Am Universitätsklinikum Münster erhalten Ärzte und Pflegepersonal der Intensivstationen in einer interdisziplinären und interprofessionellen Fortbildung das Wissen und die Kompetenzen, um den Herausforderungen einer Organspende professionell begegnen zu können.
Die Betreuung einer (möglichen) Organspenderin oder eines -spenders ist kein alltägliches Ereignis auf einer Intensivstation. Sie ist eher selten bis sehr selten (nur 869 Organspender bundesweit im Jahr 2022 [1]). Sie ist zudem sehr komplex und trifft immer auf die Ausnahmesituation, dass ein Mensch mit schwerer Hirnschädigung unter kontrollierter Beatmung an einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA) verstirbt oder versterben kann, der wiederum nachzuweisen ist [2].
Die am Spendeprozess beteiligten Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachpersonen versorgen über einen zunächst undefinierten Zeitraum einen hirntoten Menschen. In dieser Versorgungssituation müssen sie zum einen die Kreislaufsituation und die Organfunktionen dieser Person stabil und sicher halten, um eine Spende realisieren zu können. Zum anderen hängt das Schicksal eines oder mehrerer unbekannter Menschen an der möglichen Organspende.
Zusätzlich bedürfen die An- und Zugehörigen des möglichen Spenders einer guten fachlichen und emotionalen Begleitung. Denn sie verlieren nicht nur einen geliebten Menschen, sondern haben sich zur selben Zeit mit einer potenziellen Organspende auseinanderzusetzen. Daher müssen alle Beteiligten genau wissen, was bei der Versorgung bis zur Entnahme-OP zu beachten ist, wie diese abläuft und welche Aufgaben dazugehören [3, 4].
Ärzte und Pflegefachpersonen sind erste Adressaten, um Fragen zu beantworten, die sich mit der persönlichen Auseinandersetzung der Organspende und dem Tod befassen. Das ist schon an sich nicht einfach. Solche Fragen erfordern eine persönliche Auseinandersetzung der Behandelnden mit dieser Thematik und führen mitunter dazu, dass diese ihre eigenen Einstellungen hinterfragen. In der unmittelbaren Situation einer Organspende kann diese Beschäftigung mit dem Thema alle Beteiligten emotional überfordern [5].
Fortbildungen helfen, diesen Herausforderungen professionell zu begegnen. Ziel ist es, die Sicherheit im Umgang mit solchen Situationen zu steigern und die Betreuung hirntoter Personen sowie deren An- und Zugehörigen zu verbessern.
Zudem sind Transplantationsbeauftragte gesetzlich verpflichtet, für eine angemessene Begleitung der An- und Zugehörigen Sorge zu tragen und das medizinische sowie pflegerische Personal regelmäßig zur Organspende zu schulen [6, 7].
Ungleichgewicht in der Fortbildung
Zwar existieren für die Ärzteschaft schon lange Fortbildungen zur Organspende und zur Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls; so bietet die Bundesärztekammer (BÄK) seit 2008 das Curriculum „Transplantationsbeauftragter Arzt“ an, das für alle ärztlichen Transplantationsbeauftragten in Deutschland verpflichtend ist [8].
Für die Pflege hingegen gab es erstmalig 2019 ein Fachpflegesymposium in NRW, veranstaltet von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) [9].
Der vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) und der DSO herausgegebene „Gemeinschaftliche Initiativplan Organspende“ von 2019 [7] empfiehlt die Thematik „Organspende im Medizinstudium“ zudem als festen Bestandteil im Lehrplan: „Organspendebezogene Lerninhalte sollten möglichst bundesweit bei den Studienordnungen für die klinischen Semester im Hochschulfach Humanmedizin berücksichtigt werden, sofern diese nicht bereits integriert sind.“ Als Praxisbeispiel führt der Initiativplan das ebenfalls 2008 eingeführte „einwöchige Transplantationsmodul“ der Medizinischen Fakultät der Universität Münster an.
Immerhin betonen BMG und DSO in ihrem Initiativplan aus 2019 auch die Bedeutung der „(Intensiv-)Pflege“ für die Organspende. Eine entsprechende Vorgabe etwa für den Lehrplan gibt es auch elf Jahre nach dem von der BÄK für die Ärzteschaft erstellten Curriculum nicht. Stattdessen empfehlen sie lediglich „die Aufnahme organspendebezogener Inhalte in die Ausbildung von Pflegenden“: „In der Ausbildung für Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger sollten demnach allgemeine Grundlagen gelehrt werden, die sie für die Organspende sensibilisieren. In der Weiterqualifikation zur Intensivfachschwester/zum Intensivfachpfleger sollten darüber hinaus die pflegerischen Aspekte der Organspende ausreichend geschult werden.“ (Ausbildung umfasst am UKM vier Stunden Unterricht, Weiterbildung acht Stunden.)
So konstatieren BMG und DSO, eine spezifische Zusatzqualifikation für Pflegefachpersonen sei „aktuell nicht etabliert“. Zwar könnten sie an ärztlicher Weiterbildungen teilnehmen, für die Pflege relevante Aspekte der Organspende würden darin „naturgemäß aber nicht in erster Linie angesprochen“.
Schulung via Simulation
Am Universitätsklinikum Münster war die Pflege nicht in den bestehenden Fortbildungsangeboten zur Organspende berücksichtigt, obwohl Ärzte und Pflegende im Falle einer anstehenden Transplantation gleichermaßen medizinisch und psychisch herausgefordert sind. Um diesem Ungleichgewicht zu begegnen, entstand Ende 2017 die Idee zu einer interdisziplinären und interprofessionellen Fortbildung für das ärztliche und pflegerische Personal der Intensivstationen am UKM.
Der Rahmen. Seit 2020 bietet das UKM eine entsprechende Schulungssequenz an. Für deren Umsetzung in möglichst realer Situation bietet das UKM gemeinsam mit der medizinischen Fakultät eine gute Basis: Bereits seit vielen Jahren wird am Studienhospital des Instituts für Ausbildung und Studienangelegenheiten mit speziell geschulten Schauspielerinnen und Schauspielern im Rahmen des Studiums der Medizin gearbeitet.
Zudem hat das Trainingszentrum des UKM, das sich in örtlicher Nähe zum Studienhospital befindet, bereits vertiefende Erfahrungen im Bereich der Trainings interprofessioneller Gruppen in herausfordernden Situationen (zum Beispiel Notfalltrainings) und bietet neben einem kompetenten Team mit seiner modernen Technik (Simulationsraum Intensiv mit komplettem Überwachungsmonitoring, Abb. 1) optimale Bedingungen für eine realitätsnahe Schulung.
Auch die Referentinnen und Referenten sind interprofessionell aufgestellt. Sie kommen aus der Ärzteschaft (Intensivmedizin/ärztliche Transplantationsbeauftragte und Neurochirurgie), dem Klinischen Ethik-Komitee (KEK), der Gesundheits- und Krankenpflege (pflegerische Transplantationsbeauftragte) des UKM sowie der DSO und sind sämtlich erfahrene Fachpersonen.
Die Zahl der Teilnehmenden ist mit zehn Personen bewusst klein gehalten, sodass jede und jeder zu Wort kommt, eine Aufgabe erhält und Fragen direkt geklärt werden können. Eine Vertreterin oder ein Vertreter des KEK ist die ganze Fortbildung über anwesend und direkt ansprechbar.
Die Schulung im Ablauf. Anhand eines fiktiven Falls wird das Prozedere einer Organspende dargestellt. Die Module sind so aufeinander aufgebaut, dass die Teilnehmenden durch den gesamten Ablauf einer Organspende geführt werden – von der Erkennung eines Spenders bis zur Abschiednahme vor der Explantation. Die Angehörigenbetreuung und Abschiednahme nach der Explantation hat keine gesonderte Einheit. Die Fortbildung ist in drei Blöcke aufgeteilt (Tab. 1):
- Der erste Block behandelt die Spendererkennung und die intensivmedizinische Therapie zur Etablierung der Voraussetzungen der IHA-Diagnostik (Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls) beispielhaft anhand des Falls.
- Der zweite Block beinhaltet das erste Gespräch mit den An- und Zugehörigen über die infauste Prognose des Patienten, die IHA-Diagnostik, das zweite An- und Zugehörigengespräch über die Entscheidungsfindung zur Organspende sowie die Pflege und Therapie hirntoter Patienten mit ihren besonderen ethischen und medizinischen Herausforderungen.
- Der dritte Block befasst sich mit dem abschließenden An- und Zugehörigengespräch und deren Begleitung in das Zimmer des hirntoten Patienten sowie der Abschiednahme vor der Explantation.
Schwerpunkt: die Gesprächsführung. Ein ganz besonderes Augenmerk liegt auf der Gesprächsführung mit den An- und Zugehörigen. Diese Gespräche führt interprofessionell jeweils ein Tandem: ein Arzt und eine Pflegefachperson. Im Rahmen der Schulung losen die Teilnehmenden durch Ziehung entsprechender Karten diese Tandems vorher selbst aus.
Der Gesprächsablauf beinhaltet jeweils die Beschreibung der Situation, in die das Tandem kommt, ihre Aufgabe, eine kurze Strategiebesprechung der beiden, das Gespräch als solches und ein strukturiertes Feedback. Dieses Feedback (Besprechung) beginnt sofort nach Beendigung des Gesprächs im selben Raum mit dem Feedback des Tandems (Abb. 2). Darauf folgt das Feedback der Schauspieler und im Anschluss das der beiden Moderierenden. Daran schließt sich ein Raumwechsel zu den Mitteilnehmenden und anderen Referenten an, die das Gespräch und das Feedback per Liveübertragung mitverfolgt haben. Die Mitteilnehmenden geben ebenfalls ein kurzes Feedback. Den Abschluss bildet ein kollegiales Gespräch mit allen Anwesenden.
Bei insgesamt drei Gesprächen durchlaufen sechs Personen die jeweiligen Situationen, die anderen Teilnehmenden haben Beobachtungsaufträge, die sich in ihrem Feedback widerspiegeln.
Das Resümee. Am Ende jeder Fortbildung steht die Abschlussrunde, in der die Teilnehmenden ein mündliches Resümee ziehen, Kritik äußern können und beurteilen, ob und inwieweit sich ihre Erwartungen an die Fortbildung erfüllt haben. Abschließend folgt eine anonyme schriftliche Evaluation. Diese Gespräche beinhalten für jedes Tandem drei wichtige Erfahrungen:
- Die Teilnehmenden erfahren sich selbst in der Rolle ihrer Profession als Gesprächspartnerin oder -partner von Angehörigen in emotional belastender Situation und erleben, wie sie selbst damit umgehen und mit welchen Schwierigkeiten und Unsicherheiten sie konfrontiert sind.
- Sie erleben die Synergien, die ein interprofessionelles Tandem bietet: die Sichtweisen und Herangehensweisen der jeweils anderen Profession an die Gesprächsaufgabe, die Möglichkeit einer Pause im Gespräch, um die jeweils andere oder den jeweils anderen sprechen zu lassen, die Wirkung dieser Pause sowohl auf sich selbst als auch auf das Gespräch, das Nachgespräch und Feedback der Mitteilnehmenden. Außerdem haben sie die Möglichkeit, später bei Bedarf ein weiteres Nachgespräch zu führen.
- Sie bekommen ein direktes Feedback zu ihrem Verhalten während des Gesprächs und ihrem Gespräch als solches von mehreren Seiten: von den Gesprächsteilnehmenden (ihren Tandempartnern und den speziell geschulten Schauspielern, die die Rolle der An- und Zugehörigen übernehmen), den beobachtenden Moderierenden und den zuschauenden Teilnehmenden.
Vorteile der Simulation. Das Pflegepersonal erhält im Stationsalltag sehr selten ein Feedback von An- und Zugehörigen. Doch im Rahmen des beschriebenen Trainings bekommen die Gesprächsführenden eine direkte und umfassende Rückmeldung zu ihrem Handeln und ihrer Wirkung.
Umgekehrt haben sie außerhalb dieses Trainings sonst nicht die Gelegenheit, selbst nur als Zuschauende an einer komplexen Situation teilzunehmen, direkte Wirkung von Gesprächen zu beobachten und sich anschließend aktiv einzubringen.
Diese Möglichkeit der Selbsterfahrung im Gespräch „mit Netz und doppeltem Boden“ ist eine Besonderheit und bedarf eines geschützten Raums. Daher werden die Teilnehmenden zu Beginn der Veranstaltung verpflichtet, keine Inhalte der Fortbildung nach außen zu tragen. Gleiches gilt für die Referenten und Schauspieler.
Ergebnisse bisheriger Veranstaltungen
Von den bisher 52 Teilnehmenden waren 21 ärztliche und 31 pflegerische Mitarbeitende. Die ärztlichen Mitarbeitenden haben im Mittel 6,4 Jahre Berufserfahrung (zwischen einem Jahr und 23 Jahren). In der Pflege liegt das Mittel bei 13,6 Jahren (zwischen zehn Monaten und 35 Jahren).
Alle bisherigen Teilnehmenden haben im Rahmen der anonymen Befragung zum Zwecke der Evaluation auf einer fünfstufigen Skala von „sehr stark motiviert“ bis „sehr unmotiviert“ angegeben, sie seien (hoch) motiviert, die Fortbildungsinhalte in die Praxis umzusetzen (sehr stark motiviert: 32, stark motiviert: 20).
Ebenso haben sie durchweg eine Steigerung ihrer Sicherheit im Umgang mit der Organspende erfahren (48 von 52). Die Verbesserung der Handlungskompetenz ist deutlich gestiegen (50 von 52), auch beschreiben die Teilnehmenden eine höhere Kompetenz in Angehörigengesprächen (41 von 51) – eine Person machte dazu keine näheren Angaben (Tab. 2).
Schlussfolgerung
Zumindest subjektiv haben alle Teilnehmenden dank Wissensvermittlung und Kompetenzzuwachs ihre Sicherheit im Umgang mit der Organspende steigern können. Diese Erkenntnis unterstreicht die Wichtigkeit, solche Schulungsmodelle einer interaktiven praxisbezogenen Fortbildung für beide Berufsgruppen vermehrt in der Versorgung anzubieten.
Diese Art der Fortbildung kann somit ein wichtiger Baustein zur Förderung der Organspende sein. Eine gute medizinische Betreuung des (möglichen) Spenders und eine einfühlsame, kompetente Begleitung der An- und Zugehörigen können helfen, die Organspenden in Deutschland nachhaltig zu steigern.
[1] Deutsche Stiftung Organspende (DSO). Jahresbericht – Organspende und Transplantation in Deutschland 2022 (15.01.2023). Im Internet: www.dso.de/SiteCollectionDocuments/DSO-Jahresbericht% 202022.pdf#search=869; Zugriff: 09.11.2023
[2] Deutsche Stiftung Organspende (DSO). DSO Leitfaden für die Organspende. Kapitel 4: Feststellung des Todes durch Nachweis des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (Stand: 28.07.2023). Im Internet: www.dso.de/organspende/fachinformationen/organspendeprozess/leitfaden-f%C3%BCr-die-organspende/04-todesfeststellung; Zugriff: 09.11.2023
[3] Swisstransplant und Nationaler Ausschuss für Organspende (CNDO). The Swiss Donation Pathway. Leitfaden Angehörige – Angehörigenbetreuung und Kommunikation im Kontext von Organspende. Prozessorientierte und theoretische Grundlagen sowie praktische Anwendungsempfehlungen (Version 1.0 – Dezember 2020). Im Internet: www.swisstransplant.org/fileadmin/user_upload/Bilder/Home/Fuer_Fachpersonen/Ausbildung/Swiss_Donation_Pathway/DE/_ Farner_Leitfaden_DE_WEB.pdf; Zugriff: 09.11.2023
[4] Muthny F, Wiedebusch S. Der plötzliche Tod einer nahestehenden Person – Trauerarbeit und Erfahrungen der Angehörigen im Krankenhaus. Z Klin Psychol Psychiatr Psychother 2005; 53 (1): 59–74
[5] Moritz L-M. Herausforderungen von Pflegekräften bei der Versorgung von hirntoten Menschen [Bachelorarbeit]. Hamburg. Hochschule für angewandte Wissenschaften; 2021. Im Internet: reposit.haw-hamburg.de/bitstream/20.500.12738/12646/1/2022Moritz_Lisa- Marie_BA.pdf; Zugriff: 09.11.2023
[6] Bundesministerium der Justiz (BMJ). Transplantationsgesetz (TPG). §9b Abs. 2 S. 2,4 TPG. Im Internet: www.gesetze-im-internet.de/tpg/__9b.html; Zugriff: 09.11.2023
[7] Bundesgesundheitsministerium (BMG) und DSO. Gemeinschaftlicher Initiativplan Organspende (Juni 2019). Im Internet: www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/O/ Organspende/Initiativplan_Organspende.pdf; Zugriff: 09.11.2023
[8] Bundesärztekammer (BÄK). Curriculum „Transplantationsbeauftragter Arzt“ (Mai 2015). Im Internet: www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/_old-files/downloads/pdf-Ordner/Fortbildung/Curr-Transplantationsbeauftragter-Arzt.pdf; Zugriff: 09.11.2023
[9] Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW). 1. Fachpflegesymposium Organspende der DSO-Region NRW (04.04.2019). Im Internet: www.kgnw.de/ueber-kgnw/veranstaltungen/2019-fachpflegesymposium-organspende; Zugriff: 09.11.2023