Die künftige Primärversorgung in Deutschland wird nach Einschätzung von Forschenden nur durch ein stärker interprofessionell ausgerichtetes Versorgungsmodell gesichert werden können. Pflegefachpersonen, therapeutische Berufe und weitere Gesundheitsprofessionen sollten dabei deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Primärversorgung 2035+" des IGES Instituts im Auftrag des Bosch Health Campus.
Die Analyse versteht Primärversorgung ausdrücklich nicht als hausärztliche Versorgung allein, sondern als "integriertes Gesamtsystem" aus medizinischen, pflegerischen, therapeutischen und sozialen Angeboten. Künftige Versorgungsstrukturen müssten sich stärker an den Bedarfen der Bevölkerung vor Ort orientieren und verschiedene Professionen enger vernetzen.
Gesundheitszentren als Modell für die Zukunft
Das Autorenteam knüpft an das bereits 2021 vorgestellte Konzept "Gesundheitszentren für Deutschland" an und sieht multiprofessionell arbeitende Primärversorgungszentren als wichtigen Baustein eines zukunftsfähigen Systems. Internationale Erfahrungen zeigten, dass starke Primärversorgungssysteme die Versorgung verbessern, Gesundheitschancen erhöhen und vorhandene Ressourcen effizienter nutzen können.
In der Studie werden mehrere Praxisbeispiele aus Baden-Württemberg vorgestellt, darunter das PORT-Gesundheitszentrum am Bosch Health Campus. Sie sollen zeigen, dass interprofessionelle Versorgung und die Vernetzung mit weiteren Akteuren des Gesundheits- und Sozialsystems bereits heute praktisch umgesetzt werden können.
Nichtärztliche Gesundheitsberufe gewinnen an Bedeutung
Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem Einsatz nichtärztlicher Gesundheitsberufe. Demnach verfügte 2025 knapp ein Drittel der Hausarztpraxen in Baden-Württemberg über eine Genehmigung zum Einsatz einer "Nichtärztlichen Praxisassistenz (NäPa)". Fast 1.600 Personen waren in dieser Funktion tätig. Außerdem arbeiteten in rund 65 Prozent der Hausarztzentrierten Versorgungspraxen insgesamt knapp 3.600 Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (VERAH).
Darüber hinaus verweist die Studie auf erste vertragliche Regelungen zum Einsatz akademisch qualifizierter nichtärztlicher Gesundheitsberufe. Im zweiten Quartal 2026 waren den Angaben zufolge 104 entsprechend qualifizierte Fachkräfte in 91 Praxen tätig.
Versorgungslücke nur durch mehrere Reformen schließbar
Für die Zeit bis 2040 modellierte das Forschungsteam verschiedene Szenarien zur Entwicklung der Primärversorgung. Untersucht wurden unter anderem Prävention, Gesundheitskompetenz, Telemedizin, neue Kooperationsformen sowie der Ausbau interprofessioneller Versorgung.
Das Ergebnis: Keine Einzelmaßnahme reicht aus, um die absehbaren Versorgungslücken zu schließen. In einem kombinierten Szenario könne dies jedoch gelingen. Zu den wirksamsten Hebeln zählen laut Studie eine stärkere Interprofessionalität, kooperative Versorgungsformen und eine bessere Nutzung der Kompetenzen nichtärztlicher Gesundheitsberufe.
Bosch-Health-Campus-Geschäftsführer Mark Dominik Alscher sieht dabei ausdrücklich eine zentrale Rolle für professionell Pflegende: "Dabei sollten Pflegefachpersonen gemeinsam mit Ärztinnen, Ärzten und weiteren Gesundheitsberufen eine zentrale Rolle übernehmen – von der Versorgungskoordination über Prävention bis zur kontinuierlichen Begleitung chronisch erkrankter Menschen."
Auch Anne-Katrin Gerhardts, stellvertretende Vorsitzende des Landespflegerats Baden-Württemberg, fordert eine stärkere Einbindung der Pflege in die Primärversorgung. "Primärversorgung braucht eine starke Pflege", sagte sie. Die aktuellen Entwicklungen machten deutlich, "dass wir – im Bewusstsein unserer möglichen Rollen in der Primärversorgung – jetzt ins Tun kommen müssen".
Titelthema und Podcast greifen Debatte auf
Die Diskussion um neue Rollen von Pflegefachpersonen in der Primärversorgung greift auch die August-Ausgabe der Fachzeitschrift Die Schwester | Der Pfleger auf. Im Mittelpunkt der Titelstrecke steht das Gesundheitshaus Hamburg und die Frage, wie Community Health Nursing Versorgung vor Ort unterstützen kann. Zudem beschäftigt sich die erste Episode des Podcasts Die Schwester | Der Pfleger mit den Chancen erweiterter pflegerischer Kompetenzen. Anlass war eine Fachtagung des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe und des Bosch Health Campus, bei der Fachleute über die Rolle von Pflegefachpersonen in einer zukunftsfähigen Primärversorgung diskutierten. Die Beiträge zeigen, wie pflegerisch gestützte Versorgungsmodelle als Bindeglied zwischen Medizin, Pflege und Sozialarbeit wirken können.