• 11.08.2023
  • PflegenIntensiv
Übergabeleitfaden im Kitteltaschenformat

Schichtwechsel ohne Nebenwirkungen

Union

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2023

Seite 50

Auf Intensivstationen der Medizinischen Hochschule Hannover hilft ein speziell im Kleinformat entwickelter Übergabeleitfaden Pflegenden, eine strukturierte, prägnante und informative Übergabe zu gestalten. Ein Projektbericht.

Pflegende sind einer hohen psychischen und physischen Arbeitsbelastung ausgesetzt. Neben den bekannten schlechten Rahmenbedingungen – steigender Leistungsdruck infolge Personalmangel, Schicht- und Wochenendarbeit – stellen speziell auf Intensivsta­tionen der Lärm und die Vielzahl der weiterzugebenden Informationen eine große Herausforderung dar [1, 2, 3, 4]. Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung fällt eine strukturierte und qualitativ hochwertige Dienstübergabe ohne Informationsverluste vorwiegend Berufseinsteigenden, -rückkehrenden sowie immigrierten Pflegefachpersonen schwer [5].

In der Funktion als Praxisanleiterin auf der anästhesiologischen/neurologischen Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover hat die Autorin festgestellt, dass neue Pflegende vermehrt Schwierigkeiten haben, die Pflegeübergabe während des Schichtwechsels kurz, prägnant und strukturiert zu gestalten. Informationsverluste waren konkret auf Übergaben von Berufseinsteigenden und stationsfremden Pflegefachpersonen zurückzuführen. Diese Beobachtungen machte nicht nur das Team der sta­tionsinternen Praxisanleitenden (PA), sondern auch die PA anderer Stationen.

Vorgaben

Aus diesen Beobachtungen entstand die Idee eines strukturierten Übergabeleitfadens, der insbesondere auf die fachspezifischen Informationen zur Patientenklientel der Station abgestimmt ist. Ziel war es zunächst, im Rahmen eines Projekts einen solchen Übergabeleitfaden partizipativ mit dem Team zu entwickeln, um Übergaben in Struktur, Prägnanz sowie Qualität und Quantität der Inhalte zu optimieren, entscheidenden Informationsverlusten vorzubeugen und die psychische Belastung der Pflegenden entsprechend zu reduzieren.

Eine literaturbasierte Recherche zu systematisierten Übergabehilfsmitteln ergab: Das Übergabegespräch ist strukturiert zu gestalten und soll einen roten Faden verfolgen, um einem Informationsverlust vorzubeugen. Ein Leitfaden mit einem nach Priorität geordneten Überblick der Inhalte stellt ein unterstützendes Instrument dar, das Pflegefachpersonen – unabhängig ihres Erfahrungsgrads – dabei unterstützt, die wich­tigen Informationen in einer geordneten Ablaufstruktur wiederzugeben [5, 6, 7].

Die leitfadengestützte Übergabe ist in der Medizin weitverbreitet und wird von diversen Berufsverbänden empfohlen. Diese Übergabekonzepte bilden jedoch keinerlei pflegerische Aspekte ab und sind daher für die Übergabe zwischen Pflegenden auf Intensivstation ungeeignet. Die Inhalte eines Leit­fadens sind auf die Spezifität der entsprechenden Station abzustimmen, damit die für den Fachbereich wichtigen Informationen lückenlos abgebildet sind. Zudem ist darauf zu achten, den Pflegenden einen gewissen Grad an individueller Autonomie während der Übergabe zu ermög­lichen, um die Akzeptanz des Hilfsmittels zu fördern.

Inhalte

Im nächsten Schritt befragte die Autorin in ihrer Funktion als Projektverantwortliche die übrigen Praxisanleitenden sowie die erfahrenen Pflegefachpersonen der Station, die ebenfalls neue Pflegende einarbeiten, welche Auffälligkeiten sie während der Übergabe beobachten und welche Erwartungen sie an einen Übergabeleitfaden haben.

Diese Befragung gewährleistete, dass zum einen der Übergabeleitfaden alle wichtigen Punkte einer Patientenübergabe auf der Intensivstation enthält und zum anderen die Praxisanleitenden sowie die einarbeitenden Pflegefachpersonen an den Inhalten des Leit­fadens mitarbeiteten.

Wichtig ist zudem, die Leitfadeninhalte regel­mäßig im Team zu evaluieren und gegebenenfalls anzupassen. Somit sind die Teammitglieder sowohl an der Erstellung als auch an der jeweiligen Weiterentwicklung des Instruments beteiligt – diese Partizipa­tion erhöht die Anerkennung der Relevanz des Leitfadens [5, 6, 7]. Insbesondere die Akzeptanz seitens dieser Teammitglieder ist von hoher Bedeutung für den Erfolg des Projekts. Sie leiten die neuen sowie die stationsfremden Pflegenden an und weisen während der Übergabe auf die Anwendung des Leitfadens und dessen Vor­teile hin.

Im Zuge der Befragungen der Teammitglieder stellten sich zwei unterschiedliche Vorgehensweisen zu Übergaben heraus:

  • Einige präferieren eine schematische Darstellung eines Menschen, um nach den übergeordneten Informationen zu Person, Diagnose und Vorerkrankungen die pflegerischen Details – angefangen am Kopf über den Körper bis hin zu den Füßen und der Haut – zu berichten.
  • Andere bevorzugen eine Auflistung der einzelnen Aspekte, die nach Organen in einer bestimmten Reihenfolge geordnet ist.

 

Der Übergabeleitfaden mit Vorder- und Rückseite berücksichtigt daher beide Übergabetypen und bildet jeweils einen Typ auf einer Seite ab. Im Sinne der Übersichtlichkeit haben Vorder- und Rückseite eine einheitliche Farbgebung.

Neben dem Layout war es zusätzlich wichtig, dass der Übergabeleitfaden einerseits schnell zur Hand sein kann und andererseits möglichst robust ist, um diesen im Stationsalltag nicht zu beschädigen. Außerdem sollte er aus hygienischen Gründen einer Wischdesinfektion standhalten (Abb. 1 und 2).

 

Evaluation

Sechs Monate nach dem Roll-out evaluierte die Autorin das Projekt „Übergabeleitfaden im Kittel­taschenformat“ anhand leitfadengestützter Interviews mit der stellvertretenden Stationsleitung und mit Anwendenden.

Darunter befanden sich Pflegefachpersonen, die im Anschluss an die Ausbildung erst seit Kurzem auf der Intensivstation tätig waren, und erfahrenere Pflegende, die im Rahmen der Weiterbildung zur Fachperson für Anästhesie- und Intensivpflege einen mehrmonatigen Einsatz auf der anästhesiologischen/neurologischen Intensivstation hatten.

Die Interviewten gaben an, dass die Schwierigkeit der Übergabe auf der Intensivstation darin besteht, eine Vielzahl an Informationen – aufgrund der Vor­geschichte und der langen Krankheitsverläufe der Patientinnen und Patienten – vollständig und struk­turiert unter der hohen Arbeitsbelastung sowie der Geräuschkulisse an die Folgeschicht weiterzugeben.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Übergabeleitfaden auf einer interdisziplinären Intensivstation einer Universitätsklinik implementiert ist. Dadurch kommt ein breites Spektrum an Erkrankungsbildern, Therapieformen und Behandlungskonzepten zusammen. All diese Umstände können insbesondere Berufseinsteigende beziehungsweise Pflegende überfordern, die außerhalb der Universitätsmedizin ihre Ausbildung absolviert haben.

Als Vorteile des Übergabeleitfadens nannten die Interviewten dessen klare Struktur sowie die detaillierte Aufschlüsselung der übergeordneten Inhalte. Mithilfe des Übergabeleitfadens ist es nun möglich, die Vollständigkeit der Übergabe zu überprüfen und daher mit einem Gefühl der Sicherheit die Schicht auf Station zu beenden, ohne die Angst mit sich zu tragen, essenzielle Informationen nicht weitergegeben zu haben. Diese Verbesserung der Arbeitssituation fördert somit auch die Work-Life-Balance.

Die stellvertretende Stationsleitung sieht die Vorteile des Übergabeleitfadens darin, dass sich zum einen die Übergabezeiten verkürzt haben und die Struktur der Übergabe nicht mehr leidet. Zum anderen ist das Hilfsmittel dank der detaillierten tabellarischen Übersicht auf die individuellen Bedarfe der Pflegenden abgestimmt. Schon kurze Zeit nach der Implementierung haben die Anwendenden die Struktur des Leitfadens übernommen und ihren eigenen Stil der Übergabe daran ausgerichtet.

Zu den wenigen Kritikpunkten zählte interviewübergreifend das anfängliche Gefühl einer Einschränkung der Autonomie und der Kreativität während der Übergabe. Auf die Frage, wem die Nutzung des Übergabeleitfadens zu empfehlen sei, waren sich die Interviewten erneut einig. Alle beantworteten die Frage mit Berufseinsteigenden, Teilnehmenden der Weiterbildung zur Fachperson für Anästhesie- und Intensivpflege und stationsfremden Pflegenden, zum Beispiel Pflegenden aus der Arbeitnehmerüberlassungsbranche und dem klinikinternen Personalunterstützungspool.

Kein Informationsverlust

Die Evaluation des Projekts zeigte, dass der Über­gabeleitfaden Anwendende in einer strukturierten Übergabe unterstützt, die alle wichtigen Informationen beinhaltet und trotzdem weniger Zeitressourcen beansprucht. Speziell Berufseinsteigende können mithilfe des Leitfadens Übergaben ohne Informationsverlust gestalten.

Teilnehmende der Weiterbildung zur Fachperson für Anästhesie- und Intensivpflege haben mit dem Leitfaden ein klares Schema zur Hand, nach dem sie in der praktischen Prüfung eine strukturierte, informative Übergabe gestalten können.

Das Hilfsmittel ist mittlerweile intensivstationsübergreifend im Einsatz und stößt auf breite Zu­stimmung. Außerdem hat der Übergabeleitfaden das Potenzial, mit wenigen Änderungen auch interprofessionell die Übergabe in Struktur und Vollständigkeit zu verbessern.

Nach der erfolgreichen Einführung des Projekts „Übergabeleitfaden im Kitteltaschenformat“ sollen Folgeprojekte die Lärmbelastung, die Möglichkeit einer digitalen Anwendung des Übergabeleitfadens sowie Fortbildungen zum aktiven Zuhören während der Übergabe detektieren.

[1] Arnold J, Kornadt O. Untersuchung zur Lärmbelastung von Patienten und Pflegepersonal auf Intensivstationen. Bauphysik 2007; 29 (4): 296–305

[2] Rossi R. Konzepte für eine strukturierte Patientenübergabe. Notfall Rettungsmedizin 2020; 23 (2): 93–98

[3] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Stressreport Deutschland 2019: Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden (2020). Im Internet: www.baua.de/DE/Angebote/ Publikationen/Berichte/Stressreport-2019.pdf?__blob=publication File&v=1; Zugriff: 12.03.2023

[4] Grobe T, Steinmann S. Gesundheitsreport. Pflegefall Pflegebranche? So geht’s Deutschlands Pflegekräften; 2020. Im Internet: www.tk.de/resource/blob/2059766/2ee52f34b8d545eb81ef1f3d87278e0e/ gesundheitsreport-2019-data.pdf; Zugriff: 12.03.23

[5] Blank A, Zittlau N. Es kommt nicht nur auf den Inhalt an. Dienst- übergabe in der Pflege. In: Heilberufe/Das Pflegemagazin 2018; 11 (70): 38–40

[6] Spooner A, Aiken L, Chaboyer W. Implementation of an evidence- based practice nursing handover tool in intensive care using the knowledge-to-action framework. Worldviews on Evidence-Based Nursing 2018; 15 (2): 88–96

[7] Blank A, Zittlau N. Dienstübergabe in der Pflege. Einführung und Umsetzung im Team. Berlin: Springer; 2017

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