• 20.12.2021
  • Management
Übergabe via Tonaufnahme

Pandemiekonform, aber nicht praktikabel

Das St. Josefs-Hospital Wiesbaden hat ein alternatives Übergabedesign via Tonaufnahme getestet.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2022

Seite 56

Pandemiebedingte Hygienevorgaben schränken die Möglichkeiten der pflegerischen Dienstübergabe ein. Diese Herausforderung nahm das St. Josefs-Hospital Wiesbaden zum Anlass, ein alternatives Übergabedesign via Tonaufnahme zu testen.

Mit dem Ziel, die Schichtübergabe zu gewährleisten und in deren Rahmen eine potenzielle Ansteckung mit dem SARS-CoV-2-Virus unter den Pflegefachpersonen zu vermeiden, startete das St. Josefs-Hospital Wiesbaden (JoHo) Anfang 2021 ein fünfmonatiges Projekt namens ÜvT (Übergabe via Tonaufnahme).

Dazu fand sich ein kleines Projektteam, das unter Einhaltung der Hygienerichtlinien die Übergabe mittels Tonaufnahme in einer ausgewählten pflegerischen Station mit Schwerpunkt der Inneren Medizin sowie Betreuung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten (im Folgenden: Patienten) erprobte. U. a. galt es, Effizienz, Qualität und Zeitaufwand des Übergabedesigns zu untersuchen. Um eine strukturierte und effiziente Tonaufnahme der Informationen sicherzustellen, fand das aus­tralische Übergabekonzept ISOBAR Anwendung (Textkasten: ISOBAR-Konzept).

ISOBAR-Konzept

I – Identify: sich vorstellen und den Patienten identifizieren sowie bei Übergaben das übergebende Team
S – Situation: Problem benennen bzw. unmittelbare medizinische Situation
O – Observation: Vitalparameter erkennen und klinische Übernahme: Was kann beobachtet werden?
B – Background: Patientenrelevante Informationen erheben, Anamnese, Hintergrund, Zusatzinformationen
A – Agreed Plan: Was muss passieren? Vorgesehene weitere Aktionen und Aktivitäten
R – Read Back: Check und versichern zum Verständnis: Wer ist wofür und wann verantwortlich?
Hier wird die Möglichkeit gegeben, Informationsdefizite und Verständnisprobleme zu klären.

Quelle: Markus Assenheimer, Diakonie-Klinikum Schwäbisch Hall, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, B. A. Angewandte Pflegewissenschaften, Praxisanleiter auf dem Intensivfachpflege-Symposium Saarbrücken am 17. November 2017

 

Erste Schritte

Das Projektteam zog den Datenschutzbeauftragten und die Mitarbeitendenvertretung des Hauses zwecks rechtlicher Absicherung hinzu und stellte das Übergabekonzept ISOBAR und dessen Umsetzung im Rahmen digitaler Teambesprechungen vor. Im Folgenden erstellte das Team ein Konzept mit einzelnen Prozessschritten, um einen klaren Ablauf des neuen Übergabedesigns festzulegen. Im Anschluss informierte die Projektgruppe über die JoHo-Akademie sowie das Bildungszentrum für Pflege, Medizin und Therapie die Auszubildenden, die während des Projektzeitraums auf der ausgewählten Station eingesetzt werden sollten.

Abschließend wählte das Team ein Tonaufnahmegerät aus, das über eine gute Aufnahme- und Abhörqualität verfügen und unkompliziert in der Handhabung sein sollte. Dazu gehörte auch, dass die Aufnahmen nach der Übergabe zu löschen waren, um u. a. einem Gefühl der Kontrolle entgegenzuwirken – dies war auch eine gemeinsam getroffene Absprache mit der Mitarbeitervertretung.

Das Team testete die Übergabe via Tonaufnahme zunächst in einem kleinen Teilbereich der Station – in der ersten Woche eng begleitet von der Projektleitung, die zugleich die Funktion der Stationsleitung innehat. Im Folgenden wurde das Projekt sukzessive auf die komplette Station ausgeweitet.

Pandemiekonforme Übergabe

Die Übergabe via Tonaufnahme erfolgte in allen drei Schichten und generell unabhängig von der Tageszeit. Um die datenschutzrecht- lichen Vorgaben einzuhalten, lagen die Aufnahmegeräte bis zur Übergabe an einem verschlossenen Ort. Dort entnahm sie die jeweilige Schichtleitung rechtzeitig vor dem Über-gabetermin. Die Übergabe war in zwei Schritte unterteilt:

  • die Tonaufnahme der Schichtleitung und
  • die Tonaufnahme der verantwortlichen Pflegefachperson.

Das Leitungsteam legt die jeweilige Schichtleitung zu den Tagdiensten generell im Rahmen der Dienstplanung fest. Der Verant­wortungsbereich der Schichtleitung umfasst Bettenmanagement, Aufnahme- und Entlassungsplanung sowie administrative Tätigkeiten. Im Rahmen des Projekts sprach die Schichtleitung zuallererst stets die zentralen Informationen über das Bettenmanagement der Sta­tion in das Gerät ein. Diese Vorgehensweise diente dem Zweck, dass z. B. noch ausstehende Aufnahmen oder Entlassungen strukturiert weitergegeben werden konnten und wichtige Informationen zur Steuerung der Station nicht verloren gingen.

Die verantwortliche Pflegefachperson des jeweiligen Bereichs nahm anschließend innerhalb eines festgelegten Zeitraums die Informationen nach ISOBAR auf das Tonaufnahmegerät auf – unter Nutzung der Patientenkurve sowie ggf. der -akte. Dabei war besonders darauf zu achten, dass die Übergabe nicht ständig unterbrochen wurde. Im Anschluss an die Aufnahme übergab die Pflegefachperson Patientenkurve und Tonaufnahmegerät persönlich an die nachfolgend verantwortliche Pflegefachperson.

Die nachfolgenden Pflegefachpersonen hörten sich die Aufnahmen bereichsbezogen in einem ruhigen ungestörten Raum an. Gleichzeitig sahen sie die Patientenkurven ein, um der Aufnahme folgen zu können. Zur Klärung offengebliebener Fragen kontaktierten sie die verantwortliche Pflegefachperson der vorherigen Schicht – unter Wahrung der bekannten AHA L-Regeln. Anschließend löschten sie die Aufnahme datenschutzkonform.

Evaluation

Nach der ersten Woche sowie in zweiwöchentlichem Abstand gaben die Mitarbeitenden der Projektstation Feedbacks zu Umsetzung, Handhabung, Effizienz und Zeitaufwand des Übergabeverfahrens via Tonaufnahmegerät.

Die Übergabe war unter Einhaltung der Hygienevorgaben gut umsetzbar. Die schichtüberlappende Stunde nutzten jene Pflegefachpersonen, die der sonst üblichen Übergabe als „stille Beisitzende“ beiwohnten, sinnvoll für anfallende Tätigkeiten, die den Patienten zugutekamen.

Bei reduzierter Patientenzahl stellt diese Übergabeform eine gute Alternative zum traditionellen Übergabedesign dar. Für einen „normalen“ Stationsbetrieb mit 32 Patienten und unterschiedlichen Untersuchungszeiten birgt die Übergabe via Tonaufnahme ein hohes Risikopotenzial – insbesondere wegen des Verlusts wesentlicher Informationen.

So kamen Patienten während der Über­gabe nach Eingriffen, Diagnostik oder als Verlegungen auf Station. Dies machte eine zu­sätzliche Face-to-Face-Übergabe notwendig, da anderenfalls wesentliche Informationen verloren gegangen wären. Weitere Probleme:

  • räumliche Gegebenheiten: Zum Abhören und zur Aufnahme der Übergabe wurden bis zu drei ruhige und ungestörte Räume benötigt,
  • beeinträchtigte Aufmerksamkeit beim Abhören: Aufnahmen wurden als eintönig empfunden,
  • Verständnis- und Verständigungsprobleme: Akzente und Dialekte sorgten für mehr Nachfragen oder sogar Risiken. Auch für Mitarbeitende mit einer Hörbeeinträchtigung ergaben sich Nachteile.
  • Verarbeitung wiederkehrender Informa­tionen: Das wiederholte Abhören der Aufnahmediagnosen bereits bekannter Patienten wurde als störend wahrgenommen.

Ein anderes Feedback betrifft die flexible Gestaltung der Bereichspflege, besonders für den Nachtdienst: Zu jeder Schicht werden Mitarbeitende abhängig vom Pflegeaufwand der Patienten und der personellen Besetzung flexibel in bis zu drei Bereichen eingeteilt.

Pflegefachpersonen aus dem Nachtdienst mussten ihre Aufnahmen daher mitunter auf drei Geräte sprechen. Verteilten sich Mitarbeitende in der anschließenden Frühschicht anders als jene der Nachtschicht nicht auf drei Bereiche, kam es zu Überschneidungen beim Abhören und zu verlängerten Übergabezeiten.

Nachteilig und von den Pflegefachpersonen deutlich bemängelt war der fehlende und üblicherweise im Rahmen der traditionellen Übergabe etablierte Wissensaustausch im Team, z. B. zu Neben- und oder Wechselwirkungen von Medikamenten. Lediglich vereinzelt erfolgte Wissensaustausch im Zuge der Nachfragezeit – allerdings nur zwischen den zuständigen Pflegefachpersonen der vorangegangenen und nachfolgenden Schicht. Wichtige Informationen wurden teils im Stile „Stille Post“ weitergegeben. Doch ließ sich das gesamte Veränderungsbild von Patienten nicht erkennen oder erfassen, wenn sich die Zuständigkeiten der Pflegefachpersonen im Laufe einer Arbeitswoche veränderten. Dies betraf v. a. Patienten mit längerer Verweildauer und stetigem Wandel des Allgemeinzustands, der Bedürfnisse und individueller Ressourcen.

Gerade wegen der psychischen Belastung ihrer Arbeit schätzen Pflegefachpersonen den typischen Austausch unter Kolleginnen und Kollegen. Diese zwischenmenschlichen Aspekte haben eine hohe Relevanz in der Teamentwicklung und der individuellen Verarbeitung von alltäglichen Herausforderungen. Dieser Wohlfühlcharakter entfällt mit der Tonaufnahme.

Risikobehaftetes Instrument

Das Übergabekonzept ISOBAR wirkt sich positiv auf die Qualität der Übergaben aus. Eine klare Strukturlinie minimiert unsachliche Informationen und verhindert ungewollten Zeitverlust. Zwar fand die Übergabe via Tonaufnahme bei den meisten Mitarbeitenden Akzeptanz. Dennoch ist sie insgesamt ein wenig geeignetes Instrument für ein Akutkrankenhaus mit einem hohen Patientenaufkommen. Sie birgt die Gefahr, Mitarbeitende zu demotivieren und defizitärer Kommunikation. Außerdem steigt das Risiko der Pflegefehler infolge Fehleinschätzung oder Informationsverlust in einem Alltag mit laufenden Veränderungen.

Hingegen eignet sich dieses Instrument, um hygienische Maßgaben einzuhalten. Auch als pädagogisches Hilfsmittel zum Einüben strukturierter Übergabekonzepte ist es dienlich, da es u. a. eine Reflexionsmöglichkeit bietet. Zu prüfen wäre, ob eine Übergabe mittels Ton- und Videoaufnahme bessere Effekte erzielen könnte.

Für andere Settings mit wenigen täglichen Veränderungen, etwa in der ambulanten Pflege, könnte die Übergabe mittels eines Tonaufnahmegeräts durchaus geeignet sein. Weiterhin könnte das gewählte Übergabedesign bei der Umsetzung von Primary Nursing eine sinnvolle Ergänzung sein.

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