Als Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation muss Henning Bolle viele Rollen spielen: Er ist Pflegeexperte, Logistiker, Manager und Seelsorger in einer Person. Im Interview berichtet er, welche Aufgaben seine tägliche Routine bestimmen.
Herr Bolle, welche Qualifikation ist Voraussetzung für die Tätigkeit als Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation, der DSO?
Voraussetzung für eine Tätigkeit als Koordinator ist eine ärztliche oder pflegerische Expertise – bestenfalls mit intensivmedizinischer oder -pflegerischer Erfahrung. DSO-intern folgt eine juristisch und medizinisch geprägte Koordinatorenausbildung. Zusätzlich bietet die DSO spezielle Programme an. Dazu gehört die Ausbildung zum Transplant Procurement Manager, abgekürzt TPM, in Spanien. Ziel des TPM ist die Entwicklung professioneller Kompetenzen in der Organspende. Im Vereinigten Königreich absolvieren Beschäftigte im Bereich der Organspende oder Transplantation einen Studiengang zum Specialist Nurse Organ Donation, zum sogenannten SNOD.
Welche Aufgaben umfasst die Arbeit als DSO-Koordinator?
Zu den Aufgaben eines Koordinators gehört der Erstkontakt mit den Entnahmekrankenhäusern, die potenzielle Patienten mit einer ausgeprägten Hirnschädigung oder infauster Prognose an uns melden. Ich begleite das Personal der Entnahmekrankenhäuser – sowohl Ärzte als auch Pflegende – während des gesamten Prozesses der Organspende bis hin zur Organentnahme. Neben Erstkontakt und Betreuung übernehme ich als Koordinator außerdem die Logistik und Planung der Organentnahme und des anschließenden Organtransports. Darüber hinaus führen wir auch Angehörigengespräche. Außerdem stehe ich in engem Austausch mit Transplantationszentren.
Sie haben den Erstkontakt angesprochen: Wessen Aufgabe ist es im Entnahmekrankenhaus, Sie als Koordinator über den irreversiblen Hirnfunktionsausfall – kurz IHA – oder bevorstehenden IHA eines Patienten zu informieren?
Anrufen kann mich aus der Klinik im Prinzip jede Ärztin, jeder Arzt und jede Pflegefachperson, die oder der Dienst hat. Aber für die Klärung von Fragen und die potenzielle Spendermeldung kontaktiert mich üblicherweise der ärztliche oder pflegerische Transplantationsbeauftragte des Hauses. Manche Krankenhäuser rufen mit dem Hinweis an, dass sie für die Hirntoddiagnostik Hilfe benötigen – dann vermitteln wir entsprechend die neurologischen Fachärzte dafür. Routinierte Krankenhäuser rufen hingegen erst an, wenn der IHA festgestellt ist und die Angehörigen der Organentnahme schon zugestimmt haben.
Welche Daten muss Ihnen ein Entnahmekrankenhaus zur Verfügung stellen?
Die Entnahmekrankenhäuser sind dazu verpflichtet, uns alle benötigten Informationen zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören auch medizinisch vertrauliche Daten – das ist juristisch geregelt. Außerdem ist das Krankenhaus im Rahmen des Transplantationsgesetzes dazu verpflichtet, alle Maßnahmen und Untersuchungen vorzunehmen, die für eine korrekte Organ- und Spendercharakterisierung, die ich als Koordinator übernehme, erforderlich sind.
Das heißt, Sie kontrollieren vorab alle vorliegenden Informationen?
Ja, bevor der eigentliche Organspendeprozess nach deutschem Recht starten kann, sind zunächst solche administrativen Aufgaben zu erledigen. Ich prüfe alle mir vom Entnahmekrankenhaus zur Verfügung gestellten Unterlagen auf juristische und formelle Korrektheit. Denn eine Organspende darf nur erfolgen, wenn der irreversible Hirnfunktionsausfall gemäß den Vorgaben der Bundesärztekammer festgestellt ist und eine Zustimmung zur Organ- und Gewebespende vorliegt. Diese kann der Spender selbst zu Lebzeiten gegeben haben – etwa in Form eines Organspendeausweises oder der Dokumentation seiner Spendebereitschaft in einer Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung – oder die Angehörigen haben einer Spende zugestimmt. Außerdem kontrolliere ich, ob der Totenschein richtig ausgefüllt ist, ob es sich um einen natürlichen oder nichtnatürlichen Tod handelt. Ich prüfe, ob die Staatsanwaltschaft involviert ist und stehe bei Bedarf in Kontakt mit der Rechtsmedizin und dem Kriminaldauerdienst der Polizei. In der Zusammenschau aller medizinischen Befunde evaluiere ich dann die Organeignung. Nach einer finalen Freigabe durch einen Arzt der DSO kann dann die Meldung des Spenders und der geeigneten Organe zur Vermittlung erfolgen.
Diese Aufgaben erledigen Sie quasi noch vom Büro aus? Und den eigentlichen Organspendeprozess aber im Entnahmekrankenhaus?
Manche Unterlagen lassen die Kollegen und ich mir bereits vorab übermitteln, um den Prozess noch effizienter zu gestalten. Unabhängig davon lege ich Wert darauf, zeitnah im Krankenhaus zu sein. Sobald ein Krankenhaus meine Hilfe als Koordinator anfordert, fährt mich ein Transportunternehmen zu eben diesem Krankenhaus. Ich begleite und koordiniere dann natürlich vor Ort den gesamten Organspendeprozess – von der Planung über die Entnahme bis hin zur Versorgung des Leichnams und dessen pietätvolle Übergabe an die Angehörigen.
Sind Sie als Koordinator vorrangig Beobachter der Abläufe im Entnahmekrankenhaus?
Als Koordinator habe ich eine beratende, organisatorische Funktion. Aber ich bin nicht nur koordinierender Beobachter. Ich nehme beispielsweise selbst Blut ab und entnehme auch Laborproben. Wenn Not am Mann ist, berate ich nicht nur, sondern fasse auf der Intensivstation auch mit an.
Sie sprachen eben davon, dass Sie sich von einem Transportunternehmen fahren lassen. Wie das?
Die DSO unterhält mit verschiedenen Transportunternehmen Verträge. Dazu gehört auch, dass mich ein solcher Dienstleister zu Hause abholt und zum Entnahmekrankenhaus fährt. Ich habe gar nicht die Möglichkeit, selbst zu fahren, da ich quasi ab dem Hinweis auf einen potenziellen Organspender permanent telefoniere und am Laptop online bin, um die Organspende zu koordinieren.
Weil die Koordination so komplex ist?
Die DSO ist rund um die Uhr für die Krankenhäuser erreichbar. Jeder Koordinator steht in Kontakt mit den Transplantationszentren der jeweiligen Regionen. In meinem Fall ist es die Region Nord, dazu gehören Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Ein Beispiel: Angenommen, die Medizinische Hochschule Hannover erhält als eines von deutschlandweit 45 Transplantationszentren ein Angebot eines Lungentransplantats, etwa aus Belgien, dann ruft die MHH mich als Koordinator der Region Nord an. Ich kümmere mich dann um den Transfer des Chirurgenteams der MHH zum Entnahmekrankenhaus. Dazu melde ich das Team am Flughafen an, sorge dafür, dass ein Charterflugzeug für sie bereitsteht und anschließend am Ankunftsflughafen in Belgien auch ein Auto. Wichtig ist, dass die Chirurgen rechtzeitig zur Organentnahme im Entnahmekrankenhaus eintreffen. Das ist eine Hauptaufgabe, primär eine logistische Aufgabe. Ich organisiere und koordiniere all das.
Muss immer ein Chirurgenteam eines Transplantationszentrums anreisen, um eine Explantation von Organen vornehmen zu können?
Ja, allerdings ist zwischen thorakalen und viszeralen Organen zu unterscheiden. Für thorakale Organe, Herz und Lunge, müssen Transplantationschirurgen des Hauses, in dem die Transplantation später erfolgen soll, zum Entnahmekrankenhaus reisen, um die Organe zu beurteilen und deren Entnahme zu übernehmen. Im Falle viszeraler Organe, also Leber, Nieren, Pankreas oder Darm, kontaktiere ich ein abdominal-chirurgisches Team eines dem Entnahmekrankenhaus nächstgelegenen Transplantationszentrums, sodass diese Ärzte die Organe explantieren, die anschließend auf die Reise in das jeweilige Transplantationszentrum gehen, in das die Organe vermittelt wurden.
Chirurgen des Entnahmekrankenhauses dürfen selbst also keine Explantation vornehmen?
Nein, dies ist Aufgabe und Zuständigkeit eines Facharztes mit der Eignung nach Paragraf 16 des Transplantationsgesetzes.
Gehört es auch zu Ihren Aufgaben, festzustellen, ob das Spenderorgan überhaupt für den Empfänger geeignet ist?
Nein. Es gibt drei Säulen der Transplantationsmedizin. Die erste Säule ist die DSO – die Organspende (DSO), die Organvermittlung (Eurotransplant) und die Organtransplantation (Transplantationszentren). Wir als DSO sind laut Gesetzgeber für die gesamte Koordination der postmortalen Organspende zuständig. Das bedeutet, wir Koordinatoren organisieren den gesamten logistischen Part, stemmen alle logistischen Anforderungen und übernehmen die Spendercharakterisierung. Diese erhobenen Daten stellen wir der Vermittlungsstelle Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden zur Verfügung. Eurotransplant ist eine gemeinnützige Stiftung und die zentrale Vermittlungsstelle für Organtransplantationen nach Paragraf 12 des Transplantationsgesetzes. Eurotransplant prüft nach ganz speziell festgelegten Kriterien, welche Empfänger zu den von mir gemeldeten und zu explantierenden Spenderorganen passen. Hat Eurotransplant passende Empfänger ermittelt, teilt mir die Stiftung mit, welche Organe wohin allokiert sind. Im Eurotransplant-Verbund sind neben Deutschland noch sieben weitere Länder – nämlich Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Kroatien, Slowenien und Ungarn – zusammengefasst.
Können Sie das an einem Beispiel beschreiben?
Nehmen wir an, ich sei vor Ort bei einem IHA-Verstorbenen im Krankenhaus. Von Eurotransplant erhalte ich die Information, wo die Organe allokiert sind: Die Lunge soll nach Hannover, das Herz nach Rotterdam, die Leber nach Kiel, linke und rechte Niere nach Slowenien und das Pankreas nach Wien. Dann obliegt es mir zu organisieren, wann welches Auto wo zu stehen hat, wie viele Autos benötigt werden, wie viele Flugzeuge parat stehen müssen, wie viel Manpower alles bedarf und wann wir in den OP gehen. Für diese Terminierungen muss ich aber auch noch eine Vielzahl anderer Informationen abrufen und berücksichtigen. Dazu gehören zum Beispiel die Wetterbedingungen oder aktuelle Streikankündigungen, wie kürzlich die Bauernstreiks. Ich muss mit Klimaklebern rechnen und, und, und. Also wenn zum Beispiel in Hamburg der Flughafen gesperrt ist, weil jemand den Zaun durchschnitten hat, dann habe ich ein Problem. Ist Hochwasser oder Bodennebel gegeben, dann habe ich auch ein Problem, wenn das Flugzeug nicht landen kann. Für solche logistischen Probleme benötige ich also stets einen Plan B.
Wie läuft die von Ihnen genannte Spendercharakterisierung ab?
Ich schaue mir den Organspender an: Ist dieser zum Beispiel ein durchtrainierter junger Mann Mitte 20 gewesen, kann ich im Regelfall – natürlich abhängig von den medizinischen Befunden und der Zustimmung – alle Organe anmelden, also Herz, Lunge, Leber, Nieren, Pankreas und Darm. Anders verhält es sich bei einem hochaltrigen Organspender mit Vorerkrankungen. Dessen Organe sind nicht mehr so leistungsfähig und daher kommt nicht jedes der eben aufgezählten Organe für eine Explantation infrage. Gemeinsam mit den Ärzten der DSO bespreche ich daraufhin, welche Organe potenziell transplantierbar sind. Diese melde ich anschließend an Eurotransplant. Und Eurotransplant vermittelt dann auch nur die ausgewählten Organe – immer nach den Kriterien der Dringlichkeit, der Erfolgsaussicht und der Chancengleichheit.
Was passiert mit einem Spenderorgan, wenn das Transplantationszentrum vor Ort feststellt, dass es doch nicht für den potenziellen Empfänger geeignet ist?
Zunächst einmal erfolgt die Entnahmeoperation erst dann, wenn feststeht, wohin welches Organ an welchen Empfänger zu transportieren ist. Angenommen, die Leber soll nach Kiel. Dann bin ich dafür zuständig, dass sie dort rechtzeitig eintrifft. Im dortigen Empfängerzentrum angekommen, stellen die Ärzte aber fest, dass die Leber nicht für den Empfänger geeignet ist. Eurotransplant sieht für solche Fälle immer einen Ersatzempfänger vor. Dieser ist aber zum Beispiel in Rotterdam. Dann ist es wiederum meine Aufgabe als Koordinator, schnellstmöglich den Transport der Leber von Kiel nach Rotterdam zu organisieren. Es kann aber auch sein, dass der Empfänger in Kiel während der Zeit, in der wir beim Spender im Entnahmekrankenhaus die Organe explantieren, verstirbt. Auch dann versucht Eurotransplant im Rahmen der Ischämie-Zeit schnellstmöglich einen Ersatzempfänger zu finden. Die Ischämiezeit meint die Zeitspanne, innerhalb derer das zu transplantierende Organ ohne Blut- und somit ohne Sauerstoffversorgung auskommen kann und beim Empfänger eingesetzt sein muss, um wieder durchblutet zu werden und sicherzustellen, dass das Organ einwandfrei funktioniert. Manchmal lässt sich ein Organ vor Ort nicht transplantieren, etwa aufgrund von Gefäßanomalien, die sich erst intraoperativ offenbaren. Dann kann es tatsächlich bedauerlicherweise so sein, dass ein entnommenes Spenderorgan nicht mehr transplantiert werden kann. Im Rahmen der Qualitätssicherung werden solche nichttransplantierten Organe histopathologisch aufbereitet.
Dieser Fall ist aber eher selten?
Die Prozesse von DSO, Eurotransplant und den Transplantationszentren sind eng aufeinander abgestimmt, um genau solche Fälle zu vermeiden. Das heißt, je gründlicher, je besser und je qualitativ hochwertiger die DSO mit all ihren Mitteln in Kooperation mit dem Entnahmekrankenhaus vorgeht und je genauer die Daten sind, die Eurotransplant erhält, um den bestmöglichen Empfänger zu finden, umso geringer ist die Gefahr, ein Organ verwerfen zu müssen, das heißt, allen Bemühungen zum Trotz letztlich doch nicht übertragen zu können. Und diese aufeinander abgestimmten Prozesse sind zum Glück so gut, dass ein solcher Fall nur sehr selten eintritt.
Lassen Sie uns kurz noch einen Schritt zurückgehen. Wie bereiten Sie die Organe für ihre Reise vor?
Die DSO hält in den verschiedenen Regionen Medizinproduktelager vor, in denen wir die gekühlte Lösung vorbereiten. Zudem lagern dort die benötigten Transportstyroporboxen und weitere notwendige Verpackungsmaterialien, ebenso Eismaschinen und Labormaterialien. Der sogenannte Perfusionsdienst, das sind Medizinstudierende, die die DSO beschäftigt, packen in diesen Lagern das Material zusammen. Ein Transportteam bringt dann – gemeinsam mit dem Perfusionsdienst – das so zusammengestellte Material in das Entnahmekrankenhaus, in dem ich als Koordinator bereits warte. Noch vor der Explantation kontrollieren wir gemeinsam Transportbehälter und dazugehörige Formulare, ehe wir im OP das Material bereitstellen, um die entnommenen Organe möglichst schnell zu verpacken.
Sie haben die Angehörigengespräche genannt. Wie sehen diese aus?
Gemeinsam mit den Ärzten der Klinik führe ich Angehörigengespräche zum Thema Organ- und Gewebespende. Bei den übrigen Gesprächen bin ich auf Wunsch anwesend, beantworte explantationsspezifische Fragen und stehe den Angehörigen auch nach der Organentnahme als Ansprechpartner zur Verfügung. Darüber hinaus begleite ich als Koordinator die Angehörigen auch im Rahmen der Verabschiedung. Für viele Angehörige ist es sehr wichtig, nach der Organentnahme noch einmal Abschied nehmen zu können, dazu haben sie auch das Recht, und wir bieten das auch aktiv an und unterstützen das.
Henning Bolle
ist seit 2018 Koordinator der Region Nord der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Der 43-Jährige hat nach Abschluss seiner Ausbildung zum Krankenpfleger 2001 verschiedene Fachausbildungen durchlaufen, darunter Anästhesie und Intensivmedizin. Er war mehrere Jahre an Universitätskliniken in Leitungsfunktion beschäftigt, unter anderem in einem der führenden Transplantationszentren Deutschlands. Von 2012 bis 2015 absolvierte er außerdem ein Masterstudium in Advanced Practice Nursing (APN). In seiner Rolle als Koordinator hat er weitere Ausbildungen – unter anderem als Kriseninterventionsberater und Notfallseelsorger – abgeschlossen.