• 07.11.2025
  • PflegenIntensiv
Nachhaltigkeit in Anästhesie und Intensivmedizin

Grün denken

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2025

Seite 72

Kliniken stehen zunehmend vor der Aufgabe, ökologische Verantwortung in den medizinischen Alltag zu integrieren. Am Universitätsklinikum Halle zeigt sich, wie technische Innovation, strukturelle Verankerung und engagierte Teams eine ressourcenschonende Patientenversorgung ermöglichen.

Anästhesie und Intensivmedizin zählen zu den ressourcenintensivsten Bereichen der Medizin. Sie er­fordern eine kontinuierliche Energieversorgung, den Einsatz von sterilem Einwegmaterial, komplexen Beatmungssystemen sowie Narkosegasen mit erheblichem Treibhauspotenzial.

Das Universitätsklinikum Halle (Saale) nimmt jährlich mehr als 20.000 Operationen in 21 OP-Sälen und sechs dezentralen Bereichen vor. Allein die anästhesiologische Intensivstation versorgt jährlich rund 1.600 Patientinnen und Patienten. Verantwortung und Nachhaltigkeit gehören hier zusammen.

Nachhaltigkeit als Teil der Klinikkultur

Seit 2021 ist Nachhaltigkeit ein zentrales Unternehmensziel des Universitätsklinikums Halle (Saale). Einige Bereiche sind bereits nach DIN EN ISO 14001 – eine international gültige Norm für Umweltmanagementsysteme, die Organisationen hilft, ihre Umweltleistung zu verbessern und gesetzliche Vorgaben einzuhalten – für ihr Umweltmanagement zertifiziert. Darunter auch die Universitätsklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin. Sie integriert ökologische Verantwortung Schritt für Schritt in den klinischen Alltag – von der Narkoseführung bis zur Verwaltung. Das Ziel: moderne, sichere und zugleich ressourcenschonende Medizin.

Besonderen Rückhalt erfährt dieses Engagement durch Prof. Dr. Bucher, Direktor der Universitätsklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin. Unter seiner Leitung wird das Thema Nachhaltigkeit konsequent als Teil der klinischen Strategie verstanden und in Forschung, Lehre und Versorgung verankert.

Ein eigenes Sachgebiet für Nachhaltigkeit und Umweltschutz koordiniert die Aktivitäten aller Klinikbereiche. Für die Anästhesiologie bedeutet das: Nachhaltigkeit ist keine Einzelinitiative mehr, sondern fest im Qualitäts-, Risiko- und Beschaffungsmanagement des Universitätsklinikums verankert.

Herausforderungen. Nachhaltigkeit im Krankenhaus ist kein Selbstläufer. Zu den größten Herausforderungen zählen:

  • Sicherheits- und Hygienestandards: Jede Um­stellung, etwa von Einweg- auf Mehrwegprodukte, erfordert Risikoprüfungen und Hygienefreigaben sowie Schulungen und Einweisungen.
  • Material- und Gerätevielfalt: Viele nachhaltige Alternativen sind (noch) nicht zugelassen oder schwer verfügbar.
  • Kulturwandel im Team: Nachhaltiges Denken ist in den Köpfen zu verankern – neben Zeitdruck und Patientenversorgung keine leichte Aufgabe.
  • Daten- und Transparenzdefizite: Viele Kliniken erheben Verbrauchsdaten zu Strom, Gasen oder Material oft nicht systematisch. Nur wer Verbrauchsdaten kennt, kann gezielt steuern.
  • Wirtschaftlicher Druck und Finanzierungslücken: Ein weiterer Hemmschuh für nachhaltige Entwicklungen im Krankenhaus ist der anhaltende wirtschaftliche Druck. Die Kliniken arbeiten unter massiven Kostenvorgaben und Vergütungssystemen, die kurzfristige Effizienz stärker belohnen als langfris­tige ökologische Verantwortung. Investitionen in nachhaltige Technik – etwa energieeffiziente und ressourcenschonende Anästhesie- und Beatmungstechnik, Mehrwegsysteme, moderne Aufbereitungssysteme oder digitale Dokumentationsprozesse – erfordern finanzielle Mittel, deren Amortisation sich oft erst über Jahre zeigt. Gleichzeitig fehlt es an gezielten Förderprogrammen oder Anreizstrukturen, gekoppelt mit unbürokratischen Antragsverfahren, um ökologische Maßnahmen ökonomisch attraktiv zu machen. Im Ergebnis zeigt sich, dass Nachhaltigkeitsprojekte regelmäßig mit Maßnahmen der unmittelbaren klinischen Versorgung um begrenzte Ressourcen konkurrieren – und dabei oftmals das Nachsehen haben. Gerade deshalb ist es entscheidend, ökologische Maßnahmen auch als wirtschaftliche Investition in Zukunftsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Image des Hauses zu begreifen.

 

Handlungsfelder. Nachhaltigkeit entsteht nicht allein durch Großprojekte, sondern durch viele kleine, konsequente Veränderungen. Die Universitätsklinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin setzt zunehmend einfache, aber wirksame Maßnahmen um. Seit einigen Jahren wird die Einführung von Narkosegas-Rückgewinnungssystemen diskutiert. Die Klinik priorisierte diese Maßnahmen aufgrund finanzieller Aspekte und der Vorgaben des Medizinproduktegesetzes (MPG) zunächst nicht.

Impuls für das Thema Nachhaltigkeit erhielt die Klinik zusätzlich mit der Gründung eines „Green Teams“. Dieses entwickelt aktiv Maßnahmen und Ideen zur Förderung der Nachhaltigkeit und trägt diese in das gesamte Team. Unterstützt wird das Green Team vom Klinikdirektor, von mehreren Oberärztinnen und -ärzten sowie pflegerischen Bereichsleitungen, die als Führungskräfte Teil des Teams sind. Die Arbeitsgruppe hat seit ihrer Gründung bereits zahlreiche effektive Maßnahmen umgesetzt:

  1. Minimal-Flow-Narkosen in Kombination mit modernster Narkosetechnik: Zum Einsatz kommen modernste Narkosegeräte, die konsequent Minimal-Flow-Narkosen ermöglichen. Durch die Reduktion des Frischgasflusses auf unter 0,5 l/min lässt sich der Verbrauch an Narkose­gasen erheblich verringern. Eine Stunde Sevo­fluran-Anästhesie mit Minimal-Flow-Verfahren spart gegenüber einem Frischgasfluss von 2 l/min bis zu 90 Prozent der CO₂-Äquivalente ein – das entspricht rund 35 Kilometern Autofahrt. Neue Mitarbeitende erhalten hierzu gezielte praktische Einweisungen, ergänzt durch Kittelkarten mit kompakten Handlungshinweisen und Kontaktpersonen des Green Teams, das als zentrale Anlaufstelle für Fragen zur nachhaltigen Narkoseführung dient. Darüber hinaus verzichtet die Klinik bereits seit mehreren Jahren vollständig auf den Einsatz von Desfluran, dessen extrem hohes Treibhauspotenzial den bewussten Ausschluss aus dem klinischen Alltag sinnvoll und konsequent macht (Tab. 1).
  2. Recycling von Atemkalk-CO₂-Absorbern: Verbrauchten Atemkalk führt die Klinik über die Abfallwirtschaft an den Hersteller zurück. Dieser bereitet den Atemkalk wieder auf, sodass Kunststoff- und Kalkbestandteile erneut nutzbar sind. Auf diese Weise lassen sich pro Absorber etwa 600 g CO₂-Äquivalent einsparen.
  3. TIVA und Regionalanästhesie: Die Klinik setzt vermehrt auf total intravenöse Anästhesie (TIVA) mit Propofol sowie auf regionale Verfahren. Studien zeigen: Trotz höherem Energiebedarf ver­ursacht Propofol weniger CO₂-Äquivalent als Sevofluran [1]. Gleichzeitig achtet das Team auf sorgfältige Mengenplanung, um Verwurf und Sondermüll zu vermeiden [2]. Ein struk­turiertes Regionalanästhesie-Konzept fördert standardisierte Abläufe und Schulungen. Regionalverfahren, die bereits im Holdingbereich angelegt werden, sparen zusätzlich Zeit, Ressourcen und Energie.
  4. Entkopplung der Anästhesiegas-Fortleitungssysteme (AGFS): Nach OP-Programmende werden die AGFS-Systeme abgeschaltet, um Strom zu sparen. Bei 21 OP-Sälen ergibt sich daraus eine jährliche Einsparung von circa sechs Tonnen CO₂-Äquivalent – ein beachtlicher Beitrag durch eine einfache Maßnahme (Tab. 2).
  5. Recycling von Einmal-Metallinstrumenten: Einweg-Metallinstrumente enthalten wertvolle Materialien wie Edelstahl oder Titan. Die Klinik sammelt diese sortenrein und führt sie der Altmetallverwertung zu.
  6. Bewusster Umgang mit Energie und Materialien: Nach OP-Ende werden Geräte, Monitore und Computer konsequent vom Netz getrennt. In der Verwaltung hat man begonnen, auf Recycling­papier umzusteigen, und im Anästhesie- und Intensivbereich kommt eine digitale Dokumenta­tion zum Einsatz.
  7. Wissenschaftliche Begleitung: Zwei Promotionsprojekte befassen sich derzeit mit dem ökologischen Fußabdruck verschiedener Narkoseverfahren und der Wirksamkeit von Minimal-Flow-Techniken. So wird Nachhaltigkeit wissenschaftlich fundiert und kontinuierlich weiterentwickelt.

Ausbildung und Kulturwandel. Nachhaltigkeit wird dann erfolgreich, wenn sie fest in der klinischen Identität verankert ist. Deshalb integriert die Klinik das Thema zunehmend in Lehre und Fortbildung – etwa durch Schulungen zu Minimal-Flow-Techniken, energieeffizientem Geräteeinsatz und Abfallmanagement – sowie in die studentischen Vorlesungen. Ergänzend vermitteln kurze Lernimpulse im Rahmen des „One Minute Wonder“-Konzepts Wissen kompakt, praxisnah und direkt im Arbeitsalltag.

Langfristig soll Nachhaltigkeit zu einem selbstverständlichen Bestandteil medizinischen Handelns werden – von der Ausbildung bis zur täglichen Rou­tine. Um dieses Ziel zu erreichen, ist das Thema eng mit den klinikinternen Projekten zum Wissens- und Wirtschaftlichkeitsmanagement verknüpft. So können Erfahrungen, Ideen und Einsparpotenziale sys­tematisch zusammengeführt und für die Weiterentwicklung nachhaltiger Strukturen im Klinikalltag genutzt werden.

Green Anästhesie ist machbar

Nachhaltigkeit in der Anästhesie und Intensivmedizin ist kein fernes Ideal, sondern gelebte Verantwortung. Das Beispiel des Universitätsklinikums Halle (Saale) zeigt: Mit technischer Innovation, Teamgeist und struktureller Unterstützung lässt sich viel bewegen. Ob Minimal-Flow-Narkosen, TIVA, Recycling oder Energieeinsparung: Jeder Schritt zählt. Auf diese Weise entsteht eine moderne, sichere und zugleich ressourcenschonende Patientenversorgung – auf dem Weg zur Green Anästhesie.


Literatur:

[1] Bette B et al. Ökologische und ökonomische Bewertung der Allgemeinanästhesie mit Propofol oder Sevofluran – ein vereinfachtes Life Cycle Assessment. Anästh Intensivmed 2025 (66): 310–316. doi: 10.19224/ai2025.310

[2] Mankes RF. Propofol Wastage in Anesthesia. Anesth Analg 2012 (114): 1091–1092. doi: 10.1213/ANE.0b013e31824ea491

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