• 20.12.2021
  • Praxis
Komplikationen des Diabetes mellitus

Diabetisches Fussulkus: Risikofaktoren und Prävention

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2022

Seite 41

Jeder Mensch mit Diabetes mellitus ist gefährdet, im Laufe seines Lebens ein Diabetisches Fußulkus auszubilden. Daher ist es wesentlich, Risikofaktoren und Warnsignale zeitnah zu identifizieren. Schulungen sind wichtig, um Komplikationen zu vermeiden.

Es gibt zahlreiche Risikofaktoren, die ein Diabetisches Fußulkus (DFU) auslösen und die die Wundheilung stören können [1, 2]. Eine Übersicht bietet Tabelle 1.

Vorsorgeuntersuchungen sind essenziell, um Risikofaktoren und Warnsignale zeitnah zu identifizieren. Die Intervalle der Vorsorgeuntersuchungen orientieren sich am individuellen Risikostatus. Die International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) hat ein Risikostratifizierungssystem publiziert, aus dem die empfohlene Häufigkeit der Fußuntersuchungen in Bezug auf den Risikostatus abzulesen ist (Tab. 2).

Laut IWGDF gibt es fünf zentrale Maßnahmen, die wesentlich die Vorbeugung eines DFU unterstützen [2]:

  • Identifizierung des gefährdeten Fußes
  • Regelmäßige Kontrolle und Untersuchung des gefährdeten Fußes
  • Aufklärung der bzw. des Betroffenen, der Angehörigen und des Fachpersonals
  • Sicherstellung des routinemäßigen Tragens geeigneten Schuhwerks
  • Behandlung von Risikofaktoren für eine Ulzeration

Selbstmanagement als Teil der Prävention

Mitarbeit, Vertrauen, Akzeptanz und Verständnis für die möglichen Auswirkungen der Erkrankung sind Voraussetzungen für die Adhärenz der Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) gegenüber den erforderlichen Maßnahmen der Prävention. Adäquat und sachgerecht geschulte Patienten können Warnhinweise, die der Entstehung eines Fußulkus vorausgehen, erkennen. Dadurch entwickeln sie ein Bewusstsein für die typischen Risikofaktoren und sind motiviert, regelmäßig Behandlungs- und Kontrolltermine wahrzunehmen.

Betroffene sollten, optimalerweise zusammen mit Angehörigen, halbjährlich Schulungen von Diabetesberaterinnen bzw. -beratern besuchen, deren Inhalte auf ihre Erkrankung und ihre individuellen Fähigkeiten angepasst sind. Typische Inhalte sind allgemeine Informationen zum Krankheitsbild, Erkennen von Risikofaktoren, Wissen über angepasste Ernährung, selbstständige und regelmäßige Blutzuckermessung, Aspekte einer verletzungsfreien Fußpflege, geeignetes Schuhwerk und geeignete Strumpfauswahl sowie eine tägliche sachgerechte Selbstinspektion der Füße und Schuhe, inkl. dem Austasten vor deren Anlage.

Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann für den Betroffenen eine unterstützende und vertiefende Erfahrung darstellen. Bei Fragen oder Selbstpflegedefiziten des Patienten in Bezug auf die eigene Fußpflege ist in regelmäßigen Abständen eine Podologin bzw. ein Podologe aufzusuchen. Ggf. ist die Einbindung eines ambulanten Pflegedienstes erforderlich. Zudem profitieren die Betroffenen von Informationen zu weiterführender Hilfe. Das Wundzentrum Hamburg bietet unter www.wundzentrum-hamburg.de) die Broschüre „Fußgesundheit bei Diabetes mellitus“ zum Download an.

Wirksame präventive Maßnahmen

Folgende Faktoren sind wichtig, um einem DFU vorzubeugen [3]:

Anpassung des Lebensstils. Wichtig sind ausreichende Bewegung, eine ausgewogene Ernährung sowie der Verzicht auf Alkohol und Nikotin.

Regelmäßige Blutzuckerkontrollen ermöglichen die optimale Einstellung des Diabetes. Der HbA1c-Wert sollte zur Therapie des Typ-2-Diabetes und zur Prävention von Folgekomplikationen zwischen 6,5 % und 7,5 % und bei Typ-1-Diabetes ≤ 7,5 % liegen. Ein sorgfältig geführter Diabetespass gibt Aufschluss über Veränderungen.

Tägliche Fußinspektion hilft, Veränderungen früh zu erkennen; sie ist aber nur bei ausreichendem Sehvermögen möglich. Bei bewegungseingeschränkten Menschen kann ein langstieliger Spiegel (Abb. 1) genutzt werden. Das Augenmerk liegt auf Pilzbefall, Blasen, Druckstellen, Hyperkeratosen (Hornhautbildung), Rhagaden (Rissen), Einblutungen, Fußdeformitäten (z. B. Krallenzehen, Hallux valgus), Verletzungen und Entzündungen.

Tägliche Fußpflege und regelmäßige Nagelpflege. Zur Fuß- und Nagelpflege sollte eine pH-hautneutrale (pH-Wert 5,5) Waschlotion genutzt werden. Anschließend ist vorsichtig und sorgfältig abzutrocknen, vor allem in den Zehenzwischenräumen (Abb. 2). Wichtig: Fußbäder sollten wegen der Verbrennungs- und Verletzungsgefahr unterbleiben (Abb. 3). Hornhaut wird schonend mit einer breiten Feile oder einem Bimsstein abgetragen (Abb. 4). Hornhauthobel, Nagelscheren, Nagelzwicker und Rasierklingen dürfen aufgrund der Verletzungsgefahr nicht genutzt werden (Abb. 5). Ebenso dürfen Hornhaut- und Hühneraugenpflaster wegen der Verätzungsgefahr nicht verwendet werden (Abb. 6). Nägel können bei ausreichendem Sehvermögen vorsichtig mit einer Feile behandelt werden. Bei Unerreichbarkeit der Füße oder schlechtem Sehvermögen sollten die Patienten alle vier bis sechs Wochen die Leistung einer Podologin bzw. eines Podologen in Anspruch nehmen.

Füße schützen. Um Verletzungen an den Füßen vorzubeugen, sollten die Patienten nicht barfuß, nicht nur auf Socken oder mit offenen Schuhen gehen. Wärmflaschen oder Heiz- decken sollten wegen der Verbrennungsgefahr nicht genutzt werden. Auf Bettbretter am Fußende ist zu verzichten, da sie zu Verletzungen führen können. Die Schuhe sind vor dem Anziehen immer auf eventuelle Fremdkörper, z. B. kleine Steine, zu inspizieren bzw. auszutasten. Aufgrund der Neuropathie laufen die Patienten ggf. auf einer Reißzwecke, ohne dass sie es merken.

Tägliche Hautpflege. Die trockene, rissige Haut benötigt eine tägliche Pflege mit Produkten auf Wasser-in-Öl-Basis mit Feuchthaltefaktoren, z. B. Urea (5–10 %), Milchsäure oder Glycerin. Um Pilzbefall vorzubeugen, sind die Zehenzwischenräume auszusparen.

Strümpfe sind aus hygienischen Gründen täglich zu wechseln und faltenfrei anzuziehen. Bei der Auswahl sollte auf nahtlose Produkte ohne einengende Bündchen aus atmungsaktivem Material, z. B. Mikrofaser, Wolle oder Baumwolle, und in hellen Farben (Erkennung möglicher Verletzungen) geachtet werden.

Schuhe. Dem Patienten stehen als Grundausstattung mit einem sog. konfektionierten diabetischen Schutzschuh (mit Diabetes-adaptierter Weichbetteinlage) zwei Paar Diabetes-adaptierte Straßen- und ein Paar entsprechende Hausschuhe zu. Alle zwei Jahre sind Straßen- und alle vier Jahre Hausschuhe neu verordnungs- und erstattungsfähig. Die Zuzahlungen hierfür liegen etwa bei 60 bis 80 Euro oder höher. Indikationen hierfür sind z. B. diabetische Polyneuropathie mit ausgeprägter sensorischer Neuropathie (Sensibilitätsverlust) und/oder ausgeprägter Angiopathie (Durchblutungsstörungen), verbunden mit bereits vorhandenen oder abgeheilten Ulcera und/oder sonstigen mechanischen Irritationen, die zu regionalen Druckspitzen führen (Risikogruppe II und III nach Klassifizierung der DDG).

Tipp: Auf der Website des Wundzentrums Hamburg e. V. kann ein Standard zur Schuhversorgung und -verordnung je nach Risikoklasse heruntergeladen werden.

Da die Füße abends dicker sind, sollten Schuhe grundsätzlich abends gekauft werden. Diabetes-adaptierte Schuhe sollten über folgende Eigenschaften verfügen: flache Absätze, weiches Material ohne drückende Nähte; ausreichende Länge, Breite und Höhe, um sich den Füßen gut anzupassen und keine Druckstellen oder Blasen hervorzurufen. Zudem sollten solche Schuhe über einen gepolsterten Einschlupf, atmungsaktives Material und eine wenig biegsame Sohle mit durchgehender Innensohle verfügen; ggf. sind eine Sohlenversteifung und Abrollhilfe erforderlich.

Optimal ist ein Besuch beim Orthopädieschuhtechniker. Dieser ermittelt durch Fußscan, Trittbox und elektronische Messplatten die Auftrittsfläche und die Druckverteilung des Fußes.

In Bewegung bleiben. Einfache Bewegungsübungen verbessern die Durchblutung der Füße. Hierzu gehören: Greifübungen, über einen Ball rollen, Füße auf- und abwippen, Füße kreisen.

Ärztin bzw. Arzt aufsuchen. Eine Eigenbehandlung von kleinen Verletzungen sollte unterbleiben. Bei Veränderungen wie Schwellungen, Rötungen, Rissen oder Verletzungen ist sofort die behandelnde Ärztin bzw. der behandelnde Arzt aufzusuchen.

Zusätzlich zu den genannten präventiven Maßnahmen im Rahmen des Selbstmanagements sollten Menschen mit Diabetes mellitus mindestens jährlich Füße, Schuhe und Strümpfe zusätzlich durch den behandelnden Arzt kontrollieren lassen.

Entscheidend für die Nachhaltigkeit der Prävention des DFU ist die Mitarbeit des Patienten. Aufklärung und Einsicht in die Notwendigkeit der Maßnahmen sind die Basis hierfür.

In der nächsten Ausgabe erscheint Teil 3 der dreiteiligen Artikelserie. Die Autorin geht darin auf die Diagnostik des Diabetischen Fußsyndroms und die therapeutischen Versorgungs-optionen bei Menschen mit Diabetischem Fußsyndrom ein.

 

[1] Protz K, Timm JH. Moderne Wundversorgung. 9. Aufl. München: Elsevier; 2019: 177–178

[2] Morbach S et al. Diabetisches Fußsyndrom. Diabetologie 2017; 12 (Suppl 2): 181–189

[3] WGDF Guidelines on the prevention and management of diabetic foot disease. Deutsche Übersetzung in Auftrag und Verantwortung der AG Fuß in der DDG.

[4] Wundzentrum Hamburg e. V. Standards, Patientenbroschüre. www.wundzentrum-hamburg.de

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