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Bochumer Bund

"Pflegende müssen sich geschlossen organisieren"

Seit Mai 2020 gibt es die Pflegegewerkschaft Bochumer Bund. Wir sprachen mit den beiden Vorstandsmitgliedern Benjamin Jäger und Heide Schneider über ihre Pläne und die Bedeutung der Gewerkschaft für Pflegende.

 

Herr Jäger, Sie haben die erste Pflegegewerkschaft auf die Beine gestellt. Was war Ihr Antrieb?

Jäger: Wenn wir uns ansehen wie die politische Landschaft der Pflege ausgestaltet ist, müssen wir feststellen, dass es sich um ein dezentrales Netz aus Verbänden, Vereinen und einzelnen Kammern handelt. Die bisherige gewerkschaftliche Vertretung von Pflegenden als Untergruppe einer Dienstleistungsgewerkschaft ist nicht zufriedenstellend. Die größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem braucht einen gewissen Organisationsgrad und eine Form, die politische Mitbestimmung zulässt. Politische Mitbestimmung bedeutet in diesem Kontext auch die gewerkschaftliche Vertretung von beruflich Pflegenden. An dieser Stelle haben wir ein Defizit. Die vergangenen Jahrzehnte der Entwicklungen in den Arbeitsbedingungen sind ein Indikator dafür. In der Breite hat es keine signifikanten Verbesserungen gegeben. Deshalb haben wir den Bochumer Bund als gewerkschaftliche Vertretung für beruflich Pflegende gegründet.

"Die größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem braucht einen gewissen Organisationsgrad und eine Form, die politische Mitbestimmung zulässt."

Erste Schritte gab es bereits 2017. Damals schlossen sich Sie und weitere Pflegestudierende der Hochschule für Gesundheit in Bochum zu dem Bund zusammen. Die Anfänge waren holprig. Warum hat es bis 2020 gedauert, bis sich der Bochumer Bund tatsächlich als Pflegegewerkschaft konstituieren konnte?

Jäger: Die Anfänge waren tatsächlich sehr holprig. Wir haben damals einen Hörsaal angemietet und Einladungen verschickt. Auf der eigentlichen Gründungsveranstaltung waren nur 4 Personen, die dann auch den ersten Vorstand gestellt haben. Wir hatten allerdings schon weitere Unterstützer aus dem Studierendenkreis. Insgesamt sind wir mit etwa 10 Personen gestartet. Warum es bis 2020 gedauert hat, liegt unter anderem daran, dass wir uns alle noch in Ausbildung und Studium befanden und dadurch natürlich primär anderen Anforderungen gerecht werden mussten. Hinzu kam sicher auch eine anfängliche Unsicherheit über das eigentliche Vorgehen. Als dann die Abschlussprüfungen bevorstanden, haben wir uns auf einen Termin geeinigt – bekanntermaßen den 12. Mai 2020 – um den Bochumer Bund in seiner jetzigen Form zu gründen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir mit etwa 100 Personen schon bundesweit vertreten.

Warum braucht es neben Pflegekammern und Berufsverbänden eine Pflegegewerkschaft?

Schneider: Als Beispiel nehme ich immer gern die Personalbemessung: Berufsverbände vertreten „ihre“ Berufsgruppe und fördern die Belange ihrer Mitglieder. Sie kümmern sich um das Berufsbild eines Berufsstands. Ich bin ja auch im Vorstand des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, kurz DBfK. Der größte Berufsverband der Pflegenden in Deutschland kümmert sich um eine inhaltliche Weiterentwicklung und Professionalisierung des Berufs und sorgt dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Expertisen in diese Weiterentwicklung einfließen. Der DBfK kann somit wissenschaftlich belegen, wie die Arbeitsbedingungen der Pflegenden und die Personalbemessung am besten sein könnten. In Pflegekammern sind genau diese Berufsangehörigen organisiert. Mit einer Berufsordnung zum Beispiel werden Qualifikationen und Rahmenbedingungen definiert, die notwendig sind, damit sich Pflegefachpersonen bestmöglich um die ihnen anvertrauten Patientinnen, Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner kümmern können. Indirekt könnte durch diese Anforderungen auch ein Benefit für die Arbeitsbedingungen und die Personalbesetzung der Pflegefachpersonen entstehen.

Was ist mit der Pflegegewerkschaft?

Schneider: Bei einer Pflegegewerkschaft fallen den meisten erstmal die Zuständigkeit für Löhne und Gehälter ein. Eine Gewerkschaft ist aber auch zuständig für Arbeitsbedingungen, Arbeitszeitgestaltung und Mitbestimmung in den Betrieben. Durch die Mitbestimmung ergibt sich eine indirekte Zuständigkeit für die Zahl der Pflegefachpersonen, die in den verschiedenen Bereichen einzusetzen sind. Stichwort Arbeitsbedingungen: Unser Ziel als Pflegegewerkschaft ist es, bei Tarifverhandlungen weniger Kompromisse eingehen zu müssen und somit eine richtig starke Interessensvertretung der Pflegenden zu sein! Dies ist bei einer Einheitsgewerkschaft, die noch für viele andere Berufe mit unterschiedlichen Finanzierungsbedingungen verhandelt, eher nicht möglich. Somit schließt sich der Kreis: Jede der Institutionen hat ihre politische und gesellschaftliche Verortung mit Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern in Politik und Gesellschaft.

"Diese Diskussion zu führen, würde sich im ärztlichen Bereich niemand trauen!"

Und warum ist dieser Dreiklang sinnvoll?

Schneider: Wenn sich alle drei Gremien zusammen um ihre Klientel in der Pflege kümmern – und entsprechend hohe Mitgliederzahlen im Rücken haben, auf die sie sich stützen können – ergibt sich damit eine Position der Pflegefachpersonen in der Gesellschaft, an der Politik und Geldgeber nicht mehr vorbeikommen werden! Wenn dieser Dreiklang stark ist, werden sich Politikerinnen und Politiker hoffentlich nicht mehr dafür feiern lassen, 20.000 Hilfskräfte in 14.500 stationären Einrichtungen zur Entlastung der Pflegefachpersonen einzustellen. Denn diese Diskussion zu führen, würde sich im ärztlichen Bereich niemand trauen!

Sie wollen Ihre Mitgliederzahl im kommenden Jahr verfünffachen – von 1.000 auf 5.000. Wie wollen Sie das erreichen?

Jäger: Wir arbeiten vor allem mit sozialen Medien. Darüber haben wir auch die Mehrheit unserer ersten 1.000 Mitglieder generiert. Parallel nutzen wir die klassischen Medien und die Verbreitung über Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen. Unser Konzept, dass die gewerkschaftliche Vertretung für Pflegenden von Personen aufgebaut wird, die ausschließlich aus dem Pflegeberuf kommen, spricht viele Menschen an. Und dabei nicht nur Berufsangehörige, sondern auch zahlreiche Fördermitglieder. Dieses Alleinstellungsmerkmal und unsere Bestrebung, auch die Kammern und den Berufsverband zu stärken, macht uns für viele attraktiv.

Was kostet eine Mitgliedschaft?

Schneider: Die Mitgliedschaft kostet 4 Euro für Auszubildende, Studierende und Personen in prekären finanziellen Situationen und 12,50 Euro für Erwerbstätige. Auch Einzelfallentscheidungen sind möglich. Im Mitgliedsbeitrag ist ab 2021 eine Rechtsschutzversicherung mit entsprechender Beratung enthalten. Aber auch jetzt schon werden Fragen der Mitglieder zum Arbeitsverhältnis oder auch zum Corona-Bonus von uns beantwortet. Hinzu kommt ein digitales Abonnement der Zeitung Rechtsdepesche. Für diejenigen, die keine beruflich Pflegenden sind, aber den Bochumer Bund unterstützen möchten, gibt es die Möglichkeit, mit einem selbst gewählten Betrag Fördermitglied zu werden.

"Was wir tatsächlich mit dem Bochumer Bund erreichen können, ist eine starke und aus dem Beruf heraus entstandene Gewerkschaft, die eine nennenswerte Schlagkraft besitzt." 

Die Frage der Mitgliedsbeiträge sorgt bereits bei den aktuellen Pflegekammern für hitzige Debatten. Wie wollen Sie Verständnis für den Mitgliedsbeitrag schaffen?

Jäger: Unser Mitgliedsbeitrag richtet sich nach dem Bedarf des Bochumer Bunds. Wir können unseren Mitgliedern transparent sagen, aus welchen einzelnen Posten sich der Beitrag zusammensetzt. So haben wir auf der jüngsten Vollversammlung Mitte November eine Beitragserhöhung beschlossen und liegen damit jetzt bei 12,50 Euro. Darin enthalten sind grob gesagt 4 Posten: Die Rechtsschutzversicherung, das Abonnement der Rechtsdepesche, die Streikkasse und Ausgaben für den organisatorischen Aufbau. Diese Form der Transparenz schafft eine höhere Akzeptanz. Eine Alternative wäre eine prozentuale Abgabe vom Bruttolohn. Das wollen wir aber vermeiden, da dies auch einen höheren Verwaltungsaufwand darstellt. Viele nutzen übrigens die Möglichkeit, mehr als den Mindestbeitrag zu zahlen, weil sie uns einfach unterstützen möchten.

Warum sollten sich Pflegende im Bochumer Bund organisieren? Welche Vorteile haben sie davon?

Jäger: Wir bieten ein sehr günstiges digitales Abonnement der Rechtsdepesche. Wir bestücken das Magazin mit eigenen Inhalten, sodass es gleichzeitig als unsere Mitgliederzeitung fungiert. Darüber hinaus bieten wir die bereits erwähnte Rechtsschutzversicherung für arbeitsrechtliche Fragen. Weiterhin nutzen wir unser Netzwerk, um beratend in verschiedenen Situationen zur Seite zu stehen. Was wir tatsächlich mit dem Bochumer Bund erreichen können, ist eine starke und aus dem Beruf heraus entstandene Gewerkschaft, die eine nennenswerte Schlagkraft besitzt. Pflegende müssen aus dem Schatten heraustreten und sich geschlossen organisieren. So können wir mit dem Berufsverband und den Kammern die Position einnehmen, die uns als größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem zusteht. Damit stärken wir nicht nur die Verhandlungsposition, sondern auch das Bild von Pflegenden in der Gesellschaft. Das ist der größte Vorteil, den wir als Pflegende im Bochumer Bund für die gesamte Berufsgruppe erreichen können.

 

Benjamin Jäger ist einer der Gründer des Bochumer Bunds und dessen Vorstandsvorsitzender. Aktuell studiert der examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger an der Hochschule für Gesundheit in Bochum im Bachelorstudiengang Pflege. Parallel arbeitet Jäger schwerpunktmäßig im Bereich HNO und Gefäßchirurgie mit zusätzlicher Betreuung von Schmerzpatientinnen und -patienten.

Heide Schneider ist examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und zweite Vorstandsvorsitzende des Bochumer Bunds. Sie arbeitet seit mehr als 30 Jahren in verschiedenen Stationen auf unterschiedlichen Positionen bei einem Maximalversorger im Saarland. Seit mehr als 20 Jahren ist sie Betriebsratsmitglied und hat seitdem u. a. als Betriebsratsvorsitzende tiefe Einblicke in das Gesundheitssystem gewonnen.

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