Die Leistungsfähigkeit von Auszubildenden ist unterschiedlich. Für Lehrende und Praxisanleitende ist es daher wichtig, die angehenden Pflegefachpersonen individuell zu fördern. Wissen über gehirngerechtes Lernen ist dafür essenziell.
Manche Auszubildende gehen mit Leichtigkeit durch die Ausbildung und empfinden die Anforderungen als Herausforderung, andere erleben sie mehr oder weniger stark als Belastung.
Von Bedeutung ist aber, seinen eigenen Lernerfolg bewusst wahrzunehmen und auch realistisch einschätzen zu können. Denn das steigert die Motivation und es gelingt meist besser, Herausforderungen mit einer guten Portion Elan zu meistern [1, 2]. Lehrende und Praxisanleitende können diesen Mechanismus gezielt unterstützen.
Zunächst ist es wichtig, sich dem Zusammenhang zwischen dem Grad der Aktivierung mit dem Grad der Leistungsfähigkeit bewusst zu werden. Die Lambda-Hypothese (Abb. 1) ist für dieses Verständnis hilfreich: Demnach schränkt sowohl eine zu geringe Aktivierung (Langeweile) als auch eine zu hohe Aktivierung (Stress, Angst) die Leistungsfähigkeit ein [1]. Für Lehrende und Praxisanleitende ist es daher wichtig, sowohl Unter- als auch Überaktivierung zu erkennen, um Auszubildende gezielt entweder zu aktivieren oder „herunterzuholen“. So können sie die Leistungsfähigkeit der angehenden Pflegefachpersonen gezielt erhöhen und damit Lernprozesse unterstützen.
Gerade in Prüfungssituationen befinden sich Auszubildende häufig im aufgeregten oder sogar panischen Erregungslevel. Das kann zum berüchtigten „Blackout“ führen. In diesem Zustand können selbst die besten Auszubildenden – und auch Lehrende und Praxisanleitende – ihr Wissen und ihre Kompetenzen nicht mehr abrufen. Wer sich der Prüfungsangst rechtzeitig bewusst wird und diese auch zulässt und ernst nimmt, kann gegensteuern und sich rechtzeitig zum Prüfungsbeginn in ein angenehmeres Stresslevel bewegen.
Der Verlauf der Lambda-Kurve macht sichtbar, dass eine gewisse Menge Adrenalin förderlich für das gute Durchlaufen einer Prüfung ist. Aufregung gehört dazu und sie verbessert die Leistungsfähigkeit. Und: Ist der Anfang erst einmal gemacht, lässt die Anspannung schnell nach. Diesen Mechanismus sollten Lehrende und Praxisanleitende mit ihren Auszubildenden gezielt reflektieren. Die Effekte sind häufig verblüffend.
Stress und Überforderung vorbeugen
Wer die Leistungsfähigkeit von Auszubildenden gezielt unterstützen möchte, sollte wissen, dass sich das Gehirn beim Lernen verändert. Es baut sich ständig um und auf und schafft dauerhafte neuronale Netzwerke. Mithilfe des Hippocampus werden die Informationen im Rahmen von Wiederholungen immer wieder an Assoziationsareale der Großhirnrinde gesendet und im Verlauf im Langzeitgedächtnis gespeichert [3].
Daraus ergibt sich die Bedeutung von Wiederholungen. Lehrende und Praxisanleitende haben vielseitige Möglichkeiten, wichtigen Lernstoff zu wiederholen. Dies kann beispielsweise während der Anleitungssituationen, in Form von Selbstlernaufgaben und durch Gespräche mit den Auszubildenden erfolgen. Hört jemand etwas Neues zum ersten Mal, bilden sich neue Synapsen. Mit jeder Wiederholung werden diese stabiler. Und wer stabile Synapsen hat, kann Informationen leichter aus dem Gedächtnis abrufen. Folgende Situation kennt wohl jeder: Jemand stellt Ihnen eine Frage. Sie kennen die Antwort ganz genau, kommen aber in diesem Moment nicht darauf, weil die Schublade klemmt, in der Sie es abgelegt haben. Wiederholungen und stabile Synapsen sind das Öl auf den Schubladenleisten.
Auszubildende empfinden den Schwierigkeitsgrad von Aufgaben, die sie übertragen bekommen, individuell unterschiedlich. Sind Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe und Leistungsfähigkeit des Auszubildenden gut aufeinander abgestimmt, befindet sich beides in einer guten Balance. Bekommen Auszubildende jedoch immer wieder Aufgaben übertragen, die sie nicht lösen können, entsteht Stress. Sie sind überfordert und ziehen sich immer mehr zurück. Sie schalten ab. Andersherum geraten sehr leistungsstarke Auszubildende, die immer wieder zu einfache Aufgaben übertragen bekommen, genauso unter Stress. Das Verhalten ist dasselbe, die Ursache eine andere. Sie sind unterfordert und langweilen sich. Praxisanleitende haben zwei Auszubildende vor sich, die beide dasselbe Verhalten zeigen, jedoch aus völlig entgegengesetzten Gründen. Der Umgang damit erfordert von Lehrenden und Praxisanleitenden einen Spagat. Einerseits müssen die Auszubildenden nach drei Jahren ihr Ausbildungsziel erreichen, andererseits benötigen sie Aufgaben, die für sie individuell zu bewältigen sind, damit sie Lernfortschritte machen können.
Lehrende und Praxisanleitende können die Lernfähigkeit auch über eine gute Kommunikation erhöhen. Wenn die Auszubildenden sich gesehen und wertgeschätzt fühlen, schafft das Vertrauen. Auch ein positiver Umgang mit Fehlern trägt zu einem guten Lernklima bei, denn die Lernenden spüren, „dass es gewünscht ist, dass sie sich ausprobieren und Fehler machen, weil dies das Lernen unterstützt“ [4].
Besonders wichtig für Auszubildende sind zeitnahe und konstruktive Rückmeldungen durch ihre Praxisanleitenden unter Beachtung der gängigen Feedbackregeln. Aber auch das Feedback der Lernenden hat für Praxisanleitende eine enorme Bedeutung. Denn darüber werden die Anleitungsqualität und das Lernklima der Reflexion unterzogen und weiterentwickelt. Zuletzt gehört das gemeinsame Lachen zu einem guten Miteinander – denn: „Humor ist die kürzeste Brücke zwischen den Menschen“, wie es in einer zeitgenössischen Redewendung treffend heißt.
Glaubenssätze behindern Lernprozesse
Glaubenssätze sind häufig unbewusste Überzeugungen, die fest in Menschen verankert und schwer umkehrbar sind. Sie entstehen durch besonders einprägsame Erlebnisse [5] und beeinflussen nicht nur im Kindes-, sondern auch im Erwachsenenalter das Handeln, meist ohne dass die Betroffenen es wissen [6]. Denn sie sind seit Langem vertraut und werden nie wieder infrage gestellt. Leider beinhalten sie seltener positive als negative Gedanken und hemmen Lernprozesse. Erst wenn sie den Auszubildenden bewusst sind, können sie sie auf ihre Sinnhaftigkeit prüfen und ändern. „Immer wenn jemand hinter mir steht, kann ich mich nicht konzentrieren. Das macht mich ganz nervös und ich mache dann alles falsch“ – das sagen viele Auszubildende bei der Reflexion von Lern- oder Praxisanleitungssituationen.
Den meisten Auszubildenden fällt es leichter, ihre Schwächen aufzuzählen als ihre Stärken. Das mag daran liegen, dass sie eher getadelt als gelobt werden und sich das Gehirn leider negative Informationen besser einprägen kann als positive. Die Arbeit an den Glaubenssätzen ist insofern hilfreich und wichtig. Sie hat eine enorme Auswirkung auf die Lernfähigkeit der angehenden Pflegefachpersonen. Lehrende und Praxisanleitende können Auszubildenden dabei helfen, sich ihre „Kopfbewohner“ bewusst zu machen und durch neue, positive Gedanken zu ersetzen. Statt zu denken, in einer Praxisanleitungs- oder Praxisbegleitungssituation zu versagen, weil man „beobachtet“ wird, sollte man die Situation besser als Chance begreifen. Und selbst wenn die Situation nicht optimal gelaufen ist, können die Auszubildenden beim nächsten Mal zeigen, was in ihnen steckt. Wenn die Auszubildenden sich diesen Satz wiederholt – am besten laut – vorsprechen, können neue, hilfreiche Überzeugungen entstehen.
Immanuel Kant (1724–1804) hat einmal gesagt: „Ich kann, weil ich will, was ich muss.“ Dieses Lebensmotto ist auch für das erfolgreiche Durchlaufen einer Ausbildung sehr hilfreich. Denn wenn Auszubildende akzeptieren, dass sie bestimmte Dinge tun müssen, weil sie dazugehören, haben sie eine Einsicht zur Notwendigkeit, und damit einhergehend entsteht Motivation. Wer motiviert ist, hat Ziele, und wer Ziele hat, schafft viel. Denn er tut nicht zufällig das, was er tut, sondern orientiert sich immer an einem roten Faden, den sein Ziel ihm liefert. Er kann die Aufgaben des Lebens leichter als Herausforderungen annehmen – und sich ihnen stellen.
[1] Schubert B. Lernen lehren. Arbeitsbuch für Lehrende in Pflege- und Gesundheitsberufen. 1. Aufl. Bern: Hogrefe; 2020
[2] Neurauter D. Lambda-Hypothese (17.05.2019). Im Internet verfügbar: www.businessfragen.com/lambda_hypothese, Abruf: 18.01.2025
[3] Kanyo M. Lerninhalte durch optimale Wiederholung behalten (01.05.2019). Im Internet verfügbar: www.bildungsblog.ch/lerninhalte-durch-optimale-wiederholung-behalten/ inhalten,485%2D487; Zugriff: 14.02.2025
[4] Brendel S, Hanke U, Macke G. Kompetenzorientiert lehren an der Hochschule. Stuttgart: Verlag Barbara Budrich/UTB; 2019
[5] Klenke K. Studieren kann man lernen. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; 2013
[6] Drath K. Coaching-Techniken. 1. Aufl. Freiburg im Breisgau: Haufe-Lexware; 2016