Die Knappschaft Kliniken wollen mit der Vier-Tage-Woche die Attraktivität der Pflegeberufe steigern, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden berücksichtigen und gleichzeitig die Qualität der Patientenversorgung sicherstellen. In Recklinghausen kam das Arbeitszeitmodell im Rahmen eines Pilotprojekts in der Intensivpflege zum Einsatz.
Attraktive Arbeitsbedingungen und innovative Arbeitsmodelle schaffen ein Umfeld, in dem Mitarbeitende mit hoher Motivation ihrer Tätigkeit nachgehen können. Flexiblere Arbeitszeiten, gezielte Gesundheitsprogramme und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sind nur einige der Strategien, mit denen Arbeitgeber versuchen, beruflich Pflegende zu binden und deren Wohlbefinden zu fördern.
Die Knappschaft Kliniken haben bereits in den vergangenen Jahren die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeitenden flexibilisiert. Von März bis August 2024 führten die Krankenhausträgergesellschaften der Knappschaft Kliniken zusätzlich im Rahmen eines Pilotprojekts für die Dauer von vorerst sechs Monaten eine Vier-Tage-Woche innerhalb bestehender Strukturen des Tarifvertrags ein. Das Arbeitszeitmodell zielt darauf ab, die Work-Life-Balance der Mitarbeitenden zu verbessern und gleichzeitig die Attraktivität des Arbeitsplatzes in den Kliniken zu erhöhen.
Vier-Tage-Woche: Bedeutung und Herkunft
Neue, flexible Arbeitszeitmodelle wie die Vier-Tage-Woche ermöglichen eine bessere Work-Life-Integration, indem sie den Mitarbeitenden mehr Zeit für ihr Privatleben bieten, ohne dass die berufliche Leistung darunter leidet. Flexiblere Arbeitszeiten führen zu höherer Zufriedenheit und Produktivität.
Laut einer Umfrage, die das Nachrichtenmagazin Focus im Oktober 2022 veröffentlicht hat, sprechen sich mehr als 75 Prozent der Deutschen für eine Vier-Tage-Woche aus. Die Idee der Vier-Tage-Woche hat ihren Ursprung in den 1950er- und 1960er-Jahren, als Diskussionen über kürzere Arbeitszeiten im Zuge des technologischen Fortschritts aufkamen – insbesondere in der Produktions- und Fertigungsbranche.
Ein prominentes Beispiel für den Erfolg der Vier-Tage-Woche ist das Finanz- und Immobilienunternehmen Perpetual Guardian in Neuseeland. Dieses nahm 2018 einen Testlauf vor, in dem die Mitarbeitenden an vier Tagen pro Woche arbeiteten, aber für fünf Tage Lohn erhielten. Der Test war so erfolgreich, dass die Produktivität stieg und das Modell dauerhaft übernommen wurde. Seitdem haben weltweit verschiedene Branchen mit der Vier-Tage-Woche experimentiert:
- Technologie und IT: Vorreiter dieser Initiative sind oft Tech-Unternehmen
- Bildung: Schulen und Bildungseinrichtungen, insbesondere in Neuseeland und den USA
- Marketing und Kreativbranche: Werbeagenturen, Designstudios und kreative Dienstleister
- Verwaltung und öffentliche Dienste: Städte und Gemeinden, vor allem in Island und Spanien
- Finanz- und Rechtswesen: Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien
- Produktion und Fertigung: Industrie, speziell Fertigungsbetriebe – mit angepassten Schichtmodellen
Vorab benannten die Pflegedirektionen der Krankenhausträgergesellschaften Stationen, die sich zum Teil freiwillig dafür gemeldet hatten, die neuen Arbeitszeiten zu testen. Die Pilotphase sollte aufzeigen, ob die Mitarbeitenden die Veränderungen der Arbeitszeit als Mehrwert empfinden. Vor allem in Bereichen mit intensivem Pflegeaufwand, in denen die Überwachung und Versorgung der Patientinnen und Patienten von großer Bedeutung sind, bot es sich an, das Modell zu erproben – beispielsweise im Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen auf der Stroke-Unit und der Intermediate Care. Zuvor bedurfte es einer sorgfältigen Planung, um die Patientenversorgung weiterhin ohne Einschränkungen sicherzustellen.
Umsetzung des Pilotprojekts
Das Projekt zielte darauf ab, eine bestimmte Zahl Mitarbeitender einzusetzen, um die Vier-Tage-Woche in den jeweiligen Fachbereichen zu testen. Außerdem wurden die Arbeitszeiten flexibel angelegt, um den spezifischen Anforderungen dieser Fachbereiche gerecht zu werden – im Beispiel Recklinghausen betraf dies die Stroke-Unit und die Intermediate Care. Ein möglicher Arbeitszeitrahmen war von 6.00 Uhr bis 16.45 Uhr vorgesehen. Diese Flexibilität sollte dazu beitragen, sowohl die Bedürfnisse der Mitarbeitenden als auch die Anforderungen der Patientenversorgung optimal zu berücksichtigen.
Ein engmaschiges Monitoring überwachte kontinuierlich die Ausfallzeiten und die Einsatznotwendigkeit in den jeweiligen Fachbereichen. Nach Einführung der Vier-Tage-Woche traten keine Ablaufprobleme auf der Station auf, was vermutlich auf die Besonderheit zurückzuführen ist, dass Verlegungen auf periphere Stationen erst mittags erfolgen. Bei der Dienstplanung war verstärkt auf die Soll- und Ist-Stunden zu achten. Dies führte zu einer schnellen Überplanung. Die Kombination mehrerer „Frei“-Tage lässt sich aufgrund des regulären Stationsbetriebs nicht immer umsetzen.
Positives Feedback
Die Vier-Tage-Woche soll eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit sowie möglicherweise eine gesteigerte Leistungsfähigkeit herbeiführen. Angesichts der aktuellen Diskussion rund um die Vier-Tage-Woche wollten wir als Knappschaft Kliniken herausfinden, ob unsere Mitarbeitenden tatsächlich davon profitieren. Dabei war auch die Sicht der Beschäftigten zu berücksichtigen, um letztlich die Attraktivität als Arbeitgeber weiter zu steigern. Den Abschluss der Pilotphase bildete daher eine umfassende Evaluation, in der wir die Mitarbeitenden anhand eines Fragebogens zum Einsatz der Vier-Tage-Woche befragt haben.
Das Feedback der Mitarbeitenden fiel durchweg positiv aus. Die zusätzliche Unterstützung des Frühdienstes ermöglichte eine bessere Koordination der Patientenverlegungen in andere Bereiche. Der Nachtdienst erhielt für eine gewisse Zeit Unterstützung vom Spätdienst, sodass sich Aufgaben wie das Vorbereiten der Medikamente neu verteilen ließen. Dies führte insgesamt zu einer spürbaren Entlastung und Entzerrung der Arbeitslast. Alle Beteiligten sprechen sich für eine Fortführung aus und drei weitere Kolleginnen und Kollegen möchten das Modell der Vier-Tage-Woche ebenfalls ausprobieren. Das Ergebnis und der daraus resultierende Wunsch der Mitarbeitenden wurden in die Evaluation mit einbezogen.
Attraktive Alternative
Dank des engen Monitorings und der Evaluationsergebnisse können die Knappschaft Kliniken das Projekt kontinuierlich optimieren. Die Evaluation hat auch gezeigt, dass sich einige Mitarbeitende das Konzept als Arbeitsmodell gut vorstellen können und andere damit nicht zurechtkamen. Aus diesem Grund setzen die Knappschaft Kliniken das Modell der Vier-Tage-Woche nicht verpflichtend für alle Mitarbeitenden um, sondern bieten das neue Konzept interessierten Mitarbeitenden an, die somit von den Vorteilen einer kürzeren Arbeitswoche profitieren können.
Die Diskussion über die Vier-Tage-Woche in der Pflege wird weiterhin von Bedeutung sein, um eine nachhaltige und zukunftsfähige Pflegeversorgung zu gewährleisten, und die Knappschaft Kliniken werden weiterhin dafür Sorge tragen, dass die Mitarbeitenden durch viele unterschiedliche Arbeitszeitmodelle eine optimale Balance zwischen Privatleben und ihrem Beruf haben werden.