• 10.08.2023
  • PflegenIntensiv
Eine moderne Intensivstation planen und einrichten

Hightech trifft Denkmalschutz

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2023

Seite 17

Das Universitätsklinikum Münster hat die Intensivstation der Chirurgie um einen Anbau erweitert und renoviert aktuell den Altbau. Stationsleiter Martin Bückmann beschreibt im Interview, wie sich das Pflegepersonal in die Neugestaltung der Räumlichkeiten eingebracht hat und welche Innovationen diese beinhalten.

Herr Bückmann, ein Teil der neuen Intensivstation der Chirurgie des Universitätsklinikums Münster, UKM, ist in Betrieb gegangen. Was zeichnet diese moderne Station aus?

Von der Grundstruktur und den Versorgungssystemen her sind wir jetzt auf dem neuesten technischen Stand. Diese Versorgungssysteme – dazu gehören Sauerstoff, Strom, Netzwerkanschlüsse, Vakuumdruckluft, Beatmungsgeräte – sind alle auf frei schwebenden Deckenversorgungseinheiten montiert – ohne Bodenkontakt. Das hat hygienische Vorteile und erleichtert die Reinigungsarbeit. Statt vieler Steckdosen an den Wänden sind die Deckenversorgungseinheiten umfangreich ausgestattet und lassen sich darüber hinaus sehr flexibel nach dem Bettplatz ausrichten.

Der Um- und Neubau der Intensivstation ist ein Gesamtkonzept. Der neue Anbau ist fertiggestellt und bezogen, nun wird der Altbau saniert. Wie viele Intensivbetten werden nach Abschluss aller Arbeiten insgesamt zur Verfügung stehen?

Der neue Anbau an die chirurgische Klinik des UKM umfasst zehn Intensivbettenplätze. Dabei handelt es sich um drei Zweibettzimmer und vier Einzelbettzimmer. Nach Fertigstellung sollen insgesamt 25 Betten zur Verfügung stehen. Die Zimmer sind baulich nach den Anforderungen des Robert Koch-Instituts konzipiert.

Das heißt?

Unseren Wünschen waren bauliche Grenzen gesetzt, denn der Altbau steht unter Denkmalschutz. Deshalb war zum Beispiel Voraussetzung für den Anbau, dass dieser jederzeit wieder zurückgebaut werden kann. Die Fensterlaibungen im Altbau bestanden aus Sandstein. Die mussten wir teilweise einlagern, kartografieren und fotodokumentieren, damit sie im Falle eines Rückbaus wieder korrekt eingesetzt werden können.

War das Pflegepersonal in die Bauplanungen für den aktuell in Betrieb gegangenen Neubau eingebunden?

Wir wurden ab 2021 aktiv in die Baubesprechung einbezogen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Baupläne natürlich schon fertiggestellt. Mein Kollege Tobias Janßen und ich haben als Stationsleitung diese Baupläne offen auf Station ausgehängt, um möglichst viel Transparenz zu schaffen. Im Team haben wir dann viele Ideen für die Ausgestaltung der neuen Räumlichkeiten gesammelt. Diese Ideen haben wir Leitungen dann in den Baubesprechungen vertreten.

Welche Ideen waren das?

Das waren Ideen unter anderem zur Bettenaufteilung, zur Lage der Zimmer, zur Gestaltung und Größe der Bettenplätze, zur Ausstattung der Deckenversorgungseinheiten und der Apotheke. Das Pflegepersonal sollte schon allein deshalb Mitspracherecht haben, weil wir im Anbau Interimslösungen finden mussten etwa für Kapazitäten, die der Altbau enthalten soll, der ja derzeit komplett umgebaut wird.

Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit dem Umsetzungsergebnis aus pflegerischer Sicht?

Wir sind aus pflegerischer Sicht sehr zufrieden, auch wenn wir den Architekten anfangs mit unseren Wünschen vor große Herausforderungen stellten. Und wir als Pflege waren auch immer voll mit drin. Die Bauleiter sind immer auf uns zugekommen. Es gab regelmäßige Bauführungen. Die Mitarbeitenden konnten somit sehr oft den neuen Anbau besichtigen, die Baumaßnahmen beobachten und jederzeit Veränderungsvorschläge einbringen, die noch während der Bauphase umgesetzt wurden.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Die Vorschläge betrafen vorranging die Einrichtung. Zum Beispiel haben wir in den Vorschleusen Wert­fächer und Wertschränke für die Patientinnen und Patienten angelegt, in die sie Sporttaschen oder Wertgegenstände wie Laptops oder Handys einschließen können.

Ist vor jedem Patientenzimmer eine Vorschleuse installiert?

Wir haben vor jedem Zimmer eine Schleuse, sodass wir im Falle einer Isolierung diesen Raum nutzen können, um uns umzuziehen und vorzubereiten, bevor wir die Zimmer betreten. Die Erfahrung mit Krankenhauskeimen hat uns gelehrt, immer mehr Einzelzimmer einzurichten, um Patientinnen und Patienten isolieren zu können. Die Zweibettzimmer verfügen über eine zusätzliche Tür, über die wir die Räume – ohne Schleuse – betreten können.

Die DIVI sieht in ihren Strukturempfehlungen vom November 2022 Zimmergrößen mit einem von allen Seiten frei zugänglichen Bett und Platz für Mobilisationshilfen vor. Da war die Bauplanung der Intensivstation am UKM schon längst abgeschlossen. Kommt der Aufbau der Intensivpatientenzimmer diesen Vorgaben dennoch nahe?

Ja, die Zimmer sind sehr großzügig bemessen. Darin ist so viel Platz, dass wir um die Deckenversorgungseinheiten und die Betten frei herumlaufen können. Die Deckenhöhe beträgt drei Meter. Mobilisationshilfen und Ähnliches haben Platz, ohne das andere Bett oder andere Geräte verschieben zu müssen. Die Zimmer sind auch sehr hell, da tiefe Fenster eingebaut sind, die viel Tageslicht einlassen.

Haben Sie auch ein spezielles Lichtsystem einbauen lassen?

Wir haben ein neues Lichtsystem, das das Tageslicht in Lumen genau imitieren kann. Alles zusammen schafft eine angenehme Atmosphäre. Die Lichtin­stallationen befinden sich jeweils über und stirnseitig hinter den Bettenplätzen. Das heißt, sie beginnen gewissermaßen hinter dem Kopf der Patientin beziehungsweise des Patienten und reichen dann über den gesamten Bettplatz bis hin zum Fußende. Es handelt sich um mehr als einen Meter breite Lichtleisten. Um den natürlichen Verlauf des Tageslichts nachzubilden, verfügen diese Leisten über eine Automatik: Abends dimmen sie langsam herunter – dem Sonnenuntergang nachempfunden – und gehen in ein Nachtlicht über. Morgens dimmt die Automatik zu einer definierten Zeit das Licht langsam wieder hoch – entsprechend dem Sonnenaufgang nachempfunden – und dieses geht in das normale Tageslicht über.

Wie sieht es aus mit Lärmvermeidung?

Die Zimmer sind sehr gut schallgeschützt, sodass es auf der Intensivstation sehr ruhig geworden ist. Mit der Maßnahme wollen wir die Delirrate verringern. Sie hat jedoch den Nachteil, dass man auf dem Flur kaum Ge­rätealarme mitbekommt. Daher haben wir jetzt zusätzlich Systeme angeschafft, die die Geräte in den Patientenzimmern überwachen und uns anzeigen, wenn zum Beispiel ein Perfusor in einem Zimmer leerläuft. Wir sind jetzt dabei, diese Systeme in einer Überwachungsstation zu zentralisieren.

Wie stellen Sie sicher, dass die Überwachungsstation künftig immer besetzt ist?

Es wird immer eine Pflegeperson vor Ort sein müssen. Wir haben zusätzlich vor, an verschiedenen Stellen auf der Intensivstation Zentralmonitore aufzustellen, zum Beispiel an der Theke, im Apothekenbereich und im Labor, sodass die Überwachung immer gewährleistet sein wird, auch wenn die Pflegekraft mal kurz das Zimmer verlassen haben sollte, also die Überwachungsstation kurzzeitig unbesetzt wäre.

Umbauprojekte am UKM

Die neue Intensivstation der UKM-Chirurgie versorgt hauptsächlich Patientinnen und Patienten aus der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie und der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie. Der komplette Umbau der Intensivstation ist eines von mehreren infrastrukturellen Projekten am UKM, die die Behandlungs- sowie Aufenthaltsqualität für Mitarbeitende wie Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige verbessern sollen.

Inwieweit waren in den Planungen auch die Bedürfnisse von Angehörigen berücksichtigt? Gibt es auch für sie spezielle Räumlichkeiten für den Aufenthalt oder die Übernachtung?

Wir haben vor der Station einen Warteraum. Außerdem haben wir im Altbau ein spezielles Besprechungszimmer geplant, in das sie sich auch mal zurückziehen können. Angehörige können in einem speziell für sie eingerichteten Wohnheim unterkommen. Dabei handelt es sich um Zimmer außerhalb der Station. Zur Not können wir Angehörigen auch mal ermöglichen, über Nacht bei uns auf der Intensivsta­tion zu bleiben.

Was ist unternommen worden, um im Anbau auch für die Mitarbeitenden ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen? Hatte das Personal dazu gegebenenfalls selbst Wünsche geäußert?

Wir haben ein gutes Modulversorgungssystem. Auch der Aufenthaltsraum ist sehr großzügig geplant. Wünsche darüber hinaus gab es nicht wirklich. Aber das ist in der Pflege ja meistens so. Wir können immer tausend Sachen sagen, was uns nicht gefällt. Aber wir tun uns immer schwer damit, zu formulieren, was wir selbst wollen.

Sah die Bauplanung auch Maßnahmen vor, um den Mitarbeitenden die Arbeit zu erleichtern und deren Stress zu minimieren, zum Beispiel über kürzere Laufwege?

Die gab es – immer unter Berücksichtigung der baulichen Begrenzung aus Gründen des Denkmalschutzes. Unser Anbau muss von seiner Struktur her jedoch an den Altbau passen. Und dieser hat einen schnurstracks gerade verlaufenden Flur mit den Zimmern auf der einen, den Versorgungseinheiten auf der anderen Seite. Aber wir haben das Problem so gelöst, dass wir für die Versorgungseinheiten kleinere Räume geplant haben – und beispielsweise am Anfang der Station ein Wäschelager und am Ende der Station ein weiteres. Das ist zwar doppelte Lagerführung, aber auf diese Weise halten wir die Wege möglichst kurz. So konnten wir trotz der baulichen Einschränkungen dennoch viele Details verbessern.

Hat die Einbindung in die Umgestaltung und die nun moderne Ausstattung die Zufriedenheit der Mitarbeitenden auf der Intensivstation erhöht?

Das Personal hat die moderne Intensivstation sehr positiv aufgenommen. Viel mehr lässt sich noch nicht sagen, da wir noch in einer Umbruchphase sind – aus dem Altbau, der selbst immer wieder renoviert und saniert worden war, in diesen Hightechneubau. Mit­arbeitende, die zum Beispiel aus einem Pool zu uns auf die neue Intensivstation kommen und hier erstmals Dienst tun, sind überwältigt und begeistert.

Sie sprechen von einer Umbruchphase. Wird es somit noch weitere Anpassungen geben?

Alles ist neu und da müssen wir sicher an der einen oder anderen Stelle noch nachjustieren. Wir als Sta­tionsleitung wollen hier Vorschub leisten und haben daher aktuell Listen ausgehängt, in denen die Mit­arbeitenden Veränderungs- oder Verbesserungsvorschläge eintragen können. Denn vieles fällt erst auf, wenn man mit und in neuen Systemen und Räumlichkeiten arbeitet.

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