• 08.11.2022
  • PflegenIntensiv
Device-assoziierte Infektionen während COVID-19-Pandemie

Geringere Inzidenz – weniger Fälle

Universitätsklinikum Regensburg

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2022

Seite 46

In Großbritannien und den Vereinigten Staaten führte die Coronapandemie und damit einhergehend die Behandlung Betroffener auf den Intensivstationen zu einem Anstieg Device-assoziierter Infektionen. Eine Auswertung der Daten aus dem Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System – KISS – ergab für Deutschland hingegen keinen signifikanten Anstieg.

Im Zuge der COVID-19-Pandemie änderte sich die Belegungssituation auf den Intensivstationen der Industrienationen dramatisch. Die dort beatmeten Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) mit schwerer COVID-19-Pneumonie und Multiorgandysfunktionssyndrom wurden mit zahlreichen Zugängen wie zentralen Venenkathetern, arteriellen Kathetern, Harnwegskathetern oder Dialyse­kathetern versorgt. Bei Lungenversagen kam auch ein künstliches Oxygenierungssystem, die ECMO (extracorporal membrane oxygenation), zum Einsatz. Die gleichzeitig notwendige Einzelzimmerisolierung und der häufige Wechsel von Schutzkitteln und Handschuhen führte zu einer höheren Komplexität des gewohnten intensivmedizinischen Umfelds.

So bestand die Sorge, dass im Zuge der veränderten Belegungssituation vermehrt nosokomiale Infektionen auftreten könnten. Eine Untersuchung aus den USA ließ in der Tat einen Zusammenhang zwischen Belegungsrate mit COVID-19-Patienten und Rate der nosokomialen Infektionen erkennen. Auch nosokomiale Infektionen an sich traten vermehrt auf [1]. In einer Auswertung von Daten aus dem deutschen Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) für das Pandemiejahr 2020 hat das Nationale Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ) des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin jetzt analysiert, ob auch in Deutschland eine solche Zunahme zu verzeichnen war [2].

Methodik der Studie

Das Modul ITS-KISS erfasst fortlaufend Daten zum Auftreten definierter, Deviceasso­ziierter Infektionen auf den teilnehmenden deutschen Intensivstationen. Als Device werden Katheter, Beatmungstuben und sonstige invasive Zugänge (z. B. Harnwegskatheter) bezeichnet. Die Stationen sind je nach Fachgebiet in medizinische, chirurgische, neurochirurgische, neurologische, pädiatrische und sonstige Intensivstationen aufgegliedert. Die Erfassung nosokomialer Infektionen nach vorgegebenen Definitionen übernehmen geschulte Datenerfasser, meist Hygienefachpersonen.

Die Methode der Datenerfassung ähnelt weitgehend derjenigen des US-amerikanischen National Healthcare Safety Network (NHSN). Lediglich beatmungsassoziierte Atemwegsinfektionen werden in den USA seit einigen Jahren aufgrund der Unsicherheiten der klinischen Bewertung nicht mehr gemessen. Die entsprechende Komplikation heißt dort jetzt „beatmungsassoziiertes Ereignis“ (Ventilatorassociated event, VAE) und beinhaltet allgemein akute Verschlechterungen der apparativen Beatmungssituation.

Die Infektionserfassung während der COVID-19- Pandemie erfolgte anhand der bisher angewandten KISS-Definitionen für die bekannten KISS-Infek­tionsarten

  • beatmungsassoziierte untere Atemwegsinfektion,
  • Harnwegskatheter-assoziierte Harnwegsinfektion,
  • ZVK-assoziierte Blutstrominfektion sowie
  • Extracorporeal-Life-Support- (ECLS-)Therapie-assoziierte Blutstrominfektion.

Für die aktuelle Analyse haben die NRZ-Autorinnen und -Autoren (im Folgenden: Autoren) die Infek­tionsraten der genannten Infektionen für die Jahre 2019 (vor Pandemiebeginn in Deutschland) sowie 2020 (erste und zweite Pandemiewelle) analysiert und miteinander verglichen. Als Device-Anwendungsrate galt die Zahl der Device-Tage pro 100 Patientenliege­tage auf der Intensivstation. Als Device-assoziierte Infektionsrate definierten die NRZ-Autoren die Zahl der Infektionsepisoden pro 1.000 Device-Liegetage.

Ergebnisse

Im Erfassungszeitraum verringerte sich die Zahl der an der Erfassung teilnehmenden Intensivstationen um 6,2 % von 982 (2019) auf 921 (2020). Die Auf­teilung der Intensivstationen auf verschiedene Fachgebiete blieb im Wesentlichen identisch. Die mediane Bettenzahl der Intensivstationen blieb mit 12 Betten (mittleres 50-%-Quantil: 10–16 Betten) ebenfalls gleich.

Die Ergebnisse bezüglich der Infektionsraten sind aus Tab. 1 zu entnehmen. Die Anwendungsrate zentraler Gefäßkatheter nahm geringgradig, jedoch sig­nifikant zu. Etwa zwei Drittel der Intensivliegetage verbrachten Patienten mit einliegenden zentralen Gefäßkathetern.

Bei den Harnwegskatheter-assoziierten Harnwegsinfektionen war ein leichter, nichtsignifikanter Rückgang zu verzeichnen. Die Zahl der KISS-Teilnehmenden, die lebenserhaltende maschinelle extrakorporale Systeme einsetzten, war sehr gering. Damit assoziierte Blutstrominfektionen traten selten auf (n = 17 [2019] versus n = 16 [2020]).

Schlussfolgerung

Anders als in den USA und England gingen die im deutschen ITS-KISS-System erfassten Device-assoziierten Infektionen im Jahr 2020 in der Summe zurück. Die NRZ-Autoren führen dies u. a. darauf zurück, dass die COVID-19-Inzidenz pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Deutschland weniger als halb so hoch war wie in den USA, nämlich 5.259 Fälle (Deutschland) im Vergleich zu 13.416 Fällen (USA). Entsprechend geringer war auch die Belastung der Intensivstationen. In Deutschland waren nur 7 % aller Intensivbetten während der Pandemie mit COVID-19-Patienten belegt, ein im internationalen Vergleich geringer Wert.

Kommentar

Zuerst erscheint die Annahme nachvollziehbar, dass Device-assoziierte Infektionen während der COVID-19-Pandemie ansteigen. Viele Krankenhäuser dokumentierten eine Überbelegung mit Patienten und eine Unterbesetzung von Pflegenden – beides Risikofaktoren für die Entstehung derartiger Infektionen. Zusätzlich erhalten viele hospitalisierte COVID-19-Patienten eine Kortikosteroidtherapie, die das Risiko einer Superinfektion erhöhen kann. Des Weiteren steigt das Risiko einer schweren COVID-19-Infektion bei Patienten mit Komorbiditäten, die auch eine generell erhöhte Anfälligkeit für Infektionen nach sich ziehen. Dennoch gingen die im deutschen ITS-KISS-System erfassten Device-assoziierten Infektionen im Pandemiejahr 2020 in der Summe zurück.

Publikationen zeigen unbeabsichtigte Folgen von Maßnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle während der COVID-19-Pandemie. Bemerkenswert sind dabei die Surveillance-Daten des mit insgesamt 1.785 Betten größten Krankenhauses in Singapur. Sie zeigen einen Anstieg der Händehygiene-Compliance unter dem Einfluss von COVID-19 von bereits sehr guten 85 % auf 100 %. Evaluiert wurde die Compliance in der Singapurer Klinik sowohl mittels Messung des Desinfektionsmittelverbrauchs als auch durch direkte Beobachtung [3]. COVID-19 hat offensichtlich das Bewusstsein für Hygienemaßnahmen geschärft und damit auch der Händehygiene zu neuer Aufmerksamkeit verholfen.

Im Januar 2020 etablierte das Singapurer Krankenhaus im Rahmen der COVID-19-Pandemie eine mehrstufige Präventionsstrategie. Dazu gehörten neben der konsequenten Umsetzung der AHA-Regeln (Abstand einhalten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmaske tragen) die Intensivierung der Händehygiene und der Flächendesinfektion mit entsprechender Überwachung sowie das Tragen einer persönlichen Schutzausrüstung – Kittel und Handschuhe für das Gesundheitspersonal – und entsprechende Schulungen. Damit sind die Maßnahmen zur Verhinderung der COVID-19-Virusausbreitung geeignet, auch die Device-assoziierten Infektionen zu reduzieren – eine weitere Begründung für die vorteilhaften Ergebnisse aus der NRZ-Publikation [2].

[1] Baker MA et al. The impact of Coronavirus disease 2019 (COVID-19) on healthcare-associated infections. Clin Infect Dis 2022; 74: 1748–1754. doi: 10.1093/cid/ciab688

[2] Geffers C et al. No increase of device associated infections in German intensive care units during the start of the COVID-19 pandemic in 2020. Antimicrob Res Infect Control 2022 ;11 :67. doi.org/10.1186/s13756–022–01108–9

[3] Wee LEI et al. Unintended consequences of infection prevention and control measures during COVID-19 pandemic. Am J Infect Control 2021; 49: 469–477. doi: 10.1016/j.ajic.2020.10.019

Autoren

Weitere Artikel dieser Ausgabe

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN