Eine Forschungsgruppe untersucht mithilfe eines digitalen Zwillings, wie Sensorik, Automatisierung und vernetzte Systeme Arbeitsabläufe in Pflegeheimen verändern und Pflegefachpersonen entlasten könnten. Das hat die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg am Mittwoch mitgeteilt.
Im Projekt "Industrie 4.0 meets Pflegeheim" (I4mP) modellieren Forschende die Abläufe des Pflegeheims Wichernstift in Ganderkesee als digitale Nachbildung. Die Simulation soll zeigen, welche Auswirkungen technische Innovationen auf Versorgung, Organisation und Arbeitsbelastung in der Langzeitpflege haben.
Technische Systeme im Praxistest
Im Mittelpunkt stehen Anwendungen, die bereits in anderen Bereichen genutzt werden. Untersucht wird unter anderem, wie robotische Assistenzsysteme Pflegekräfte beim Umpositionieren von Bewohnerinnen und Bewohnern unterstützen können.
Weitere Untersuchungen befassen sich mit vernetzten Trainingsgeräten zur Förderung der Mobilität sowie mit Sensoren, die die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme oder die Schlafqualität erfassen. Zudem prüfen die Forschenden, ob Abwasseranalysen dabei helfen können, Infektionsgeschehen frühzeitig zu erkennen.
"Die Zahl der Pflegebedürftigen liegt schon heute bei 5,7 Millionen, von denen knapp 800.000 in Heimen leben, Tendenz steigend. Dass zeitgleich die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte sinkt, reißt eine Lücke zwischen Versorgungsbedarf und realisierbarer Pflegequalität", erklärt Projektleiter Andreas Hein.
Auswirkungen auf Arbeitsabläufe werden simuliert
Der digitale Zwilling soll es ermöglichen, neue Technologien zunächst virtuell zu erproben, bevor sie in der Praxis eingeführt werden. Die Forschenden wollen analysieren, ob automatisierte Datenerhebungen und digitale Assistenzsysteme Dokumentationsaufgaben reduzieren, Arbeitsabläufe verändern oder die Versorgung unterstützen können.
Nach Angaben des Projektteams orientiert sich das Vorhaben an Konzepten der Industrie 4.0, bei denen Prozesse mithilfe von Echtzeitdaten und vernetzten Systemen optimiert werden. Anders als in der industriellen Produktion liegt der Fokus jedoch auf individuellen Versorgungsbedarfen von Bewohnern.
Förderung in Höhe von 1,6 Millionen Euro
An dem Projekt beteiligt sind Wissenschaftler aus Pflegewissenschaft, Versorgungsforschung, Medizin, Ethik und Ingenieurwissenschaften. Die Europäische Union und das Land Niedersachsen fördern das Vorhaben mit insgesamt 1,6 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.
Die Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, welche digitalen und automatisierten Verfahren sich für den Einsatz in Pflegeheimen eignen und welche Folgen sie für die Pflegepraxis haben.