Ein innovatives Training mit VR-Brillen versetzt Pflegefachpersonen mitten in das Erleben von Intensivpatienten mit Delir. Dank Virtual Reality gewinnen sie mehr Empathie, mehr Wissen und neue Perspektiven für die Pflegepraxis. Ergebnisse einer Studie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.
Das Delir ist eine häufige, aber oft unterschätzte Komplikation bei älteren hospitalisierten Patientinnen und Patienten – insbesondere auf Intensivstationen. Die Symptome reichen von Unruhe und Halluzinationen bis hin zu Apathie und Bewusstseinsstörungen. Was Betroffene in diesen Phasen durchmachen, ist schwer in Worte zu fassen – und noch schwerer nachzuvollziehen [1]. Genau hier setzt ein neu entwickeltes Schulungskonzept mit Virtual-Reality-Technologie (VR) an. Pflegefachpersonen schlüpfen mithilfe von VR-Brillen in die Perspektive deliranter Patientinnen und Patienten – und lernen dabei nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem mit dem Herzen.
Trotz vielerlei Risiken (Textkasten: Delir – ein unterschätztes Syndrom) bleibt Delir im Klinikalltag oft unerkannt – besonders bei hypoaktiven Verlaufsformen oder bei Patientinnen und Patienten mit vorbestehender Demenz. Zudem fehlt es Pflegefachpersonen häufig an fundiertem Wissen über das Erkennen und den Umgang mit Delir. Gleichzeitig ist eine empathische Haltung entscheidend, um Betroffene gut zu begleiten.
Delir – ein unterschätztes Syndrom
Delir ist ein akuter, meist reversibler Zustand geistiger Verwirrtheit, der häufig bei älteren Menschen auftritt. Besonders gefährdet sind Patienten auf Intensivstationen – mit einer Delirprävalenz zwischen 19 und 90 Prozent [2]. Die Folgen sind weitreichend: längere Krankenhausaufent- halte, höhere Pflegebedarfe und nicht selten eine Einweisung in Langzeitpflegeeinrichtungen. Auch psychische Langzeit- folgen wie posttraumatische Belastungssymptome sind keine Seltenheit. Problematisch: Symptome schwanken, sind unspezifisch und werden leicht mit anderen Zuständen verwechselt.
Empathie als Schlüsselkompetenz
Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines anderen Menschen hineinzuversetzen [3]. Sie umfasst sowohl kognitive als auch emotionale Anteile – und ist in der professionellen Pflege essenziell: Sie stärkt die Beziehung zwischen Pflegefachperson und Patientin oder Patient, erleichtert den Umgang mit herausforderndem Verhalten und fördert bedürfnisorientierte Pflege. Empathie ist eine der Grundvoraussetzungen im modernen Delirmanagement und bei der Humanisierung der Intensivpflege [4].
Klassische Schulungen stoßen schnell an ihre Grenzen, um Empathie wirksam zu vermitteln. Genau an dieser Stelle kommt Virtual Reality ins Spiel. VR-Technologie wird zunehmend in der beruflichen Aus- und Weiterbildung eingesetzt – auch in der Pflege. Mithilfe von VR-Brillen können Lernende in interaktive, realitätsnahe Szenarien eintauchen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch-Maschine- und Mensch-Mensch-Interaktion. Studien zeigen, dass VR vor allem soziale Kompetenzen – wie Empathie – effektiv fördern kann [5].
Perspektivenwechsel mit System
Die zentrale Frage der Studie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) lautete: Fördert ein VR-basiertes Training zur Delirprävention bei Pflegefachpersonen das Wissen und die Empathie stärker als eine konventionelle Schulung? 18 Pflegefachpersonen aus der stationären Versorgung nahmen Ende 2024 an der prospektiven, monozentrischen Crossover-Studie teil [6]. Die Studienautorinnen und -autoren verglichen in deren Rahmen zwei Trainingsformen miteinander:
- VR-Training mit der Plattform DelTrain™ Adult Delir Training: Die Teilnehmenden erlebten mit VR-Brillen eine Delirepisode aus der Sicht einer oder eines intensivpflichtigen, beatmeten Patientin oder Patienten. Halluzinationen, Ängste und Kommunikationsprobleme wurden realistisch anhand von früheren Patientenberichten simuliert. Ein zweites Modul vermittelte die gleiche Situation aus der Perspektive einer Pflegefachperson sowie pflegerische Strategien zur Delirprävention, zum -assessment (CAM-ICU) und zur -behandlung (Fotos).
- Konventionelle Schulung (CIL) mit einer klassischen PowerPoint-Präsentation zu den Themen Delir, Erleben, Assessment (CAM-ICU, NuDESC) und pflegerischen Strategien zur Delirprävention.
Alle Teilnehmenden durchliefen in einer 90-Minuten-Session beide Formate in verschiedenen Reihenfolgen (Crossover). Erhoben wurden die Empathie mittels „Saarbrücker Persönlichkeitsfragebogen“ (SPF) und das Wissen zum Thema Delir mithilfe eines validierten Fragebogens – jeweils vor (T0), nach der ersten (T1) und nach der zweiten Schulung (T2) [7, 8].
Mehr Mitgefühl durch VR
Empathie. Nach dem VR-Training stieg die Empathie unter den Teilnehmenden signifikant an – stärker als nach der konventionellen Schulung. Dieser Effekt war unabhängig davon, welche Methode zuerst erfolgte. Nach beiden Schulungen (T2) lagen die Empathiewerte der Gruppen gleichauf (Abb. 1).
Wissenszuwachs. Auch das Fachwissen über Delir stieg insgesamt an. Allerdings zeigte sich kein klarer Vorteil der VR-Methode gegenüber der klassischen Schulung. Eine interessante Beobachtung: Erfolgte zuerst die VR-Schulung, war der Wissenszuwachs größer – möglicherweise, weil das emotionale Erleben die anschließende Informationsverarbeitung vertiefte (Abb. 2).
Die Ergebnisse legen nahe, dass VR vor allem zur Förderung emotionaler Kompetenzen geeignet ist. Die immersive Erfahrung, in die Rolle eines Menschen mit Delir zu schlüpfen, ermöglicht intensive Perspektivwechsel und stärkt empathisches Verständnis.
In der klassischen Schulung hingegen bleibt das Erleben auf einer rationalen Ebene – die zwar Wissen vermittelt, aber weniger emotional bewegt.
Fraglich bleibt jedoch, wie nachhaltig der empathiefördernde Effekt von VR ist. Bei wiederholtem und übermäßigem Einsatz könnten theoretisch emotionale Überforderung oder gar Desensibilisierung auftreten, die die Effekte dämpfen würden. Deshalb ist eine sorgfältige didaktische Einbettung entscheidend – inklusive Nachbesprechungen und Reflexionsphasen.
Lernen braucht Struktur – und Emotion
Überzeugt VR vor allem dank emotionaler Eindrücke, so punktet die konventionelle Schulung mit klar strukturierten Wissensinhalten. Die Kombination beider Methoden könnte den größten Lerneffekt erzielen: Emotionale Identifikation durch VR und kognitives Verstehen durch Vortrag. Ein bewusster und gezielter Methodeneinsatz könnte langfristig sowohl Wissen als auch Haltung stärken.
Einschränkung: Die Studiengröße mit 18 Teilnehmenden ist klein und erlaubt keine generalisierbaren Aussagen. Zudem hat die Studie keine Langzeiteffekte gemessen – unklar bleibt, wie stabil der Lerneffekt über Wochen oder Monate hinweg ist. Auch technische Aspekte (zum Beispiel Cybersickness) und mögliche Erwartungshaltungen der Teilnehmenden könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Virtual Reality eröffnet neue Wege in der Pflegebildung. Die immersive Erfahrung ermöglicht Perspektivwechsel und emotionale Nähe zu komplexen Patientensituationen – besonders im Delirmanagement. Als ergänzendes Tool zur klassischen Schulung kann VR dazu beitragen, Empathie gezielt zu fördern und Pflegewissen langfristig zu verankern.
Implikationen für die Praxis
- Empathie erleben: VR macht das Unsichtbare fühlbar – ein Schlüssel für menschliche Pflege.
- Didaktische Integration notwendig: Ohne Reflexion bleibt VR ein „Wow“-Effekt ohne Tiefe.
- Kombination ist Trumpf: Der größte Lernerfolg entsteht durch die Verbindung von emotionalem Erleben (VR) und kognitiver Struktur (Vortrag).
- Zukunft gestalten: Studien mit größeren Stichproben und Langzeitverläufen sind nötig, um den tatsächlichen Nutzen von VR in der Pflegebildung zu beurteilen.
Pflegefachpersonen stehen täglich vor komplexen Herausforderungen. Schulungen, die Herz und Hirn gleichermaßen ansprechen, können sie dabei stärken – zum Wohl der Patientinnen und Patienten.
[1] Wilson JE et al. Delirium. Nature Reviews Disease Primers 2020; 6 (1): 90
[2] Exl MT, Fischbacher S, Nydahl P, Schimböck F. Delirium prevalence, interventions and barriers in intensive care units in German-speaking countries: A retrospective cross-sectional secondary analysis. Nurs Crit Care 2025; 30 (3): e70041. doi: 10.1111/nicc.70041
[3] Wirtz MA. Dorsch Lexikon der Psychologie. 11. Aufl. Bern: Hogrefe; ed. 2021
[4] Nydahl P, Ely EW, Heras-La Calle G. Humanizing Delirium Care. Intensive Care Med 2024; 50 (3): 469–471
[5] Neundlinger K et al. Virtual Skills Lab. Transdisziplinäres Forschen zur Vermittlung sozialer Kompetenzen im digitalen Wandel. Band 58. Bielefeld: Digitale Gesellschaft; 2023
[6] Günther T et al. VR for delirium: immersive training courses promote empathy and expertise in delirium management among registered nurses. Intensive and Critical Care Nursing 2025: in press
[7] Paulus C. Der Saarbrücken Persönlichkeitsfragebogen SPF (IRI) zur Messung von Empathie: Psychometrische Evaluation der deutschen Version des Interpersonal Reactivity Index. 2009. doi: 10.23668/ psycharchives.9249
[8] Zilezinski M et al. Weiterentwicklung und Inhaltsvalidierung eines Fragebogens zur Erfassung des Wissens über das Delir. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2023; 56 (2): 132–138