Sepsis und septischer Schock sind laut Deutscher Sepsis-Gesellschaft die Haupttodesursachen auf nichtkardiologischen Intensivstationen. Fehlregulierte Immunreaktionen auf eine Infektion können zu akute Hirnschädigung, akutem Lungen-, Nieren- und Leberversagen und letztlich zum Tod führen. Die aktualisierte S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ gibt evidenzbasierte Empfehlungen. Der Autor stellt einige vor und beleuchtet praxisrelevante Aspekte.
Die S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ (Textkasten: Die Leitlinie) bezieht sich auf erwachsene Patienten (≥ 18 Jahre) mit Sepsis oder septischem Schock.
Sepsis. Die Leitlinie definiert eine Sepsis als lebensbedrohliche Organdysfunktion, ausgelöst von einer Infektion, die mit einer Regulationsstörung des Wirts einhergeht. Somit wird für die Diagnose einer Sepsis dezidiert das Vorliegen einer oder mehrerer Organdysfunktion(en) gefordert [1].
Septischer Schock. Den septischen Schock definiert die Leitlinie als eine trotz adäquater Volumentherapie persistierende arterielle Hypotension mit der Notwendigkeit einer Therapie mit Vasopressoren, um einen mittleren arteriellen Blutdruck von ≥ 65 mmHg zu erreichen. Gleichzeitig muss der Laktatwert im Blut > 2 mmol/l betragen [1].
Die Leitlinie bietet eine Informationsgrundlage zu angemessenen, wissenschaftlich begründeten und aktuellen Verfahren für Diagnostik, Therapie und Nachsorge und beinhaltet 88 Empfehlungen. Sie aktualisiert die Version von 2018. 43 Empfehlungen blieben unverändert, 16 Empfehlungen wurden geändert, 29 Empfehlungen neu ausgesprochen.
Wichtig zu wissen: Die Sepsis ist ein Krankheitsbild mit hoher Sterblichkeitsrate. In Deutschland beträgt die Krankenhaussterblichkeit 38,4 Prozent, bei septischem Schock sogar 55,1 Prozent. Das frühzeitige Erkennen einer Sepsis und eine frühzeitige evidenzbasierte Behandlung tragen entscheidend dazu bei, die Erkrankungsschwere und das Überleben zu verbessern [1].
Zielgruppe. Die Leitlinie richtet sich mit Fokus auf die Intensivmedizin und Infektiologie an ärztliches Personal der Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Ernährungsmedizin, Neurologie, Kardiologie, Innere Medizin, Infektiologie, Nephrologie, Pneumologie, Chirurgie, Hygiene und Mikrobiologie sowie Patientinnen und Patienten und Selbsthilfegruppen. Sie dient auch Pflegeberufen, übergeordneten Organisationen (zum Beispiel Krankenkassen und Einrichtungen der ärztlichen Selbstverwaltung) und der interessierten Fachöffentlichkeit zur Information [1].
Leitlinienklassen. Leitlinien der AWMF sind in vier auf die Entwicklungsmethodik bezogene Stufen eingeteilt: S1, S2k, S2e und S3. S3 kennzeichnet den höchsten Evidenzgrad (Tab. 1) [3].
Die Leitlinienautorinnen und -autoren sichteten und prüften zunächst nationale und internationale Leitlinien. Relevante Inhalte daraus übernahmen sie bei Bedarf. Zur Bewertung der Evidenz nutzten sie in erster Linie aktuelle und qualitativ hochwertige Metaanalysen. Die methodische Qualität einzelner Studien haben sie nach den SIGN-Kriterien (Scottish Intercollegiate Guidelines Network) bewertet, die Gesamteinschätzung erfolgte nach dem GRADE-System.
Lagen keine geeigneten Metaanalysen vor, zogen sie stattdessen randomisierte kontrollierte Studien oder Studien niedrigerer Qualität heran und werteten sie in Evidenztabellen aus. Alle Evidenzprofile und Tabellen sind im Evidenzreport einsehbar. Am Ende haben sie die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz in einem vereinfachten Profil zusammengefasst – basierend auf den fünf GRADE-Kategorien zur Qualität der Evidenz (Tab. 2).
Empfehlungsgrade. Für jede Empfehlung wägten die Leitlinienautoren auf Basis der vorhandenen Evidenz ab, wie das Verhältnis von Nutzen und möglichen Risiken einer Therapie einzuschätzen ist und wie groß ihr Vertrauen in diese Einschätzung ist. Darauf aufbauend kamen die Kriterien des Evidence to Decision Framework (ETDF) zum Einsatz: Nutzen und Schaden, Qualität der Evidenz, Wertvorstellungen, Ressourcenbedarf und -verfügbarkeit, Akzeptanz sowie praktische Umsetzbarkeit [3]. Die Stärke einer Empfehlung hängt daher nicht automatisch von der Qualität der Gesamtevidenz ab, sondern berücksichtigt auch diese zusätzlichen Faktoren (Tab. 3) [1].
Die Leitlinie
Im Juli 2025 wurde unter Federführung der Deutschen Sepsis-Gesellschaft e. V. (DSG) eine aktualisierte und vertiefte Version der S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ veröffentlicht [1]. Als Referenzleitlinie diente das Update der „Surviving Sepsis Campaign (SSC): International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2021“ [2]. Insgesamt waren an der Aktualisierung 15 Fachgesellschaften beteiligt. Die Langversion der Leitlinie hat einen Umfang von 201 Seiten und steht auf der Website der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) kostenlos als Download zur Verfügung. Dort findet sich unter anderem auch eine Kurzfassung (Umfang 66 Seiten), die sich im Wesentlichen auf die Auflistung der Empfehlungen beschränkt und somit einen raschen Überblick ermöglicht. Erklärungen und Begründungen finden sich in der Langfassung.
Deutschland hinkt hinterher. Die Sterberate infolge von Sepsis ist in Deutschland seit 30 Jahren unverändert hoch, in vielen anderen Ländern ging sie hingegen deutlich zurück. Mit Blick auf bestimmte Infektionssyndrome, die häufig zu einer Sepsis führen, zeigt sich beispielsweise, dass die Sterblichkeit infolge von Lungenentzündungen in Deutschland binnen 30 Jahren um 10 Prozent abnahm, während die Schweiz 44 Prozent vorzuweisen hat. Auch ist die Wahrscheinlichkeit, infolge eines Harnwegsinfekts an einer Sepsis zu versterben, in der Bundesrepublik circa 30 Prozent höher als in der Schweiz [4].
Die weithin fehlende Kommunikation über Sepsis lässt sich an verschiedenen Beispielen nachvollziehen. So wird in der Gesundheitsberichterstattung der Bundesregierung gar nicht oder inadäquat über Sepsis berichtet. Fachleute kritisieren, dass neben den drei häufigsten Todesursachen – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Erkrankungen der Atemwege – die Sepsis auf Platz 3 der Haupttodesursachen stehen müsste.
Ein weiteres trauriges Beispiel ist die geringe Sepsis-Kompetenz in der Allgemeinbevölkerung. Eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 2016 zeigte, dass lediglich 17 Prozent der Personen ab 60 glaubten, dass Impfungen gegen Infektionskrankheiten, für die Impfstoffe existieren, vor Sepsis schützen können. 23 Prozent glaubten, Sepsis sei eine allergische Reaktion, 30 Prozent dachten, Sepsis würde primär durch „Killerkeime“ ausgelöst und über die Hälfte der Befragten war der Ansicht, dass Sepsis an einem roten Streifen zu erkennen sei, der sich zum Herzen zieht [4].
Ausgesuchte Empfehlungen und Ausführungen
Screening und Erstmaßnahmen
Empfehlung 2.1 – modifiziert:
Wir empfehlen Krankenhäusern ein Qualitätssicherungsprogramm zum Thema Sepsis, einschließlich eines Sepsis-Screenings für akut erkrankte Hochrisikopatienten und Standardarbeitsanweisungen (SOP) für die Behandlung.
• Empfehlungsgrad: stark
Den Leitlinienautoren zufolge können Qualitätssicherungsprogramme die Einhaltung von Sepsis-Protokollen optimieren und damit zu verbesserten Behandlungsergebnissen führen. Es sollten Screeningtools, Standardarbeitsanweisungen (SOP) und Aufklärungsprogramme zur Sensibilisierung der Sepsis-Behandlung enthalten sein. Im Idealfall sollten Strategien zur Qualitätssicherung auf einer interdisziplinären Kooperation zwischen allen Fachgebieten basieren.
Wenngleich die spezifischen einzelnen Maßnahmen, die zu einer verbesserten Patientenversorgung führten, zwischen den verschiedenen Studien variierten, zeigten zahlreiche Studien zusammenfassend, dass Programme zur Verbesserung der Qualitätssicherung zu einer verbesserten Compliance mit den Leitlinienempfehlungen führten und die Sepsis-Sterblichkeit dadurch deutlich sank.
Empfehlung 2.2 – modifiziert:
Wir empfehlen, bei Patienten außerhalb der Intensivstation, bei denen der Verdacht auf eine Infektion besteht, regelmäßig ein geeignetes Screeninginstrument anzuwenden, um eine Sepsis frühzeitig zu erkennen.
• Empfehlungsgrad: stark
Da die Therapie einer Sepsis sehr zeitkritisch ist, wurden Screeningmethoden entwickelt, die zur Früherkennung einer Sepsis beitragen sollen. Der SOFA-(Sequential Organ Failure Assessment-)Score stuft sechs Organsysteme nach vier Schweregraden der Organfunktionseinschränkung (Organdysfunktion) ein. Da er jedoch aufwendig zu ermitteln ist, wird er in der klinischen Routine außerhalb der Intensivstation zum bettseitigen Screening als ungeeignet angesehen.
Außerhalb der Intensivstation wurde für Patienten mit Verdacht auf Sepsis eine „schnelle“ Version des SOFA-Score entwickelt, der qSOFA-Score (Quick Sequential [Sepsis Related] Organ Failure Assessment), um eine Organdysfunktion frühzeitig zu erkennen. 2021 hat die Surviving Sepsis Campaign (SSC) jedoch aufgrund geringer Sensitivität von seiner alleinigen Verwendung abgeraten [2].
Auch wenn sich die Sensitivität durch eine Beschränkung des qSOFA-Grenzwerts auf ein Organsystem erhöhen lässt, berücksichtigt der Score dennoch nur drei Organsysteme. Die wertvollen Informationen aus den anderen Vitalparametern bleiben unberücksichtigt. Außerdem schließt ein negativer qSOFA-Score eine Sepsis nicht aus [5].
NEWS-2-Score. Die höchste Sensitivität besitzt aktuell der NEWS-2-Score, eine angepasste, verbesserte Version, die gegenüber der Ursprungsversion zu bevorzugen ist (Abb. 1 und 2). Er wurde vom Royal College of Physicians im Vereinigten Königreich eingeführt. Bei Patienten, die jünger als 16 Jahre sind, oder bei Schwangeren soll der Score nicht verwendet werden. Er kann sowohl in der prähospitalen Umgebung, der Notaufnahme und im stationären Bereich Anwendung finden. Von den häufig verwendeten Sepsis-Screeningtools deckt er die meisten Parameter ab [1].
Nach Angaben der Leitlinienautoren zeichnen sich die verfügbaren Screeningtools durch eine unterschiedliche Sensitivität und Spezifität aus, sodass aktuell kein einzelnes Screeningtool vorrangig zu empfehlen ist [1].
Empfehlung 2.3 – neu:
Wir empfehlen, bei Erwachsenen mit Verdacht auf Sepsis eine Messung des Laktats im Blut durchzuführen.
• Empfehlungsgrad: stark
Die Leitlinienautoren weisen darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen dem Laktatspiegel und der Sterblichkeit bei Patienten mit Verdacht auf Infektion und Sepsis gut bekannt ist. Außerdem gehört ein erhöhter Laktatwert zur Definition des septischen Schocks. Die Laktatmessung mittels Point-of-Care-Geräten ist zeitsparend und die erhobenen Werte korrelieren sehr gut mit dem Serumlaktat. Laktat allein ist jedoch weder sensitiv noch spezifisch genug, um die Diagnose zu stellen beziehungsweise auszuschließen [1].
Empfehlung 2.5 – modifiziert:
Wir schlagen vor, bei Patienten mit Sepsis-induzierter Hypoperfusion oder septischem Schock innerhalb der ersten 3 Stunden als Richtwert 30 mL/kg intravenöse kristalloide Lösung zu verabreichen.
• Empfehlungsgrad: Expertenkonsens
Die initiale Infusionstherapie mit kristalloiden Infusionslösungen soll 30 ml/kg Körpergewicht betragen, wobei sich diese Empfehlung auf das Standardkörpergewicht bezieht. Der Hintergrund ist, dass viele physiologische Parameter eher mit der Körpergröße als mit dem Gesamtgewicht bei adipösen Patienten korrelieren. Die Leitlinie führt jedoch nicht näher aus, nach welcher Formel das Standardkörpergewicht zu berechnen ist.
Häufig wird zur Berechnung des theoretischen Idealgewichts (Ideal Body Weight, IBW) die „Devine-Formel“ verwendet. Sie wurde 1974 entwickelt [6] und eine Studie aus dem Jahr 2000 zeigte, dass ein Vergleich mit anderen Formeln keine signifikanten Unterschiede ergab [7]. Die Formel ist geschlechtsspezifisch und auf Menschen mit einer Körpergröße von mindestens 1,52 Metern anwendbar.
- Für Frauen: IBW [kg] = 45,5 kg 0,91 kg × (Körpergröße [cm] – 152,4)
- Für Männer: IBW [kg] = 50 kg 0,91 kg × (Körpergröße [cm] – 152,4)
Beispiele:
- Frau mit 1,65 m: 57,2 kg
- Frau mit 1,75 m: 66,2 kg
- Mann mit 1,75 m: 70,7 kg
- Mann mit 1,85 m: 79,7 kg
Für das Beispiel „Mann mit 1,85 m: 79,9 kg“ ergibt sich daraus eine Infusionstherapie von rund 2.400 ml (30 ml x 79,9 kg). Jedoch bezieht sich diese Angabe auf die ersten drei Stunden. Dies wird gelegentlich missverstanden.
Die Festlegung auf diese Infusionsmenge soll es dem Kliniker ermöglichen, die Infusionstherapie zu starten, während er genauere Informationen über den Patienten einholt und auf präzisere Messergebnisse des hämodynamischen Status wartet. Untersuchungen zeigten, dass bestehende Komorbiditäten, wie chronische Herz- oder terminale Niereninsuffizienz, nicht zu vermehrten Komplikationen führten.
Wichtig zu wissen: Studien zeigen allerdings, dass die empfohlenen Maßnahmen in Notaufnahmen nur unzureichend erfolgen. Daher empfehlen die Leitlinienautoren, die erforderlichen Maßnahmen unabhängig vom Behandlungsort immer kritisch zu überprüfen [1].
Wenngleich verschiedene Untersuchungen darauf hinweisen, dass eine restriktive Infusionstherapie beim septischen Schock keine Nachteile mit sich bringt, betonen die Autoren, dass dieses Konzept erst nach der initialen Stabilisierungsphase erfolgte. Zugleich war der zurückhaltende Ansatz auch nicht mit Vorteilen für die Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden.
Den Leitlinienautoren zufolge werden einige Patienten im Verlauf größere Infusionsmengen benötigen, wobei dies jedoch immer gegen das Risiko einer Infusions-Übertherapie abzuwägen ist. Die Leitlinie betont, wie wichtig es ist, den Patientenzustand mittels sorgfältiger Beurteilung des intravaskulären Volumenstatus und der Organperfusion kontinuierlich neu zu bewerten, um eine Unter- oder Übertherapie mit Infusionslösungen zu vermeiden [1].
Empfehlung 2.6 – bestätigt:
Wir empfehlen bei Patienten mit septischem Schock, die Vasopressoren benötigen, für den mittleren arteriellen Druck (MAP) einen anfänglichen Zielwert in Höhe von 65 mmHg (im Vergleich zu höheren Werten).
• Empfehlungsgrad: stark
Der mittlere arterielle Blutdruck (Mean Arterial Pressure, MAP) stellt den Einfluss-Blutdruck („inflow pressure“) für die meisten Organsysteme dar. In verschiedenen Studien wurden unterschiedliche Zielwerte für den MAP untersucht. In Anbetracht der aktuellen Daten empfehlen die Leitlinienautoren bei Patienten mit septischem Schock, die Vasopressoren benötigen, einen mittleren arteriellen Druck (MAP) von 65 mmHg. Für höhere MAP-Zielwerte ergeben sich keine klaren Vorteile [1].
Empfehlung 2.7 – neu:
Wir schlagen vor, bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock Vasopressoren auch periphervenös zu applizieren, um den MAP auf ≥ 65 mmHg anzuheben und nicht auf die Anlage eines ZVK zu warten.
• Empfehlungsgrad: Expertenkonsens
Traditionell ist es üblich, Vasopressoren über einen zentralvenösen Zugang zu verabreichen, da bei peripherer Verabreichung ein Risiko für Paravasate oder lokale Ischämie besteht. Die Anlage eines zentralvenösen Katheters (ZVK) erfordert jedoch Zeit, sodass sich wiederum die Gabe von Vasopressoren verzögern kann. Da ein Ziel-MAP von 65 mmHg nur so kurz wie möglich unterschritten werden sollte, empfiehlt sich eine möglichst frühzeitige Gabe von Noradrenalin auch außerhalb der Intensivstation, um den angestrebten Mitteldruck zu erreichen.
In dieser Notfallsituation kann Noradrenalin auch über einen periphervenösen Zugang verabreicht werden. Ein systematisches Review zeigte, dass dabei in 3,4 Prozent der Fälle Paravasate auftraten – jedoch ohne Hinweise auf Gewebsnekrosen oder Extremitätenischämien. Bei septischem Schock sollte nach Angaben der Leitlinienautoren frühzeitig eine invasive Blutdruckmessung erfolgen [1].
Infektion und antimikrobielle Therapie
Empfehlung 3.1 – bestätigt:
Wir empfehlen, bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock vor Beginn der Antibiotika- therapie mindestens 2 Blutkultur-Sets zu entnehmen. Dies gilt auch für Patienten, die bereits eine antibiotische Vorbehandlung erhalten haben.
Wir empfehlen die Gewinnung von weiteren Probenmaterialien von möglichen Infektionsfoci (unter anderem Abstrich, Punktat, Biopsie). Diese darf zu keiner wesentlichen zeitlichen Verzögerung der antiinfektiven Therapie führen.
• Empfehlungsgrad: Expertenkonsens
Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock ermöglichen mikrobiologische Untersuchungen den Nachweis von ursächlichen Infektionserregern und deren Resistenztestung. Dabei orientiert sich die Entnahme der Proben am vermuteten Infektionsherd.
Wichtig ist dabei, dass die Blutkulturen vor Beginn der antiinfektiven Therapie zu entnehmen sind. Mit dem abgenommenen Blutvolumen steigt die Nachweisrate bei Blutkulturen. Es werden mindestens zwei Blutkultur-Sets benötigt (40–60 ml Blut). Die Blutkulturen können zeitgleich aus derselben Punktionsstelle entnommen werden. Dies senkt die Kontaminationsgefahr. Eine sequenzielle Abnahme oder mehrfache Punktionen führen nicht zu einer höheren Nachweisrate [1].
Neben den Blutkulturen erhöht die Entnahme weiterer Proben (Urin, Atemwegssekret, Wundsekret, Eiter, Liquor und andere Körperflüssigkeiten) die Wahrscheinlichkeit, den ursächlichen Erreger zu erkennen. Auch diese Proben sollen vor Beginn der antiinfektiven Therapie entnommen werden, falls dies ohne wesentlichen Zeitverlust machbar ist.
Den Leitlinienautoren zufolge sind – mit Ausnahme der Blutkulturen – Materialien von anderen Lokalisationen im Allgemeinen nicht notwendig, wenn die Anamnese oder klinische Untersuchung eindeutig auf eine spezifische anatomische Lokalisation des Infektionsherds hindeutet [1]. Besteht bei septischen Patienten der Verdacht auf eine katheterassoziierte Infektion, ist mindestens eines der Blutkultur-Sets aus dem Katheter und mindestens eines aus der peripheren Vene zu entnehmen. Der Katheter ist zu entfernen und die Katheterspitze mikrobiologisch zu untersuchen [1].
Empfehlung 3.7 – neu:
Wir empfehlen, bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock Beta-Laktam-Antibiotika als prolongierte oder kontinuierliche Infusion (nach initialem Bolus) zu verabreichen.
Bemerkung: Bei einer kontinuierlichen Infusion ist auf die physikalisch-chemische Stabilität des Wirkstoffs zu achten.
• Empfehlungsgrad: stark
Bei Beta-Laktam-Antibiotika (zum Beispiel Penicilline, Cephalosporine und Carbapeneme) ist entscheidend, wie lange der Wirkstoffspiegel im Blut über der Wirksamkeitsgrenze (Minimale Hemmkonzentration, MHK) gegen den Keim liegt und nicht wie hoch der Spiegel kurzfristig ist. Gemäß der Leitlinie ist es wichtig, zunächst eine erste Dosis als Bolus (Loading Dose) zu verabreichen, um rasch einen therapeutischen Wirkspiegel zu erreichen. Unmittelbar danach gibt es zwei Strategien:
- Verlängerte („prolongierte“) Infusion: Das Antibiotikum wird über drei bis vier Stunden verabreicht.
- Kontinuierliche Infusion: Das Antibiotikum läuft über 24 Stunden durchgehend.
Wichtig zu wissen: Die Leitlinienautoren weisen darauf hin, dass eine kontinuierliche Infusion nur dann sicher ist, wenn auch regelmäßig Spiegelkontrollen (Therapeutisches Drugmonitoring, TDM) erfolgen (Ergebnismitteilung ≤ 24 Stunden). Anderenfalls besteht die Gefahr der Unterdosierung [1].
Kreislauftherapie
Empfehlung 4.1 – modifiziert:
Wir empfehlen bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock balancierte Kristalloide als Flüssigkeitstherapie der ersten Wahl.
• Empfehlungsgrad: stark
Laut den Leitlinienautoren besteht bei Verwendung balancierter Lösungen eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine geringere Sterblichkeit. Außerdem zeigten sich durch Anwendung balancierter kristalloider Lösungen positive Effekte wie die Vermeidung oder Verminderung von Organdysfunktionen (Niere) [1].
Empfehlung 4.2 – modifiziert:
Wir schlagen vor, bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock Albumin additiv zu balancierten Kristalloiden zu verabreichen, wenn große Mengen an Flüssigkeit benötigt werden, um eine hämodynamische Stabilität zu erreichen.
• Empfehlungsgrad: schwach
Empfehlung 4.3 – bestätigt:
Wir empfehlen, bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock Hydroxyethylstärke zur Flüssigkeitstherapie NICHT anzuwenden.
• Empfehlungsgrad: stark
Empfehlung 4.4 – modifiziert:
Wir schlagen vor, bei Patienten mit Sepsis und septischem Schock Gelatine NICHT anzuwenden.
• Empfehlungsgrad: schwach
Albumin wird aus Blutspenden hergestellt (Human-Albumin, HA) und zählt zu den natürlichen Kolloiden, wohingegen Gelatine (GEL, zum Beispiel Gelafundin® oder Gelafusal®) und Hydroxyethylstärke (HES, zum Beispiel Volulyte®) den künstlichen Kolloiden zugehörig sind. Den Leitlinienautoren zufolge lassen sich insbesondere bei den Patienten, die große Mengen kristalloider Infusionslösungen zur Kreislaufstabilisierung benötigen, mit Albumin oft ein höherer Blutdruck und eine geringere Nettoflüssigkeitsbilanz (im Schnitt circa 900 ml weniger in den ersten sieben Tagen) erzielen.
Aufgrund der begrenzten Datenlage ist es jedoch nicht möglich, einen Grenzwert für kristalloide Infusionslösungen festzulegen, ab dem die zusätzliche Gabe von Albumin in Betracht zu ziehen ist. Wenngleich ein erniedrigter Plasmaalbuminspiegel nicht als alleinige Indikation für die Albumingabe verwendet werden soll, nehmen die Leitlinienautoren an, dass Patienten mit niedrigen Spiegeln mehr von einer Albumingabe profitieren als Patienten mit normwertigen Plasmaalbuminspiegeln [1].
Es existiert eine Evidenz mittlerer bis hoher Qualität, die die Verwendung von HES im Rahmen der Infusionstherapie von Patienten mit Sepsis oder septischem Schock mit einem erhöhten Sterberisiko und vermehrten Bedarf für eine Nierenersatztherapie in Verbindung bringt [1].
Für den Einsatz von Gelatine bei Patienten mit Sepsis und septischem Schock weisen die Leitlinienautoren darauf hin, dass es kaum Evidenz dafür gibt. Eine Metaanalyse deutete auf ein höheres, jedoch nicht signifikantes Risiko für die Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie hin. Aufgrund der nicht auszuschließenden Sicherheitsbedenken und häufiger untersuchter Alternativen wie Albumin schlagen die Autoren vor, von der Verwendung von Gelatine abzusehen [1].
Bemerkung: Die Empfehlungen 4.2 und 4.4 hatte die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) bei Vorlage der Konsultationsfassung abgelehnt. Eine wissenschaftlich-fachliche Begründung befindet sich im Leitlinienreport (Kap. 5: „Verabschiedung durch die Vorstände der herausgebenden Fachgesellschaften/Organisationen“) [8].
Empfehlung 4.5 – modifiziert:
Wir empfehlen bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock Noradrenalin als Vasopressor erster Wahl.
• Empfehlungsgrad: stark
Empfehlung 4.6 – modifiziert:
Wir schlagen vor, bei Patienten mit septischem Schock Vasopressin zu ergänzen, wenn mit Noradrenalin allein kein ausreichender Blutdruck erzielt werden kann.
• Empfehlungsgrad: schwach
Noradrenalin wirkt vorwiegend agonistisch an Alpha-1-Rezeptoren und führt dadurch zu einer Vasokonstriktion sowohl im arteriellen als auch im venösen Gefäßsystem. Dadurch steigt der MAP. Noradrenalin hat sich im Vergleich mit Dopamin oder Epinephrin (Adrenalin) insgesamt als vorteilhaft erwiesen. Vasopressin kann helfen, die benötigte Noradrenalin-Dosis zu senken („Noradrenalin-Spar-Effekt“).
Laut den Leitlinienautoren kommt Vasopressin nicht als Erstlinien-Vasopressor infrage. Der Grund dafür ist die bislang nicht eindeutige Evidenzlage zu den Effekten von Vasopressin auf die Mortalität. Ab einem Dosisbereich von 0,25–0,5 μg/kg/min für die Noradrenalin-Laufrate empfehlen die Autoren, Vasopressin zu ergänzen. Dies entspricht den Empfehlungen der SSC-Leitlinie [2] und der derzeitigen klinischen Praxis der Leitlinienautoren, wobei belastbare Studiendaten dazu bisher nicht vorliegen [1].
Empfehlung 4.11 – neu:
Der Einsatz einer veno-arteriellen ECMO bei Patienten mit einem therapierefraktären septischen Schock ohne einen zusätzlichen kardiogenen Schock kann NICHT empfohlen werden.
Aufgrund der aktuellen Datenlage kann weder für noch gegen den Einsatz einer veno-arteriellen ECMO bei Patienten mit einem therapierefraktären septischen und einem zusätzlichen kardiogenen Schock eine Empfehlung ausgesprochen werden.
• Empfehlungsgrad: Expertenkonsens
Beatmungstherapie
Die Empfehlungen aus Kapitel 5 zur Beatmungstherapie sind allesamt Adaptionen der aktuellen S3-Leitlinie „Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz“ (AWMF-Reg.-Nr.: 001–021) [9] sowie der S3-Leitlinie „Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen“ (AWMF-Reg.-Nr.: 001–015, Stand: 25.07.2023) [10].
Weitere Maßnahmen
Empfehlung 8.2 – neu:
Wir empfehlen, bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock die Indikation zur Gabe von Erythrozytenkonzentraten bei einem Hb-Wert von < 4,34 mmol/L (< 7,0 g/dl) oder beim Vorliegen physiologischer Transfusionskriterien zu stellen.
• Empfehlungsgrad: stark
Als liberale Strategie wird die Erythrozytentransfusion bei einer Hämoglobinschwelle < 9,0 g/dl bezeichnet, wohingegen bei der restriktiven Strategie die Transfusion bei einem Hb < 7,0 g/dl erfolgt. Den Leitlinienautoren zufolge ist die Qualität der Evidenz zu der Fragestellung einer restriktiven versus einer liberalen Transfusionsstrategie bei Patienten mit Sepsis niedrig, eine restriktive Transfusionsstrategie ist jedoch ressourcenschonend und kosteneffektiv.
Behandlungsziele und Spätfolgen
Empfehlung 9.3 – neu:
Wir empfehlen, dass Sepsis-Überlebende und deren Angehörige über das Beratungsangebot von Selbsthilfegruppen informiert werden.
• Empfehlungsgrad: Expertenkonsens
Empfehlung 9.4 – neu:
Wir empfehlen, dass bei Sepsis-Überlebenden im Entlassbericht auf die Möglichkeit der Entwicklung eines Post-Intensive-Care-Syndroms (PICS) hin- gewiesen wird.
• Empfehlungsgrad: Expertenkonsens
Die Leitlinienautoren weisen darauf hin, dass sich die Sichtweisen von Patienten sowie Medizinerinnen und Medizinern häufig unterscheiden. Stellen die Behandelnden das Überleben in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen, so steht für Patienten die gesundheitsbezogene Lebensqualität im Fokus. Bei den meisten Sepsis-Patienten ist eine längere Intensivtherapie notwendig, die Langzeitfolgen verursacht, die die Lebensqualität der Patienten einschränken und das Behandlungsergebnis verschlechtern kann. Daher stellt die Nachsorge einen besonderen Schwerpunkt der Leitlinie dar [1].
Anwendungsbeispiel für einen standardisierten Textblock von Entlassungsberichten bei Sepsis-Überlebenden:
„Hinweis für die nachbehandelnden Ärztinnen und Ärzte: Ihr Patient litt an einer Sepsis mit schwerem Verlauf, der eine Intensivtherapie erforderlich machte. Obwohl die Akutphase der Erkrankung überstanden ist, besteht das Risiko der Entwicklung eines sogenannten Post Intensive Care Syndrom (PICS), oft auch mit großer Verzögerung. Ein PICS kann vielfältige Probleme auslösen: physisch (anhaltende Schwäche, Müdigkeit, Schmerzen), kognitiv (Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme) und psychisch (posttraumatische Belastungsstörung. Angststörungen. Depression). Bitte weisen Sie Ihren Patienten auf die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit Selbsthilfegruppen hin (Deutsche Sepsis-Hilfe e. V.: sepsis-hilfe.org).“
Krankheitsbild mit hoher Sterblichkeitsrate
Programme zur Verbesserung der Qualitätssicherung führten zu einer verbesserten Compliance mit den Leitlinienempfehlungen und konnten die Sepsis-Sterblichkeit dadurch deutlich senken. Die Leitlinienautoren betonen die frühe Erkennung und sofortige leitliniengerechte Behandlung. Kristalloide sind Mittel der Wahl für die Infusionstherapie, Albumin ist bei hohem Infusionsbedarf ergänzend zu erwägen.
Bei der antiinfektiven Therapie ist der schnelle Beginn entscheidend; Beta-Laktam-Antibiotika wirken besser bei verlängerter oder kontinuierlicher Infusion. Noradrenalin ist der Vasopressor der ersten Wahl, Vasopressin kann ergänzend eingesetzt werden. Weitere Kapitel, die dieser Beitrag nicht angesprochen hat, beziehen sich auf die Nierenersatztherapie und die Ernährungstherapie. Die Nachsorge und Rehabilitation nach Sepsis stellt einen Schwerpunkt der Empfehlungen dar. Angesichts des großen Umfangs und der Detailtiefe ist anzuraten, die Originalleitlinie zu studieren [1].
Literatur:
[1] DSG (Deutsche Sepsis-Gesellschaft), DGAI (Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin), DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin et al. S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025 (AWMF-Register-Nr.: 079–001). Langfassung. Version: 4.0, Stand: 30.04.2025. Im Internet: register.awmf.org/de/leitlinien/ detail/079-001; Zugriff: 24.09.2025
[2] Evans L et al. Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2021. Critical Care Medicine 49 (11): e1063–e1143, November 2021. doi: 10.1097/CCM.0000000000005337. Im Internet: journals.lww.com/ccmjournal/fulltext/2021/11000/surviving_sepsis_ campaign__international.21.aspx; Zugriff: 24.09.2025
[3] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Ständige Kommission Leitlinien. AWMF-Regelwerk „Leitlinien“ (Version 2.2 vom 22.05.2025). Im Internet: www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk.html; Zugriff: 24.09.2025
[4] Reinhart K, Kaufmann S, Weyland A. (Gastbeitrag). Der tödliche blinde Fleck im deutschen Gesundheitswesen. Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 19.08.2025
[5] Bauer W, Galtung N, von Wunsch-Rolshoven Teruel I et al. Screening auf Sepsis in der Notfallmedizin – qSOFA ist uns nicht genug. Notfall Rettungsmed 2023. Im Internet: doi.org/10.1007/s10049-022-01078-w
[6] McCarron MM, Devine BJ. Clinical Pharmacy: Case Studies: Case Number 25 Gentamicin Therapy. Drug Intelligence & Clinical Pharmacy. 1974; 8 (11): 650–655. doi: 10.1177/106002807400801104
[7] Pai MP, Paloucek FP. The Origin of the „Ideal“ Body Weight Equations. Annals of Pharmacotherapy. 2000; 34 (9): 1066–1069. doi: 10.1345/aph.19381
[8] DSG, DGAI, DIVI et al. (2025). Leitlinienreport zur S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025 (AWMF-Register-Nr.: 079–001). Stand: 30.04.2025. Im Internet: register.awmf.org/assets/guidelines/079-001m_S3_Sepsis-Praevention-Diagnose-Therapie-Nachsorge_ 2025-07.pdf; Zugriff: 24.09.2025
[9] DGAI: S3-Leitlinie Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz (AWMF-Registernummer 001–021). Version 2.0. Im Internet: register.awmf.org/de/ leitlinien/detail/001-021; Zugriff: 24.09.2025
[10] DGAI: S3-Leitlinie Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen (AWMF-Registernummer 001–015). Version 3.1. Im Internet: register.awmf.org/de/leitlinien/detail/ 001-015; Zugriff: 24.09.2025