• Pflegeimpuls
Anforderungen im Pflegeberuf

Diese Skills brauchen Pflegende jetzt

Moderne Pflege braucht zunehmend neue Fähigkeiten und Fertigkeiten: Erfahren Sie, welche Skills heute entscheidend sind und wie Sie sich gezielt weiterbilden.

Von klinischem Denken über interprofessionelle Kommunikation bis hin zu digitalem Know-how: Der Pflegealltag wird komplexer – und mit ihm die Anforderungen. Der Artikel zeigt, auf welche Schlüssel-Skills es jetzt ankommt, wie Pflegende ihre Skills gezielt erweitern können und warum Weiterbildung allein nicht reicht.

 

Seit jeher wird Pflegefachpersonen einiges abverlangt: Seien es Fachwissen und Empathie, Belastbarkeit oder ständige Weiterentwicklung. Und die Anforderungen verändern sich weiter, sagt Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR): "Sie entstehen vor allem dort, wo Versorgung komplexer wird." Pflegebedürftige seien heute häufiger chronisch krank, multimorbid oder kognitiv eingeschränkt; gleichzeitig prägen Digitalisierung, neue Teamstrukturen und mehr Verantwortung die berufliche Pflege. Worauf es jetzt ankommt.

Skill 1: Klinisch denken ist gefragt

Pflege ist längst nicht mehr reine Durchführung, beobachtet Christine Vogler. Von Pflegefachpersonen werde stärker als früher eine eigenständige fachliche Einschätzung erwartet. Sie müssen Pflegebedarfe erkennen und Risiken wahrnehmen können. Passt der Schmerzverlauf zum Befund? Droht ein Delir? Besteht Sturzgefahr? Beobachtung, Assessment, pflegerische Diagnostik, fachliche Bewertung, Planung und Evaluation – all das gehört für Vogler heute zum professionellen Handwerkszeug. Auch die Ableitung passender Maßnahmen sollten Pflegende beherrschen. Pflegerische Urteilskraft sei eine bislang unterschätzte, dafür aber höchst relevante Kompetenz. Sie entscheide, "ob Risiken früh erkannt und Versorgung bedarfsgerecht gestaltet wird", so die DPR-Präsidentin.

Skill 2: Koordinieren als Kern der Pflege

Noch etwas unter dem Radar laufe zudem die koordinierende Rolle der Pflege. "Pflegefachpersonen halten Versorgung oft praktisch zusammen", so Vogler. "Und zwar zwischen Patientinnen, Patienten, Angehörigen, Ärztinnen, Ärzten, Therapie, Sozialdienst und Einrichtungen." Diese Leistung müsse sichtbarer anerkannt werden.

Sie könnte umso zentraler werden, sollten Teams künftig stärker im Skill-Mix arbeiten und Pflegefachassistenzpersonen eingebunden werden. Dann sind Informationen zu gewichten und Zuständigkeiten zu klären. Wer Aufgaben verteilt, muss einschätzen können: Was kann von wem erledigt werden? Was muss zurückgemeldet werden? Und wann sollte die examinierte Pflegefachperson selbst handeln?

Skill 3: Digital arbeiten, fachlich entscheiden

Natürlich hat die Digitalisierung in Kliniken einige Vorteile: Die elektronische Patientenakte (ePA) könne der Pflege beispielsweise einen strukturierten Überblick über Diagnosen, Befunde und Medikationsinformationen geben, so die zuständige Agentur Gematik. "ePA, digitale Dokumentation und Assistenzsysteme verändern tatsächlich den Alltag", sagt Vogler, doch sie nehmen Pflegefachpersonen auch in die Pflicht: Sie müssten zwar nicht jedes System beherrschen, aber digitale Informationen künftig abrufen, prüfen und fachlich einordnen können.

Die Entwicklung verlangt Pflegekräften einiges ab, bestätigt Lina Gürtler, seit Mitte 2025 im Bundesvorstand des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK): "Durch die gesellschaftliche Schnelllebigkeit ist es notwendig, dass Pflegende sich anpassen können und in vielen Bereichen kompetent sind." Digitale Prozesse und die Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) zählt die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Studentin der Pflegewissenschaft explizit dazu. Eine "lebenslange Lernbereitschaft und eine schnelle Auffassungsgabe" seien deshalb unerlässlich.

Skill 4: Mit Ärzten reden können

Kommunikationsprobleme zwischen Pflege und Ärzteschaft können zu Fehlern im Medikationsprozess führen und die Patientensicherheit gefährden. Das zeigte die Universität Bonn 2024 in einem Pilotprojekt. Für Vogler ist interprofessionelle Kommunikation deshalb eine "zentrale Sicherheitskompetenz": Pflegefachpersonen – in ihren neuralgischen Positionen – nehmen Veränderungen an Patientinnen und Patienten häufig früher wahr. Doch das bringt wenig, wenn diese Beobachtungen nicht klar weitergegeben werden und in Entscheidungen einfließen. "Kommunikation ist keine weiche Zusatzkompetenz", betont Vogler, "sondern Teil professioneller Verantwortung und ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit. Gerade bei Medikationsprozessen, Übergaben, veränderten Gesundheitszuständen und unklaren Verantwortlichkeiten entscheidet sie darüber, ob Risiken erkannt oder übersehen werden."

"Ohne sie funktioniert es im Gesundheitssystem nicht", pflichtet Lina Gürtler der DPR-Präsidentin bei. Und ergänzt: "Kommunikationsprobleme im Gesundheitssystem sind aktuell auch ein Grund für hohe Kosten. Sie machen das System teurer und für Patientinnen, Patienten und Angehörige das Gesundheitssystem unübersichtlicher."

Skill 5: Auf Krisen vorbereitet sein

Krisenmanagement und Katastrophenschutz sind noch wenig im Bewusstsein der Profession verankert, gewinnen aber laut Gürtler künftig an Bedeutung: "Globale Konflikte, vermehrte Flüchtlingsbewegungen, die Klimakrise und viele weitere Herausforderungen der Zukunft bringen auch gesundheitliche Probleme mit sich", so die DBfK-Bundesvorständin. "In vielen anderen Ländern, aber auch in der Historie ist bereits erkennbar, welche wichtige Rolle Pflegefachpersonen in Krisensituationen leisten." Die sogenannte Katastrophenpflege – Gürtler spricht von "Disaster Nursing" – müsse als eigenständiges Feld innerhalb der Profession gestärkt und weiterentwickelt werden.

Mini-Checkliste: Bin ich gut aufgestellt?

  • Kann ich Risiken fachlich begründen, oder beschreibe ich sie nur?
  • Dokumentiere ich so, dass meine Einschätzung nachvollziehbar ist?
  • Prüfe ich digitale Informationen kritisch?
  • Spreche ich Medikationsrisiken oder unklare Anordnungen aktiv an?
  • Kommuniziere ich Beobachtungen strukturiert im Team?
  • Weiß ich, welche Aufgaben ich delegieren kann – und welche nicht?
  • Nutze ich Fachartikel, Expertenstandards oder kurze Fortbildungen regelmäßig?
  • Habe ich ein Thema, das ich gezielt vertiefen möchte?
  • Fordere ich Zeit oder Geld für Fortbildungen ein, vor allem, wenn ich neue Aufgaben übernehmen soll?

Wo lässt sich Wissen aneignen – möglichst effektiv und kostengünstig?

Am besten dort, wo es schnell geht und direkt hilft, so Voglers Rat: "Ich würde empfehlen, gezielt bei Themen anzusetzen, die im eigenen Arbeitsalltag sofort helfen: pflegerische Diagnostik, Wundversorgung, Demenz, Diabetes, Schmerz, Medikationssicherheit, Kommunikation, ePA und digitale Dokumentation." Wichtig sei nicht unbedingt "der große Kurs", betont sie. Schon kurze Online-Fortbildungen könnten im Alltag viel bewirken. "Entscheidend ist, ein Thema zu wählen, das im eigenen Versorgungsbereich häufig vorkommt." Auch Fallbesprechungen oder die Lektüre von Expertenstandards lieferten punktuelles Wissen auf aktuellem Niveau.

Gürtler empfiehlt – neben dem Internet – die Bibliothek. Eine der einfachsten Formen, sich weiterzubilden, seien Fachartikel, Fachzeitschriften und andere Literatur. Vorteil: Viele dieser Angebote seien günstig zugänglich, und die Lektüre könne flexibel eingeteilt werden. Auch der fachliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, etwa auf Kongressen und Symposien, liefere entscheidenden Mehrwert, so Gürtler. Sicher seien diese Möglichkeiten – ebenso wie Weiterbildungen oder gar ein Studium – mit finanziellem und zeitlichem Aufwand verbunden. Doch manche Arbeitgeber übernähmen die Kosten oder böten zeitlichen Ausgleich. Konditionen dieser Art könnten Pflegende ruhig "stärker verhandeln und für sich einfordern".

Wissen auf die Schnelle

  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandards als Orientierung für Qualitätsentwicklung in allen Einsatzfeldern der profesionellen Pflege. 
  • Pflegenetzwerk Deutschland: vernetzt bundesweit Personen aus Pflegepraxis, Pflegewissenschaft und Pflegepolitik.
  • ZQP: bietet Arbeits- und Schulungsmaterialien, etwa zu Sicherheitskultur, Delir-Prävention, Gewaltprävention und Organisationsentwicklung.
  • KI-Campus: kostenloser deutschsprachiger Grundlagenkurs "Künstliche Intelligenz in der Gesundheitsversorgung" des Gesundheitscampus Osnabrück, Tipp: etwas mehr Zeit einplanen, der Kurs ist umfangreich.

Weiterbildung allein reicht nicht

Ob Pflegende sich die Fertigkeiten aneignen und nutzen können, hängt selten allein von ihnen ab. Sie brauchen auch Unterstützung, fordert Gürtler. "Selbst wenn eine Pflegefachperson hochkompetent ist, sich entsprechend weiterbildet und qualifiziert, sind die Kompetenzen nur so wirksam, wie sie auch praktisch anwendbar sind." Beispiel interprofessionelle Kommunikation: Im stationären Setting bestimmten die internen Strukturen und die Unternehmenskultur die Qualität; im ambulanten Setting werde der Ausbau interprofessioneller Kommunikation nur selten finanziert und sei daher kaum möglich. "Kompetenzen von Pflegefachpersonen müssen auch politisch gewollt, im System refinanziert und praktisch umgesetzt werden", so Gürtler.

Wie viel Zeit habe ich?

30 Minuten? – einen Expertenstandard auffrischen oder Fachartikel lesen

60 Minuten? – ein kurzes Online-Video zu einem speziellen Thema anschauen (Delir, ePA) oder eine Fallbesprechung im Team anstoßen

Ein halber oder ganzer Tag? – ein Webinar, eine interne Schulung oder ein kompaktes E-Learning absolvieren

Mehr Zeit? – eine Weiterbildung oder ein Studium prüfen und mit dem Arbeitgeber über Kostenübernahme und Freistellung sprechen.

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