Mangelernährung ist häufig und kann schwere Folgen haben. Umso wichtiger ist eine gezielte Ernährungstherapie. Worauf es beim Screening und bei der Behandlung ankommt – ein evidenzbasierter Überblick.
Mangelernährung ist ein hochrelevantes Gesundheitsproblem in allen Versorgungsbereichen der professionellen Pflege – von der Pädiatrie über die Akut- und Langzeitpflege bis hin zur Rehabilitation und Palliativversorgung. Sie kann sowohl bei hospitalisierten Patienten als auch im ambulanten Umfeld auftreten und betrifft Menschen aller Altersgruppen. Die Ursachen sind multifaktoriell und reichen von krankheitsbedingtem Appetitverlust, erhöhtem Energie- oder Nährstoffbedarf, Malabsorption und Nebenwirkungen von Medikamenten bis hin zu psychosozialen Faktoren wie Armut oder Isolation [1].
Internationale Prävalenzstudien zeigen, dass zwischen 20 und 50 Prozent der im Krankenhaus behandelten Patienten Anzeichen von Mangelernährung aufweisen [2–4]. Auch in den anderen Versorgungsbereichen findet sich eine breite Spanne unter den Prävalenzangaben. Einigkeit besteht darin, dass die Rate mit einem höheren Lebensalter, Krankheit und reduzierter Selbstständigkeit zunimmt [5].
Das frühzeitige Erkennen mittels standardisierter Screenings, zielgerichteter Maßnahmen, der kontinuierlichen Verlaufskontrolle und der engen interprofessionellen Zusammenarbeit sind entscheidend, um Mangelernährung und ihre Folgen zu verhindern oder zu reduzieren. Evidenzbasierte Interventionen, wie individualisierte Ernährungstherapie, Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme und psychosoziale Begleitung erhöhen nicht nur die Genesungschancen, sondern verbessern auch die Lebensqualität der Betroffenen [5, 6].
Was bedeutet Mangelernährung?
Mangelernährung (engl.: Malnutrition) wird heute nicht mehr ausschließlich über das Körpergewicht oder den Body-Mass-Index (BMI) definiert. Die moderne Definition sieht sie als einen klinischen Zustand, der aus einem Ungleichgewicht von Energie-, Protein- und Nährstoffzufuhr resultiert und messbare negative Effekte auf Körperzusammensetzung, Funktion und klinische Outcomes hat. Dabei können sowohl quantitative (Energiemangel) als auch qualitative Defizite (Nährstoffmangel) vorliegen, oft kombiniert.
Die GLIM-Definition (Global Leadership Initiative on Malnutrition) wurde 2018 von internationalen Fachgesellschaften entwickelt, um eine international einheitliche Definition mit Kriterien zur Diagnostik zu schaffen. Sie basiert dabei auf einem zweistufigen Vorgehen (Abb. 1).
Die GLIM-Kriterien verbessern die internationale Vergleichbarkeit, präzisieren das Monitoring und sind mit bestehenden Screening-Instrumenten kompatibel. Für die professionelle Pflege bieten sie eine klare Struktur zur frühzeitigen Identifikation und Einleitung ernährungstherapeutischer Interventionen – unabhängig vom Fachgebiet oder Versorgungssetting [7].
Katalysator für Komplikationen
Mangelernährung hat nicht nur individuelle, sondern auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen. In der aktuellen Studienlandschaft ist gut belegt, dass Mangelernährung mit einem erhöhten Risiko für ungünstige gesundheitliche und ökonomische Ergebnisse und Ereignisse verbunden ist. Studien zeigen übereinstimmend, dass sie mit erhöhter Morbidität, einer höheren Komplikationsrate, funktionellem Abbau, längeren Krankenhausaufenthalten und höheren Hospitalisierungsraten einhergeht. Diese Zusammenhänge bestehen unabhängig von Alter, Grunderkrankung und Komorbiditäten und wurden in verschiedenen klinischen Settings bestätigt [8, 9].
Mangelernährung besitzt erhebliche negative Synergieeffekte und wirkt dabei nicht isoliert, sondern wie ein Katalysator für andere Risikofaktoren und Krankheitsprozesse. Die Beispiele Frailty und Dekubitus verdeutlichen exemplarisch die Rolle der Mangelernährung als begünstigender Faktor für das Auftreten klinischer Komplikationen. Sie stehen stellvertretend für eine Vielzahl weiterer unerwünschter Ereignisse, darunter Stürze sowie nosokomiale Infektionen.
Das Frailty-Syndrom ist allgemein durch eine erhöhte Gebrechlichkeit und Anfälligkeit gegenüber Stressoren gekennzeichnet [10]. Eine Mangelernährung trägt wesentlich zur Entstehung und Progression von Frailty bei, insbesondere durch den Verlust von Muskelmasse und -kraft und daraus resultierend von eingeschränkter körperlicher Leistungsfähigkeit [11]. Zentrale Frailty-Merkmale wie unbeabsichtigter Gewichtsverlust, Erschöpfung, reduzierte Mobilität und funktioneller Abbau überschneiden sich dabei direkt mit den klinischen Manifestationen der Mangelernährung [12]. Ein zunehmender Frailty-Grad bedeutet den Verlust von selbstständiger Aktivität im Alltag und somit ein unmittelbar erhöhtes Risiko für Pflegebedürftigkeit [10].
Ein besonders für die professionelle Pflege zentrales Phänomen ist die Entstehung von Dekubitus. Studien zeigen übereinstimmend, dass Mangelernährung das Dekubitusrisiko mehrfach erhöht. Sie wirkt auch hier wie ein negativer Beschleuniger, der eine Kombination aus verminderter Gewebetoleranz, reduzierter Polsterung über knöchernen Strukturen durch Verlust von Fettmasse, eingeschränkter Mobilität und beeinträchtigter Haut- und Wundheilung begünstigt [13]. Vor diesem Hintergrund ist es im Sinne einer Best Nursing Practice geboten, die Prävention und Behandlung von Mangelernährung als integrale Bausteine des Dekubitusmanagements zu verstehen [14].
Neben physiologischen Endpunkten beeinflusst Mangelernährung auch die Lebensqualität der Betroffenen. Ein zentraler Mechanismus ist dabei der zunehmende Rückzug aus sozialer Teilhabe, der häufig mit Erschöpfung, körperlicher Schwäche, funktionellen Einschränkungen und Verlust an Selbstständigkeit einhergeht. Da Mangelernährung im Pflegekontext primär krankheitsassoziiert auftritt, verstärken Gewichtsverlust und funktioneller Abbau die negative Krankheitswahrnehmung und tragen zu einer verminderten körperlichen, emotionalen und sozialen Lebensqualität bei [15].
Über Auswirkungen auf Komplikationen und Lebensqualität hinaus ist Mangelernährung auch mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko verbunden. Mangelernährte Patienten weisen eine deutlich höhere Kurzzeit- und Langzeitsterblichkeit auf als vergleichbare gut ernährte Patienten. Das höhere Sterblichkeitsrisiko ist nicht nur auf die Phase der Akutbehandlung begrenzt, sondern ist noch mehrere Monate nach Entlassung aus dem Krankenhaus nachweisbar. Der Zusammenhang ist dabei dosisabhängig – mit zunehmendem Schweregrad der Mangelernährung steigt auch das Sterblichkeitsrisiko [16, 17].
Der Einfluss von Übergewicht infolge von Über- und Fehlernährung sowie die daraus resultierenden Folgeerkrankungen sind seit Langem als bedeutende ökonomische Belastung des Gesundheitssystems anerkannt. Weniger im öffentlichen und gesundheitspolitischen Bewusstsein verankert ist jedoch, dass auch die krankheitsassoziierte Mangelernährung mit erheblichen direkten und indirekten Kosten verbunden ist. Studien zeigen, dass mangelernährte Patienten im Vergleich zu gut ernährten Patienten durchschnittlich etwa 30 Prozent höhere Behandlungskosten verursachen, was vor allem auf häufigere und längere Krankenhausaufenthalte, eine höhere Komplikationsrate und einen erhöhten pflegerischen und therapeutischen Einsatz zurückzuführen ist [18]. Gesundheitsökonomische Analysen aus europäischen Ländern schätzen, dass die durch Mangelernährung verursachten Mehrkosten einen relevanten Anteil der gesamten Gesundheitsausgaben ausmachen und in ihrer Größenordnung mit anderen großen chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 vergleichbar sind [19].
Diese Befunde unterstreichen, dass Mangelernährung nicht nur ein klinisches, sondern auch ein gesundheitsökonomisch relevantes Problem darstellt und präventive sowie therapeutische Interventionen ein erhebliches Potenzial zur Senkung von Kosten und Ressourcenverbrauch besitzen.
Früherkennung ist essenziell
Ein entscheidender Faktor zur Vermeidung dieser negativen Auswirkungen ist die frühe Erkennung von Mangelernährung. Das Erscheinungsbild ist dabei kein zuverlässiger Parameter, denn anfänglich können mangelernährte Patienten auch normal- oder sogar übergewichtig sein [20]. Erst bei fortschreitender Mangelernährung zeigen sich äußerliche Anzeichen wie eine stark reduzierte Körpermasse, eingefallene Gesichtszüge oder hervortretende Schulterblätter. Deshalb sind gezielte Beobachtungen und der Einsatz standardisierter, validierter Screening-Instrumente in der Patientenversorgung besonders wichtig.
Da kein Goldstandard existiert, hängt die Wahl des Screening-Instruments vom Versorgungssetting ab. Empfohlene Instrumente sind Nutritional Risk Screening (NRS-2002) für Kliniken, Malnutrition Universal Screening Tool (MUST) für die Klinik und den ambulanten Bereich sowie Mini Nutritional Assessment Short Form (MNA-SF) für geriatrische Bereiche [21]. Alle Instrumente können im Internet über die Website der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) kostenfrei abgerufen werden.
Allen genannten Screening-Instrumenten ist gemeinsam, dass sie Gewicht und Body-Mass-Index berücksichtigen, wobei ihre Aussagekraft durch gewichtsbezogene Veränderungen, insbesondere den unbeabsichtigten Gewichtsverlust, sowie die Bewertung der aktuellen Erkrankungssituation ergänzt werden muss. Für die pflegerische Praxis kann es sinnvoll sein, die Screening-Instrumente an das jeweilige Setting anzupassen und beispielsweise die Erkrankungsschwere mit konkreten Beispielen aus dem individuellen Kontext zu objektivieren. Sowohl ein negatives als auch ein positives Screening sollten regelmäßig wiederholt werden, um den Verlauf zu überwachen – insbesondere bei Veränderungen des Gesundheitszustands, nach Operationen, bei längeren Krankenhausaufenthalten oder in der Langzeitpflege [21, 22]. Der optimale Zeitpunkt für das Screening ist beim Erstkontakt des Patienten mit der Einrichtung.
Alle Screening-Instrumente haben dasselbe Ziel: Patienten frühzeitig zu erkennen, die von einer Ernährungstherapie profitieren, und bei positivem Befund gezielte Maßnahmen wie Assessment, individuelle ernährungstherapeutische Maßnahmen und fachliche Betreuung einzuleiten [23]. Mittlerweile ist hinreichend belegt, dass eine frühzeitig eingeleitete Ernährungstherapie bei Patienten mit Mangelernährungsrisiko wirksam ist [6].
Ergibt das Screening ein erhöhtes Risiko, sollte die Diagnose „Mangelernährung“ gemäß den GLIM-Kriterien gestellt werden [7]. Im Rahmen dessen sollte ein vertieftes Ernährungsassessment durchgeführt werden, bei dem auch standardisierte Instrumente wie Subjective Global Assessment (SGA), Patient-Generated Subjective Global Assessment (PG-SGA) oder MNA-Long Form zum Einsatz kommen können [21].
Ebenso sind körperliche Parameter, Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, gesundheits- und therapiebezogene Faktoren, Laborwerte sowie bestehende ernährungsbezogene Herausforderungen systematisch zu erfassen (Tab. 1), um die GLIM-Kriterien weiter zu präzisieren und zu objektivieren. Auf dieser Basis sollte das Ernährungsassessment genutzt werden, um individuelle Therapieziele abzuleiten, potenziell reversible Ursachen zu identifizieren und Prioritäten für die ernährungstherapeutische Intervention zu setzen. Daraus ergeben sich konkrete Maßnahmen, die im interprofessionellen Team abgestimmt und umgesetzt werden [7].
Die eingeleiteten Maßnahmen sollten regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. So wird sichergestellt, dass die Therapie an den Zustand des Patienten angepasst und eine Unter- oder Übertherapie vermieden wird [6].
Mangelernährung evidenzbasiert therapieren
Krankheitsassoziierte Mangelernährung stellt sich als vielschichtiges Phänomen dar und lässt sich selten mit einer Standardmaßnahme beheben. Für eine wirksame Behandlung braucht es daher immer eine individuelle Beurteilung der jeweiligen Situation. Dennoch lassen sich zentrale Elemente eines evidenzbasierten klinischen Behandlungspfades zusammenfassen.
Symptommanagement. Ein zentraler Bestandteil der Intervention ist die symptomorientierte Therapie. Mangelernährung tritt oft aufgrund von Symptomen auf, die das Essen und Trinken erschweren oder die Nährstoffaufnahme beeinträchtigen. Deshalb sollte zu Beginn des Behandlungspfades ein erweitertes Assessment erfolgen, das auf das Symptommanagement ausgerichtet ist, um ernährungshemmende Symptome systematisch zu erfassen und gezielte, symptombezogene Maßnahmen abzuleiten. Hierfür empfiehlt sich der Einsatz einer Nutrition-Impact-Symptoms-(NIS-)Checkliste [25]. Eine etablierte NIS ist im PG-SGA enthalten, das neben anderen Parametern auch die subjektive Symptombelastung abfragt [26]. Für die Pflegepraxis ist es sinnvoll, diese Symptomliste an das eigene Setting anzupassen und bei Bedarf um spezifische Aspekte zu ergänzen, zum Beispiel Mundtrockenheit, Mukositis, Dyspnoe oder therapieassoziierte Nebenwirkungen.
Stufenschema der Ernährungstherapie. Das therapeutische Vorgehen bei krankheitsassoziierter Mangelernährung folgt in europäischen Leitlinien einem Stufenschema, welches die orale, enterale und parenterale Ernährung beinhaltet, deren Priorisierung und Indikation jedoch klar voneinander abgrenzt [25, 27] (Abb. 2). Primäres Ziel ist, möglichst zeitgerecht eine ausreichende Nährstoffzufuhr zu erreichen und dabei risiko- und komplikationsarm vorzugehen.
Konkret bedeutet das: Es wird immer die physiologischste und am wenigsten invasive Option präferiert, die die Ernährungsziele zuverlässig erreicht. Erste Wahl: orale Ernährung; zweite Wahl: enterale Ernährung; dritte Wahl: parenterale Ernährung. Ganz nach dem Leitsatz „Food First“ steht die orale Ernährungstherapie im Vordergrund des Stufenschemas. Die Priorisierung als erste Wahl ist dabei klinisch besonders relevant, da sie die physiologischste Versorgungsform darstellt, die Autonomie und Lebensqualität der Patienten fördert, alltagsnah umsetzbar ist und – vorausgesetzt sie ist als alleinige Ernährungsform ausreichend – invasive Zugangswege mit potenziellen Komplikationen vermeiden kann. Die Stufen sind jedoch nicht streng voneinander isoliert, sondern können – und müssen gelegentlich – miteinander kombiniert eingesetzt werden, wenn dies für eine ausreichende Nährstoffzufuhr notwendig ist.
Vor Beginn der Ernährungstherapie ist zu bestimmen, welche der Ernährungsstufen für den Patienten in der jeweiligen Therapiephase geeignet sind. Trotz ihrer Priorisierung ist eine orale Ernährung in der klinischen Realität nicht immer umsetzbar. So müssen zum Beispiel Patienten nach großen rekonstruktiven Operationen im Kopf-Hals-Bereich postoperativ zunächst enteral über eine nasogastrale Sonde ernährt werden, bis im Verlauf eine Oralisierung der Ernährung funktionell möglich ist.
Erste Wahl: orale Ernährungstherapie
Zu den Basismaßnahmen der oralen Ernährungstherapie gehören grundsätzlich die Edukation von Patienten und Angehörigen, pflegefachliche Unterstützung bei der Speisenaufnahme sowie eine systematische Überwachung der Ess- und Trinkmenge, um Ernährungsdefizite frühzeitig zu identifizieren [28, 29].
Die orale Ernährungstherapie beginnt mit der Auswahl einer geeigneten Basiskostform unter Berücksichtigung von Abneigungen und Unverträglichkeiten und einer symptom- und therapiegerechten Anpassung, beispielsweise durch Konsistenzmodifikationen bei Dysphagie oder durch therapeutische Diäten nach größeren gastrointestinalen Eingriffen oder metabolischen Veränderungen [28]. Wenn aufgrund von Symptombelastung und Appetitverlust nur kleine – und damit nicht ausreichende – Portionsgrößen verspeist werden können, ist die Anreicherung der Basiskost mit Kalorien und Protein sinnvoll [27].
Ziel ist es, die Nährstoffdichte der Speisen zu steigern, ohne die Portionen wesentlich zu vergrößern. Hierfür eignen sich haushaltsübliche Fette, wie Speiseöl, Butter und Sahne, da sie eine besonders hohe Kaloriendichte besitzen. Neutrale Trinknahrung oder Eiweißkonzentrate können als Zusatz zum Kochen verwendet werden; sie liefert neben Kalorien auch Protein und Mikronährstoffe. Durch das Mischen von Mineralwasser und fettfreier klarer Trinknahrung wird eine hochkalorische Fruchtschorle erzeugt.
Wenn die orale Nahrungsaufnahme trotz Optimierung der Basiskost nicht ausreicht, können hochkalorische und proteinreiche orale Nahrungssupplemente als supportive Maßnahme eingesetzt werden, um die bestehenden Defizite zu kompensieren [28]. Orale Nahrungssupplemente eignen sich, wenn Patienten zwar grundsätzlich essen können, die Bedarfsdeckung jedoch aufgrund reduzierter Portionsgrößen, früher Sättigung oder belastender Symptome nicht gelingt. In der Praxis steht eine breite Produktpalette zur Verfügung, darunter süße und herzhafte Trinknahrungen sowie löffelbare Darreichungsformen wie hochkalorische Cremes und Puddings. Letztere können bei Schluckstörungen vorteilhaft sein, da sie eine bessere Kontrolle beim Schlucken ermöglichen und bei Patienten mit Aspirationsneigung häufig besser geeignet sind als klassische Trinknahrung. Handelsübliche Trinknahrung ist verfügbar in 125- bis 200-ml-Flaschen mit einer Kaloriendichte von 1,0 bis 3,2 kcal/ml und bis zu 20 g Protein.
Obwohl sich Nahrungssupplemente diätetisch voneinander unterscheiden, ist eine patientenorientierte Auswahl häufig entscheidender als die Nährstoffunterschiede zwischen den Produkten. Um eine möglichst hohe Akzeptanz und Adhärenz herzustellen, können für die Praxis einige hilfreiche Tipps formuliert werden (Textkasten).
Orale Nahrungssupplemente – Tipps für die Praxis
Information und Aufklärung
Informierte Patienten neigen grundsätzlich zu einer höheren Bereitschaft, an der Therapie mitzuwirken. Idealerweise werden orale Nahrungssupplemente als zentraler Teil der medizinischen Therapie durch den Patienten verstanden. Begriffe wie künstliche Nahrung oder Astronautenkost sollten vermieden und stattdessen appetitliche Begriffe wie Proteingetränk oder Schokoladenmilch benutzt werden [29].
Geschmackliche Vorlieben berücksichtigen
Das diätetisch beste Produkt ist wirkungslos, wenn es dem Patienten nicht schmeckt und deshalb nicht getrunken wird. Es ist sinnvoll, die verschiedenen Geschmacksvarianten mit dem Patienten zu besprechen und Produkte zur direkten Verkostung und Auswahl anzubieten [31].
Realistische Ziele setzen
Die Verordnung von vier Flaschen Trinknahrung pro Tag kann für manche Patienten eine Überforderung darstellen und zur Ablehnung beitragen. Geeigneter ist, eine kleine Portionsmenge zu wählen und auf mehrere, für den Patienten realisierbare Portionen über den Tag zu verteilen [32].
Auf Gewohnheit setzen
Bei geriatrischen Patienten mit einer demenziellen Entwicklung kann das Umfüllen von Trinknahrung in ein haushaltsübliches Glas oder eine Tasse die Konsumbereitschaft verbessern [33].
Zweite Wahl: enterale Ernährung
Wird der Nährstoffbedarf trotz der optimierten oralen Ernährung nicht ausreichend gedeckt oder ist eine orale Ernährung gar nicht möglich, ist in der zweiten Stufe eine enterale Ernährung über ein Sondensystem indiziert [33]. Dabei werden Nährstoffe in Form von Sondennahrung direkt in einen funktionsfähigen Abschnitt des Gastrointestinaltrakts (Magen oder Dünndarm) verabreicht und stellen somit eine teilphysiologische Ernährungsform dar.
Klinisch und praktisch bietet enterale Ernährung einige Vorteile im Vergleich zur parenteralen Ernährung, hierunter deutlich weniger infektiöse Komplikationen und ein besseres Selbstmanagement im häuslichen Umfeld. Letzteres trägt wesentlich zu einer höheren Lebensqualität bei, da es Patienten und Angehörigen einen weitgehend selbstständigen Alltag ermöglicht. Typische Applikationswege sind nasogastrale Sonden zur kurzfristigen enteralen Ernährung von bis zu vier Wochen oder perkutane endoskopische Gastrostomien (PEG) zur mittel- und langfristigen enteralen Ernährung.
Sollte die Anlage einer Sonde in den Magen nicht möglich sein, zum Beispiel bei schwerer Gastroparese oder Magenresektion, kann mithilfe einer perkutanen endoskopischen Jejunostomie (PEJ) eine Sonde direkt in den Dünndarm eingebracht werden. Enterale Ernährung kann entweder zur vollständigen Nährstoffversorgung (totale enterale Ernährung) oder supportiv zur oralen Ernährung oder als supportive enterale Ernährung in Kombination mit parenteraler Ernährung eingesetzt werden.
Mangelernährung in der Onkologie
Krebserkrankungen können ein Risiko für Mangelernährung sein. Bei einem Kopf- Hals-Tumor etwa können lebenswichtige Funktionen wie Atmen, Sprechen und Essen erschwert sein. Am Universitätsklinikum Freiburg ist es die Aufgabe des Pflegeexperten APN Julius Schmidt, Beschwerden zu lindern und einer Mangelernährung vorzubeugen. In Die Schwester | Der Pfleger 7/2024 berichtet er über seinen herausfordernden Berufsalltag.
Dritte Wahl: parenterale Ernährung
Die letzte Eskalationsstufe der Ernährungstherapie stellt die parenterale Ernährung dar. Sie ist dann indiziert, wenn orale und enterale Ernährung nicht ausreichend oder nicht möglich sind [33]. Bei dieser Ernährungsform werden sämtliche Nährstoffe (Glukose, Aminosäuren, Lipide, Vitamine, Spurenelemente, Elektrolyte und Flüssigkeit) in Form von Nährlösungen direkt in den venösen Blutkreislauf appliziert.
In der klinischen Praxis haben sich sogenannte Dreikammerbeutel weitgehend durchgesetzt. Dreikammerbeutel sind industriell vorgefertigte Nährlösungen für die parenterale Ernährung, in denen Aminosäuren-, Glukose- und Lipidemulsion getrennt in drei Kammern vorliegen und vor der Applikation durch Öffnen der Sollbruchstellen zu einer gebrauchsfertigen All-in-one-Lösung gemischt werden. Grundsätzlich ist die Zugabe von Vitaminen und Spurenelementen notwendig, da diese nicht enthalten sind.
Allgemein lassen sich zwei Produktgruppen unterscheiden: Dreikammerbeutel zur peripheren und Dreikammerbeutel zur zentralen parenteralen Ernährung. Periphervenös einsetzbare Dreikammerbeutel weisen aufgrund der erforderlichen Venenverträglichkeit typischerweise eine geringere Nährstoffdichte auf als zentral applizierbare Produkte. Entsprechend werden sie vor allem für eine supportive parenterale Ernährung eingesetzt, um eine vorübergehende Versorgungslücke zu überbrücken, während zentralvenös applizierbare Dreikammerbeutel zur langfristigen Ernährung eingesetzt werden.
Erfolgt die parenterale Nährstoffzufuhr über einen zentralvenösen Zugang in einer Zusammensetzung und Menge, die den individuellen Energie- und Nährstoffbedarf vollständig abdeckt, wird dies als totale parenterale Ernährung bezeichnet.
Zentrale Rolle der Pflege
Ein wirksames Ernährungsmanagement bei krankheitsassoziierter Mangelernährung beginnt nicht erst mit der ärztlichen Anordnung, sondern bereits mit der pflegerischen Beobachtung und regelmäßigen Einschätzung von Ernährungsrisiken. Diese besondere Perspektive macht Pflegefachpersonen zu zentralen Akteuren in der Prävention und Behandlung von krankheitsassoziierter Mangelernährung in allen Versorgungssettings.
Aufgrund ihrer kontinuierlichen Nähe zu den Patienten oder Bewohnern sind sie häufig in der Lage, frühe und oft unauffällige Veränderungen zu erkennen, die auf ein bestehendes oder drohendes Risiko einer Mangelernährung hinweisen können [35].
Mangelernährung ist jedoch ein interprofessionelles Querschnittsthema, das aufgrund seiner komplexen und vielfältigen Ursachen nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Pflege, Medizin, Ernährungsfachkräften, Logopädie, Ergotherapie und weiteren Berufsgruppen wirksam adressiert werden kann [35]. Leitlinien und Expertenstandards betonen daher die Notwendigkeit, die pflegerische Perspektive systematisch in interprofessionelle Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Im interprofessionellen Versorgungsprozess liegt die Verantwortung für die eigenständige Durchführung von Screenings und die Integration der Ergebnisse in den Pflegeprozess bei den Pflegefachpersonen [29]. Das Pflegeberufegesetz (PflBG) betont, dass der Pflegeprozess eine Vorbehaltsaufgabe von Pflegefachpersonen ist. Diese Verantwortung umfasst nicht nur die Durchführung und fachliche Bewertung des Screenings, sondern auch die Formulierung von Pflegediagnosen sowie die Ableitung, Umsetzung und Evaluation entsprechender Maßnahmen im Rahmen des Ernährungsmanagements. Die pflegerische Expertise bereichert das interprofessionelle Team und trägt maßgeblich dazu bei, gemeinsam eine umfassende und qualitativ hochwertige Versorgung zu gestalten.
Im Rahmen der interprofessionellen Zusammenarbeit übernimmt die Pflege eine zentrale Rolle – nicht nur in der praktischen Umsetzung, sondern auch in der Koordination der Maßnahmen sowie beim Entlassungsmanagement. Pflegefachpersonen unterstützen also bei der Durchführung von Interventionen, wie der Steigerung der Energie- und Proteinzufuhr, begleiten zugleich die edukative Betreuung der Patienten in Bezug auf erkrankungsspezifische Herausforderungen und organisieren, wenn erforderlich, die Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt. Für diese vielfältigen Aufgaben benötigen sie fundiertes Fachwissen sowie geeignete Rahmenbedingungen, darunter ausreichend Zeit, personelle Ressourcen und einen kontinuierlichen interprofessionellen Austausch [29, 36].
Die Prävention von Mangelernährung sollte bereits im häuslichen Umfeld und in der ambulanten Versorgung beginnen, um Risiken frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Zukünftig könnten Community Health Nurses (CHN) und Advanced Practice Nurses (APN) einen wesentlichen Beitrag zur Prävention und Versorgung bei Mangelernährung und weiteren Ernährungsrisiken in der Primärversorgung leisten. Als hoch qualifizierte Pflegeexperten sind sie ideal positioniert, um Ernährungsrisiken im häuslichen Umfeld zu erkennen, individuelle Präventions- und Interventionskonzepte zu erstellen und als Bindeglied zwischen Patienten, Angehörigen und verschiedenen Versorgungsinstanzen zu agieren.
Durch Hausbesuche, Beratung in Gemeinde- oder Gesundheitszentren sowie telemedizinische Betreuung können CHN/APN eine kontinuierliche Beobachtung und Anpassung der Ernährungssituation ermöglichen. Dabei verbinden sie klinisches Wissen mit Kenntnissen zu sozialen Determinanten von Gesundheit – ein entscheidender Ansatz, um Mangelernährung langfristig zu vermeiden und Ernährungskompetenz in der Bevölkerung zu stärken [37, 38].
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