Baden-Württemberg startet sechs Modellprojekte für eine wohnortnahe pflegerische Versorgung. Dafür stellen das Land und die Pflegeversicherung zunächst rund 14,3 Millionen Euro bereit. Das teilte das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg in dieser Woche mit.
Die Projekte werden in Überlingen, Mannheim, Schorndorf, Tübingen sowie den Landkreisen Lörrach und Tuttlingen umgesetzt. Bis Ende 2029 sollen insgesamt bis zu 31 Millionen Euro in das Förderprogramm "OrtsNahePflege BW" fließen. Ziel sei, neue Versorgungsformen zu erproben und Menschen mit Pflegebedarf ein längeres Leben in ihrem gewohnten Umfeld zu ermöglichen.
Kommunen sollen mehr Verantwortung übernehmen
Nach Angaben des Sozialministeriums stehen bei "OrtsNahePflege BW" kommunale Pflegekonzepte im Mittelpunkt. Die Modellvorhaben sollen neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Pflegeanbietern und weiteren Akteuren vor Ort erproben. Die Projekte werden wissenschaftlich begleitet und evaluiert.
Zu den geförderten Ansätzen gehören unter anderem quartiersbezogene Versorgungsstrukturen, neue Wohn- und Pflegeformen sowie eine stärkere Verzahnung von Gesundheits- und Sozialangeboten.
Pflegekompetenz stärker vor Ort nutzen
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Südwest sieht in dem Programm die Möglichkeit, pflegerische Kompetenzen stärker in die kommunale Versorgung einzubinden. Dabei stünden insbesondere erweiterte Rollenprofile von Pflegefachpersonen und neue Versorgungsansätze im Sozialraum im Fokus.
Insbesondere Community Health Nurses – speziell qualifizierte Pflegefachpersonen mit Masterabschluss und besonderer Kompetenz für komplexe Versorgungssituationen – seien eine sinnvolle Ergänzung im Rahmen der Modellvorhaben. Die hoch qualifizierten Pflegefachpersonen arbeiteten aufsuchend im Quartier, schätzten gesundheitliche und pflegerische Risiken ein, berieten Betroffene sowie Angehörige und stimmten notwendige Unterstützungsangebote miteinander ab.
Community Health Nurses könnten frühzeitig intervenieren, unnötige Versorgungslücken vermeiden und die Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxen, Pflegediensten, Krankenhäusern, Kommunen und Beratungsstellen stärken, ist sich der DBfK Südwest sicher.
"Es geht nicht darum, weitere Strukturen neben den bestehenden Angeboten aufzubauen", sagte DBfK-Südwest-Vorsitzende Andrea Kiefer. "Es geht darum, pflegefachliche Kompetenz dort einzusetzen, wo sie für die Menschen unmittelbar und vor allem rechtzeitig wirksam wird."
Die Debatte knüpft an die bundesweite Diskussion über Community Health Nursing und Advanced Practice Nursing an. Dabei geht es um die Frage, welche Aufgaben akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen künftig eigenständig in der Primärversorgung übernehmen können.
Podcast: Zukunft von Community Health Nursing in Deutschland
Auch der neue Podcast von Die Schwester | Der Pfleger thematisiert die Zukunft von Community Health Nursing in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen internationale Erfahrungen mit Pflegefachpersonen, die bereits eigenständig Beratungs-, Präventions- und Versorgungsaufgaben übernehmen. Offen ist weiterhin, wann entsprechende Konzepte in Deutschland Teil der Regelversorgung werden.
Das Förderprogramm in Baden-Württemberg könnte nun zusätzliche Praxiserfahrungen liefern, wie pflegerische Kompetenz stärker in kommunale Versorgungsstrukturen eingebunden werden kann.