindämmung des Bevölkerungswachstums, gleichzeitig wurde dadurch das Geschlechterverhältnis aber deutlich verschoben. Aufgrund des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs und der Verbesserung der Gesundheitsversorgung kam es zu einer deutlichen Steigerung der Lebenserwartung von 66 Jahren im Jahr 1979 auf 76 Jahre im Jahr 2015. Über 18 Prozent der nach 1980 geborenen Chinesen besuchen die Hochschule, der Anteil der BA-Absolventen steigt kontinuierlich. Obwohl die Ein-Kind-Politik im Jahr 2015 aufgegeben wurde, ist nach derzeitigen allgemeinen Einschätzungen ein signifikanter Anstieg der Fertilitätsrate von zurzeit 1,66 nicht zu erwarten.

Im Fazit bedeutet das:

  • schnelle Zunahme der Altersentwicklung,
  • geringer Frauenanteil,
  • starker Anstieg des Pflegebedarfs, insbesondere in der Altenpflege,
  • Fachkräftemangel – „War of talents“.

Die Ausbildung von Pflegefachpersonen in China spiegelt sich derzeit in fünf pflegerischen Bildungsstufen wider: Fachoberschule, College, BA, MA, PHD. Klassische Weiterbildungen mit einem hohen Praxisanteil, wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es nahezu nicht. Lehrpläne in China beinhalten vorwiegend das traditionelle „disziplinierte Modell“ mit Frontal-Unterricht und den Schwerpunkten von Fächerorientierung und klinischen Erkrankungen (biomedizinisches Modell). Die Auszubildenden und Studierenden übernehmen die standardisierten Ausführungen und Vorgaben durch „mitschreiben und passives Konsumieren“. Theorie und Praxis sind weiterhin getrennt. Bereiche außerhalb der akutstationären Versorgung werden in der Ausbildung wenig berücksichtigt. Die vorwiegende Form der Leistungskontrolle sind schriftliche Tests. Anerkennung und Prestige erfolgen oft über die Summierung von Spezialqualifikationen und Veröffentlichungen in medizintechnisch orientierten Forschungsbereichen.

Höchst spezialisierter Einsatz im Krankenhaus

Pflegefachpersonal ist in der ambulanten Pflege, Altenpflege und Rehabilitation aufgrund der bisherigen Struktur fast nicht tätig. Der Haupteinsatz erfolgt im akutstationären und ambulanten Bereich. In den Städten sind Krankenhäuser zwischen 1.000 und 3.000 Betten durchaus üblich. Insbesondere der Anteil der ambulanten Patienten ist extrem hoch. Räume mit über 50 Sitzplätzen für ambulante Infusionstherapien sind keine Seltenheit. Das Equipment ist in den Städten auf einem hohen medizinischen und technischen Niveau, wenngleich die Qualitätsstandards der Instandhaltung nicht mit europäischen Vorstellungen vergleichbar sind.

Das Pflegepersonal wird, um dem hohen Patientendurchlauf gerecht zu werden, sehr spezialisiert eingesetzt. So ist es durchaus üblich, dass Pflegekräfte zum Beispiel ausschließlich für das Legen von Infusionen, andere für die Überprüfung der Medikation und wieder andere für die Administration oder Überwachung der Infusionstherapie zuständig sind. Dadurch gelingt es ihnen, eine hohe Expertise in den sehr spezialisierten Einsatzbereichen zu erlangen und das extreme Arbeitspensum zu bewältigen. So berichtete mir eine Pflegekraft bei der Besichtigung einer Kinder- und Säuglingsambulanz und ambulanten Infusionstherapie in Beijing, sie würde pro Arbeitsschicht circa 70 Verweilkanülen legen. Alle Arbeitsabläufe sind in sehr hohem Maße standardisiert.

Obwohl unsere Arbeitssicherheit und Hygiene häufig mit erheblicher Kritik und Kopfschütteln bei diesen Abläufen reagieren würden, ist es unbenommen, mit welcher Präzision und Technikunterstützung die Medikamentenverabreichung vonstattengeht. Das reicht von der Rezeptkontrolle über das richtige Medikament, die korrekte Dosierung und Verabreichung bis hin zur Dokumentation.

Pflegende übernehmen in China in hohem Maße Tätigkeiten, die bei uns im ärztlichen Bereich angesiedelt sind und tendenziell die ärztliche Assistenz ausführt. Pflegende in China sind indes immer noch dem ärztlichen Bereich unterstellt und haben nach wie vor noch einen eher niedrigen beruflichen Status.

Zunehmende Unabhängigkeit

Chinas Politik unterstützt zunehmend die Weiterentwicklung der Profession Pflege und ergänzt dies mit Vorschriften. Bereits im Jahr 2007 wurde ein Ausbildungskomitee des Bildungsministeriums gegründet, das für die Akkreditierung und die Weiterentwicklung von Krankenpflegprogrammen zuständig ist. Dem folgte 2008 das Krankheitsfürsorgegesetz zur Weiterentwicklung der Pflege.

Im Jahr 2011 erhielt die Pflegedisziplin vom Staatsrat den Status eines „erstklassigen Subjekts“, und infolgedessen genießt die Pflege als Disziplin jetzt einen zunehmenden unabhängigen Status. Die weitverbreiteten Pflegeorganisationen und Selbstverwaltungen haben über die Jahre in guter Zusammenarbeit und mit Beratung der Regierung erhebliche Verbesserungen erreicht.

Im Fazit bedeutet dies:

  • Pflegebildung ist eine grundlegende Komponente in Chinas Gesundheitsreform und wird politisch aktiv unterstützt und gefördert.
  • Pflegebildung in China schreitet voran und benötigt jetzt die Transformation vom biomedizinischen hin zu einem pflegeprozessorientierten Modell mit eigenständiger Existenzberechtigung.
  • Die Bildungslandschaft braucht pädagogische Modelle des Problemlösungs- und Rollenspiel-zentrierten Lernens, um Outcome- und kompetenzorientierte Lehrpläne zu ermöglichen und so den Herausforderungen des Gesundheitswesens in China zu begegnen.

China gilt als kollektive, High-context-Kultur, dennoch ist es sehr gut möglich, auf kollegialer und professioneller Ebene eine gute und professionelle Arbeits- und Vertrauensebene zu etablieren.

Seit Anfang des Jahres 2017 gibt es ein China-German Joint Trainings-Programm (Sanming). In diesem Programm sollen vier Advanced Specialist Nursing Practice-Kurse für die Region Shen­zhen gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden. Die Dauer des Projekts beträgt voraussichtlich fünf Jahre, und es wird von der chinesischen Regierung gefördert. Insgesamt sind vier Fachrichtungen auf Masterlevel vorgesehen:

  • Fachbereich Hebammenwesen,
  • Fachbereich Intensivpflege,
  • Fachbereich Operationspflege,
  • Fachbereich Anästhesiepflege.

Besonderes Merkmal sind die gemeinsame Gestaltung der Curricula mit vergleichbaren europäischen Richtlinien und die gemeinsame Umsetzung von theoretischen Inhalten mit modernen Unterrichtsmethoden und Konzepten. Dazu gehört besonders die Verknüpfung von Theorie und Praxis. Bei den potenziellen Studenten handelt es sich um Pflegefachpersonen mit langjähriger Berufserfahrung und akademischen Abschlüssen. Zielsetzung ist der kontinuierliche Ausbau einer bedarfs- und zukunftsorientierten Pflegeexpertise zur Qualitätssteigung in der klinischen Praxis, vergleichbar mit den hier bekannten Einsatzbereichen einer ANP (Advanced Nursing Practice). Der Hebammenstudiengang wurde mit 30 Studenten Ende Oktober gestartet.

Autor

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN