Eine neue Studie der Universität Witten/Herdecke(UW/H) dokumentiert zahlreiche rassistische Erfahrungen im deutschen Gesundheitssystem und empfiehlt Kliniken in Kooperation mit dem Forschungsverbund "Rassismus im Gesundheitswesen" (RiGeV) tiefgreifende strukturelle Veränderungen.
Rassistische Erfahrungen beeinflussen Versorgung
Für die Untersuchung wertete das Forschungsteam rund 800 Onlinebeiträge auf Bewertungsplattformen und Social-Media-Kanälen aus, in denen Patientinnen und Patienten ihre Erfahrungen schildern. Viele berichteten von Benachteiligungen aufgrund von Sprache oder Herkunft, die dazu führten, dass Beschwerden nicht ernst genommen oder falsch eingeschätzt wurden.
Die emotionalen Schilderungen zeigen laut Studie, wie stark Diskriminierung das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung beschädigt. "Die Menschen schildern ihre Erfahrungen sehr detailliert – offenbar auch, weil sie sonst kaum Gehör finden", sagte die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Versorgungsforschung der UW/H, Tuğba Aksakal. "Diese Berichte zeigen auch, wie stark Diskriminierung das Vertrauen in das Gesundheitssystem erschüttern kann."
Strukturelle Faktoren begünstigen Ausschlüsse
Laut Studie treten rassistische Benachteiligungen nicht nur in persönlichen Interaktionen auf. Auch fehlende Dolmetschangebote, einseitige Formulare oder mangelnde Sensibilität für kulturelle Unterschiede führten zu Hürden in Diagnostik und Behandlung. Diese Faktoren könnten dazu beitragen, dass Menschen schlechter informiert seien und dadurch benachteiligt werden.
Der RiGeV-Verbund betont, dass Rassismus nicht allein durch individuelles Fehlverhalten entstehe, sondern in organisationalen Routinen, Leitlinien und Machtverhältnissen verankert sei. Die auf Basis der Studie erarbeiteten Empfehlungen richten sich ausdrücklich an stationäre Einrichtungen und ihre Leitungsebenen.
Leitfaden fordert klare Strukturen in Kliniken
Die Handlungsempfehlungen schlagen unter anderem vor:
- Verpflichtende Fortbildungen zu rassismuskritischer Kommunikation und diskriminierungssensibler Versorgung für alle Berufsgruppen.
- Niedrigschwellige Beschwerdewege, mehrsprachig und anonym, um diskriminierende Vorfälle sicher melden zu können.
- Schutzkonzepte für betroffene Patientinnen, Patienten und Mitarbeitende, die feste Abläufe und Eskalationsstufen vorsehen.
- Rassismuskritische Personalgewinnung, etwa durch anonymisierte Bewerbungsverfahren oder gezielte Förderung marginalisierter Gruppen.
- Regelmäßige Evaluation, etwa über Diversity-Audits, um strukturelle Ausschlüsse zu erkennen und abzubauen.
Der Leitfaden betont, dass Veränderungen nur gelingen, wenn sie dauerhaft angelegt und institutionell verankert seien. Rassismus sei als strukturelle Herausforderung zu verstehen, die alle Bereiche einer Einrichtung betreffe — von der Kommunikation über das Qualitätsmanagement bis zur Personalentwicklung.