Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein nutzt ein spezielles Mentoring-Programm, um die praktische Intensivfachweiterbildung sicherzustellen. Ein Erfahrungsbericht zum Konzept am Campus Kiel.
Im September 2018 startete im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, ein Projekt, um das Defizit zwischen dem Anspruch an die praktische Ausbildung der Fachweiterbildung Intensivpflege und der Realität mit Zeit- und Personalmangel zu beheben.
Das daraus entstandene einmalige Lernformat des Eins-zu-eins-Mentorings gewährleistet und unterstützt die praktische Ausbildung der Fachweiterbildung Intensivpflege und die Einarbeitung neuer Mitarbeitender auf Intensivstationen. Auf diese Weise fördert das Mentoring-Projekt zudem die Wertschätzung der Mitarbeitenden und stärkt deren Bindung ans Haus.
Im Rahmen der Projektarbeit stellte sich nach und nach heraus, dass die bisherigen Praxisanleitungen ausbaufähig sind. So führte die Beschäftigung und Recherche mit anderen Lernformaten zum Format Mentoring für Intensivpflege.
Mentoring in der Praxis
Begleitung. Einmal im Monat begleitet eine Mentorin oder ein Mentor alle Fachweiterbildungsteilnehmenden und alle neuen Mitarbeitenden auf den fünf Erwachsenenintensivstationen des Campus Kiel für die Dauer einer Schicht oder stundenweise. In den Begleitungen trainieren sie mit diesen Kolleginnen und Kollegen Intensivpflege im gemeinsamen Arbeiten direkt am Patienten.
Eigens dafür hat die Autorin dieses Fachbeitrags Lernkonzepte geschrieben und übergeordnete Praxisthemen erarbeitet, die Lerninhalte und zu vermittelnde Kompetenzen beschreiben. Zu diesen übergeordneten Praxisthemen gehören
- Atmung und Beatmung,
- Hämodynamik und Monitoring,
- Hygiene und Isolation,
- Ernährung,
- Ausscheidungen und Dialyse,
- Mobilität und Immobilität,
- Zu- und Ableitungen,
- Wahrnehmung, Wahrnehmungsstörungen und Delir,
- innerklinischer Intensivtransport.
Neben der Vermittlung fachspezifischer Themen seitens der vom Mentor freigestellten Praxisanleiterinnen und -anleiter der jeweiligen Intensivstationen und der Freistellung der Fachkursteilnehmenden für Hospitationen im Herzkatheterlabor (HKL), im OP oder in anderen Bereichen ist das sogenannte „One-to-one-Mentoring“ das meistgenutzte Lernformat in unserem Mentoring-Programm.
Unterstützung. Dieses qualitativ hochwertige Lernformat garantiert eine persönliche, flexible und kontinuierliche Arbeit mit den Mentees und ermöglicht so einen individuellen Lernprozess. Die Ausbildung ist sozusagen maßgeschneidert auf die oder den jeweiligen Mentee angepasst. Regelmäßige Reflexion gehört zu jeder Begleitung. Diese beinhaltet Kritik, Korrektur, Förderung und Unterstützung.
Wichtig dabei ist die Unabhängigkeit des Mentors im Zuge einer Freistellung. Die Distanz von außen, unabhängig von der Struktur eines Intensivstationsteams, und die Nichtbeteiligung an Beurteilungen und praktischer Prüfung gewährleistet ein Arbeiten und Lernen auf Augenhöhe. Daher ist das Mentoring-Programm an unserer Klinik für Fachweiterbildungsteilnehmende und neue Mitarbeitende ein einmaliges Lernprogramm.
Beratung. Ein Mittel zum besten und nachhaltigen Lernen ist die positive Verstärkung, der motivierende Zuspruch, im Feedbackgespräch. Entscheidend sind Mitarbeiter, die gut ausgebildet und gut eingebunden sind, denn dann sind sie auch motiviert. Zu den Aufgaben als Mentor gehört zudem das große Feld der Beratung. Ob als Mediator in Konfliktsituationen, als Organisator in der Planung der Fachweiterbildung, als Ratgeber in der Kommunikation im interdisziplinären Team oder zu fachspezifischen Fragen.
Netzwerken. Von Bedeutung ist im Rahmen des Mentorings auch das Netzwerken: zwischen Akademie und Klinik, also zwischen Theorie und Praxis, mit dem Pflegemanagement und den Teamleitungen sowie zwischen den verschiedenen an der Ausbildung beteiligten Fachabteilungen. So lernen die Mentees dieses Netzwerk kennen und können das Wissen darum im Anschluss an die Fachweiterbildung mit in ihren Bereich nehmen und weiter nutzen.
Ein Ziel unseres Mentorings ist natürlich, die Fachkursteilnehmenden sicher durch ihre praktische Prüfung zu bringen. Ein anderes, unserem Ausbildungsauftrag als Unternehmen nachzukommen. Einen neuen Blick darauf vermittelt auch die Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) aus dem Jahr 2022: „Für die Einarbeitung neuer Pflegefachpersonen und Pflegefachpersonen in Weiterbildung zur Intensivpflege und Anästhesie soll zusätzlich 1,3 VK pro 50 Pflegefachpersonen vorgehalten werden (Empfehlungsgrad 1C). Die Einarbeitung sollte strukturiert durch fachweitergebildete Pflegefachpersonen mit Qualifikation zur Praxisanleitung erfolgen (Empfehlungsgrad 1C)“ [1]. Zusätzlich ist der Unternehmenserfolg in einer Kultur des Miteinanders zu fördern, wobei der Mentor als Botschafter des Unternehmens fungieren kann.
Mitarbeiterbindung
Potenzial entfalten. Ein effektives Arbeitsumfeld, in dem sich Mitarbeitende wertgeschätzt und unterstützt fühlen, ist von zentraler Bedeutung für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Das Mentoring stellt einen wertvollen Ansatz dar, um die Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern und die Bindung an das Unternehmen zu stärken. Mentoring umfasst eine Beziehung, in der eine erfahrene Person, der Mentor, eine unterstützende Rolle einnimmt und einer oder einem weniger erfahrenen Mitarbeitenden, der oder dem Mentee, zur Seite steht. Der Mentor ist freigestellt und begleitet Mentees stationsübergreifend auf allen Intensivstationen. Durch den regelmäßigen Austausch von Wissen, Erfahrung und Ratschlägen und in seiner Rolle als Vorbild trägt der Mentor dazu bei, dass der Mentee sein Potenzial entfalten kann und dabei persönlich und beruflich wächst.
Wertschätzung vermitteln. Indem Mentees eine individuelle Betreuung und Unterstützung erhalten, fühlen sie sich gesehen, geschätzt und motiviert. Der Mentor investiert Zeit in die Ausbildung jedes einzelnen Mentees. Auf diese Weise ist eine konzentrierte und sorgfältige Intensivpflege möglich. Meentes machen die Erfahrung, viel für ihre Patienten erreichen zu können. Das Gefühl, dass das Unternehmen sich um ihre persönliche und berufliche Entwicklung kümmert, stärkt die Verbundenheit der Mentees, ihre Bindung an das Unternehmen, erhöht ihr Engagement und stärkt ihr Selbstvertrauen.
Kompetenzen erweitern. Des Weiteren bietet das Mentoring den Mentees die Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erlernen und sich stetig weiterzuentwickeln. Dank des engen Austauschs mit erfahrenen Mentoren können sie von deren Fachkenntnissen, Ratschlägen und Best Practices profitieren. Über Jahrzehnte erlangtes Expertentum kann so weitergegeben werden und geht nicht verloren. Das alles ermöglicht den Mentees, ihre Kompetenzen zu erweitern und ihre Karriere voranzutreiben.
Instrument zur Personalentwicklung
Die Einführung eines strukturierten Programms hilft, Mentoring erfolgreich als Werkzeug zur Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung zu nutzen. Ein solches Programm beinhaltet das Identifizieren potenzieller Mentoren im Unternehmen, das Festlegen klarer Ziele für das Mentoring selbst und die Bereitstellung von Ressourcen für eine effektive Umsetzung. Dazu gehört die Freistellung und Unabhängigkeit der Mentoren.
Stetige Verbesserung. Regelmäßige Feedbackgespräche zwischen Mentoren und Mentees tragen ebenfalls dazu bei, die Qualität des Mentorings zu verbessern und die Ziele des Programms zu erreichen.
Zusätzlich zu den Feedbackgesprächen nach jeder Begleitung empfiehlt sich ein Evaluationsbogen am Ende der Fachweiterbildung. Antworten auf Fragen zum praktischen Anteil (der Arbeit), zur zwischenmenschlichen Perspektive (zur Person) und zu den Rahmenbedingungen (zum Betrieb) geben immer wieder Hinweise, wie sich das Mentoring-Programm verbessern lässt.
Baustein der Weiterbildung. Das im September 2018 gestartete Mentoring-Programm des UKSH am Campus Kiel hat sich für die Intensivfachweiterbildung bewährt. Seit 2023 unterstützen Mentoren auch neue Mitarbeitende der Intensivstationen nach deren geplanter Einarbeitung im ersten Jahr der Anstellung auf den jeweiligen Stationen. Was als Pilotprojekt begann, ist inzwischen dank der überdurchschnittlich positiven Effekte ein fester Baustein der Weiterbildung und der Einarbeitung am UKSH, Campus Kiel.
Unterstützende Kultur. Die inhaltlichen Konzepte vermitteln übergeordnete Praxisthemen und fachspezifische Themen der einzelnen Fachabteilungen. Der Mentor unterstützt den Mentee in einer Eins-zu-eins-Begleitung. Dies stellt zweierlei sicher: einerseits den ausreichenden zeitlichen Rahmen für die geplante praktische Ausbildung, andererseits die Vermittlung aller praxisrelevanten Lerninhalte, sodass eine messbare Qualität erreicht ist.
Das Mentoring-Programm als Instrument und integraler Bestandteil der Personalentwicklungsstrategie fördert Wissenstransfer, gewährleistet einem wertvollen Erfahrungsaustausch und trägt zu einer unterstützenden Kultur bei. Zudem erfüllt das Mentoring die Aufgaben als Vorbild, Ratgeber, Coach, Kritiker und Förderer.
Stetiges Lernen, die persönliche Entwicklung, die Bewältigung von individuellen Herausforderungen – all das wird durch das Mentoring gefördert und trägt letztendlich auch ganz wesentlich zur Mitarbeiterzufriedenheit sowie -bindung und damit zum Erfolg des Unternehmens UKSH bei.
[1] Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Empfehlung zur Struktur und Ausstattung von Intensivstationen 2022 (Erwachsene). Im Internet: www.divi.de/joomlatools- files/docman-files/publikationen/intensivmedizin/230419-divi-strukturempfehlung-intensivstationen-langversion.pdf