Für Pflegepersonal in der Langzeitpflege wird die Versorgung zunehmend komplexer: Die Bewohnerschaft wird vielfältiger, individuelle Bedürfnisse nehmen zu. Doch ausgerechnet in einem zentralen Versorgungsbereich fehlt es an Orientierung.
Ein aktueller Scoping Review, an dem Pflegewissenschaftlerin Martina Hasseler als Mitautorin beteiligt ist, zeigt: Es existieren bislang kaum systematisch entwickelte Konzepte für eine kultur- und diversitätssensible Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung. Die Forschungsgruppe sichtete mehr als 8.000 Publikationen – am Ende erfüllten lediglich sechs Studien die Kriterien für die Analyse.
Damit wird eine deutliche Lücke sichtbar: Während Ernährung und Flüssigkeitszufuhr maßgeblich Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität beeinflussen, fehlt es an wissenschaftlich fundierten Leitlinien, die die zunehmende Diversität in Pflegeheimen berücksichtigen.
"Kein explizites Rahmenwerk identifiziert"
Im exklusiven Interview mit BibliomedPflege konkretisiert Martina Hasseler die Befunde der Studie:
Welche zentralen Defizite haben Sie in Ihrem Scoping Review identifiziert – insbesondere im Hinblick auf kulturelle und diversitätsbezogene Aspekte?
Im Hinblick auf kulturelle und diversitätsbezogene Aspekte konnten wir in der Literatur kein explizites Rahmenwerk oder pflegerisches Konzept für eine kultur- und diversitätssensible Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung identifizieren. Ein möglicher Grund mag darin liegen, dass sich die forschungsbasierten Publikationen hauptsächlich auf die Themen der Mangelernährung und der unzureichenden Flüssigkeitszufuhr fokussieren. Es ist zu vermuten, dass kultur- und diversitätssensible Aspekte gleichsam "versteckt" in diesen Publikationen thematisiert werden.
Pflegepraxis: Individualisierung ohne Leitplanken
Was bedeutet ein kultur- und diversitätssensibler Ansatz konkret im Pflegealltag?
Aufgrund des Fehlens von expliziten Rahmenwerken können hier keine eindeutigen Aussagen gemacht werden. Allerdings zeigen die thematischen Kategorien aus dem Scoping Review mögliche Ansatzpunkte auf: Kulturelle Bedarfe können komplementär zu demenzspezifischen Bedarfen sein, da insbesondere biografische – essensbezogene – Prägungen aus der Kindheit einen möglichen pflegetherapeutischen Ansatz darstellen können. Zugleich böte ein kultur- und diversitätssensibler Ansatz eine konzeptionelle Grundlage für die Einbindung familiären Engagements in der stationären Langzeitpflege. Dabei dürfen die jeweiligen Organisationsbedingungen der stationären Langzeitpflege und die politischen Einflüsse nicht außer Acht gelassen werden, die kultur- und diversitätssensible Ansätze mit aller Wahrscheinlichkeit begrenzen können.
Digitale Systeme sollen Pflegepersonal entlasten
Welche Rolle können digitale Lösungen wie im Projekt Nutri Sense dabei spielen, die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr individueller und bedarfsgerechter zu gestalten?
Im ersten Schritt benötigt das Pflegepersonal Unterstützung, um Präferenzen, Ernährungsanamnesen sowie etwaige krankheits- oder medikamentenbedingte Einschränkungen systematisch zu erfassen und dokumentieren zu können. Folglich muss ein digitales System eine benutzerfreundliche Plattform zur Erfassung individueller Präferenzen und Bedürfnisse bereitstellen. Zu den weiteren Funktionen könnten die Generierung von Vorschlägen für geeignete Gerichte oder Menüs sowie die Erleichterung der Abstimmung mit den verfügbaren Ressourcen zählen. Eine intelligente Dokumentation der Nahrungsaufnahme könnte das Pflegepersonal zudem entlasten und dazu beitragen, die personalisierte Ernährung zu optimieren. Die Verknüpfung von Ernährungs- und Gesundheitsdaten kann dabei helfen, Risiken wie etwa Mangelernährung oder eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr zu erkennen. Die Entwicklung der vorgeschlagenen Funktionen erfordert jedoch eine detaillierte Anforderungsanalyse auf der Basis von empirischer Forschung. Das Projekt Nutri-Sense führt zu diesem Zweck, ergänzt durch eine Konzeptanalyse, Interviews mit Pflegefachpersonen, Leitungspersonal, Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen durch. Parallel zu den Interviews werden teilnehmende Beobachtungen in Pflegeheimen durchgeführt. Auf der Basis dieser Forschungsaktivitäten sollen dann im Reallabor mögliche Prototypen erprobt werden.
Projekt Nutri-Sense: Grundlage für neue Konzepte
Das Forschungsprojekt Nutri-Sense ("Digitally supported diversity and culturally sensitive nursing care on nutritional intake") verfolgt das Ziel, die Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung in der stationären Langzeitpflege zu verbessern – insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund.
Der jetzt veröffentlichte Scoping Review ist dabei ein bewusst gesetzter erster Schritt innerhalb von Nutri-Sense. Er wurde zu Beginn durchgeführt, um den internationalen Forschungsstand systematisch zu erfassen und bestehende Konzepte zu identifizieren. Die Erkenntnisse daraus bilden nun die zentrale Grundlage für die weiteren Arbeiten im Projekt.
Darauf aufbauend geht Nutri-Sense in die nächste Phase:
- Empirische Forschung: Interviews mit Pflegefachpersonen, Leitungspersonal, Pflegebedürftigen und Angehörigen sowie Beobachtungen im Pflegealltag sollen konkrete Bedarfe und Herausforderungen sichtbar machen.
- Konzeptentwicklung: Auf Basis dieser Daten sollen erstmals strukturierte, kultursensible Versorgungskonzepte entstehen.
- Digitale Unterstützungssysteme: Geplant sind Anwendungen, die Pflegepersonal dabei unterstützen, individuelle Ernährungspräferenzen, Biografien und gesundheitliche Einschränkungen systematisch zu erfassen und in den Pflegeprozess zu integrieren.
Ziel des Projekts ist, praxisnahe Lösungen zu entwickeln, die Pflegefachpersonen im Alltag entlasten und gleichzeitig die Versorgungsqualität verbessern.