Pflegefachpersonen sollen künftig eine deutlich stärkere Rolle in der Primärversorgung übernehmen. Denn ohne strukturelle Reformen droht in vielen Regionen Deutschlands eine dauerhafte Unterversorgung, sowohl hausärztlich als auch pflegerisch.
Das geht aus einer aktuellen Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor, welche die Stiftung vergangenen Freitag veröffentlicht hat. Darin legt ein interprofessionelles Expertengremium mehr als 70 Handlungsempfehlungen für ein zukunftsfestes Gesundheits- und Pflegesystem vor.
Pflege als gleichberechtigter Teil der Primärversorgung
Zentraler Befund der Analyse: Die bislang arztzentrierte Primärversorgung greift zu kurz. Pflege sei strukturell und gleichberechtigt einzubinden. "Fachliche Pflege muss als konstitutiver Teil einer sozial und lebensweltlich verankerten Primärversorgung, in der Soziales und Gesundheitsversorgung verschmelzen, gedacht werden", heißt es in der Analyse.
Pflegefachpersonen sollen künftig stärker koordinierende, beratende und präventive Aufgaben übernehmen – etwa im Care- und Case-Management, in der Pflegeprävention oder in der sozialraumorientierten Versorgung. Vorgesehen ist eine Lotsenfunktion, insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen, Multimorbidität oder Pflegebedarf.
Neue Rollen: Advanced Practice und Community Health Nursing
Die Studie plädiert für den systematischen Ausbau erweiterter Pflegekompetenzen. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, etwa in Advanced Nursing Practice (ANP) oder Community Health Nursing (CHN), sollen eigenständiger handeln können. Diese Rollen seien international etabliert und könnten Versorgungslücken schließen.
"Jeder Mensch mit Pflegebedarf soll unabhängig von seinem Einkommen oder Versorgungsort Anspruch auf eine fachpflegerische Begleitung erhalten", zitiert das Studienteam. Pflegefachpersonen sollen Pflegebedarf einschätzen, Prozesse koordinieren, Angehörige beraten und präventiv tätig sein – nicht nur kompensatorisch, sondern kontinuierlich.
Fachkräftemangel verschärft den Reformdruck
Der Reformbedarf ist aus Sicht des Expertengremiums dringend. Bundesweit seien rund 5.000 hausärztliche Sitze unbesetzt, in der Pflege fehlten schon heute Fachkräfte. Bis 2049 werden laut Statistischem Bundesamt mindestens 280.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Gleichzeitig steigt die Zahl pflegebedürftiger Menschen weiter an.
Ohne neue Organisationsformen, interprofessionelle Teams und eine Anpassung von Vergütung und Berufsrecht lasse sich die Primärversorgung nicht stabilisieren, so das Fazit. Die Analyse spricht sich daher für Primärversorgungszentren, kommunale Steuerung und eine bessere Verzahnung von Pflege, Medizin und Sozialem aus.