• 28.02.2025
  • PflegenIntensiv
ATA-Anerkennungslehrgang

Gelingende Integration

Torsten Grein (3. v. l.) mit den Absolventinnen und Absolventen des ATA-Anerkennungslehrgangs

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2025

Seite 72

In vielen Krankenhäusern wird der Alltag zunehmend von Personalengpässen geprägt. Einen Lösungsansatz bietet der Anerkennungslehrgang für Anästhesietechnische Assistenten am Universitätsklinikum Marburg, der Fachpersonal aus dem Ausland die Möglichkeit gibt, die eigene Qualifikationen anzupassen und in Deutschland anerkennen zu lassen.

Die Anerkennung von Qualifikationen aus dem Ausland ist kein einfacher Weg: Er ist geprägt von Herausforderungen – sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Lehrgangsverantwortlichen.

Die Suche nach geeignetem Fachpersonal beginnt häufig weit entfernt von deutschen Kliniken. Dabei zeigt sich bereits zu Beginn, wie anspruchsvoll der Prozess ist: Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und rechtliche Fragen stehen den ersten Schritten im Weg.

Gemeinsam mit dem Pflegequalifizierungszentrum (PQZ) Hessen und der DRK Schwesternschaft Marburg hat das Universitätsklinikum Marburg ein Konzept entwickelt, um qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber aus dem Ausland zu identifizieren und gezielt anzusprechen: den Anerkennungslehrgang für Anästhesietechnische Assistentinnen und Assistenten (ATA-Anerkennungslehrgang). Die ersten Teilnehmenden haben den Lehrgang absolviert. Der Autor und Kursleiter stellt den ATA-Anerkennungslehrgang retrospektiv vor.

Bewerbungsgespräche. Bewerbungsgespräche per Videocall ermöglichten es, Kandidatinnen und Kandidaten aus verschiedenen Ländern – darunter Tunesien, Syrien, Irak und Türkei – zu erreichen. Dabei zeigte sich, dass viele Bewerberinnen und Bewerber nicht nur fachlich überzeugen mussten, sondern auch sprachlich und kulturell vorbereitet werden mussten. Die Gespräche deckten nicht selten Unterschiede in der Arbeitsweise auf, die später im Kurs zu berücksichtigen waren.

Sprache. Ein zentraler Aspekt des Anerkennungslehrgangs war die Sprache. Medizinische Fachsprache unterscheidet sich stark von Alltagsdeutsch und ist für viele Teilnehmende eine erhebliche Hürde. Umso wichtiger war es, den Fokus nicht nur auf die sprachliche, sondern auch auf die kulturelle Sensibilisierung zu legen. Denn Sprache allein reicht nicht aus, um im Berufsalltag erfolgreich zu sein.

Religion. Ein weiterer zentraler und oft unterschätzter Aspekt war der Umgang mit religiösen Überzeugungen. Die Teilnehmenden brachten unterschiedliche religiöse Hintergründe mit, die nicht nur ihre Weltanschauung, sondern auch ihren Arbeitsalltag beeinflussten.

Daher war es wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem offene Kommunikation über solche Themen möglich war. So fanden wir gemeinsam Wege, zum Beispiel Gebetszeiten oder Ernährungsvorschriften in den Klinikalltag zu integrieren, ohne die Arbeitsabläufe zu stören. Dieser respektvolle Umgang mitein­ander hat nicht nur das Gruppengefühl gestärkt, sondern auch die Integration in die Kliniken erleichtert.

Fachliche Vorbereitung. Neben der sprachlichen und kulturellen Entwicklung spielte die fachliche Qualifikation eine entscheidende Rolle. Die Teilnehmenden wurden intensiv auf die Anforderungen in der Anästhesietechnischen Assistenz (ATA) vorbereitet. Diese umfassten unter anderem:

  • Technische Schulungen: Umgang mit Anästhesiegeräten, Überwachungssystemen und Beatmungsmaschinen
  • Rechts- und Hygienestandards: Einhaltung deutscher Vorschriften, die sich oft erheblich von den Standards der Heimatländer unter­scheiden
  • Interkulturelle Kompetenz: Verstehen der deutschen Arbeitskultur und Förderung der Team­arbeit

 

Die Verbindung von Theorie und Praxis war ein zentraler Bestandteil des Lehrgangs. Viele Teilnehmende betonten, wie hilfreich es war, das Gelernte direkt im klinischen Alltag anwenden zu können. War die Theorie für sie teils schwer verständlich, konnten sie das neu erworbene Wissen in den Praxisübungen besser nachvollziehen.

Emotionale Herausforderungen. Der Weg durch den Anerkennungslehrgang war nicht nur eine fachliche Herausforderung, sondern auch eine emotionale. Viele Teilnehmende befanden sich fernab ihrer Familien und mussten sich in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden. Der Autor hat versucht, nicht nur als Kursleiter, sondern auch als Ansprechpartner und Unterstützer für persönliche Anliegen da zu sein. Gerade in schwierigen Momenten, etwa wenn die Belastung wegen unschöner Situationen mit Kollegeninnen und Kollegen oder Heimweh zu groß wurde, war es wichtig, gemeinsam Lösungen zu finden.

Organisatorische Anforderungen. Auch organisatorisch war der Lehrgang anspruchsvoll. Die Vielzahl an bürokratischen Anforderungen machte die Planung und Durchführung komplex. Dank der engen Zusammenarbeit zwischen Kliniken, dem Pflege-Qualifizierungs-Zentrum Hessen und Behörden konnte BIKE jedoch die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um den Teilnehmenden den Weg zu ebnen.

Erfolgreiches Modellprojekt

Trotz aller Herausforderungen ist der Erfolg des Kurses beeindruckend: Von den neun Teilnehmenden haben alle die abschließenden Prüfungen bestanden und eine Anstellung in der Anästhesiepflege gefunden. Dies ist nicht nur ein Beleg für die harte Arbeit der Teilnehmenden, sondern auch für den Wert des Lehrgangs als Modellprojekt. Es war unglaublich zu sehen, wie sich die Teilnehmenden in nur wenigen Monaten entwickelt haben – von unsicheren Bewerberinnen und Bewerbern zu selbstbewussten, kompetenten Pflegefachpersonen, die nun Teil des deutschen Gesundheitssystems sind.

Der ATA-Anerkennungslehrgang zeigt, dass die Integration ausländischen Fachpersonals möglich ist, um einen Beitrag zu einer vielfältigen und offenen Gesellschaft zu leisten und den Fachkräftemangel zu lindern – wenn die richtigen Rahmenbedingungen vorherrschen. Um den steigenden Bedarf zu decken, müssen Programme wie der ATA-Anerkennungslehrgang weiter ausgebaut und unterstützt werden. Investitionen in Sprache, interkulturelle Kompetenz und praxisnahe Ausbildung sind dabei unerlässlich. Der Erfolg der Teilnehmenden des ATA-Anerkennungslehrgangs zeigt: Mit Empathie, Geduld und dem richtigen Konzept lassen sich Hindernisse überwinden – und neue Perspektiven schaffen.

Autor

Weitere Artikel dieser Ausgabe

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN