• 07.11.2022
  • PflegenIntensiv
Mit Mut, Visionen und Selbstbewusstsein in die Zukunft

"Die Pflege muss ihren Weg finden"

Pflegende können nur Freude an ihrem Beruf haben, wenn sie auch selbst Freude schenken, sagt Wendelin Herbrand, Leiter des Bildungszentrums für Pflegeberufe an der BG Unfallklinik Murnau.

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2022

Seite 19

Pflegende können nur Freude an ihrem Beruf haben, wenn sie auch selbst Freude schenken, sagt Wendelin Herbrand, Leiter des Bildungszentrums für Pflegeberufe an der BG Unfallklinik Murnau. Seit fast 40 Jahren ist er in der Pflege tätig, hat Spaß an seiner Profession und begeistert junge Menschen für den Beruf. Wir sprachen mit ihm über seine eigene Motivation und was die Pflegenden selbst tun können, um ihre Berufsgruppe voranzubringen.

Herr Herbrand, ursprünglich strebten Sie eine klerikale Laufbahn an, entschieden sich dann jedoch für den Pflegeberuf. Wie passt das zusammen?

Ich wollte eigentlich Lokomotivführer werden. Da ich farbenblind bin, hat mir die Bahn keinen Arbeitsvertrag gegeben. Heute bin ich darüber froh. Ab 1980 habe ich dann Theologie studiert, weil ich Pfarrer werden wollte. Ich hatte das Bildnis der Fußwaschung vor Augen: Jesus wusch seinen Jüngern vor dem letzten Abendmahl die Füße. Ich bin immer davon ausgegangen, dass man sich mit diesem Dienst des Dienens bewusster ist. Allerdings habe ich festgestellt, dass dies im klerikalen Umfeld nicht so ist und suchte nach einem Weg, jeden Tag Füße waschen zu können – in der Praxis. So habe ich nach Abschluss meines Theologiestudiums meine Ausbildung zum Pfleger gestartet. Mir geht es immer um das praktische Leben, auch um das Vor-Leben. Darum, Vorbild zu sein.

Wer Sie in Vorträgen erlebt, sieht einen Menschen mit Humor, der andere begeistern möchte. Wie bringen Sie all diese positive Energie auf angesichts der vielen Probleme in der Pflege?

Diese Probleme sind ja nicht neu, sondern sie existieren, seit es die Pflege gibt. Pflegenotstand und Personalmangel, das gab es schon vor dreißig Jahren. In all den Jahren gab es immer wieder Menschen, die gesagt haben, es wird sich etwas tun. Aber es hat sich nichts getan. In unserer beruflichen Struktur war es schon immer sehr schwierig, die eigene Motivation zu finden. Mein Grundmotto lautet: Man kann nur Freude haben, wenn man Freude schenkt. Wenn ich nicht mit mir zufrieden bin, kann ich auch nicht andere Menschen zufrieden machen. Wenn ich mich selbst nicht mag, dann werde ich auch andere nicht mögen und andere werden mich nicht mögen. Es ist immer wieder ein Spiegelbild von uns allen. Und wenn ich lache, dann steckt mein Lachen andere an. Und wenn andere lachen, dann werde ich von diesem Lachen angesteckt. Humor ist für mich eines der wichtigsten Elemente in der Pflege. Wenn der Kragen zu platzen droht, wenn wir kaum noch Luft zum Atmen haben, dann hilft uns Humor. Wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, mich zurücknehmen und die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen kann, dann sind all die vielen kleinen Unzulänglichkeiten des täglichen Lebens gar nicht mehr so entscheidend.

Wie äußert sich dieser Humor?

Es geht nicht darum, Witze zu machen oder im beruflichen Alltag besonders viel zu lachen. Humor meint, den Sorgen des Alltags gelassener entgegenzutreten. Dann macht die Arbeit viel mehr Spaß als wenn ich immer nur griesgrämig zur Arbeit komme. Als Leiter des Bildungszentrums für Pflegeberufe an der BG Unfallklinik Murnau haben Sie täglich mit jungen Menschen zu tun. Wie kann es gelingen, diese jungen Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern? Nach Beendigung meiner Ausbildung 1985 wollte ich Pflege gestalten. So habe ich mich dafür entschieden, mich für Aus- und Weiterbildung zu engagieren. Schon damals habe ich gesagt, dass wir erfahrene Pflegende brauchen, die die jungen Menschen in ihrem beruf­lichen Alltag begleiten, ihnen zur Seite stehen. Den Begriff Praxisanleitung gab es noch gar nicht. Heute ist gesetzlich geregelt, dass zehn Prozent der Praxis­anleitung in der Ausbildung verankert sind. Das ist etwas Wertvolles. Aber nur, wenn sie auch gelebt wird.

Was heißt das genau?

Viele junge Pflegende kommen hoch motiviert auf ihre Stationen. Doch dort bekommen sie erst mal Sätze zu hören wie: Auf dich haben wir hier gerade noch gewartet. Ihnen wird also das Gefühl vermittelt: Du machst mir nur mehr Arbeit. Mit dieser Einstellung werden wir diesen Beruf auch in der Zukunft nicht attraktiver machen. Und ganz ehrlich: Ich versuche weiterhin, junge Menschen zu begeistern, weil ich natürlich auch ein eigenes Interesse habe: In ein paar Jahren werde ich selbst vielleicht pflegebedürftig sein. Wenn ich dement oder inkontinent werden sollte, möchte ich jemanden um mich, der mich professionell versorgt. Dann kann ich wenigstens sagen: Ich habe dafür gesorgt, dass junge Menschen Freude an diesem Beruf haben, an seiner Professionalität. Das lässt mich immer wieder hoch motiviert an die Sache heran­gehen. Also: Wenn wir uns bewusst werden, dass wir Vorbild sind und sich andere von unserem Handeln etwas abschauen können, dann werden wir junge Menschen auch in Zukunft begeistern.

Und was können junge Pflegende selbst tun, um ihre Situation zu verbessern?

Junge Menschen sollten den Mut haben für mehr Eigenständigkeit. Sie sollten nicht warten, bis jemand ihnen dazu die Erlaubnis gibt. Sie sollten neugierig sein, quasi wie früher durchs Schlüsselloch spitzen und schauen, wie sie selbst groß werden können. Ich habe da höchstes Vertrauen in diese Jugend.

Viele Pflegende beklagen ihre berufliche Situation. In Ihren Vorträgen sagen Sie klar: Jammern hilft nicht. Oder aber: Wenn Jammern, dann richtig und laut. Wie ist das zu verstehen?

Wir müssen aufhören, unseren Pflegeberuf zu bejammern und ständig zu fragen: Wir können nicht mehr, wer soll das alles noch machen bei diesem Pflegemangel? Das motiviert keinen Menschen. Die Feuerwehr würde auch nicht fragen: Was machen wir, wenn wir keine Feuerwehrautos mehr haben? Wir Deutschen sind Weltmeister im Jammern. Wenn es etwas zu jammern gibt, dann sollten wir richtig laut jammern – aber zeitlich begrenzt. Wir dürfen nicht immer nur das Negative sehen. Wenn wir im Sumpf immer das Schlimme und das Übel bejammern, dann werden wir darin versinken. Wir müssen raus aus dem Jammertal und uns fragen, für was wir in einer globalen Gesellschaft mit ihren unzähligen Problemen einstehen. Wir dürfen uns nicht davor drücken, bei uns selbst anzufangen. Andere werden unsere Probleme nicht beseitigen. Wir rufen immer nach der Politik. Die wird es nicht machen. Es wird auch nicht der Arbeitgeber sein, auch nicht die Gesellschaft. Die Pflege selbst muss sich deutlich ihrer Verantwortung stellen, diesen Beruf attraktiv zu machen und Bedingungen zu schaffen, die andere dafür begeistert. Und wir müssen selbstbewusster werden. Die Pflege muss ihren Weg finden.

Nicht das Negative zu sehen, ist aktuell natürlich schwierig. Wie sollen die Pflegenden das Positive erkennen?

Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir schon viel erreicht haben. Und dann soll man nicht jammern, sondern stolz sein. Es gibt Universi­täten und Hochschulen. Es gibt viel Expertise. Was jetzt noch fehlt, ist, dass wir diejenigen, die tagtäglich am Bett stehen, mitnehmen. Wir haben viele Fachweitergebildete und Studierte, aber wir haben keine Arbeitsplätze für sie. Die Forschung, wie sie in der Medizin gegeben ist, gibt es in der Pflege nicht. Pflege bestimmt nichts, Pflege kann nichts kaufen, Pflege verordnet nicht. Würde sich das ändern, gäbe es auch auf und für die Pflege eine andere Sichtweise.

Aber selbst dann bleibt doch immer noch der Personalmangel bestehen …

Und davon sind ja momentan alle möglichen Berufe betroffen. Nehmen Sie das Beispiel Deutsche Bahn. Ich fahre von München nach Berlin und würde gern auf der Reise ein Weißbier trinken. Von München bis Nürnberg ist kein Personal da, das mich bedient oder mein Bedürfnis stillt. Zwischen Nürnberg und Halle ist Personal da, aber das kann nicht arbeiten, weil die Kühlschränke nicht funktionieren. Zwischen Halle und Berlin funktionieren die Geräte, aber dann fehlt es wieder an Personal. Ich komme in Berlin an und habe kein Weißbier getrunken. Es wird überall von Fachkräftemangel gesprochen. Ich weiß gar nicht, wo all die Menschen sind, die gesucht werden. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir mit unseren vorhandenen Ressourcen umgehen, damit das System nicht zusammenbricht. Natürlich haben wir einen zunehmenden Pflegemangel. Umso wichtiger ist, die jungen Menschen in der Praxis zu begleiten, sie auch in den schwierigsten Situationen nicht alleinzulassen. Jung und Alt müssen lernen, die Probleme miteinander anzugehen, denn wir werden künftig immer weniger erfahrene Pflegende haben. Es gibt mittlerweile Stationen, die gar keine Pflegenden mehr haben, die mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen sonst alles geregelt haben.

Wir sprachen davon, die Attraktivität des Pflegeberufs zu erhöhen. Wo sehen Sie Stellschrauben?

Die Fachweiterbildung in Deutschland ist sehr anspruchsvoll. Doch diejenigen, die zwei Jahre Weiterbildung absolviert haben, erleben dann die Realität, dass sie keine Verantwortung erhalten. Das ist etwas, das ich mir für die Zukunft wünsche: Mit ihrer Weiterbildung haben sich die Pflegenden Erfahrung und Wissen angeeignet. Dafür sollten sie entsprechend belohnt werden und auch eine Zuständigkeit erhalten. Wir müssen in der Pflege Verantwortung selbst übernehmen dürfen und man muss uns auch die Qualität zugestehen, dies leisten zu können. Die Vorbehaltsaufgaben in der generalistischen Ausbildung sind der richtige Ansatz. Wenn jetzt auch noch Verantwortung übertragen würde, wenn es hieße: Du bist jetzt Ex­perte, es gibt niemanden, der die Sache besser machen kann. Dann wird es auch in unserem Beruf eine Aufbruchstimmung geben.

Und wo sehen Sie Hindernisse?

Bei einer Fachweiterbildung light wie in Baden-Württemberg, bei einem Finanzminister, der uns sagt, was finanzierbar ist und was nicht. Und dann werden die Personaluntergrenzen wieder abgesetzt, weil uns ja die Pflegenden fehlen, um Personaluntergrenzen umzusetzen. Und wenn Pflegende fehlen, ja, dann kann man ja Praktikanten einsetzen, Bundeswehrsoldaten, die Schlecker-Frauen oder die Arbeitslosen aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe oder Hartz-IV-Empfänger und lassen sie einfach einen Pflege-Workshop absolvieren. Oder wir holen noch mehr Pflegende aus dem Ausland – aus Mexiko, Brasilien, Indonesien. Wenn wir aber die Bedingungen hier nicht verändern, dann werden auch die bald wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das alles wird so nicht funktionieren.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat zuletzt erklärt, wir hätten gar nicht zu wenig Pflegende in Deutschland …

Ja, wir haben sie nur nicht richtig verteilt. Man müsse sie einfach nur hier wegnehmen und dort hinsetzen. Dann machen wir noch hier und da ein Krankenhaus zu, wie etwa Professor Reinhard Busse meint. Herr Busse hat ja nicht ganz Unrecht. Wir haben zu viele Krankenhäuser. Aber welcher Landrat wird sein Krankenhaus schließen? Das kostet ihn Wählerstimmen. Das wird also auch nicht passieren. Zielführend ist es auch nicht, wenn jedes Krankenhaus alle möglichen Leistungen vorhält, wenn beispielsweise im Umkreis von zwanzig Kilometern fünf Kliniken Knieersatz-Endoprothetik anbieten. Wir müssen mit den Ressourcen, die wir haben – und das sind vorranging die Mitarbeitenden –, klarkommen. Genauso wenig brauchen wir Personalbemessungsinstrumente. Die Ärzteschaft hat ohne so ein Instrument klar sagen können, was sie benötigt, um dies und jenes zu machen. Aber für die Pflege suchen wir schon seit vierzig Jahren ein solches Instrument.

Also braucht die Pflege eine Selbstverwaltung, eine Pflegekammer, die für die Interessen der Pflege einsteht. Warum ist es in der Pflegebranche so problematisch, die große Mehrheit für dieses Organ zu begeistern?

Das ist etwas, das mich seit vierzig Jahren und auch bis zu meiner Rente so ärgert: Wir können uns selbst nicht verwalten. Jeder Bäcker und jeder Metzger kann selbst entscheiden, bloß die Pflege braucht immer wieder jemanden, der für sie entscheidet. Wir haben 1,3 Millionen Pflegende, aber kaum Menschen, die sich in Berufsverbänden engagieren, weil sie sagen: Och, das hilft mir sowieso nix. Das Problem ist, dass die Pflegenden Veränderungen skeptisch gegenüberstehen. Hinzu kommt: In den Berufsverbänden, wie dem Deutschen Pflegerat, sind die Verantwortlichen ehrenamtlich tätig – neben ihrem Beruf –, somit wird nichts finanzierbar sein. In der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege haben wir gerade mal 1.500 Mitglieder. Wir haben eine fehlende Bereitschaft zu sagen, jawoll, ich engagiere mich, ich gehe in einen Berufsverband … Das einzige Bundesland mit einer Pflegekammer ist Rheinland-Pfalz. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen wurden die Pflegekammern aufgelöst. Markus Söder hatte noch als bayerischer Gesundheitsminister verkündet, Bayern werde das erste Land mit einer Pflegekammer sein. Bis heute gibt es im Freistaat keine. Und nun Nordrhein-­Westfalen …

Was müssen die Pflegenden ändern, um die Zukunft der Pflege aktiv mitgestalten zu können?

Wir müssen aufhören mit diesem Denken nach rückwärts: Früher war alles besser und schöner – das ist Schmarrn. Wir müssen nach vorwärts denken. Wir müssen jeden Tag sein wie sechsjährige Kinder, die sich freuen, mit ihrer Schultüte in den Händen den ersten Schultag zu erleben. Dann können wir die Welt verändern. Wir müssen diesen kindlichen Blick in die Welt bewahren. Die Freude, in die Zukunft zu gehen und teilzuhaben an einem Gesamtergebnis. Ich erwarte mir von jenen, die die Verantwortung tragen, dass ihnen auch bewusst ist: Der Fisch stinkt vom Kopf. Als Verantwortungstragende haben wir – ich sage es noch einmal – eine Vorbildfunktion. Wenn ich das, was ich von anderen erwarte, auch selbst bereit bin zu leisten, dann werden andere sagen: Ich mache mich auch auf den Weg.

Aber wird sich dann wirklich der Großteil der Pflegenden auf diesen Weg machen?

Ich würde nie Hundert Prozent sagen. Ich sage immer: ein Drittel. Es gibt ein hoch motiviertes Drittel. Ein weiteres Drittel sind Mitläufer und ein Drittel sind Looser. Aus einem Ewigjammerer, einem Pessimisten, werde ich keinen Optimisten machen können.

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