Das Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt in seinem neuen Bericht "Policies and approaches to promote safe nurse staffing" vor den Folgen unsicherer Pflegepersonalausstattung und fordert europaweit verbindliche Maßnahmen für sichere Besetzungen.
Unterbesetzung gefährdet Patientensicherheit
Laut WHO ist Pflege eine "sicherheitskritische Kernfunktion" des Gesundheitssystems. Fehlende oder falsch eingesetzte Pflegefachpersonen führten nachweislich zu schlechteren Behandlungsergebnissen und erhöhten Risiken für Patientinnen und Patienten. Besonders gravierend seien Folgen in hochakuten Bereichen: Studien zeigten, dass mit jedem zusätzlichen Patienten pro Pflegekraft das Sterberisiko chirurgischer Patienten um sieben Prozent steigt.
Ein zentrales Warnsignal sei laut WHO der Anstieg von "missed nursing care", also unterlassener oder verzögerter Pflege. Diese gelte als früher Indikator für unsichere Versorgung und werde häufig aufgrund hoher Arbeitsbelastung, unzureichender Schichtbesetzung oder ungeeigneten Skill‑Mix‑Entscheidungen ausgelöst.
WHO fordert bedarfsorientierte Personalplanung statt starrer Vorgaben
Der Bericht macht deutlich, dass starre oder rein budgetorientierte Modelle dem Versorgungsbedarf nicht gerecht werden. Wirksamer seien evidenzbasierte, bedarfs- und pflegeaufwandsorientierte Personalplanungen, die den tatsächlichen Pflegebedarf, die Pflegeintensität und die Komplexität der Patientensituationen einbezögen.
Als maßgeblich identifiziert die WHO fünf operative Schlüsselfaktoren:
- angemessene Schichtplanung,
- realistische Arbeitslastmessung,
- sinnvoller Skill‑Mix,
- Echtzeit‑Anpassungen bei Veränderungen im Patientenzustand sowie
- professionelles pflegerisches Urteil.
Auch auf Systemebene fordert die WHO verbindliche Rahmenbedingungen für eine sichere Personalbesetzung. Dazu zählten klare Verantwortlichkeiten und Entscheidungsstrukturen: Wer legt Standards fest, wer überwacht ihre Einhaltung und wer trägt die Verantwortung, wenn Vorgaben nicht erfüllt werden? Viele europäische Staaten hätten bislang weder konsistente Regeln noch ausreichende Kontrollmechanismen – mit der Folge, dass Personalstandards uneinheitlich umgesetzt oder gar nicht kontrolliert würden.
Kocks: "Pflegepersonalbesetzung ist Patientensicherheit"
In einer Reaktion auf LinkedIn betonte Pflegewissenschaftler Andreas Kocks die Bedeutung des WHO‑Berichts: "Sichere Pflegepersonalbesetzung ist kein 'Nice-to-have', sondern eine Voraussetzung für Patientensicherheit, Workforce-Stabilität und Systemresilienz." Er hebt hervor, dass die WHO unterlassene oder verzögerte Pflege als entscheidenden Frühindikator für unsichere Versorgung einordnet und das Problem nicht als Ausbildungs‑, sondern als strukturelles Retentionsproblem beschreibt – bedingt durch Arbeitsbedingungen, Arbeitsdichte und fehlende Gestaltungsspielräume.
Statt starrer Quoten brauche es evidenzbasierte, bedarfsorientierte Modelle; starke pflegerische Führung und professionelle Autonomie seien zentrale Erfolgsfaktoren.