Digitale Sensortechnologien könnten die Sturzprävention in der Langzeitpflege deutlich voranbringen – vorausgesetzt, sie sind praxistauglich und sinnvoll integriert. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsprojekt "SensiCare" der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU), die Einstellungen, Erfahrungen und Erwartungen von Pflegefachpersonen im deutschsprachigen Raum systematisch untersucht hat.
Hintergrund der Studie: Stürze zählen zu den zentralen Risiken in Pflegeeinrichtungen: Etwa jede zweite Bewohnerin und jeder zweite Bewohner ist betroffen. Neben körperlichen Folgen wie Frakturen führen Stürze häufig auch zu psychischen Belastungen, etwa Sturzangst, die Mobilität und Lebensqualität zusätzlich einschränken. Hier setzen sensorbasierte Technologien an: Sie können Bewegungsmuster erfassen, Risikosituationen erkennen und Pflegende bei kritischen Ereignissen in Echtzeit alarmieren.
Pflegekräfte sehen konkreten Nutzen im Arbeitsalltag
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Pflegefachpersonen diesen Ansatz grundsätzlich positiv bewerten. Besonders hoch ist die Zustimmung zu Anwendungen, die unmittelbar im Pflegealltag unterstützen. So sehen rund 92 Prozent der Befragten einen Nutzen in digitalen Lösungen zur Pflegedokumentation, 89 Prozent in Sensoren zur Sturz- und Risikoerkennung und 88 Prozent in Alarmfunktionen.
Im Fokus steht dabei weniger die Technologie selbst als ihr konkreter Nutzen: Echtzeit-benachrichtigungen bei kritischen Situationen wurden als wichtigste Funktion bewertet. Sie ermöglichen ein schnelles Eingreifen und unterstützen eine stärker ereignisbasierte Pflege. Als hilfreich werden auch automatisierte Erinnerungen und Checklisten eingeschätzt, da sie strukturierende und entlastende Effekte im Arbeitsalltag versprechen.
Qualitative Interviews zeigen darüber hinaus, wie Pflegefachpersonen die Potenziale im Detail einschätzen: Sensoren können demnach helfen, Beinahestürze zu erkennen und individuelle Risikoprofile zu erstellen. Zudem erleichtern sie die Dokumentation und tragen zu einer besseren Nachvollziehbarkeit von Sturzereignissen bei. In der direkten Versorgung sehen viele Befragte die Chance, schneller auf Gefahren zu reagieren und so Sturzfolgen oder unnötige Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Gleichzeitig wird deutlich, dass Sensorik aus Sicht der Praxis keinen Ersatz für professionelle Pflege darstellt. Vielmehr verstehen die Befragten die Technologien als ergänzendes Instrument. Entsprechend wurden Funktionen, die eine automatisierte Bewertung oder detaillierte Aktivitätsanalysen liefern, als weniger relevant eingestuft. Die fachliche Einschätzung der Pflegefachpersonen bleibe entscheidend, insbesondere bei der individuellen Risikoabwägung.
Fehlalarme und technische Hürden bleiben Herausforderungen
Neben den Chancen benennt die Studie auch Herausforderungen. Kritisch gesehen werden insbesondere technische Unzuverlässigkeiten wie Fehlalarme sowie infrastrukturelle Hürden, etwa fehlende WLAN-Abdeckung oder fest installierte Systeme. Auch Datenschutz- und Ethikfragen spielen eine Rolle, stehen aus Sicht der Befragten jedoch hinter praktischen Anforderungen zurück. Entscheidend ist vor allem, ob die Technologien im Alltag funktionieren und tatsächlich entlasten.
Als zentrale Schlussfolgerung betont das Forschungsteam die Bedeutung einer frühen und partizipativen Einbindung der Pflegepraxis in Entwicklung und Implementierung. Nur wenn Pflegefachpersonen aktiv beteiligt seien, ließen sich Technologien entwickeln, die den Anforderungen des Alltags gerecht werden und Mehrwert bieten. Angesichts steigender Pflegebedarfe und knapper Personalressourcen sehen die Forschenden in sensorgestützten Systemen grundsätzlich ein großes Potenzial. Dieses könne sich jedoch nur entfalten, wenn Technik die Pflege sinnvoll ergänzt. Weitere Studien unter realen Alltagsbedingungen seien daher notwendig, um Wirksamkeit und nachhaltigen Nutzen belastbar zu prüfen.