• 11.05.2022
  • PflegenIntensiv
Familienzentrierte Pflege in den USA

„Bei jedem Notfall ist jemand da, der die Angehörigen sicher unterstützt“

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2022

Seite 46

Offene Besuchszeiten, gemeinsame Fallkonferenzen, Begleitung in besonderen Situationen – in der Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota, USA, hat die Integration der Angehörigen von Intensivpatienten einen hohen Stellenwert. 2021 wurde die Klinik erneut als das beste Krankenhaus der Welt ausgezeichnet.

Welche Rolle spielen die Familienmitglieder auf Ihren Intensivstationen?

Bonacorda: Die Angehörigen sind in vielen Fällen ein entscheidender Teil unseres Teams. Wir beziehen sie so weit ein, wie sie sich wohlfühlen. Sie dürfen jederzeit auf die Station und sind eingeladen, an der täglichen Visite und auch interprofessionellen Fallbesprechungen teilzunehmen. Wichtig ist uns, dass die Angehörigen sich sicher fühlen. Sie sollen sich trauen, uns Fragen zu stellen oder uns um etwas zu bitten. Dafür spielt der Beziehungsaufbau eine wichtige Rolle.

Welche Besuchsregelungen haben Sie auf Ihren Intensivstationen – auch jetzt während der Pandemie?

Bonacorda: Grundsätzlich sollen die Angehörigen ihr krankes Familienmitglied jederzeit sehen dürfen. Seit der Pandemie haben sich die Besuchsregelungen aber etwas verändert und es dürfen nicht mehr als zwei Familienmitglieder gleichzeitig zu Besuch kommen. Auch Besuche von Kindern ab fünf Jahren sind erwünscht und in Ausnahmefällen darf auch das Haustier auf die Intensivstation – unter besonderen hygienischen Vorgaben. In manchen Situationen können die Angehörigen auch über Nacht im Zimmer bleiben, zum Beispiel wenn der Patient zu Hause 24 Stunden gepflegt wird oder die Angehörigen ihn am besten beruhigen oder mit ihm kommunizieren können.

Wie halten Sie Kontakt, wenn Angehörige nicht kommen können?

Bonacorda: Wenn Angehörige weiter entfernt wohnen, werden sie von der zuständigen Pflegeperson oder dem Arzt angerufen und regelmäßig über den Zustand des Patienten informiert. In diesen Fällen werden auch regelmäßige Zoom-Treffen organisiert, damit der Patient und seine Angehörigen sich zumindest virtuell sehen können. Das haben wir auch schon vor der Pandemie gemacht, nutzen es seitdem aber noch mal deutlich häufiger.

Welche Berufsgruppen sind in die Betreuung der Angehörigen eingebunden?

Jones: Auf unseren Intensivstationen kümmern sich verschiedene Berufsgruppen um das Wohl der Angehörigen. Dazu gehören Sozialarbeiter, Seelsorger und sogenannte Kinderlebensspezialisten („child life specialists“). Diese kommen, wenn Kinder zu Besuch auf die Intensivstation kommen, erklären ihnen, was passiert ist, trösten sie und spielen mit ihnen. Kinder­lebensspezialisten sind in unserer Klinik ein fester Teil des Gesundheitsteams. Sie unterstützen die Kinder und Familien, um die oft stressige Situation einer Erkrankung zu verarbeiten. Eine Besonderheit ist auch, dass bei jedem Notfall jemand da ist, der die Angehörigen unterstützt.

Wer ist diese Person und was macht sie?

Jones: Das kann eine Pflegeperson oder auch ein Mediziner sein. Diese Person kümmert sich während der gesamten Notfallsituation nur um die Angehörigen, erklärt, tröstet und beantwortet Fragen. Die Angehörigen können auch entscheiden, ob sie während des Notfalls bei ihrem Familienmitglied bleiben oder lieber draußen warten möchten. Unser Ziel ist, die Angehörigen in dieser belastenden Situation nicht alleinzulassen und ihnen jemand zur Seite zu stellen, der Zeit für sie hat und sie unterstützt.

Übernehmen Angehörige bei Ihnen auch pflegerische Maßnahmen?

Bonacorda: Wenn sie regelmäßig auf der Station sind, binden wir sie auf Wunsch auch in pflegerische Maßnahmen ein. Wir leiten sie dann zum Beispiel an, die Hände oder Füße einzucremen oder die Schultern zu massieren. Vielen hilft das Gefühl, etwas zur Pflege beitragen zu können. Wir versuchen aber, ihre Pflegetätigkeiten auf einfache und vor allem Wohlfühlmaßnahmen zu beschränken. Spezielle Pflege­tätigkeiten, die eine fachliche Expertise erfordern, bleiben immer beim Pflegepersonal.

In welchen Situationen binden Sie Angehörige in Fallbesprechungen ein?

Bonacorda: Interprofessionelle Fallbesprechungen finden vor allem dann statt, wenn es Patienten ohne erkennbare Ursache plötzlich schlechter geht oder sie kontinuierlich abbauen. Dann kommen alle Berufsgruppen, die den Patienten betreuen, Spezialisten und die engste Familie zusammen, um die Situation zu diskutieren. Diese Besprechungen sind sehr hilfreich für die Angehörigen. Oft bekommen sie die Informationen sonst nur stückweise. Hier haben sie die Chance, sich ein umfassendes Bild zu verschaffen und können auch die Sichtweise der Familie einbringen.

Haben Sie besondere Rituale rund um das Sterben auf der Intensivstation?

Jones: Wenn abzusehen ist, dass ein Patient stirbt, bekommen die Angehörigen ein Mitglied aus dem Team zur Seite gestellt – eine Pflegeperson oder einen Arzt –, das sich in dieser schwierigen Zeit besonders um die Familie kümmert. In der Nähe der Intensivstationen gibt es zudem mehrere „Räume der Stille“, die den Angehörigen zur Verfügung stehen, um sich mal zurückziehen und ausruhen zu können. Auch geben wir ihnen Gutscheine für die Cafeteria, damit sie nicht das Krankenhaus verlassen müssen, und bieten ihnen weitere kleinere Aufmerksamkeiten an.

Zum Beispiel?

Jones: Wir drucken beispielsweise ein EKG mit dem Herzrhythmus des Patienten aus und bewahren es in einem kleinen Glas auf. Wir machen mit Farben einen Handabdruck vom Patienten und manchmal nehmen wir auch seine Herztöne auf. Diese Erinnerungsstücke kann die Familie nach dem Tod des Patienten mit nach Hause nehmen.

Was brauchen Angehörige von Intensivpatienten aus Ihrer Sicht besonders?

Bonacorda: Aus meiner Sicht hilft ihnen am meisten zu wissen, dass sie immer da sein dürfen und jederzeit willkommen sind. Und zu wissen: Wir tun alles, was wir können, um ihrem erkrankten Familienmitglied zu helfen. Wir sind offen und ehrlich im Umgang mit ihnen, damit sie wissen, was vor sich geht. Trotzdem sind die Belastungen der Familien sehr hoch und in vielen Fällen gibt es kein wirkliches Gegenmittel, um ihre Ängste und Sorgen zu mildern.

Jones: Wichtig ist, dass sie verstehen, was mit dem geliebten Menschen passiert. Deshalb lernen alle Intensivpflegenden schon bei der Einweisung: „Denken Sie laut! Erklären Sie dem Patienten immer, was Sie tun, ob er nun sediert ist oder nicht.“ Diese Botschaft zieht sich durch die gesamte Berufslaufbahn auf der Intensivstation. Von diesen Erklärungen profitieren auch die anwesenden Familienmitglieder. Sie erfahren, was genau gemacht wird und können Fragen stellen, wenn ihnen etwas unklar ist, zum Beispiel bei pflegerischen Interventionen.

Die Mayo Clinic ist eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation mit Sitz in Rochester, Minnesota, und Betreiber der Mayo-Kliniken. Eine Besonderheit: Alle erwirtschafteten Gewinne werden reinvestiert und kommen somit direkt oder indirekt den Patientinnen und Patienten zugute. 2020 und 2021 wurde die Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota, vom US News & World Report Magazine als bestes Krankenhaus in der Welt eingestuft. www.mayoclinic.org

Interview: Brigitte Teigeler

 

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