Manche Menschen, die an der Schwelle des Todes standen, berichten nach ihrer Genesung von außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen. Darin nehmen sie wunderschöne Landschaften oder ein heilsames Licht wahr, empfinden unbeschreibliche Glücksgefühle und fühlen sich eins mit allem – und das trotz einer Nulllinie am EEG.
Das Herz steht still. Die Monitore zeigen keine Hirnfunktionen mehr an. Kann der Mensch in diesem Zustand noch etwas wahrnehmen oder empfinden? Der renommierte niederländische Nahtodforscher und Kardiologe Dr. Pim van Lommel setzt sich seit vielen Jahren mit dieser Frage wissenschaftlich auseinander. Dabei begann für ihn alles damit, dass er in dem Buch „Rückkehr von morgen“, von der Nahtoderfahrung (NTE) des US-Autors und Psychiaters George G. Ritchie erfuhr. „Darin schildert Ritchie seine eigene NTE als eine außerkörperliche Erfahrung (AKE)“, erklärt van Lommel. „Dies hat mich sehr bewegt und nachdenklich gestimmt. Daraufhin begann ich im Jahr 1986 meine Patienten nach Erlebnissen dieser Art zu fragen.“
Daraus entstand zwischen 1988 und 1992 eine prospektive Studie, in der 344 Patienten mit insgesamt 509 erfolgreichen Reanimationen aufgenommen wurden. Alle diese Patienten waren „klinisch tot“ – sie erlitten eine Zeit der Bewusstlosigkeit infolge Sauerstoffmangels im Gehirn (Anoxie) wegen Kreislauf-, Atemstillstand oder beidem, wie er bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt durch einen Herzstillstand verursacht werden kann. Ohne Reanimation innerhalb von fünf bis zehn Minuten erleiden die Gehirnzellen eine irreversible Schädigung. In vielen Fällen stirbt der Patient.
Einblicke in Nahtoderfahrungen
Die Studie ergab, dass 282 der 344 Patienten (82 Prozent) keine Erinnerung an die Zeit ihrer Bewusstlosigkeit hatten, hingegen berichteten 62 Patienten (18 Prozent) von einer NTE. Von diesen Patienten mit einer NTE hatte die Hälfte positive Gefühle, obwohl sie sich des Todes bewusst war. 30 Prozent sahen sich in einem Tunnel auf einen lichtdurchfluteten Ausgang zugehen, beobachteten eine Himmelslandschaft oder trafen auf Verstorbene. Rund ein Viertel erfuhr eine außerkörperliche Erfahrung (AKE), eine Kommunikation mit „dem Licht“ oder die Wahrnehmung von Farben. Lediglich 13 Prozent hatten einen Lebensrückblick und 8 Prozent erlebten das Vorhandensein einer Grenze.
Bemerkenswert ist, dass unter den 18 Prozent mit einer NTE im Rahmen der Studie durchschnittlich 62-Jährige nach einem Herzstillstand zu finden sind. Ganz anders verhält es sich generell bei Kindern im Alter von fünf Jahren. Bei diesen liegt die Quote deutlich höher, nämlich bei rund 70 Prozent. „Der massive Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen erklärt sich dadurch, dass Kinder über weniger kulturelle Filter verfügen, neurologisch offener sind und ihre Erlebnisse unverfälschter erinnern und mitteilen. NTE sind ein universales Phänomen des Bewusstseins – und nicht das Produkt religiöser oder kultureller Prägung“, sagt van Lommel.
Des Weiteren zeigte die Studie auf, dass keine medizinische Erklärung für das Auftreten einer NTE ursächlich war. Gäbe es eine physiologische Erklärung für das Auftreten dieser Bewusstseinserweiterung, beispielsweise Sauerstoffmangel im Gehirn (Anoxie), so hätten durchweg alle Patienten in der Studie über eine NTE berichten müssen. Allerdings ist auch bekannt, dass Menschen ohne Sauerstoffmangel im Gehirn, bei Depressionen, in Meditation, bei Bergsteigerunfällen oder drohenden Verkehrsunfällen („Todesangst“) durchaus eine NTE-ähnliche Erfahrung erleben können. „Eine psychologische Begründung für NTE erscheint jedoch ebenfalls fragwürdig, da die meisten Patienten während ihres plötzlichen Herzstillstands keine Todesangst hatten und sie sich einer solchen daher nicht bewusst waren“, unterstreicht van Lommel.
NTE: Erfahrungen zwischen Leben und Tod
Die Langzeitstudie van Lommels mit 344 Patienten, die einen klinischen Herzstillstand überlebt hatten, brachte verblüffende Berichte über die Zeit während einer NTE hervor. Diese detaillierten Nahtoderfahrungen hat der Nahtodforscher auch in seinem Buch „Endloses Bewusstsein“ dokumentiert.
Außerkörperliche Erfahrung: In einem Bericht erlitt ein 40-jähriger Mann im Krankenhaus einen plötzlichen Herzstillstand. Er verlor das Bewusstsein, wurde reanimiert und auf die Intensivstation gebracht. Während der Wiederbelebung entfernte ein Pfleger dem Patienten seine Zahnprothese, um ihn zu intubieren. Die Prothese wurde in einem Schrank der Station aufbewahrt.
Nach der erfolgreichen Reanimation lag der Mann mehrere Tage bewusstlos auf der Intensivstation. Bei seinem Erwachen wusste er genau, wo seine Prothese aufbewahrt wurde. Dafür beschrieb er detailliert das Aussehen der Schwester und den Raum. Woher konnte er das wissen? Er war einerseits klinisch bewusstlos und ohne Hirnaktivität, aber andererseits konnte er korrekte Informationen über ein Ereignis liefern, das er nach der wissenschaftlichen Lehrmeinung körperlich nicht miterlebt haben kann. Für den Nahtodforscher ist es ein Beleg dafür, dass das Bewusstsein außerhalb des Körpers Erfahrungen tätigen kann, unabhängig von Hirnfunktionen.
Panoramatische Lebensrückschau: In einem anderen Bericht erlitt eine etwa 50-jährigen Frau während einer Operation eine schwere Herzrhythmusstörung. Währenddessen verlor sie ihr Bewusstsein. Sie fühlte sich plötzlich außerhalb ihres Körpers und war als Beobachterin Teil ihrer eigenen panoramatischen Lebensrückschau. Darin sah sie Szenen aus ihrer Kindheit, Jugend, Ehe und mit ihren Kindern. Wobei dies nicht nur ein visuelles Erlebnis war, sondern sie spürte auch die Emotionen anderer darin vorkommender Personen.
Beispielsweise wurde sie gewahr, wie ihre Worte einer anderen Person Schmerz zufügten. Es war, als ob sie die Gefühle des anderen Menschen noch mal direkt durchlebte. Danach bewegte sie sich „durch einen Tunnel zu einem Licht“ und verspürte ein überwältigendes Gefühl von bedingungsloser Liebe und Frieden. In der Folge wurde ihr eine unsichtbare Grenze aufgezeigt. Sie verstand instinktiv, dass sie „noch nicht bleiben konnte“, und kehrte in ihren Körper zurück. Nach der NTE hat sich das Leben der Frau grundlegend verändert. Sie trennte sich von belastenden Beziehungen, arbeitete sozial und verlor vor allem die Angst vor dem Tod. Für sie waren nun die Liebe und das Mitgefühl das Wichtigste. Alles andere war für sie bedeutungslos.
Lichtbegegnung: Ein etwa 60-jähriger Mann überlebte einen massiven Herzinfarkt mit Herzstillstand dank Reanimation. In seinem Bericht beschrieb er ein Gefühl, aus dem Körper zu steigen und „sich aufzulösen“. Er durchquerte einen dunklen Raum oder Tunnel und sah am Ende ein strahlend helles Licht. Dort begegnete er einer Lichtgestalt, die keine feste Form aufwies, die er aber als extrem liebevoll und weise wahrnahm.
In der Präsenz dieser Gestalt fühlte er sich vollständig angenommen: Es kam ihm vor, als wäre er ihr sehr gut bekannt, sogar weitaus profunder als sich selbst. Die Gestalt kommunizierte mit ihm auf telepathischem Wege. Die Botschaft lautete, dass er seine Aufgabe noch nicht erfüllt habe. Daher wird er in sein Leben zurückgeschickt. Der Wiedereintritt in den Körper verlief für ihn völlig abrupt und war mit einem unangenehmen Gefühl der „Schwere und Enge“ verbunden. Er beschrieb seine NTE als „die prägendste und wahrste Erfahrung“ seines Lebens. Seither engagiert er sich ehrenamtlich im Hospizwesen.
Erfahrung der Einheit
Für den Nahtodforscher van Lommel ist die sogenannte „Erfahrung der Einheit“ ein zentraler Aspekt einer NTE, den er aus vielen Patientenberichten herausgearbeitet hat. Betroffene berichteten, dass sie während einer NTE das unvergleichliche Gefühl erlebten, eins „mit allem“ zu sein. Das heißt, mit Menschen, der Natur, dem Universum oder einem „größeren Ganzen“. NTE können das Gefühl vermitteln, eng mit einer Quelle von unendlicher Weisheit und Wissen verbunden zu sein. Gleichzeitig verschwinden die Grenzen zwischen „Ich“ und „Außenwelt“. Es entsteht ein Gefühl absoluter Verbundenheit. Viele Betroffene erzählten, dass Zeit nicht mehr linear verläuft und dass sie sich gleichzeitig an mehreren Orten oder in einem „grenzenlosen Raum“ befinden. Die „Erfahrung der Einheit“ bedeutet daher immer eine völlige Aufhebung der Trennung durch Zeit und Raum.
Der Nahtodforscher fand heraus, dass die Betroffenen in ihrer NTE eine unbedingte Liebe, Geborgenheit und Akzeptanz erfahren. Dies ist nicht nur kognitiv zu verstehen, sondern gleichsam emotional eine tiefe Erfahrung des Eins-Seins. Das „kleine Ich“, das an den Körper und die Persönlichkeit gebunden ist, beginnt zu verblassen. Stattdessen erleben die Menschen ein größeres Bewusstsein (Transzendenz des Egos), das über das individuelle Selbst hinausgeht. „Während einer NTE tauchen alle Bewusstseinserfahrungen immer gleichzeitig und in einem sehr kurzen Moment auf. Das bedeutet, es gibt auch keine sequenziellen Ereignisse“, betont van Lommel. „Deshalb ist es für die Betroffenen oftmals so schwer, ihre Erfahrungen mit Wörtern auszudrücken, da alles zur gleichen Zeit passiert und keine Zeitlichkeit mehr existiert.“
Transformation, nichtlokales Bewusstsein
Alle Patienten der Studie hatten sich acht Jahre nach ihrem Herzstillstand in vielerlei Hinsicht verändert. Sie zeigten mehr Interesse an Natur, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit, bekundeten mehr Liebe und Gefühle und brachten sich mehr unterstützend in das Familienleben ein. Trotzdem war die Studiengruppe, die während ihres Herzstillstands eine NTE erlebt hatte, weiterhin deutlich anders. Sie hatten weniger Angst vor dem Tod und glaubten stärker an ein Leben nach dem Tod. „Wir sahen bei ihnen ein größeres Interesse an Spiritualität und Fragen nach dem Sinn des Lebens sowie eine größere Akzeptanz und Liebe für sich und andere“, so van Lommel. „Ebenso demonstrierten sie eine größere Wertschätzung für gewöhnliche Dinge, während ihr Interesse an Besitz und Macht abnahm.“ Menschen mit NTE berichteten auch von einer erweiterten Intuition sowie besonderen Fähigkeiten beispielsweise im Hinblick auf Vorahnungen, Hellsehen oder Heilkräfte.
Van Lommel versteht diese Transformationen auch als Beleg für die Existenz eines „nichtlokalen Bewusstseins“. Das für ihn zentrale Modell postuliert, dass Bewusstsein unabhängig vom Körper existieren muss, da bei den Betroffenen keine Hirnaktivität mehr vorhanden war. Erfahrungen während NTE deuten darauf hin, dass das Bewusstsein nicht auf den physischen Körper beschränkt sein kann. Demnach existiert das Bewusstsein nach dieser These unabhängig vom Gehirn weiter. Eine NTE „öffnet“ sozusagen einen Zugang zu diesem größeren nichtlokalen Bewusstseinsfeld. Das Gehirn fungiert demnach als Filter oder Transceiver, der Informationen aus einem nichtlokalen Bewusstsein überträgt. „Diese Erkenntnisse verstoßen natürlich massiv gegen die geltende wissenschaftliche Lehrmeinung, die besagt, dass ohne ein funktionierendes Gehirn kein Bewusstsein entstehen kann“, sagt van Lommel. „Daher stößt die These eines nichtlokalen Bewusstseins nur sehr zögerlich auf Akzeptanz.“
Die NTE-Forschung von van Lommel stützt nicht nur die Hypothese, dass das Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existieren kann, sondern auch, dass der Tod nicht das Ende des Daseins ist. Er ist vielmehr ein Übergang in eine andere Form des Bewusstseins. Damit stellt er die materialistische oder wissenschaftliche Vorstellung von Bewusstsein radikal infrage. Der Tod erscheint nicht länger als Abbruch, sondern als Schwelle hin zu einer anderen Dimension, in der Bewusstsein, Liebe und Verbundenheit weiter bestehen. „Man kann das wie mit einem Wechsel einer Radiofrequenz vergleichen: Das Gehirn ist wie ein Empfänger, der zwar Signale aufnimmt, aber nicht selbst Bewusstsein produziert“, so van Lommel. „Stirbt der Körper, endet nur die Empfangsfunktion, nicht aber die Sendung.“