Das Universitätsklinikum Gießen hat eine App eingeführt, um die Wunddokumentation inklusive der fotografischen Erfassung von Wunden einfacher, schneller und objektiver zu machen. Essenziell war eine geplante Implementierung.
Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen oder postoperativen Wunden zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben im klinischen Alltag. Am Standort Gießen des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) stieg die Zahl der Patienten mit chronischen Wunden und damit der Dokumentationsaufträge zur Wund- und Dekubitusversorgung kontinuierlich an. Gleichzeitig fehlten innovative Lösungen, um die Dokumentation strukturiert und nachvollziehbar zu gestalten.
Eine Folgedokumentation oder gar ein Fortschreiben der Wunddokumentation war nicht möglich. Der Ausdruck der Dokumentation ließ viele Fragen bei Pflegediensten oder Hausärztinnen und -ärzten offen – sie waren unstrukturiert und unvollständig. Die Situation war nicht länger tragbar, das Verbesserungspotenzial offensichtlich.
Trotz vorhandener digitaler Patientenakte war es vor Einführung der KI-gestützten Foto- und Wunddokumentation eine Herausforderung, chronische und postoperative Wunden korrekt und leitliniengerecht zu dokumentieren. Die eingesetzte Hard- und Software erfüllte viele Anforderungen nicht ausreichend. Besonders auffällig war die Diskrepanz der digitalen Dokumentation auf der Intensivstation und der Intermediate Care im Vergleich zu peripheren Stationen. Die kritischen Bereiche nutzten ein spezialisiertes Programm, das bisher keine Schnittstellen und somit keine Kommunikation zu den anderen Systemen bot. So kam es bei Verlegung von Patienten oft zu einem Abbruch der Dokumentation.
Innovative Funktionen
Im Mai 2022 stieß die Autorin auf den Schweizer Anbieter imito AG, der mit „imitoWound“ eine digitale Lösung zur Wunddokumentation inklusive der fotografischen Erfassung von Wunden anbot. Die Funktionen sind innovativ und hilfreich im Klinikalltag: So berechnet die App unmittelbar nach dem Fotografieren die Wundgröße und visualisiert den Wundheilungsfortschritt. Durch Anklicken einer der voreingestellten Optionen lässt sich bestimmen, auf welchen internationalen Dokumentationsstandards die Wunddokumentation basieren soll. Hilfreich ist dabei, dass für die Verwendung der App keine spezielle Hardware benötigt wird; jedes gängige Apple- oder Android-Smartphone und -Tablet kann verwendet werden. Auf die Webversion kann auch über einem Desktop-Computer zugegriffen werden.
Zur technischen Umsetzung am Standort Gießen des UKGM war IT-seitig die Einrichtung von Schnittstellen erforderlich, die ausschließlich berechtigten Zugriff auf relevante Patientenakten erlaubten. Datenschutz und Konformität hatten dabei oberste Priorität.
Die Vorarbeiten bis zur ersten Testung nahmen nahezu ein Jahr in Anspruch. Gespräche mit der Klinikleitung, die Erstellung eines Finanzplans und die Abstimmung mit der IT-Abteilung waren erforderlich, bevor eine praktische Umsetzung möglich wurde.
imito: 2015 in der Schweiz gegründet
2015 fand der Informatiker Chrysanth Sulzberger im Rahmen seiner Masterarbeit heraus, dass 56 Prozent der in Krankenhäusern tätigen Fachkräfte ihr Smartphone bereits ganz oder teilweise für die klinische Fotodokumentation nutzten. Vielfach sei sensibles Fotomaterial der Patienten sogar über WhatsApp geteilt worden. So kam Sulzberger auf die Idee, gemeinsam mit Manuel Studer, ebenfalls Informatiker, imito zu gründen und eine App zur datenschutzkonformen klinischen Fotodokumentation zu entwickeln.
„imitoCam“ – eine App für medizinisch-pflegerische Fotodokumentation inklusive einer Instagram-ähnlichen Funktion zur Teaminteraktion, entwickelten Sulzberger und Studer gemeinsam mit dem Universitätsspital Basel, das 2016 auch erster Kunde von imito wurde. 2017 folgte das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf als erster Kunde in Deutschland.
2019 veröffentlichte das imito-Team die Wunddokumentationsapp „imitoWound“, die KI-gestützt eine standardisierte Wundbeurteilung und wissenschaftlich validierte Wundvermessung ermöglichte.
Aktuell sind die Apps von imito in über 60 Krankenhäusern in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Einsatz.
In Zusammenarbeit mit dem Pflegefachmann und Professor für Wundversorgung an der Universität Genf, Sebastian Probst, begann imito Ende 2021, ein KI-basiertes Entscheidungsunterstützungssystem für die Wundbehandlung zu entwickeln. Die Ergebnisse sollen zukünftig in die Lösungen von imito integriert werden. SL
Ziele waren eine spürbare Zeitersparnis in der Dokumentation und deutliche Verbesserung der Qualität und Quantität der Wunddokumentation. Eine einfachere Hardwarelösung musste her. Die bisherige Hardwarelösung mit Digitalkamera, Speicherkarte und Kartenlesegeräten war umständlich und zeitraubend. Die Dokumentation war nur möglich, wenn der PC im Stationszimmer frei war und das Kartenlesegerät funktionierte. Aufgrund dieser Schnittstellenproblematik bedurfte es seitens der Pflegefachperson schon eines gewissen technischen Verständnisses, um eine fehlerfreie Wunddokumentation mit Foto erstellen zu können. Die Nutzungsschwelle war hoch und daher war es erforderlich, diese bei immer weniger Zeit für die Dokumentation deutlich zu reduzieren. Allen Pflegefachpersonen war sehr daran gelegen, dass die Dokumentation schneller und unkomplizierter möglich sein sollte.
Zur Testung wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, um eine überschaubare Größe an aktiven Testerinnen und Testern zu erhalten: Kolleginnen und Kollegen von zwei Intensivstationen, einer peripherer Station, zwei Ambulanzen und die Autorin selbst als freigestellte, konsiliarisch tätige Wundmanagerin. Parallel erreichte die IT-Abteilung über Anträge zum Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) die finanzielle Unterstützung zur Förderung der Digitalisierung und somit zur Anschaffung der Endgeräte und der gesamten technischen Ausstattung – eine erhebliche finanzielle Entlastung.
Das System war der Autorin bereits aus einer Hospitation zur Fachtherapeutin Wunde ICW bekannt. Die Nutzeroberfläche erwies sich als intuitiv, einfach bedienbar und geeignet, alle bestehenden Herausforderungen zu bewältigen.
Studie: KI-Apps haben erhebliches Potenzial zur Verbesserung der Wundversorgung
Eine Forschungsgruppe aus Italien hat das Potenzial von KI-gestützten mobilen Apps für das automatisierte Wundassessment (Segmentierung) und deren Anwendung im Klinikalltag untersucht [1].
Methodisch führte sie eine umfassende Literaturrecherche durch. Schwerpunkt der Analyse seien mobile Apps gewesen, die vollautomatische KI-Algorithmen für das Wundassessment verwendeten. Apps, die zusätzliche Hardware oder mehr technische Dokumentation erforderten, habe das Forschungsteam ausgeschlossen. In die Bewertung seien technologische Merkmale, die klinische Validierung und die Benutzerfreundlichkeit eingeflossen.
Das Forschungsteam identifizierte zehn mobile Apps, darunter zwei Lösungen aus Europa: Neben „imitoWound“ von imito gibt es einen Anbieter aus Spanien, der mit „Clinicgram“ ebenfalls ein digitales Tool zur KI-gestützten Wunddokumentation, -fotografie und -analyse anbietet. Die App „Minuteful for Wound“ des israelischen Unternehmens Healthy.io ermöglicht es, Wunden mithilfe von Smartphone-Kameras und eines Kalibrierungsmarkers genau zu beurteilen. Sie standardisiert die Wundabmessungen unter verschiedenen Lichtverhältnissen und beinhaltet eine Systematik zur Nachverfolgung des Wundverlaufs. Drei weitere Apps stammen aus Singapur, eine aus Kanada und drei aus den USA – darunter „WoundVision Scout Mobile“ des Unternehmens WoundVision LLC, das auf der Verwendung von Langwellen-Infrarot- Thermografie basiert. Dabei kommt das externe Bildgebungsgerät „Scout“ zum Einsatz, das nach Herstellerangaben entwickelt wurde, um die Wundbeurteilung zu optimieren. Die Forschungsgruppe wies aber darauf hin, dass ihr Interesse ausschließlich den Funktionen zur kamerabasierten Wunddokumentation und -beurteilung galt.
Insgesamt stellten die Forschenden bei den untersuchten Apps unterschiedliche Niveaus an Segmentierungsgenauigkeit und klinischer Validierung fest. Viele Apps veröffentlichten keine ausreichenden Informationen zu den verwendeten Segmentierungsmethoden oder Algorithmen. Bei den meisten Apps fehlten zudem Informationen zu den Datenbanken für das Training ihrer KI-Modelle. Mehrere Apps seien nicht öffentlich verfügbar, was ihre Zugänglichkeit und unabhängige Bewertung einschränke.
Insgesamt kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass KI-gestützte Apps zur Wunddokumentation ein erhebliches Potenzial zur Verbesserung der Wundversorgung böten, indem sie die Diagnosegenauigkeit erhöhten und die Belastung für das medizinische Fachpersonal verringerten. SL
[1] Griffa D, Natale A, Merli Y et al. Artificial Intelligence in Wound Care: A Narrative Review of the Currently Available Mobile Apps for Automatic Ulcer Segmentation. BioMedInformatics 2024; 4 (4): 2321–2337
Eine Umstellung gab es insbesondere für jene Kollegen, die bisher keine Apple-Geräte bedient hatten, da sich die Nutzeroberfläche zu den Android-Geräten deutlich unterschied. Nach anfänglichen Schwierigkeiten verlief die Umstellung sehr gut. Alle Kollegen erhielten eine umfangreiche Schulung, ehe die sechsmonatige Testphase begann.
Die Rückmeldungen der beteiligten Stationen und Ambulanzen liefen bei der Autorin und der IT-Abteilung zusammen. Das Team tauschte sich regelmäßig mit dem Anbieter aus, um zeitnah Verbesserungen oder Nachjustierungen umzusetzen.
Trotz vereinzelter technischer Hürden war die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten gut und konstruktiv. Veränderungen wurden zeitnah umgesetzt. Am Ende der Testphase waren die überarbeiteten Wund- und Fotodokumentationen bei Entlassung strukturiert, verständlich und enthielten den vollständigen Wundverlauf.
Das Ergebnis der Testphase war eindeutig: Die Stationen wollten dieses System implementieren und hofften auf Zustimmung seitens der Geschäftsführung. Nach einer mehrmonatigen Phase der internen Abstimmung erfolgte im Mai 2024 die Vertragsunterzeichnung des UKGM für die Nutzung der App von imito.
Implementierung in den Klinikalltag
Die Ausschreibung für die Beschaffung der Endgeräte, das Aufsetzen der Tablets, die Planung der flächendeckenden Implementierung und die Schulung aller Mitarbeitenden – all das sollte strukturiert und durchdacht umgesetzt werden. Insgesamt 46 Stationen des Klinikums waren eingebunden.
Die Schulungen erfolgten im großen Hörsaal der Chirurgie. In den Monaten Februar und März waren es zwei Schulungen pro Woche – für Pflegefachpersonen, Pflegehilfskräfte und ärztliches Personal.
Innerhalb von acht Wochen durchliefen rund 550 Mitarbeitende die Schulung. Im Rahmen des Einweisertages im Mai wurde ein ganzer Nachmittag dem Thema Foto- und Wunddokumentation gewidmet. Einzelne Stationen bekommen seitdem auf Nachfrage immer mal wieder Einweisungen um die Übergabezeit herum. Das Thema bleibt auch in den regelmäßigen Treffen der Gruppe der Wundexpertinnen und -experten am UKGM stets präsent. Bei Rückfragen oder akuten Problemen steht ein telefonischer Support zur Verfügung. Seit Juni 2025 ist das gesamte Haus im Vollbetrieb der KI-gestützten Foto- und Wunddokumentation. Rückfragen einzelner Stationen lassen sich im Rahmen der täglichen Konsile gut bearbeiten. Nach und nach planen weitere Abteilungen im Haus wie OP-Bereiche und Ambulanzen – zum Beispiel der Dermatologie, HNO und der MKG – die Einführung des neuen Systems. Im November steht der nächste Einweisertag an und die imito-App wird erneut Bestandteil der Schulung sein. Die Entlasspapiere, die wir inzwischen den Patienten mitgeben können, sind deutlich strukturierter und verständlicher für die Kollegen in der ambulanten Nachversorgung. Deren Feedback zeigt, dass die übermittelten Versorgungsempfehlungen und Dokumente gut verständlich und nachvollziehbar sind.
Die Qualität und Quantität der Dokumentation haben sich spürbar verbessert. Der zeitliche Aufwand für die Bearbeitung ist deutlich gesunken, vor allem bei den Folgedokumentationen. Das Feedback ist gut bis sehr gut und es kommen definitiv keine Verständnisfragen mehr zurück. Die Unterschiede zwischen Apple- und Android-Betriebssystemen waren zunächst eine Herausforderung, lassen sich aber mit etwas Übung und vor allen Dingen der Bereitschaft zur Umstellung gut bewältigen.
Eine digitale Übermittlung der Wunddokumentation zum Beispiel auf die elektronische Patientenakte wäre ein sinnvoller nächster Schritt. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass eine persönliche Erläuterung der oft komplexen Wundsituation gegenüber Patienten wesentlich zur Verständlichkeit beiträgt. Dieses Verständnis stärkt die aktive Mitwirkung des Patienten und fördert schlussendlich den Genesungsprozess.