Ein interdisziplinäres Expertenbündnis aus Akteuren der Pflege, Medizin, Public Health sowie Patientenvertretungen drängt auf die bundesweite Einführung von Schulgesundheitsfachkräften und fordert eine klare gesetzliche Verankerung. Anlass ist ein am Donnerstag vorgestellter Expertenbericht zur Schulgesundheitspflege, der im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin präsentiert wurde und von Fachgesellschaften wie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) unterstützt wird.
Dem Bericht zufolge haben rund 3,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland einen besonderen gesundheitlichen Versorgungsbedarf. Gleichzeitig sei das Schulsystem für diese Anforderungen strukturell nicht ausgelegt.
Bei der Vorstellung machte Gesundheitswissenschaftlerin Heidrun M. Thaiss von der Technischen Universität München die Diskrepanz deutlich: "Wir wissen, dass Schulgesundheitsfachkräfte sinnvoll, etablierbar und finanzierbar sind. Jetzt braucht es den politischen Willen, aus erfolgreichen Projekten eine verlässliche Regelstruktur zu machen. Frühe Prävention rechnet sich und beginnt in der Lebenswelt der Kinder – in der Schule." Während Schulgesundheitsfachkräfte in vielen europäischen Ländern fest etabliert seien, gebe es hierzulande lediglich punktuelle Modellprojekte, etwa in Hessen, Brandenburg, Baden-Württemberg und Berlin.
Politische Unterstützung – aber ungelöste Zuständigkeiten
In der politischen Debatte während der Pressekonferenz wurde deutlich, dass das Thema auf Zustimmung stößt, zugleich aber strukturelle Hürden zu überwinden sind.
Die CSU-Bundestagsabgeordnete und Pflegeexpertin Emmi Zeulner betonte die Notwendigkeit politischer Initiative: "Es muss etwas passieren in diesem Bereich und zwar auch auf Bundesebene." Gleichzeitig verwies sie auf die komplexe Aufgabenverteilung im föderalen System. Maßnahmen könnten nur greifen, wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam handelten: "Es muss im Miteinander gehen." Sonst könnten sich School Nurses nicht flächendeckend durchsetzen.
Tatsächlich existiert derzeit bundesweit kein einheitliches System. Stattdessen sprechen Experten von einem "Flickenteppich" aus Projekten – insgesamt etwa 150 Schulgesundheitsfachkräfte sind bislang nach Angaben der Initiatoren des Berichts im Einsatz.
Pflegefachpersonen als Schlüssel für Versorgung im Schulalltag
Für die professionelle Pflege eröffnet die Debatte ein neues Handlungsfeld. Schulgesundheitsfachkräfte übernehmen zentrale Aufgaben, die bislang oft unkoordiniert im Schulalltag verteilt sind:
- medizinische Erstversorgung
- Begleitung chronisch kranker Kinder
- Prävention und Gesundheitsförderung
- Koordination mit Eltern, Ärzten und sozialen Diensten
Birgit Pätzmann-Sietas, Vorstandsmitglied des Berufsverbands Kinderkrankenpflege Deutschland, verortete die Rolle klar im multiprofessionellen Kontext: "Schulgesundheitsfachkräfte nehmen Lehrkräften keine Aufgaben weg. Sie sorgen vielmehr dafür, dass jede Profession das tun kann, wofür sie ausgebildet ist."
Aus pflegefachlicher Perspektive entsteht damit ein eigenständiges Tätigkeitsfeld, das klassische pflegefachliche Kompetenzen mit Prävention, Beratung und interdisziplinärer Zusammenarbeit verbindet.
Versorgungsrealität: Beispiel chronische Erkrankungen
Die aktuell vorherrschenden strukturellen Lücken werden insbesondere bei chronisch kranken Kindern sichtbar. Am Beispiel von Diabetes verdeutlichten Fachvertreter die Anforderungen im Schulalltag. So müssten Kinder ihren Gesundheitszustand kontinuierlich überwachen und auf Veränderungen reagieren – eine komplexe Aufgabe, die sie oft nicht allein bewältigen könnten. "Diabetes macht keine Pause, auch nicht während Unterricht, Sport oder Klassenfahrt", sagte der Kinderdiabetologe und DDG-Vorstandsmitglied Andreas Neu. Er betonte: "Gesundheit darf im Schulalltag nicht vom Zufall abhängen."
Fehle eine qualifizierte Fachperson vor Ort, seien häufig Eltern gezwungen, einzugreifen – etwa durch telefonische Betreuung, spontane Schulbesuche oder Arbeitsausfälle. Gleichzeitig gerieten Lehrkräfte in Situationen, für die sie weder ausgebildet noch rechtlich abgesichert seien.
Forderung nach verbindlicher Regelversorgung
Der Bericht verweist auf Ergebnisse aus Modellprojekten, die sowohl medizinische Verbesserungen als auch ökonomische Effekte zeigen – etwa weniger Rettungseinsätze und eine höhere Gesundheitskompetenz bei Schülern.
Angesichts dieser Daten fordern die Autoren eine grundlegende strukturelle Veränderung:
- gesetzliche Verankerung von Schulgesundheitsfachkräften
- verlässliche und dauerhafte Finanzierung
- bundeseinheitliche Qualifikationsstandards
- Integration in den öffentlichen Gesundheitsdienst
Als möglicher Weg wird ein gemeinsames Finanzierungsmodell vorgeschlagen, etwa in Anlehnung an den Digitalpakt Schule.
Bereits Anfang Juni hatten mehrere Organisationen den politischen Handlungsdruck erhöht. So forderte ein Bündnis aus BKK-Dachverband, Bundesschülerkonferenz, Bundeselternrat und Deutschem Pflegerat in einem Memorandum die flächendeckende Einführung von Schulgesundheitsfachkräften. Darin heißt es: "Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten, chronische Erkrankungen, Übergewicht und Bewegungsmangel sind nicht die Ausnahme, sondern traurige Regel an Schulen." Die Unterzeichner plädierten ebenfalls für einen gemeinsamen "Schulgesundheitspakt" von Bund und Ländern.