In der Pandemie fehlen gerade diejenigen, die für Intensivpatienten wichtig sind – die Angehörigen. Was das für die Teams bedeutet, hat die Pflege e. V. unter den angehörigenfreundlichen Intensivstationen erfragt. Ein Gespräch mit Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein über Ausnahmeregelungen, Diskussionen und mögliche Wege, Kontakt zu den Familien zu halten.
Frau Professorin Bienstein, in der Pandemie konnten viele Angehörige ihr schwersterkranktes Familienmitglied nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt sehen. Ein Rückschritt von schon Erreichtem in der Angehörigenintegration?
Nein, das würde ich nicht sagen. Vielmehr haben die Pflegenden und Ärzte in dieser Zeit gemerkt, wie zentral die Angehörigen für die Intensivpatienten sind. Und dass professionelle Helfer die Funktion der Familie gar nicht übernehmen können. Angehörige sind unersetzlich – sowohl für die Intensivpatienten als auch für das behandelnde Team, vor allem wenn Entscheidungen anstehen. Das ist in den Rückmeldungen der Intensivstationen sehr deutlich geworden.
Wie viele Intensivstationen haben Sie befragt?
Wir vom Pflege e. V. haben alle zertifizierten angehörigenfreundlichen Intensivstationen per E-Mail angeschrieben – das sind im Moment 278 Stationen. Wir haben ihnen mehrere offene Fragen gestellt, zum Beispiel, was sich seit der Corona-Pandemie geändert hat, wie sich die Situation im Laufe der Monate entwickelt hat, welche Ausnahmeregelungen gemacht wurden und so weiter. Etwa zehn Prozent der Stationen haben uns geantwortet.
Wie streng waren die Besuchseinschränkungen in der Pandemie?
In der Anfangszeit der Pandemie wurden die Angehörigen von Intensivpatienten wirklich nur in Ausnahmefällen zugelassen. In der zweiten und dritten Welle durften sie in der Regel – mit Tests und Hygieneregeln – wieder auf die Stationen. Diese Öffnung galt zumindest für die angehörigenfreundlichen Intensivstationen. Ich habe keinen Vergleich, wie das auf den nicht-zertifizierten Intensivstationen war. Es gab lediglich eine Rückmeldung, dass die Angehörigen zu Beginn der Pandemie sehr unzufrieden waren, weil sie nicht kommen durften. In der Mehrheit erlebten die Befragten, dass die Angehörigen viel Verständnis für die Besuchseinschränkungen und die Hygieneregeln zeigten.
Angehörigenbesuche in der Pandemie: Neues DIVI-Positionspapier gibt Orientierung
Fehlende Angehörigenbesuche wirken sich negativ auf Patienten aus – besonders in der Intensivmedizin. Studien zeigen, dass reduzierte Familienkontakte mit einer höheren Delirrate einhergehen und damit den Gesundheitsprozess verzögern. Besuchsverbote haben aber auch für die Angehörigen gravierende Folgen und können zu komplizierten Trauerreaktionen führen – z. B. wenn Angehörige sich nicht von sterbenden Patienten verabschieden konnten.
Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat Ende September 2021 ein Positionspapier veröffentlicht. Es gibt Krankenhäusern eine Hilfestellung, wie Angehörigenbesuche strukturiert und pandemiekonform ermöglicht werden können.
Angehörigenbesuche werden dabei als ein Grundrecht verstanden. Zu den wichtigen Aufgaben eines Krankenhauses gehört es, Besuche zu priorisieren und die Besuchszeiten patientenorientiert zu gestalten, statt eine starre Einheitsregelung umzusetzen, heißt es seitens der DIVI. Wichtige Aufgaben seien zudem die Begleitung von Angehörigen sowie das Angebot von Videobesuchen. Dies bedeute auch, das Abschiednehmen von sterbenden und verstorbenen Patienten generell zu ermöglichen.
Mehr zum neuen Positionspapier unter: www.divi.de/presse.
Wie oft und in welchen Fällen gab es Ausnahmeregelungen?
Alle Stationen gaben an, dass sie von Anfang an – in Absprache mit den Ärzten – Ausnahmen vom Besuchsverbot getroffen hätten, zum Beispiel bei sterbenden Patienten, in kritischen Situationen oder bei plötzlichen Verschlechterungen. Auch bei COVID-Patienten vor der Intubation wurden oft Angehörige zugelassen. Bei sterbenden Intensivpatienten konnten die Angehörigen auch täglich kommen.
Gab es Diskussionen in den Teams?
Diskussionen gab es vor allem in der Anfangszeit, weil die Pflegenden und Ärzte Sorge hatten, sich selbst zu infizieren. Das hat sich mit der Zeit aber gelegt, und seitdem fast alle geimpft sind, gibt es kaum noch Diskussionen. Auch haben uns die Stationen rückgemeldet, dass sie seit der zweiten Welle wieder für Besucher geöffnet sind – mit gewissen Einschränkungen.
Zertifikat „Angehörigenfreundliche Intensivstation“
Das Zertifikat des Pflege e. V. gibt es seit etwa 13 Jahren. Derzeit sind 278 Intensivstationen in insgesamt 230 Kliniken zertifiziert, darunter auch sechs Stationen in der Schweiz, Österreich und in Tschechien. Eine Zertifikatsverlängerung wird nach drei Jahren erforderlich.
Hinweise zum Antragsverfahren finden Sie unter www.stiftung-pflege.info
Welche Einschränkungen sind das?
Beschrieben wird vor allem die sog. 1-1-1-Regelung, das heißt, ein Besucher für eine Stunde pro Tag. Eine pädiatrische Intensivstation in Tschechien hat angegeben, dass sie Eltern als Besucher durchgehend erlaubt und diese auch mit aufgenommen hätten – ein negatives Testergebnis natürlich vorausgesetzt. Auch berichteten einige Intensivstationen, dass sie in der Zeit vor den Testzentren selbst Schnelltests vor der Station durchgeführt hätten – einfach um diese wichtigen Besucher wieder auf die Intensivstation zu lassen.
Gab es Probleme mit Ansteckungen?
Laut unserer Befragung gab es keinerlei hygienische Probleme durch die Öffnung. In vielen Kliniken war schon auf der Homepage beschrieben, wie sich die Besucher verhalten sollen. Auf den Intensivstationen wurden die Angehörigen dann in die Hygienemaßnahmen samt Schutzkleidung eingeführt. Das war natürlich für die Pflegenden sehr zeitintensiv.
Wie wurden die fehlenden oder reduzierten Besuche der Angehörigen kompensiert?
Durchgehend wurde angemerkt, dass die Rolle der Angehörigen von den Pflegenden gar nicht übernommen werden kann. Angehörige motivieren den Intensivpatienten, schenken Lebensmut und sind auf einer emotionalen Ebene da, die unersetzlich ist. Das wurde von fast allen Befragten so oder so ähnlich formuliert. Trotzdem haben sich die Behandlungsteams in der Zeit der Besuchsverbote und -einschränkungen natürlich bemüht, die Angehörigen ein Stück weit zu kompensieren, den Kontakt zu den Familien aufrechtzuerhalten und die Angehörigen gut zu informieren.
Welche Maßnahmen haben die Stationen beschrieben?
Eine Schweizer Intensivstation hat rückgemeldet, dass sie die pflegerische Bezugspflege wieder konsequent eingeführt hätten, damit die Patienten möglichst immer die gleichen Pflegenden um sich hätten. Auch nannte diese Station das aktive Angehörigentelefonat – die Angehörigen wurden zweimal pro Tag zu festen Zeiten angerufen, morgens in der Regel von den Pflegenden, nachmittags von den Ärzten. Diese zugehende Kontaktaufnahme zu den Angehörigen gaben auch andere Intensivstationen an. Weitere Maßnahmen waren das Intensivtagebuch, Videotelefonie – wenn möglich – sowie viele Informationsgespräche mit den Angehörigen.
Haben die Stationen auch von schönen und berührenden Momenten berichtet?
Ja, zum Beispiel wenn ein Intensivpatient nach drei Wochen das erste Mal wieder seine Ehefrau über Skype sieht. Eine Station berichtete vom Geburtstag eines Patienten, bei dem die Familie mit Kuchen und Luftballons vor dem Fenster stand und gesungen hat. Und mehrere Stationen gaben an, dass sie viel Dankbarkeit und Wertschätzung von den Angehörigen erfahren, weil sie den Kontakt zu ihrem Intensivpatienten halten können und sich vom Behandlungsteam gut informiert fühlen.
Wissen Sie, wie die Situation auf den Intensivstationen im Moment ist?
Wir wissen, dass in den meisten Kliniken die Intensivpatienten wieder Besuch bekommen können – auch wenn teilweise noch zeitliche Beschränkungen gelten. Das scheint sich mit den Impfungen wieder relativ normalisiert zu haben. Trotzdem ist die Belastung auf den Intensivstationen weiter sehr hoch, gerade jetzt in der vierten Welle, wo die COVID-Fälle auf den Intensivstationen wieder ansteigen. Und diesmal sind es deutlich jüngere Patienten, oft schon ab 30, die häufig auch eine sehr lange Zeit auf den Intensivstationen bleiben. Für die Kollegen ist es sehr belastend mitzuerleben, dass junge Menschen so lange beatmet sind oder auch versterben.
Was raten Sie den Leitungspersonen?
Die müssen sehr gut schauen, dass die Kollegen zwischendurch mal Luft holen können und gezielt entlastet werden. Notfalls muss man auch Bettenschließungen in Betracht ziehen. Und es ist wichtig, dass die Pflegenden und Ärzte auch psychosoziale Unterstützung erhalten, um in dieser anhaltenden Belastungssituation noch zugewandt und empathisch sein zu können. Wenn man selbst überlastet ist, ist das nicht möglich.
Befürchten Sie einen Exodus von Intensivpflegenden, wenn die Situation anhält? Das deuten ja einige Studien an.
Ich glaube, dass wir Pflegende verlieren werden, aber einen echten Exodus befürchte ich nicht. Die Belastungssituation, die wir jetzt haben, ist nicht primär auf die Pandemie zurückzuführen, sondern auf die Arbeitsbedingungen. Die Personalsituation in der Pflege in Deutschland ist eine Katastrophe. Und dieser Mangel, den wir schon seit vielen Jahren haben, ist in der Pandemie offen zutage getreten. Pflegende und Ärzte können natürlich die Angehörigen nicht ersetzen – das ist allen Behandlungsteams auch bewusst. Aber gerade in der Pandemie benötigen Intensivpatienten deutlich mehr Zuwendung von professionellen Helfern. Doch dafür mangelte es schlicht an Personal.
Was empfehlen Sie im Hinblick auf die Angehörigen auf den Intensivstationen. Sollten noch bestehende Besuchseinschränkungen aufgehoben werden?
Ja, wer geimpft, genesen oder getestet ist, sollte – mit entsprechendem Nachweis – wieder uneingeschränkt zu seinem kranken Familienmitglied dürfen. Natürlich müssen die Hygieneregeln eingehalten werden und diese werden auch weiter deutlich strenger sein als vor der Pandemie. Trotzdem ist der Besuch von Angehörigen unersetzlich, und wir müssen alles tun, diesen wieder zu ermöglichen.