Mit dem Start der Pflegestrukturkommission hat die Bundesregierung die Arbeit an einer grundlegenden Reform der Pflegeversicherung aufgenommen. Zu den elf Mitgliedern des Gremiums gehört auch die Pflegewissenschaftlerin Martina Hasseler, die nun deutlich gemacht hat, welche Schwerpunkte sie in die Kommissionsarbeit einbringen will.
"Eine ehrenvolle Aufgabe"
Die Professorin für Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Ostfalia Hochschule am Standort Wolfsburg bezeichnet ihre Berufung als "ehrenvolle Aufgabe" und kündigt an, insbesondere die pflegewissenschaftliche und pflegefachliche Perspektive in die Beratungen einzubringen. Ein zentrales Anliegen sei ihr, die Lebensrealität pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen stärker in den Mittelpunkt der Reformdiskussion zu rücken.
Dabei verweist Hasseler auf einen aus ihrer Sicht grundlegenden blinden Fleck der bisherigen Pflegeversicherung: den Unterschied zwischen der gesetzlich definierten Pflegebedürftigkeit nach Sozialgesetzbuch XI und dem tatsächlichen pflegefachlichen Versorgungsbedarf. Dieser werde bislang vielerorts nicht ausreichend berücksichtigt.
"Welche Versorgung Menschen tatsächlich benötigen" müsse nach Auffassung der Wissenschaftlerin stärker zum Ausgangspunkt politischer Entscheidungen werden. Als Maßstab für die Arbeit der Kommission nennt sie die Frage, ob ihre Vorschläge dazu beitragen, Unter-, Fehl- und Minderversorgung abzubauen und pflegebedürftige Menschen sowie ihre Angehörigen wirksam zu entlasten.
Hasseler bringt dabei sowohl ihre pflegerische Berufserfahrung als auch ihre wissenschaftliche Expertise ein. Die Krankenschwester verweist auf ihre Erfahrungen in unterschiedlichen Versorgungsbereichen sowie auf ihren internationalen Vergleichsblick. Dieser zeige, dass die Organisation von Langzeitversorgung auch anders gestaltet werden könne.
Hasseler formuliert mehrere Leitfragen
Für die anstehenden Beratungen formuliert die Pflegewissenschaftlerin mehrere Leitfragen. Dazu gehören ein besserer Schutz pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen vor finanziellen Belastungen und Armutsrisiken, die systematische Berücksichtigung des tatsächlichen Pflegebedarfs sowie die stärkere Einbindung pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in die Ausgestaltung einer Reform. Zudem müsse es gelingen, juristische und ökonomische Anforderungen mit pflegefachlicher Qualität und den Lebensrealitäten der Betroffenen zu verbinden.
Die Aussagen haben auch deshalb besonderes Gewicht, weil die Zusammensetzung der Pflegestrukturkommission bereits kritisch diskutiert wird. Aus Teilen der Pflege wird bemängelt, dass praktische Pflegeperspektiven in dem Gremium nur begrenzt vertreten seien. Neben Hasseler gehört mit der früheren Präsidentin der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), Rita Zöllner, lediglich eine weitere Pflegefachperson der Kommission an.