• 10.08.2023
  • PflegenIntensiv
Frühmobilisation auf Intensivstation

In Bewegung bringen

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2023

Seite 30

 

Intensivpatienten sollen schnellstmöglich nach ihrer Aufnahme Übungen zum Erhalt der Bewegungsfähigkeit absolvieren. Die Ausgestaltung dieser Frühmobilisation ist bislang nicht einheitlich festgelegt. Die Autorin nennt Gründe für fehlende Standards und gibt Empfehlungen von der Planung über die Umsetzung bis zur Evaluation für eine gelingende Mobilisation.

Intensivpatientinnen und -patienten profitieren von einer regelhaft angewandten Frühmobilisation. Sie haben größere Chancen, nach dem Aufenthalt auf der In­tensivstation ihre Selbstständigkeit zu erhalten und können ohne größere Einschränkungen ihren Alltag bewältigen [1]. Forschungen zeigen auf, dass Früh­mobilisation die Beatmungsdauer sowie die Liegedauer auf der Intensivstation und im Krankenhaus verkürzen. Zudem erkranken frühmobilisierte Patienten weniger an einem Delir. Daneben verhindert Frühmobilisation das Auftreten von Dekubiti, Throm­bosen und Pneumonien [2].

Die Umsetzung der Frühmobilisation auf den Intensivstationen erfolgt noch immer nicht einheitlich – Gründe dafür sind unterschiedliches Verständnis oder fehlerhaftes Wissen. Personal- und Zeitmangel sowie fehlende Hilfsmittel verhindern die Mobilisation. Aber auch Angst, Schmerz und Übergewicht der Patienten führen zu einer Immobilisierung. Isolierte Patienten finden für die Mobilisation weniger Beachtung [3].

Die Mobilisation unterstützt Patienten bei aktiven Bewegungsübungen oder fördert passive Bewegungsübungen. Unter Frühmobilisation sind solche Maßnahmen innerhalb der ersten 72 Stunden nach der Aufnahme auf einer Intensivstation zu verstehen. Die Frühmobilisation durchläuft drei Phasen, in denen jeweils unterschiedliche Bewegungsübungen vorgesehen sind [4] (Abb.).

 

Hindernisse für die Mobilisierung

Eine zu tiefe Sedierung verhindert Eigenbewegung und schränkt Patienten in ihrem Mobilisationsgrad ein [5]. Weisen Patienten zum Beispiel einen erhöhten Hirndruck oder einen schweren Schock auf, benötigen sie eine tiefe Sedierung. Bei anderen Krankheitsbildern ist dies oft nicht notwendig [4]. Ein weiteres Hindernis stellt die Beatmung dar. Dabei kann der Transfer in einen Stuhl oder das Sitzen an der Bettkante bei beatmeten Patienten sicher erfolgen [6]. Das Gleiche gilt für Erkrankte, die die Unterstützung extrakorporaler Verfahren (ECMO oder Dialyse) benötigen [5].

Schwieriger gestalten sich die Empfehlungen für Erkrankte, die vasoaktive Substanzen erhalten, da die Evidenzlage uneinheitlich ist. Die einzelnen Studien geben unterschiedliche hohe Grenzen für die Lauf­rate von Katecholaminen an. Sie zeigen aber auf, dass eine Mobilisation dieser Patientengruppe sicher erfolgen kann [7]. Für die Praxis bedeutet dies, dass jede Intensivstation für ihre Patienten individuelle Entscheidungen über eine mögliche aktivierende Bewegung treffen sollte.

Umsetzungsempfehlung für die Praxis

1. Strukturen und Prozesse gestalten. Für eine erfolgreiche Implementierung des Konzepts Frühmobilisation bedarf es gewisser Voraussetzungen: Es sollte ein Standard vorhanden sein, der die Umsetzung der Frühmobilisation beschreibt und festlegt, welche Patientengruppe mobilisiert werden darf. Schulungen helfen, Ängste und Unwissenheit abzubauen.

Zudem ist ein Umdenken notwendig: Nicht die Mobilisation ist anzuordnen, sondern die Immobilisierung. Frühmobilisation wird interprofessionell gestaltet. Pflegefachpersonen mobilisieren zusammen mit Physio- oder Ergotherapeuten. Möglicherweise kommt auch das ärztliche Personal zu Hilfe. Hier ist eine gute Kommunikationsfähigkeit aller Professionen auf Augenhöhe notwendig. Fest eingeplante Besprechungszeiten mit allen Teammitgliedern, um Tagesziele für die Patienten zu formulieren, können dies fördern [8]. Zudem sollte die Intensivstation mit ausreichend Mobilisationshilfen (zum Beispiel Stühle, Lifter, Bettfahrrad) ausgestattet sein.

2. Mobilisation planen. Der erste Schritt für die erfolgreiche Umsetzung einer Mobilisation ist das Erreichen des angestrebten Sedierungsziels. Ein tief sedierter Patient kann maximal passiv im Bett bewegt werden und wird niemals aktiv an der Mobilisation teilnehmen. Um herauszufinden, welche Mobilisa­tionsart möglich ist, bietet sich das Stufenschema nach Morris an [9] (Tab.). Demnach müssen je nach Mobilisationsstufe die benötigen Hilfsmaterialen (unter anderem Socken, Sitzhilfe) bereitliegen.

3. Mobilisation realisieren. Herausfordernd ist die Planung der Mobilisation. Angesichts des Personal- und Zeitmangels ist die Prioritätensetzung sehr wichtig. Pflegerische Handlungen wie die Frühmobilisation, die das Outcome des Patienten positiv beeinflussen, sind bevorzugt vorzusehen.

Erfordert eine Mobilisierung die Mithilfe mehrerer Personen, sind im Team organisatorische Absprachen zu treffen. So sind für eine sichere Frühmobilisation vorab Abbruchkriterien festzulegen. Dies könnten bestimmte Vitalzeichen des Patienten sein oder ein Wert auf der Borg-Skala, die die Belastung von Patienten erfasst.

4. Evaluation. Am Ende der Mobilisation sind die Behandlung des Patienten sowie die Prozesse und Strukturen der Intensivstation einer Evaluation zu unterziehen. Dabei sind folgende Fragen zu beantworten:

  • Konnte die angestrebte Mobilisation erfolgen?
  • Sind Hindernisse aufgetreten oder sogar ein unerwarteter Zwischenfall?
  • Ist der Mobilisationsstandard immer noch aktuell oder sind Veränderungen notwendig?
  • Fehlen auf der Station vielleicht Hilfsmittel, die die Frühmobilisation unterstützen können?

Erfolge feiern

In die Frühmobilisation lassen sich noch weitere Konzepte einbinden. Beispielsweise Fotos für das Intensivtagebuch. Das erste selbstständige Sitzen wird festgehalten und der Erfolg mit dem Patienten geteilt. Aber auch für das Team der Intensivstation ist es ein Triumph, über den sich die Mitglieder freuen dürfen, wenn sie es zum ersten Mal gewagt haben, mit beatmeten Patienten über den Flur zu laufen. In Erinnerung bleiben die strahlenden Gesichter der Patienten, die – beispielsweise nach einem langen Aufenthalt auf der Intensivstation – zum ersten Mal wieder Wind und Wetter fühlen, wenn sie im Mobilisationsstuhl für kurze Zeit ins Freie geschoben werden.

[1] Schweickert WD, Pohlman MC, Pohlman AS et al. Early physical and occupational therapy in mechanically ventilated, critically ill patients: a randomised controlled trial. Lancet. doi: 10.1016/S0140–6736(09)60658–9

[2] Wang J, Ren D, Liu Y et al. Effects of early mobilization on the prog­nosis of critically ill patients: A systematic review and meta-analysis. Int J Nurs Stud. doi: 10.1016/j.ijnurstu.2020.103708

[3] Mehler-Klamt A, Huber J, Warmbein A et al. Frühmobilisation von Intensivpatient*innen – Eine qualitative Analyse mit mobilisierendem Fachpersonal an einem deutschen Universitätsklinikum zur Gestaltung, zum Verständnis und zu den Einflussfaktoren der Frühmobilisation 2022; 9: 94–103

[4] Bein T, Bischoff M, Brückner U et al. Kurzversion S2e-Leitlinie – „Lagerungstherapie und Frühmobilisation zur Prophylaxe oder Therapie von pulmonalen Funktionsstörungen“. Der Anaesthesist. doi: 10.1007/s00101–015–0060–4

[5] Gómez-González A, Martínez-Camacho MA, Jones-Baro RA. Ten Overlooked Mistakes During Early Mobilisation in the Intensive Care Unit. ICU Management & Practice 2022; 3: 146–149

[6] Schweickert WD, Jablonski J, Bayes B et al. Structured Mobilization for Critically Ill Patients: A Pragmatic Cluster-Randomized Trial. Am J Respir Crit Care Med. doi: 10.1164/rccm.202209–1763OC

[7] Jacob P, Surendran PJ, E M MA et al. Early Mobilization of Patients Receiving Vasoactive Drugs in Critical Care Units: A Systematic Review. Journal of Acute Care Physical Therapy. doi: 10.1097/JAT.0000000000000140

[8] Hodgson CL, Schaller SJ, Nydahl P et al. Ten strategies to optimize early mobilization and rehabilitation in intensive care. Critical Care. doi: 10.1186/s13054–021–03741-z

[9] Morris PE, Goad A, Thompson C et al. Early intensive care unit mobi­lity therapy in the treatment of acute respiratory failure. Critical care medicine. doi: 10.1097/CCM.0b013e318180b90e

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