Forschende sind in einem aktualisierten Cochrane-Review der Frage nachgegangen, ob eine frühe Nahrungsaufnahme nach gastrointestinalen Operationen dazu beiträgt, die Verweildauer zu verkürzen und postoperative Komplikationen zu verringern.
Es war lange üblich, dass Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) bei gastrointestinalen Eingriffen prä- und postoperativ für sechs bis zwölf Stunden keine Nahrung zu sich nehmen. Diese Vorgehensweise sollte Komplikationen wie Übelkeit und Erbrechen sowie einem Darmverschluss vorbeugen. Allerdings führte die Nahrungskarenz bei manchen Patienten zu einer Mangelernährung. Dies wiederum kann sich negativ auf die Genesung und postoperative Komplikationen auswirken [1, 2].
Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Chirurgie“ beinhaltete daher bereits 2013 die Empfehlung, bei einem unkomplizierten Verlauf die orale Nahrungszufuhr nach Operationen nicht zu unterbrechen [3]. Bestätigt wurde diese Empfehlung 2017 in einer internationalen Leitlinie zum gleichen Thema [2]. Auch das Programm ERAS (Enhanced recovery after surgery), ein von mehreren deutschen Kliniken umgesetzter Versorgungspfad zur Optimierung der Erholung von Patienten nach großen chirurgischen Eingriffen, sieht eine frühe Nahrungsaufnahme vor [1].
Kliniken scheinen die Empfehlung einer frühen Nahrungsaufnahme nicht flächen-deckend umzusetzen, wobei repräsentative Daten hierzu fehlen [4].
Schnellere Entlassung nach früher Ernährung
Forschende fassten nun in einem aktualisierten Cochrane-Review die aktuelle Evidenz zur Frage zusammen, ob bei Patienten mit einer Operation im unteren Gastrointestinaltrakt eine frühe orale Nahrungsaufnahme (oral oder per Nasensonde) helfen kann, die Verweildauer zu verkürzen und postoperative Komplikationen zu verringern. Eine frühe Nahrungsaufnahme wurde hier als Nahrungszufuhr innerhalb von 24 Stunden festgelegt.
In den Review wurden 17 Studien einbezogen. Damit lagen Daten von 1.437 Patienten vor, bei denen verschiedene Operationen im unteren Gastrointestinaltrakt vorgenommen worden waren. Die Ergebnisse zeigen, dass die Patienten mit einer frühen oralen Nahrungsaufnahme im Schnitt knapp zwei Tage früher entlassen wurden als jene mit einer späteren Nahrungsaufnahme.
Die mittlere Verweildauer lag in den Studiengruppen mit früher Nahrungsaufnahme zwischen 4 und 16 Tagen, in den Kontrollgruppen zwischen 6,6 und 23,5 Tagen. Diese große Spanne spiegelt die unterschiedlichen Operationen im Bereich des unteren Gastrointestinaltrakts wider.
Die Forschenden stellten einschränkend fest, dass fast alle Studien ausgeprägte methodische Schwächen aufweisen.
Keine Vorteile einer frühen Nahrungsaufnahme fanden die Forschenden für postoperative Komplikationen wie Übelkeit, Wundinfektionen, intraabdominale Abszesse und Anastomoseninsuffizienz. Allerdings gab es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Erbrechen.
Die Ergebnisse zur Sterblichkeit waren nicht eindeutig, es gab auch hier keinen klaren Unterschied zwischen einer frühen und späten Nahrungsaufnahme.
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Was bedeuten Ergebnisse für die Praxis?
Die Ergebnisse des Cochrane-Reviews bestätigen die Leitlinienempfehlungen: Eine frühe Nahrungsaufnahme innerhalb der ersten 24 Stunden nach einer Operation im Bereich des unteren Gastrointestinaltrakts verkürzt wahrscheinlich die Verweildauer im Krankenhaus. Es gibt keine Hinweise auf negative Effekte wie erhöhte Komplikationsraten.
Weitere Faktoren, die einen Einfluss auf den Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme nach einer Operation haben können – z. B. Komplikationen während der Operation – sind im Einzelfall zu berücksichtigen. Bei unkomplizierten Verläufen spricht die Evidenz aber für eine frühe orale Nahrungsaufnahme.
Die Ergebnisse des Reviews und zusätzliche Informationen, z. B. um welche Operationen es sich in den Studien handelte, sind im frei zugänglichen Review nachzulesen: doi.org/10.1002/ 14651858. CD 0040 80.pub4. Eine Zusammenfassung in einfacher Sprache ist auf Deutsch verfügbar unter: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD 004080.pub4/full/de#CD004080-abs-0005.
[1] Herbert G, Perry R, Andersen HK, Atkinson C, Penfold C, Lewis SJ et al. Early enteral nutrition within 24 hours of lower gastrointestinal surgery versus later commencement for length of hospital stay and postoperative complications. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019; (7): CD004080
[2] Weimann A, Braga M, Carli F, Higashiguchi T, Hübner M, Klek S et al. Clinical nutrition in surgery. Clinical Nutrition 2017; 36 (3): 623–650
[3] Weimann A, Breitenstein S, Breuer JP, Gabor SE, Holland-Cunz S, Kemen M et al. Klinische Ernährung in der Chirurgie. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. Der Chirurg 2014; 85 (4): 320–326
[4] Van Zelm R, Coeckelberghs E, Sermeus W, De Buck van Overstraeten A, Weimann A, Seys D et al. Variation in care for surgical patients with colorectal cancer: protocol adherence in 12 European hospitals. International Journal of Colorectal Disease 2017; 32 (10): 1471–1478
Univ.-Prof. Dr. Ralph Möhler
Professur für Versorgungsforschung mit Schwerpunkt
komplexe Interventionen
Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf
ralph.moehler@uni-duesseldorf.de