Pflegefachpersonen sollen künftig bereits in der Ausbildung systematisch auf Krisen- und Katastrophenlagen vorbereitet werden. Das Projekt MODINA hat dafür ein bundesweit nutzbares Unterrichtsmodul mit 40 Unterrichtseinheiten und drei Planspielen entwickelt sowie in Pflegeschulen und Hochschulen erprobt. Am Donnerstag wurden die umfangreichen Unterrichtsmaterialien und Evaluationsergebnisse auf der hybriden Abschlussveranstaltung des vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Auftrag gegebenen Projekts vorgestellt.
Die Projektpartner – die DRK-Schwesternschaft "Bonn", die Württembergische Schwesternschaft vom Roten Kreuz, die Frankfurt University of Applied Sciences, das Fraunhofer IAO sowie das Institut für europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft (IEGUS) – sehen in dem Thema eine wachsende Herausforderung für die Pflege. Hintergrund sind zunehmende Naturkatastrophen, Pandemien, Cyberangriffe auf Gesundheitseinrichtungen und weitere Krisenszenarien, die das Versorgungssystem unter Druck setzen können.
Krisenkompetenz für die Pflegeausbildung
Mit dem Abschluss des MODINA-Projekts seien Pflege und Berufsbildung "einen entscheidenden Schritt hin zur Krisenresilienz in der Pflege gegangen", sagte Projektleiterin Oberin Frauke Hartung von der DRK-Schwesternschaft "Bonn" während der Abschlussveranstaltung.
Ziel des Projekts war die Entwicklung eines Ausbildungsmoduls zum Thema "Pflegehandeln in Krisen und Katastrophen", das Pflegeauszubildende und Pflegefachpersonen auf die Bewältigung außergewöhnlicher Einsatzlagen vorbereiten soll.
Nach Einschätzung der Projektbeteiligten bestehen bislang erhebliche Lücken in der pflegerischen Aus-, Fort- und Weiterbildung zum sogenannten Disaster Nursing. Pflegefachpersonen seien im Krisenfall zwar unverzichtbar, würden in Ausbildung, Krisenplanung und Bevölkerungsschutz jedoch häufig nicht ausreichend berücksichtigt.
Neues Ausbildungsmodul für Krisen- und Katastrophenpflege
BIBB-Abteilungsleiterin Monika Hackel bezeichnete Krisenkompetenz als notwendige Qualifikation für die Pflege. "Krisen sind kein Ausnahmefall mehr, sondern Realität", sagte sie mit Verweis auf Erfahrungen aus der Covid-19-Pandemie sowie Extremwetterereignisse wie der Flutkatastrophe im Ahrtal. Pflegende übernähmen im gesamten Katastrophenzyklus Verantwortung, von Prävention und Vorbereitung über die Bewältigung akuter Ereignisse bis zur Nachsorge.
Nach Angaben des Konsortiums orientiert sich das entwickelte Modul an den Kompetenzanforderungen der Pflegeausbildungs- und Prüfungsverordnung sowie an internationalen Kompetenzrahmen des International Council of Nurses (ICN).
Kernkompetenzen in der Katastrophenpflege
Der International Council of Nurses (ICN) hat bereits 2019 eine revidierte Version der Kernkompetenzen in der Katastrophenpflege veröffentlicht (Stufe I und II). 2022 folgte dann eine Ergänzung für Pflegefachpersonen, die in Medizinischen Notfallteams – etwa in der Krisenhilfe im Ausland – eingesetzt werden (Stufe III).
"Die Materialien sind so konzipiert, dass sie flexibel in die generalistische Pflegeausbildung sowie in Fort- und Weiterbildungsangebote integriert werden können", sagte die Projektkoordinatorin am Kompetenzzentrum Pflege im Bevölkerungsschutz, Jennifer Kasper.
Das Modul kombiniert theoretische Grundlagen mit praxisorientierten Lehrformaten. Dazu gehören unter anderem Arbeitsmaterialien für Lehrende und Lernende, Unterrichtskonzepte sowie simulationsbasierte Planspiele.
Vermittelt werden unter anderem
- Grundlagen des Bevölkerungsschutzes,
- Krisenkommunikation,
- Triage,
- ethische Entscheidungsfindung,
- Evakuierungsmanagement,
- Versorgung vulnerabler Gruppen sowie
- psychosoziale Aspekte von Katastrophenlagen.
Entwicklung von drei Planspielen
Ein zentrales Ergebnis des Projekts ist die Entwicklung von drei Planspielen, die unterschiedliche Krisenszenarien abbilden:
- Pandemie im Krankenhaus
- Cyberangriff auf eine stationäre Pflegeeinrichtung
- Unwetter- beziehungsweise Naturkatastrophe mit Evakuierung
Die Planspiele sollen Auszubildenden ermöglichen, komplexe Einsatzlagen unter realitätsnahen Bedingungen zu erleben. Dabei übernehmen sie unterschiedliche Rollen und müssen Entscheidungen unter Zeitdruck treffen, Ressourcen priorisieren sowie mit anderen Berufsgruppen kommunizieren.
Evaluation zeigt hohen Wissenszuwachs
Für die Evaluation wurden laut Projektteam 204 Auszubildende sowie elf Lehrkräfte einbezogen. Die Erprobung erfolgte an elf Pflegeschulen und einer Hochschule.
Nach Angaben von Petra Gaugisch vom Fraunhofer IAO zeigten die Befragungen einen deutlichen subjektiven Wissenszuwachs der Teilnehmenden. Die Auszubildenden bewerteten insbesondere die Praxisnähe der Planspiele sowie die Verbindung von Theorie und Anwendung positiv. Auch Lehrkräfte bescheinigten dem Konzept eine hohe Akzeptanz.
Als besonders wirksam wurden die Planspiele eingeschätzt. Sie ermöglichten es den Lernenden, Kommunikationswege zu trainieren, Unsicherheiten zu bewältigen und die eigene Rolle im Krisenfall zu reflektieren. Zudem hätten viele Teilnehmende erstmals erkannt, welche Herausforderungen bei knappen Ressourcen, Evakuierungen oder Ausfällen kritischer Infrastruktur entstehen können.
Gaugisch schlussfolgerte aus den Evaluationsergebnissen, dass sich Katastrophenpflege erfolgreich curricular integrieren lässt. Zudem förderten Planspiele die Kompetenzentwicklung und stießen sowohl bei Lehrenden als auch Lernenden auf hohe Zustimmung.
Gleichzeitig betonten die Projektverantwortlichen die Grenzen des Formats. Ein 40-stündiges Modul könne lediglich Grundlagen vermitteln und sensibilisieren. Handlungssicherheit in realen Krisensituationen entstehe erst durch weiterführende Qualifizierungen und regelmäßiges Training.
Pflege sieht strukturellen Nachholbedarf
Deutlich politische Töne kamen von der Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler. Das Projekt dürfe zwar enden, sagte sie, "aber das Thema darf jetzt auf keinen Fall enden".
Vogler kritisierte, dass Pflegefachpersonen bislang weder flächendeckend für Krisen- und Katastrophenlagen qualifiziert würden noch verbindlich in Krisenstäben, Einsatzleitungen und Katastrophenschutzplänen vertreten seien. Pflegende verfügten über Wissen, das im Krisenfall unverzichtbar sei. Dazu gehöre etwa die Einschätzung, welche Menschen auf Beatmung, Sauerstoff, Insulin, Dialyse oder besondere Ernährungsformen angewiesen seien.
"Professionelle Krisenvorsorge darf jedoch nicht mit Improvisationsfähigkeit verwechselt werden", betonte Vogler. Das System verlasse sich bislang häufig darauf, dass Pflegefachpersonen im Ernstfall spontan Lösungen finden.
Der Deutsche Pflegerat fordert nach ihren Angaben grundlegende Krisenkompetenzen für alle Pflegefachpersonen, spezielle Qualifizierungen für koordinierende und leitende Funktionen sowie bundesweit anschlussfähige Fort- und Weiterbildungsstrukturen. Darüber hinaus seien Pflegende in Planungs- und Entscheidungsprozesse des Bevölkerungsschutzes stärker einzubeziehen.
Folgeprojekt startet im August
Das Projektkonsortium kündigte an, die entwickelten Materialien dauerhaft verfügbar zu machen. Bereits jetzt können Unterrichtsmaterialien, Handbücher und Planspielunterlagen über das BIBB heruntergeladen werden.
Zugleich soll der Transfer in die Praxis fortgesetzt werden. Zum 1. August startet nach Angaben der Projektverantwortlichen ein Folgeprojekt, das Lehrkräfte für die Umsetzung des Moduls qualifizieren soll.
Zu den zentralen Schlussfolgerungen aus MODINA gehören nach Angaben des Konsortiums vier Punkte:
- Die Pflege müsse im Bevölkerungsschutz systematisch gestärkt werden.
- Pflegefachpersonen sollten an der Entwicklung von Katastrophenschutzkonzepten beteiligt werden.
- Es braucht klare Rollen- und Kompetenzprofile für die Pflege im Bevölkerungsschutz.
- Es braucht aufeinander aufbauende Qualifizierungsstufen über das Ausbildungsmodul hinaus.