• 07.11.2022
  • PflegenIntensiv
Krisenbegleitung auf der Intensivstation

Psychologische Soforthilfe

Eine psycho­logische Begleitung der Patienten und Angehörigen ist auf Intensivstationen nicht alltäglich. Anders im Universitätsklinikum Jena.

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2022

Seite 4

Existenzielle Ängste, Traumatisierungen, Sterben – all das ist auf Intensivstationen alltäglich. Eine psycho­logische Begleitung der Patienten und Angehörigen jedoch nicht. Anders im Universitätsklinikum Jena. Hier gehören zwei Psychologinnen fest zum Stationsteam.

An die Zeit auf der Intensivstation denkt Katrin Ziegler (Name geändert) mit Grauen zurück. Wenn sie wach war, hatte sie Halluzinationen. Wenn sie schlief, hatte sie Alpträume – Träume, die so schlimm waren, dass sie lieber wach sein wollte. Doch dann kamen die Halluzinationen zurück, in denen sich z. B. einfach fremde Personen an ihre Bettkante setzten. Auch bei den Pflegenden sowie Ärztinnen und Ärzten (im Folgenden: Ärzte) war sie sich nie sicher: Sind die jetzt echt? Denn in ihren Alpträumen existierten „falsche Schwestern“ und „falsche Ärzte“, die sie teilweise auch im Wachzustand aufsuchten. „Irgendwann wird man verrückt, wenn man sich immer wieder fragt: Ist das jetzt real? Oder bilde ich mir das ein?“, sagt die heute 37-Jährige.

Als es ihr nach Wochen etwas besser ging, traute sie sich, die Psychologin der Intensivstation zu fragen: „Ist das eigentlich normal, dass man Gewaltträume hat?“ Die setzte sich zu ihr und sagte, dass bei etwa 80 Prozent aller sedierten Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) Alpträume auftreten und diese teilweise heftig sein können. Die Psychologin erklärte ihr auch, wie all das mit den Medikamenten und ihrem Krankheitsbild zusammenhängt. Auch gab sie ihr Tipps, was sie tun könne, wenn Halluzinationen auftreten. Sie riet ihr, die Person einfach anzufassen, die sie sehen würde. „Ich habe das ausprobiert und es hat tatsächlich funktioniert. Ich habe die Person mit dem Finger angestupst und gemerkt: Sie existiert nicht“, erzählt Katrin Ziegler.

Die Psychologin war es auch, die sich um die Angehörigen gekümmert hat. „Mein Mann hat das nach außen gut weggesteckt, aber meine Mutter war sehr schockiert von meinem Zustand. Ich war ja plötzlich wieder im Babystatus“, sagt Katrin Ziegler. „Für meine Mutter waren auch die Halluzinationen nicht greifbar. Die Psychologin hat ihr das in Ruhe erklärt und ihr Tipps gegeben, wie sie in diesen Phasen mit mir umgehen kann. Das hat ihr geholfen, ruhig zu bleiben, und ihr viel Kraft gegeben.“

Krisensituationen sind auf der Intensivstation häufig

Dass Katrin Ziegler in der Universitätsklinik Jena von einer Psychologin betreut wurde, hat in Deutschland noch Seltenheitswert. Neben Jena gehören fest angestellte Psychologinnen und Psychologen (im Folgenden: Psychologen) nur in wenigen anderen Kliniken mit zum Team einer Intensivstation. In Jena ist die promovierte Psychologin Teresa Deffner schon seit 2013 auf den Operativen Intensivstationen tätig. Ursprünglich ist ihre Stelle im Rahmen eines Forschungsprojekts des Sepsis-Forschungszentrums in Jena entstanden und wurde dann in eine reguläre Stelle überführt – mittlerweile mit einem Umfang von 100 Prozent. Diese Stelle teilt sich Teresa Deffner mit ihrer Kollegin Katherina Wicklein.

Die beiden betreuen die Patienten sowie die Angehörigen auf den Intensivstationen und leisten psychologische Begleitung vor Ort. „Jeder Tag ist anders und wenig planbar“, sagt Teresa Deffner. In der Regel schaut sie morgens, welche Patienten neu auf die Station gekommen sind, und sucht diese auf. Oft wird sie auch direkt von den Pflegenden und Ärzten angesprochen und auf Patienten oder Angehörige mit besonderem Bedarf aufmerksam gemacht. „Fast immer befinden sich die Betroffenen in einer Krisensituation, deshalb ist ein proaktives Vorgehen wichtig“, sagt die Psychologin. Sie führt erste Entlastungsgespräche, in denen Patienten und Angehörige ihre Emotionen verbalisieren können. Gleichzeitig schaut sie, was die Betroffenen stützt und welche Ressourcen sich noch aktivieren lassen. In diesem Gespräch bietet sie auch Orientierung, was die Patienten und Angehörigen jetzt erwartet – auch wenn sie natürlich keine medizinischen Informationen gibt.

An einem normalen Tag führt sie ungefähr zehn Gespräche. Zusätzlich sind immer noch Kapazitäten für plötzliche Krisensituationen einzuplanen. Denn die seien in der Intensivmedizin häufig, sagt Teresa Deffner. Z. B., wenn einem Patienten nach einem schweren Autounfall die Nachricht zu überbringen ist, dass einer der Insassen bei dem Unfall verstorben ist. Oder wenn einer Ehefrau nach dem Schlaganfall ihres Mannes gesagt werden muss: Ihr Mann werde das nicht überleben.

„Wenn es keinen Psychologen auf der Station gibt, stellt sich die Frage: Wer kann das begleiten? Wer kann sich zu dem Betroffenen setzen, wenn dieser weint, trauert, protestiert?“, fragt sie. In solchen Situationen brauche es jemanden, der die Zeit hat, für diesen Menschen da zu sein. Auf Intensivstationen leisten diese Arbeit für gewöhnlich Ärzte und Pflegende, aber auch die wünschen sich Unterstützung für die Begleitung der Angehörigen und Patienten. „Denn wenn sie schon zum nächsten Notfall müssen, können wir noch dableiben und die Angehörigen kontinuierlich begleiten“, sagt Deffner.

Die Psychologin sieht sich auch als Übersetzerin und Vermittlerin zwischen den Beteiligten. „Wenn so unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen wie auf einer Intensivstation, kann Kommunikation leicht schieflaufen“, weiß sie. Sie versucht z. B., den Ärzten und Pflegenden zu erklären, warum Angehörige auf eine bestimmte Art und Weise reagieren. Oder sie vermittelt zwischen dem Patienten und seiner Familie. Manchmal sei es nicht klar, wie lange der Patient die Angehörigen um sich haben möchte. „Ich sage dem Patienten zum Beispiel: ‚Machen Sie Ihre Augen zu, wenn es Ihnen zu viel wird und Sie Ruhe brauchen‘“, erzählt Deffner. „Der Familie sage ich dann: ‚Wenn Ihr Vater die Augen schließt, ist es vielleicht Zeit, ihm etwas Ruhe zu gönnen.‘“ Wenn Kommu­nikation zu eskalieren droht, versucht sie, mit Diplomatie zu vermitteln – darum kümmert sich sonst niemand.

Auf der Intensivstation

Die Situation auf einer Intensivstation ist stark belastend, vor allem für Patienten und Angehörige. Was brauchen die Betroffenen, um einen Intensivaufenthalt zu überstehen? Was können Pflegende, Ärzte und andere Berufsgruppen tun? Das Buch „Auf der Intensivstation – Patienten und Angehörige zwischen Leben, Tod und Trauma“ von Brigitte Teigeler und Sabine Walther zeigt Möglichkeiten, Intensivstationen menschlicher zu machen und Traumata zu reduzieren. Es möchte Mut machen und Anregungen vermitteln, wie die Situation für alle Beteiligten verbessert werden kann. Und es möchte zeigen, mit wie viel Engagement sich Mitarbeitende auf Intensivstationen schon auf den Weg gemacht haben.

ISBN: 9783456861517, Hogrefe, August 2022, 248 Seiten

Wichtige Entlastung für die Pflegenden

Sabine Hermann ist Fachpflegerin für Intensivpflege und Anästhesie und arbeitet schon seit mehr als 20 Jahren auf der chirurgischen Intensivstation in Jena. Sie kennt die Situation daher mit, aber auch ohne psychologische Begleitung. Sie kann sich ihre Arbeit heute ohne Teresa Deffner und ihre Kollegin nicht mehr vorstellen. „Ich habe immer darunter gelitten, dass der Fokus in der Intensivmedizin viel zu wenig auf die Patienten und die Angehörigen gelegt wurde“, sagt sie. „Viele sind in der Luft hängen gelassen worden, das hat mich auch persönlich sehr belastet.“

Auf ihrer Intensivstation liegen viele Schwersterkrankte, oft mit sehr großen herzchirurgischen Operationen. Etwa ein Drittel der Patienten seien Langlieger, gelegentlich mit Liegedauern von etwa 100 Tagen, berichtet Hermann. „Viele warten auf ein Spenderorgan und haben Herzersatz- oder Herz­unterstützungssysteme, eine intraaortale Ballonpumpe oder ECMO.“ Die Arbeit sei für die Pflegenden – psychisch wie physisch – sehr belastend. „Es sind oft schlimme Dinge, die wir sehen.“

Seitdem eine Psychologin mit zum Team gehört, sei es leichter, die Patienten und Angehörigen an sich heranzulassen. Früher habe sie diesen Schritt oft gescheut. „Wenn man sich selbst öffnet, dann passiert etwas“, sagt sie. „Und dann kann man auch nicht einfach aufhören und sein Gegenüber damit alleinlassen.“ Heute wisse sie: „Die psychische Begleitung geht weiter und wird von professioneller Seite übernommen.“ Das sei auch für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen eine wichtige Entlastung. Viele kommen heute „von null auf 100“ in die Intensivmedizin, was schnell zur Überforderung führe. Früher sei der Arbeitsdruck noch deutlich geringer gewesen und es habe mehr Zeit für Anleitung gegeben. Das sei für die jetzige Generation der Intensivpflegenden anders, weiß sie. „Viele haben eine Mauer um sich herum gebaut.“

Mit der Psychologin im Team habe sich auch ihre persönliche Arbeitszufriedenheit erhöht. „Ich weiß, dass der Patient gut betreut ist und einen konstanten Ansprechpartner und Fürsprecher hat“, sagt die Intensivpflegerin. Und auch für die Angehörigen sei es sehr wichtig, dass diese gut aufgefangen würden. Sabine Hermann ist überzeugt: „Wenn Angehörige rundum gut betreut werden, fühlen sie sich sicherer und das überträgt sich auf den Patienten und den Heilungsprozess.“ Sei abzusehen, dass der Patient versterbe, müsse dies der Familie schonend mitgeteilt werden. Wenn die Ärzte mit den Angehörigen über eine infauste Prognose sprechen, sei die Psychologin mit dabei und stelle auch im Anschluss die weitere Betreuung sicher.

Corona-Videotelefonate über die Psychologinnen

Während der zweiten und dritten Welle der Pandemie war eine der beiden chirurgischen Intensivstationen in der Jenaer Uniklinik komplett mit Coronapatienten belegt. „Ohne Frau Deffner und ihr Team wären wir baden gegangen“, sagt Sabine Hermann. „Wir wussten, dass etwa 50 Prozent der COVID-Erkrankten sterben werden. Gleichzeitig durften die Angehörigen nicht hinein. Und die meisten Patienten waren so schwer erkrankt, dass sie nicht mit ihrer Familie telefonieren konnten. In dieser Zeit sind die Psychologinnen bis in den Abend hinein bei uns gewesen und haben auch am Wochenende gearbeitet.“ Die Psychologinnen haben bei den Patienten gesessen, die Videotelefonate mit den Angehörigen übernommen und immer wieder die Pflegenden und die Ärzte über diese Gespräche informiert.

Auch Teresa Deffner hat diese Zeit noch sehr präsent in Erinnerung. „Dass die Angehörigen nicht kommen konnten, war eine Katastrophe“, sagt sie. Gerade in existenziellen Situationen sei wichtig, dass die Patienten sich emotional gut versorgt fühlen – das sei aber nicht möglich ohne die Familie. Die Abwesenheit der Angehörigen habe sie nur mit Videotelefonie kompensieren können. Jedes dieser Gespräche habe zudem immer unter dem Druck gestanden, das letzte Gespräch sein zu können. „Diese Telefonate haben mich selbst sehr berührt“, erinnert sie sich. „Wenn man nicht dafür ausgebildet ist und keinen Schutzmechanismus dafür hat, stelle ich mir das sehr schwer vor.“

In der Pandemie seien alle sehr belastet gewesen, sagt die Psychologin. Eine solche Situation habe sie vorher nicht erlebt: die Menge an sterbenden Patienten, die Abwesenheit der Angehörigen, die Tatsache, dass alle Patienten das gleiche Erkrankungsbild hatten. Somit konnten sie auch an ihren Mitpatienten sehen, was sie erwartet. „Diese Häufung an Belastungsfaktoren gab es vorher nicht“, sagt sie.

Mehr Psychologen auf Intensivstationen benötigt

Im März 2021 haben die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) sowie die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) eine „Stellungnahme zur Stärkung und Zukunft der Intensivpflege in Deutschland“ vorgelegt. In dieser heißt es: „Eine deutliche und schnelle Verbesserung der Situation ist zwingend erforderlich, um einen Exodus vieler Intensivpflegenden zu verhindern und die Versorgungs­sicherheit der lebensbedrohlich erkrankten Patienten aufrechtzuerhalten“ [1]. Neben vielen anderen Entlastungen – wie bessere Arbeitsbedingungen, mehr Kompetenzen und berufliche Perspektiven für Intensivpflegende – fordern DGF und DIVI, perspektivisch Psychologen als feste Teammitglieder auf Intensiv­stationen einzustellen.

Teresa Deffner ist sicher, dass fest angestellte Psychologen zu einer ganzheitlichen Versorgung und einer humaneren Intensivmedizin beitragen können. In der Palliativmedizin sei das schon lange selbstverständlich. „Hier stellt sich die berechtigte Frage, warum das nicht auch in der Intensivmedizin etabliert wird, wo existenzielle Situationen an der Tagesordnung sind“, sagt sie. In ihrer Wunschvorstellung würde es in jedem Klinikum der Regel- und Maximalversorgung Psychologen auf den Intensivstationen geben, die auch die Nachbetreuung der Patienten und Angehörigen übernehmen könnten. Denn viele Patienten leiden an Traumafolgestörungen nach der Intensivtherapie.

Auch brauche jede Klinik dringend eine sichere psychologische Betreuung in Notfallsituationen, und das rund um die Uhr. „Kürzlich kam es vor, dass ein Säugling aufgenommen wurde, der im Tragetuch erstickt ist. Ein solches Unglück erfordert eine sofortige Krisenintervention“, berichtet Teresa Deffner. Doch oft sei nicht klar, wer für solche Fälle zuständig ist. Das sei eine „Riesenkatastrophe“. Nur wenige Kliniken, wie die Uniklinik Bonn, hätten ein professionelles Kriseninterventionsteam, das 24 Stunden abrufbar sei. „Wenn ein solches Team nicht existiert, bleibt die Betreuung der Betroffenen in solchen Extremsituationen meist dem Personal vor Ort überlassen“, sagt die Psychologin. „Das ist aus meiner Perspektive extrem unfair.“

„Die Psychologin war Gold wert“

Intensivpatientin Katrin Ziegler erinnert sich rück­blickend v. a. an die Psychologin und zwei Intensivpflegende, die einen „irrsinnig tollen Job“ gemacht haben. „Die Psychologin war Gold wert“, sagt sie. Sie habe sich viel Zeit genommen, in einer Engelsruhe mit ihr geredet und ihr alles erklärt. Und sie sei ihr immer „real“ erschienen. „Die Psychologin hat mir das Gefühl gegeben, das ist normal, was ich erlebe. Was sie mir gesagt hat, konnte ich gut annehmen“, sagt sie. „Und dann habe ich mich auch nicht mehr so geschämt, dass mein Gehirn nicht mehr so funktioniert wie sonst.“

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Auf der Intensivstation – Patienten und Angehörige zwischen Leben, Tod und Trauma“ – mit freundlicher Genehmigung des Hogrefe-Verlags.

 

[1] DGF, DIVI. Stellungnahme zur Stärkung und Zukunft der Intensiv­pflege in Deutschland (2021). Im Internet: www.dgf-online.de/wp-content/uploads/DGF-und-DIVI-Stellungnahme-zur-St%C3%A4rkung-und-Zukunft-der-der-Intensivpflege-in- Deutschland.pdf

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