Pflege ist Arbeit – nicht nur körperlich, sondern auch mental und psychisch ist der Beruf fordernd. Pflegende sollten daher genau wissen, wie sie ihr inneres Wohlbefinden aufrechterhalten. Davon profitieren Kollegen, Patienten, Ärzte und am Ende die Atmosphäre in der gesamten Klinik. Ein Erfahrungsbericht aus der Asklepios Klinik Nord, Heidberg.
Seit einem Jahr ist die Station Innere Medizin H30 der Asklepios Klinik Nord, Standort Heidberg, in Hamburg neu strukturiert. H30 ist eine Ausbildungs- und Integrationsstation unter der Leitung von Victoria Burfeind. Hier sammeln insbesondere die Pflegenden aus dem Ausland ihre Praxiserfahrung parallel zur theoretischen Weiterbildung, bevor sie auf andere Stationen, wie etwa die Intensivstation, wechseln. Aber auch Auszubildende absolvieren hier Teile ihrer Ausbildung. Neben Fachkenntnissen erhalten die Pflegenden und Auszubildenden auf der H30 auch Hilfestellungen zur Selbstbehauptung und Selbsteinschätzung – und einige Kniffe, wie sie ihre Akkus schnell wieder aufladen können.
Burfeind und ihre Kolleginnen und Kollegen (im Folgenden: Kollegen) arbeiten mit der Hamburger Amesol Akademie zusammen, die Krankenhäuser und Langzeitpflegeeinrichtungen in der Qualifizierung und Integration internationalen Gesundheitsfachpersonals sowohl auf Station als auch in ihren eigenen Schulungsräumen unterstützt. Die zuständige Fachbereichsleiterin Integration bei Amesol ist Melanie Schwarzbach. Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester, Psychologin sowie Systemische Therapeutin und kümmert sich um Themen wie Resilienz und Stressbewältigung der Amesol-Teilnehmenden. Und sie coacht in Einzelsitzung bei Bedarf.
Zu Beginn jeder Schicht planen die Teilnehmenden der Station H30 – das Stammteam, die internationalen Pflegenden und die Auszubildenden – die Pflege ihrer Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten). Die Planungen betreffen einen individuellen Pflegeprozess, der an das jeweils aktuelle Befinden der Patienten angepasst ist. In Absprache mit ihnen priorisieren die Teilnehmenden den Tagesablauf. Auf der Intensivstation finden diese Absprachen oft auch mit Angehörigen statt, die dann z. B. Aspekte der Körperpflege übernehmen können.
Immer wieder üben. Die Erstellung eines individualisierten Tagesplans muss allerdings immer wieder eingeübt werden. Diese Übungen sind daher fester Bestandteil in jedem der wöchentlich stattfindenden Workshops bei Amesol.
Psychologin Schwarzbach weiß, wer sich ein Bild über den Zustand und die Bedürfnisse seiner Patienten gemacht hat, diese klar priorisiert und geplant hat, geht selbstbewusster und letztendlich zufriedener durch den Tag. Wie unterschiedlich gut das funktioniert, beobachtet Burfeind in ihrem Team jeden Tag. Sie schaut genau hin. Und wer Hilfe braucht, bekommt sie.
Genau hinschauen. Wie geht es dir heute? Brauchst du Hilfe? Sollen wir reden? Diese Fragen richtet Burfeind an jeden ihrer rund 40 Kollegen in ihrem Team. Egal ob Stammteam, Ausbildungs- oder Integrationsteilnehmende, wer sich gesehen fühlt, dem geht es besser, der ist gestärkter.
Wichtig ist, dass dieses Ansprechen nicht nur von der Leitungsebene erfolgt, sondern von allen im Team. So entsteht eine Kultur des gegenseitigen Respekts und der gegenseitigen Anteilnahme. Die fördern Station und Akademie gemeinsam. Ziel ist es, den Teamgeist zu fördern. Jeder passt auf jeden auf.
Innehalten. Im stressigen Alltag geht diese gegenseitige Hilfe schnell unter. Wichtig ist es dann, den Stress rechtzeitig zu bemerken und Ideen griffbereit zu haben, den Stresspegel zu senken. Ein mögliches Ventil ist, den Standort zu wechseln: einmal kurz vor die Tür oder aus dem Zimmer zu gehen oder aus dem Fenster zu schauen. Und dann: atmen. Innehalten. In Ruhe die Situation vor dem inneren Auge anschauen und sich neu sortieren.
Von diesem Ansatz profitiert das gesamte Team. Denn obwohl dieser theoretisch allen Teilnehmenden bekannt ist, vergessen sie es im Alltag viel zu häufig wieder. Hier hilft das wiederholte Üben auf Station: innehalten, atmen, schauen, sortieren – weiter. Und genau das nehmen die Kollegen mit, wenn sie auf ihre Station, wie etwa die Intensivstation, weiterziehen. Davon profitieren dann auch die Kollegen, deren Ausbildungszeit schon eine Weile zurückliegt, direkt und indirekt: Sie können sich etwas abschauen von den neuen Methoden und sie haben Kollegen, die ausgeglichen und stressresistent sind.
Das Innehalten trainiert Amesol in regelmäßigen Achtsamkeitsübungen. Psychologin Schwarzbach hat eigene mehrminütige Aufnahmen gemacht, die die Teilnehmenden immer wieder abhören und mit ihren Kollegen auf Station teilen: leichte Hintergrundmusik. „Setze dich bequem auf einen Stuhl. Spüre deine Füße auf dem Boden. Stell dir vor, wie die Erde dich trägt. Atme nun ein paarmal ruhig ein und wieder aus. Schließe gern die Augen, wenn du magst. Werde dir bewusst, wie du dich jetzt gerade fühlst. Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf. Alles, was du spürst, darf da sein. Versuche zu spüren, ohne zu bewerten. (...) Fokussiere dich nun auf deinen Atem. Das heißt, beobachte einfach nur dein Atmen und spüre wie du ein- und ausatmest. Ein – und wieder aus. (...).“
Tatsächlich zeigen die Übungen große Wirkung. So geben Teilnehmende früherer Kurse rückblickend an, dass sie z. B. das Abschlusssetting ohne die Achtsamkeitsübungen nicht geschafft hätten. Insbesondere die Atmungstechnik bleibt vielen in Erinnerung.
Offen reden. Neben der individuellen Planung, dem Teamgeist und der wirksamen Stressbewältigung ist auch das offene Reden von Bedeutung. Ein Beispiel: Ein Kollege A wird gegenüber einem Kollegen B unvermittelt laut. B ist daraufhin verunsichert, ob er der Grund dafür ist.
Hilfestellung bieten in einem solchen Fall die drei „W“ der Problemansprache: Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch. Die Learnings: Erstens, es lohnt sich, sich zu überwinden und Dinge ohne Vorwurf anzusprechen. Zweitens, es lohnt sich, Schimpfen vielleicht auch erst einmal auszuhalten und nicht gleich alles persönlich zu nehmen. Tatsächlich war A nicht wegen B verärgert, sondern wegen eines Patienten.
Doch nicht alle Teilnehmenden können offen über ihre Sorgen sprechen. Wenn Burfeind das Gefühl hat, dass jemanden etwas bedrückt, sucht sie das Einzelgespräch. Und zwar egal ob Stammteam, Ausbildungs- oder Integrationsteilnehmende. Wichtig ist, den eigenen Ballast nicht mit in den Berufsalltag zu schleppen. Wer den eigenen Rucksack zu voll hat, wird den heraufordernden Pflegealltag trotz aller verbesserten Rahmenbedingungen nicht schaffen. Genau hinschauen und reden. Wie geht es dir? Was bedrückt dich? Und dann Lösungen finden.
Doch natürlich ist es nicht immer so einfach. Dann tauschen sich Burfeind und Schwarzbach aus. Etwa wenn sich Pflegende oder Auszubildende nicht öffnen, niemanden an sich ranlassen. Das Problem: Wer sich nicht öffnet, versteckt etwas in sich. Und genau dieser Punkt kann unter Stress zum Hemmnis werden.
Eigenverantwortung. Am Ende müssen Pflegende lernen, in die Eigenverantwortung zu gehen. Wie geht es mir? Was macht der Stress mit mir? Und was kann ich tun, damit es mir besser geht? Pflegende sind meist intrinsisch motiviert, arbeiten aus Überzeugung. Umso wichtiger ist es, diese Überzeugung in eine stärkere Selbstwertschätzung und Selbstfürsorge zu übersetzen. Was kann ich tun, damit es mir gut geht? Was brauche ich heute?
Asklepios und Amesol versuchen, die besten Rahmenbedingungen und die besten Angebote genau dafür zu schaffen. Tatsächlich ist heute auf vielen Stationen die Erkenntnis angekommen, dass die besten Pflegenden diejenigen sind, die sich auch um sich selbst kümmern können.